Gedichte als Schlüssel zur Welt von Menschen mit Alzheimer und Demenz

Die Alzheimer-Krankheit und andere Formen von Demenz stellen eine große Herausforderung für Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte dar. Der Verlust von Erinnerungen und kognitiven Fähigkeiten kann die Kommunikation und Interaktion erschweren. Doch in der Welt der Poesie und Musik finden sich unerwartete Wege, um eine Verbindung zu diesen Menschen aufzubauen und ihnen Momente der Freude und des Erinnerns zu schenken.

Die heilende Kraft von Musik und Poesie

Musik und Poesie können eine Brücke zu Menschen mit Demenz schlagen, da sie oft noch auf das Langzeitgedächtnis zugreifen können. Bekannte Melodien und Gedichte aus ihrer Kindheit oder Jugend können Erinnerungen wecken und positive Emotionen auslösen.

Katharina Neumanns Lied für ihren Opa Toni

Ein berührendes Beispiel hierfür ist Katharina Neumann aus Aachen, die im Alter von 12 Jahren ein Lied über ihren an Demenz erkrankten Opa Toni schrieb. Gemeinsam mit ihrer Schulklasse und den Projektleitern Petra Jansen und Warner Poland entstand ein Song, der Katharinas Wünsche und die Einschränkungen durch die Demenz thematisiert. Der Videoclip zu diesem Lied wurde von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zum Welt-Alzheimertag 2020 veröffentlicht. Katharinas Geschichte zeigt, wie junge Menschen einen kreativen Weg finden können, um mit der Krankheit ihrer Angehörigen umzugehen und eine Verbindung zu ihnen aufrechtzuerhalten.

"REMINITENZ": Musik, die Geschichten von Demenz erzählt

Auch der Rapper und Altenpfleger Mein Name ist Nase setzt sich in seiner Musik mit dem Thema Demenz auseinander. Sein Album "REMINITENZ" enthält Songs, die auf den Erzählungen und Geschichten von Menschen mit Demenz basieren. Ein Lied thematisiert die Liebe eines Ehepaars, die trotz der Demenzerkrankung über die Jahre nichts von ihrer Kraft und Stärke verloren hat. Dieses Projekt verdeutlicht, wie Musik dazu beitragen kann, die Lebenswelt von Menschen mit Demenz zu verstehen und ihre Erfahrungen zu teilen.

"Weckworte": Poesie als Brücke zur Erinnerung

Der Poetry Slammer Lars Ruppel hat das Projekt "Weckworte" ins Leben gerufen, um die positive Wirkung von Gedichten auf Menschen mit Alzheimer und Demenz zu nutzen. In Workshops vermittelt er Pflegekräften und Angehörigen, wie sie Gedichte gezielt einsetzen können, um eine Verbindung zu den Betroffenen aufzubauen.

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Die richtige Technik und Sensibilität

Ruppel betont, dass es beim Einsatz von Gedichten nicht nur auf die Auswahl der Texte ankommt, sondern auch auf die richtige Technik und Sensibilität im Umgang mit Demenzkranken. Es sei wichtig, auf die Stimmungen der Menschen einzugehen und Gedichte auszuwählen, die zu ihrer aktuellen Situation passen. "Wenn jemand traurig ist, muss ich nicht auch noch die ‚Mondnacht’ vortragen", erklärt Ruppel.

Vielfalt der Gedichte

Das Repertoire von "Weckworte" beschränkt sich nicht auf altbekannte Klassiker. Moderne Lyrik, Raps, dadaistische Gedichte und Volkslieder sind ebenso erlaubt. "So können wir neue Impulse in einem oft sehr tristen Alltag setzen", sagt Ruppel. Wichtig sei, dass der Vortragende selbst mag, was er vorträgt, denn dann mache man fast automatisch alles richtig.

"Alz-Poetry": Dichten gegen das Vergessen

Das Projekt "Weckworte" ging aus dem "Alz-Poetry"-Projekt hervor, das von Gary Glazner in den USA initiiert wurde. Glazner hatte in einem New Yorker Altenheim beobachtet, wie positiv Demenzkranke auf Gedichte reagieren, insbesondere auf Kindergedichte. Das gemeinsame Aufsagen dieser Gedichte, der bekannte Klang und der Rhythmus können Erinnerungen aktivieren und selbst teilnahmslose Menschen öffnen sich.

Alzpoetry als Therapie?

Lars Ruppel betont, dass "Weckworte" keine medizinische Therapie ersetzen kann. Sein Ziel sei es vielmehr, Menschen mit Demenz kurzzeitig zu erreichen und ihnen ein würdevolles Altern in einer Pflegeeinrichtung zu ermöglichen.

Schulungen für Pflegekräfte

Ein wichtiger Bestandteil von "Weckworte" sind die Schulungen für Pflegekräfte. Ruppel möchte ihnen die Angst vor Poesie nehmen und ihnen zeigen, wie sie Sprache als Werkzeug in der Pflege einsetzen können. "Pflege ist ein so intimer, so ein zwischenmenschlich intensiver Beruf, dass Sprache eines der wichtigsten und hauptsächlichsten Werkzeuge ist im Pflegeberuf", sagt Ruppel.

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Die Reaktionen des Publikums

Die Reaktionen des Publikums bei den "Weckworte"-Veranstaltungen sind vielfältig: Manche tanzen, manche rufen "aufhören!", manche schlafen ein, manche weinen vor Freude und manche lachen laut. Ruppel betont, dass es in einer Pflegeeinrichtung 200 verschiedene Bedürfnisse, momentane Gefühlszustände und Reaktionsmöglichkeiten gibt. Deshalb reiche es nicht, einfach ein Gedicht für alle vorzutragen.

Gedichte und Demenz: Beispiele und ihre Wirkung

Die Auswahl der Gedichte spielt eine entscheidende Rolle, um Menschen mit Demenz zu erreichen und positive Emotionen auszulösen.

Humorvolle Gedichte

Gedichte von Heinz Erhardt, Ringelnatz oder Morgenstern eignen sich besonders gut, da sie humorvolle Geschichten erzählen, deren Pointen leicht verständlich sind und deren Reimschema nicht zu schwer ist.

Gedichte mit Rhythmus

Gedichte mit Rhythmus laden zum Mitbewegen ein und können so die Interaktion fördern.

Bekannte Gedichte

Der Bekanntheitsgrad der Gedichte ist wichtig, damit sie wiedererkannt werden können und Erinnerungen wachrufen.

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Gedichte mit Körperkontakt verbinden

Lars Ruppel sucht bei seinen Vorträgen immer wieder Körperkontakt zu den Zuhörern, schaut ihnen in die Augen und nimmt sie wahr. Dies schafft eine Atmosphäre der Nähe und des Vertrauens.

"Mutters Hände" von Kurt Tucholsky

Das Gedicht "Mutters Hände" von Kurt Tucholsky ist ein Beispiel für ein Gedicht, das bei Demenzkranken starke Emotionen auslösen kann. Die Zeilen über die fleißigen Hände der Mutter berühren die Zuhörer und wecken Erinnerungen an ihre eigene Kindheit.

"Morgenwonne" von Joachim Ringelnatz

Das Gedicht "Morgenwonne" von Joachim Ringelnatz kann in der Pflege eingesetzt werden, um Verkrampfungen zu lösen. Durch das gemeinsame Vortragen des Gedichts und das Ausführen von Bewegungen können die Patienten entspannen.

Alzpoetry: Ein Hilfsmittel für Angehörige und Pfleger

Alzpoetry kann Angehörigen und Pflegern helfen, einen Zugang zu Menschen mit Demenz zu finden, die sich in ihre Krankheit zurückgezogen haben. Durch das gemeinsame Erleben von Gedichten können Erinnerungsprozesse in Gang gesetzt, Erfolgserlebnisse ermöglicht und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.

Ein Lächeln schenken

Ein Lächeln kostet nichts, erzeugt aber viel. Es bereichert jene, die es bekommen, ohne diejenigen zu schaden, die es verschenken. Die Erinnerung an ein Lächeln kann ewig bleiben. Niemand ist so reich, dass er es nicht noch gebrauchen könnte, und niemand ist so arm, dass es ihm nicht mehr helfen könnte. Es lässt sich nicht kaufen, nicht leihen, nicht stehlen, nicht erzwingen, denn es hat erst seinen Wert von dem Moment an, wo es verschenkt wird. Wenn jemand kein Lächeln mehr geben kann, dann sei großzügig und schenk ihm deines! Denn niemand braucht das Lächeln dringender, als der, der dem anderen keines geben kann.

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