Der Hals ist eine komplexe anatomische Region, die eine Vielzahl von lebenswichtigen Strukturen beherbergt, darunter Muskeln, Gefäße, Nerven und endokrine Drüsen. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Gefäß-Nerven-Bündel, das eine zentrale Rolle für die Funktion und Versorgung des Kopfes und des Oberkörpers spielt. Dieser Artikel beleuchtet detailliert die anatomischen Strukturen des Halses, insbesondere die Gefäße und Nerven, ihre Beziehungen zueinander und ihre klinische Bedeutung.
Das vordere Halsdreieck: Eine topographische Übersicht
Das vordere Halsdreieck, begrenzt vom Vorderrand des Musculus sternocleidomastoideus, der Mandibula und der Fossa jugularis, enthält in der Umgebung des Os hyoideum die supra- und infrahyale Muskulatur, Gefäße, Nerven und die Schilddrüse. Dieses Dreieck ist von großer Bedeutung, da es zahlreiche wichtige Strukturen beherbergt, die für die Funktion des Kopfes und des Halses unerlässlich sind.
Faszienschichten im vorderen Halsdreieck
Unter der Haut des vorderen Halsdreiecks befinden sich mehrere Faszienschichten, die alle zur Fascia cervicalis gehören und besondere Eigenschaften aufweisen:
- Die Lamina superficialis umgibt alle Halsstrukturen mit Ausnahme des Platysmas und umhüllt separat den Musculus sternocleidomastoideus und dorsal den Musculus trapezius (Nervus accessorius XI).
- Die Lamina praetrachealis umgibt die infrahyale Muskulatur.
- Die Lamina praevertebralis verläuft zwischen Ösophagus und Wirbelsäule außerhalb des Operationsgebietes.
Die Trachea und die Schilddrüse/Nebenschilddrüse sowie das seitliche Gefäß-Nerven-Bündel (Arteria carotis, Vena jugularis interna und Nervus vagus) haben jeweils eigene Organfaszien.
Infrahyale Muskulatur
Für die Thyreoidektomie sind von den infrahyalen Muskeln allenfalls der medial gelegene Musculus sternohyoideus (Sternum → Zungenbein) und darunter der Musculus sternothyroideus (Sternum → Schildknorpel des Larynx) sowie weiter lateral der Musculus omohyoideus (Scapula → Zwischensehne → Zungenbein) von Bedeutung, da sie teilweise die Schilddrüse bedecken und intraoperativ zur Seite gedrängt werden müssen.
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Blutgefäße des Halses
Die Blutversorgung des Kopfes und des Halses erfolgt hauptsächlich durch die Arteriae carotides communes und ihre Äste sowie durch die Arteriae subclaviae.
Arteria carotis communis
Die Arteria carotis communis teilt sich am Oberrand des Schildknorpels in Höhe ihres Sinus caroticus (Rezeptoren für den Blutdruck und Chemorezeptoren für Blutgase) in ihren inneren und äußeren Ast und verläuft vorher unmittelbar lateral in der Karotisscheide neben der Trachea und dem Ösophagus nach kranial. Hier berührt sie als großes Gefäß den rechten und linken Schilddrüsenlappen.
Vena jugularis interna
Aus dem Sinus sigmoideus des Schädels geht die Vena jugularis interna hervor, die das Blut vom Schädel und Hals sammelt, sich nach kaudal ziehend zunächst der Arteria carotis interna in der Vagina carotica anlagert, dann weiter nach lateral verläuft und die Arteria carotis communis sowie den Nervus vagus (Nervus X) seitlich umschließt.
Arteria subclavia
Die Arteria subclavia dextra geht normalerweise aus dem Truncus brachiocephalicus hervor. In etwa 1 % der Fälle kommt die die Arteria subclavia dextra als letzter Ast aus dem Aortenbogen (Arteria lusoria). Die Arteria subclavia zieht hinter dem Musculus scalenus anterior in die Halsregion; dabei verläuft die Arteria subclavia sinistra steiler nach kranial als die Arterie auf der rechten Seite. Die Arteria subclavia tritt durch die Skalenuslücke in die seitliche Halsregion. Bei ihrem Verlauf durch die von den Musculi scaleni anterior und medius sowie der ersten Rippe gebildete Skalenuslücke liegt die Arteria subclavia kaudal-ventral vom Plexus brachialis im Sulcus arteriae subclaviae auf der ersten Rippe. Bei ihrem Austritt aus der Skalenuslücke geht das Bindegewebe der tiefen Halsfaszie auf die Arteria über.
Arteria vertebralis
Die Arteria vertebralis entspringt in etwa 90 % der Fälle aus der Hinterwand der Arteria subclavia. Der Gefäßverlauf wird vom Ursprung der Arterie bis zur hinteren Schädelgrube unter anatomischen und klinischen Gesichtspunkten in 4 Abschnitte unterteilt.
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Im ersten Abschnitt läuft die Arteria vertebralis auf dem Musculus longus colli im Trigonum scalenovertebrale nach kranial. Der schmale dreieckige Raum wird lateral vom Musculus scalenus anterior, medial von Ösophagus, Trachea und Halswirbelsäule sowie ventral von Arteria carotis communis, Vena jugularis interna, unteren Zungenbeinmuskeln und Musculus sternocleidomastoideus begrenzt. Außer der Arteria vertebralis gehen in diesem Bereich die Arteria thoracica (mammaria) interna, der Truncus costocervicalis und der Truncus thyreocervicalis aus der Arteria subclavia hervor. Weitere Strukturen der Region sind neben den gleichnamigen Venen der Nervus vagus, der Nervus laryngeus recurrens sowie der Truncus sympathicus.
Die Arteria vertebralis zieht auf der rechten Seite in etwa 95 % der Fälle und auf der linken Seite in etwa 92 % der Fälle zum Foramen transversarium des 6. Halswirbels. Mit dem Eintritt in das Foramen transversarium beginnt der 2. Verlaufsabschnitt. Die Arteria vertebralis läuft in Begleitung des Plexus der Vena vertebralis sowie des Nervus vertebralis durch die Foramina transversalia nach kranial.
Der 3. Verlaufsabschnitt der Arteria vertebralis beginnt nach dem Austritt des Gefäßes aus dem Foramen transversarium des Axis. Die Arterie zieht von hier in bogenförmigem Verlauf (C1-Atlasschlinge) zum Sulcus arteriae vertebralis des hinteren Atlasbogens (Pars atlantica). Sie ist hier vom kräftigen subokzipitalen Venenplexus umgeben. Zwischen Arterie und hinterem Atlasbogen tritt der Nervus suboccipitalis aus. Bei Ausbildung einer knöchernen Brücke über dem Sulcus arteriae vertebralis (Ponticulusbildung) verläuft die Arteria unterhalb dieser Brücke.
Zwischen hinterem Atlasbogen und Squama occipitalis durchbricht die Arteria vertebralis im 4. Verlaufsabschnitt die Membrana atlantooccipitalis posterior, die Dura mater spinalis sowie die Arachnoidea mater und gelangt in den Subarachnoidealraum (Pars intracranialis). Die Arteriae vertebrales dextra und sinistra treten durch das Foramen magnum in die hintere Schädelgrube, wo sie auf dem Clivus nach rostral ziehen und sich am Unterrand der Brücke zur Arteria basilaris vereinigen.
Truncus thyreocervicalis
Der Truncus thyreocervicalis entspringt am medialen Rand des Musculus scalenus anterior; er bildet einen gemeinsamen Stamm für die Arteria thyreoidea inferior, die Arteria suprascapularis, die Arteria transversa colli und - variabel - für die Arteria cervicalis ascendens.
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Nerven des Halses
Neben den großen Gefäßen verlaufen auch wichtige Nerven im Halsbereich, die für die Steuerung von Muskeln, die Sensibilität und die Regulation von Organfunktionen verantwortlich sind.
Nervus vagus
Neben dem Nervus vagus und seinem oberen Ast zum Kehlkopf (Nervus laryngeus superior → Musculus cricothyroideus anterior, sowie Schleimhaut obere Larynxhälfte) befindet sich im Bereich der Schilddrüse seitlich, von oben herabziehend, die Ansa cervicalis profunda (Radix superior und inferior, aus C1-C3) zur Innervation der drei genannten Muskeln des vorderen Halsdreiecks und der Nervus transversus colli (aus C2/3, Hautinnervation, Platysma).
Ansa cervicalis profunda
Vor der Arteria carotis communis läuft die Radix superior der Ansa cervicalis profunda; die Radix inferior liegt kranial hinter der Vena jugularis interna und gelangt bei ihrem Verlauf nach kaudal auf deren Vorderseite. Höhe der Schlingenbildung und Anzahl der Schlingen variieren; manchmal fehlt sie, so dass die normalerweise aus ihr abzweigenden Muskeläste direkt aus den Radices superior und inferior zu den infrahyoidalen Muskeln ziehen.
Truncus sympathicus
Der Truncus sympathicus und das Ganglion cervicale superius liegen kranial im hinteren Blatt der Gefäß-Nerven-Scheide. Der Halsgrenzstrang durchbricht in Halsmitte die Vagina carotica sowie die allgemeine Organfaszie und zieht dann durch das Spatium retropharyngeum im Bindegewebe der Lamina prevertebralis der Halsfaszie zum Thorax.
Hirnnerven
Die Organe und Strukturen von Kopf und Hals werden durch Äste der Arteriae subclaviae dextra und sinistra sowie durch Arterien, die aus den Arteriae carotides communes dextra und sinistra hervorgehen, mit Blut versorgt. Die Hirnnerven - zwölf an der Zahl - haben verschiedene Qualitäten. Der Nervus vagus (10. Hirnnerv) versorgt mit seinen motorischen Anteilen das Gaumensegel, die Atemwege sowie die oberen Speisewege. Mit seinen sensiblen Anteilen versorgt er den äußeren Gehörgang, den Kehlkopf, die Luftröhre, den unteren Rachen, die Speiseröhre, die Lunge, den Magen, das Herz, die Leber, die Niere, die Milz und viele Gefäße. Der Dickdarm wird nur zum Teil vom Nervus vagus versorgt. Der Nervus accessorius (11. Hirnnerv) versorgt rein motorisch den Musculus sternocleidomastoideus und den Musculus trapezius. Der Nervus hypoglossus (12. Hirnnerv) versorgt die gesamte Zungenmuskulatur.
Klinische Bedeutung
Die anatomische Nähe von Gefäßen und Nerven im Halsbereich birgt Risiken bei chirurgischen Eingriffen und kann zu Kompressionssyndromen führen.
Kompressionssyndrome
Unter dem Begriff Kompressionssyndrome oder Engpasssyndrome werden seltene Krankheiten zusammengefasst, bei denen Nerven und Gefäße eingeklemmt werden. Sie treten an unterschiedlichen Stellen des Körpers auf. Dabei reichen die Symptome von Schmerzen und Taubheitsgefühlen bis hin zu Durchblutungsstörungen. Zu den häufiger auftretenden Kompressionssyndromen zählt das Thoracic Outlet-Syndrom (TOS). Ein Engpass im Bereich des Schultergürtels führt dazu, dass bei erhobenem Arm die Schlagader (Arterie) und die dort verlaufenden Nervenbündel (Plexus) eingeklemmt werden. Die Venen, die das Blut zum Herzen transportieren, können ebenfalls abgeknickt werden. Dann sprechen Mediziner:innen von einem venösen TOS oder Thoracic Inlet Syndrom (TIS). Die eingeklemmten Strukturen verursachen typische Symptome. Je nachdem, ob Arterie, Vene oder Nerven betroffen sind, können die Beschwerden jedoch erheblich variieren. Manchmal betreffen sie nur eine Körperseite, sie können aber auch beidseitig vorliegen.
Thoracic-outlet-Syndrom
Die genaue Kenntnis der Anatomie und Funktion des Gefäßnervenbündels ist für die Diagnose und Behandlung von Kompressionssyndromen unerlässlich. Die Symptome werden bei einem Thoracic outlet-/inlet-Syndrom oft im Bereich der Wirbelsäule, der Schulter und der Muskulatur des Schultergürtels gesucht.
Popliteales Entrapment Syndrom
Beim Poplitealen Entrapment Syndrom (PAES) werden die Schlagader (Arterie) und die Vene in der Kniekehle eingeklemmt. Die Beschwerden können sowohl ein- als auch beidseitig auftreten. Auch für die Beschwerden bei einem Poplitealen Entrapment Syndrom vermuten viele orthopädische Ursachen, vor allem im Bereich des Kniegelenkes und der Unterschenkelmuskulatur. Typischerweise tritt die Erkrankung bei älteren Patient:innen auf, so dass bei jüngeren oft nicht daran gedacht wird.
Skalenussyndrom
Liegen die Ansätze der Musculi scaleni anterior und medius sehr nahe beieinander, kann es zur Einengung der Skalenuslücke und zur Kompression der Arteria subclavia sowie des Plexus brachialis kommen (Skalenussyndrom). Auch aberrierende Muskelfaserbündel oder Sehnenanteile der Musculi scaleni können eine Kompression verursachen.