Gegenseitige Hemmung der Gehirnhälften: Definition und Zusammenhänge

Die Frage, was den Menschen ausmacht, beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Dabei rückt immer wieder der freie Wille in den Fokus. Doch was bedeutet es, wenn unser Gehirn uns Illusionen vorgaukelt und unbewusste Prozesse unsere Entscheidungen beeinflussen? Dieser Artikel beleuchtet die gegenseitige Hemmung der Gehirnhälften, die Rolle des freien Willens und die komplexen neuronalen Prozesse, die unser Verhalten steuern.

Der freie Wille - Illusion oder Realität?

Die Idee des freien Willens ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Sie bildet die Grundlage für unser Rechtssystem, unsere Erziehung und unsere alltägliche Kooperation. Wenn wir jedoch annehmen, dass der freie Wille eine Illusion ist, untergraben wir die gesamte Grundlage unserer Verantwortung.

Hirnforscher haben sich in diese Debatte eingemischt und argumentieren, dass unser Bewusstsein nicht der Akteur ist, der unsere Handlungen initiiert. Stattdessen ist es das Ergebnis eines komplexen Abwägens von Motiven im Gehirn. Das Gehirn, ein gigantisches Labyrinth von Milliarden Nervenzellen, die elektrische Signale austauschen, organisiert sich selbst und kann unerwartete Entscheidungen treffen, die niemand hätte voraussagen können.

Gerhard Roth argumentiert, dass die Gedanken, die uns bei schwierigen Entscheidungen kommen, nicht unserem Willen unterworfen sind, sondern von anderen Teilen des Gehirns erzeugt werden, wie dem Hippocampus, der das Gedächtnis kontrolliert. Wolf Singer betont, dass das Gehirn ein komplexes, nicht lineares System ist, das sich selbst organisieren und initiativ sein kann.

Die Illusion des freien Willens wird vom Gehirn aus gutem Grund erzeugt - im Dienste einer komplexen Handlungsplanung. Es wird ein virtueller Akteur eingerichtet, der scheinbar handelt und plant.

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Experimente zur Willensfreiheit

Der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet machte vor über 20 Jahren eine Entdeckung, die die Debatte um den freien Willen neu entfachte. Er fand im Gehirn ein sogenanntes "Bereitschaftspotenzial", eine Aktivitätswelle, die anzeigt, wann dort bestimmte Handbewegungen eingeleitet werden. Dies deutete darauf hin, dass das Gehirn unbewusst entschieden haben könnte, bevor das Bewusstsein ins Spiel kam.

Obwohl Libets Methode kritisiert wurde, haben nachfolgende Studien diese Ergebnisse untermauert. John-Dylan Haynes kann aus Hirnmustern etwa zehn Sekunden vor einer Aktion ablesen, ob Versuchspersonen eine linke oder eine rechte Taste drücken werden. Er fand auch heraus, dass seine Versuchspersonen diese unbewussten Prozesse ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr bewusst beeinflussen konnten. Eine halbe Sekunde vor dem Ende der Vorbereitungsphase einer Aktion lässt diese sich offenbar nicht mehr beeinflussen. Nur vorher bliebe Zeit dafür, sie bewusst zu kontrollieren.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Entscheidungen durch unbewusste Hirnprozesse vorbereitet werden. Sobald deutlich wird, in welche Richtung die Entscheidung geht, erhält aber auch das Bewusstsein die Chance, einzugreifen.

Das Veto-Signal und die Kontrolle von Handlungen

Patrick Haggard versucht am University College in London zu verstehen, wie Handlungen kontrolliert werden, die bereits eingeleitet sind. Er bezieht sich auf Situationen, in denen man kurz davor steht, etwas Unvernünftiges zu tun - und es dann doch nicht tut.

Haggard fand heraus, dass eine Hirnregion namens Dorsomedialer Frontaler Cortex besonders stark aktiv war, wenn die Versuchsperson eine vorbereitete Handlung wieder abbrach. Er nennt seinen Fund das "Veto-Signal". Dieses Signal scheint daran beteiligt zu sein, zu überprüfen, ob wir eine Handlung wirklich ausführen wollen.

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Die Berliner Psychologin Simone Kühne fand das Signal auch, als Versuchspersonen Ekelgefühle beim Anblick einer Spinne gezielt unterdrückten. Eine weitere Forschergruppe registrierte es bei Rauchern, die damit kämpften, vom Nikotin loszukommen. Es scheint also auch bei Willensentscheidungen eine Rolle zu spielen, die komplexer, alltagsnäher und persönlicher sind als eine Knopfdruck- oder Addieraufgabe.

Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass wir ein weiteres System innerhalb des Gehirns besitzen, das unsere Handlungen bewertet, überwacht und anpasst. Kontrolle und Hemmung wären demnach elementar ins Gehirn eingebaut.

Die Rolle der Gehirnnetzwerke

Arbeiten verschiedene spezialisierte Gehirnregionen zusammen, um eine bestimmte Funktion auszuführen, sprechen wir von einem Gehirnnetzwerk. Ein bekanntes Beispiel ist das Default Mode Network, ein Zusammenschluss mehrerer Gehirnregionen, die in Ruhe aktiv sind und mit Selbstreflexion und Zukunftsplanung beschäftigt sind. Der Grad, zu dem die Aktivität in einer bestimmten Gehirnregion zeitlich mit der Aktivität in anderen Regionen des Netzwerks übereinstimmt, gilt als funktionale Konnektivität.

Ein Delir ist sehr heterogen und die klinischen Symptome neigen dazu, selbst beim gleichen Patienten und am selben Tag zu schwanken. Die Ätiologie und Pathophysiologie sind komplex und nur teilweise verstanden. Wichtige Faktoren beeinflussen kritisch die Gehirnnetzwerke. Dies führt klinisch zu Störungen in Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, kognitiven Funktionen, emotionaler Regulation und motorischer Kontrolle.

Das EEG kann beim Delir eine verringerte Konnektivität und einen Verlust des normalen posterior-anterior gerichteten Informationsflusses zeigen. Alterung und Demenz führen auch zu einer verminderten Netzwerkaktivität. Mit anderen Worten: Wenn das Netzwerk funktioneller Gehirnareale durch Alterung oder andere Faktoren, die die Kommunikationsqualität zwischen diesen Arealen beeinträchtigen, geschwächt ist, können auslösende Faktoren wie Entzündungen und Stress, zum Beispiel infolge großer Operationen, das Gehirnnetzwerk so stören, dass eine Vielzahl von Funktionen betroffen sind.

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Neuroinflammation und Neurotransmitter

Neben den beschriebenen Neurotransmitterveränderungen ist gesichert, dass systemische Entzündungsreaktionen - sei es durch Infektion oder Trauma - zur Aktivierung des Immunsystems führen die eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Delirs spielen kann. Hierbei stehen besonders Interleukin-1 β, Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-α im Fokus.

Etwa 15 Prozent der Gliazellen im Gehirn sind Mikroglia, die Funktionen ähnlich wie Gewebsmakrophagen ausführen. Die Freisetzung dieser proinflammatorischen Zytokine führt zu spezifischen Effekten in neuronalen Netzwerken, die Verhaltensänderungen hervorrufen können, die klinisch als ein Delir erscheinen.

Im Alter kann diese Störung der Homöostase aufgrund chronischer Inflammation zu einer verstärkten Reaktion auf Inflammationsreize führen („Aberrant Stress Response“). Mit zunehmendem Alter kommt es zu degenerativen Veränderungen der Ge­fäße im Gehirn, was die zerebrale Durchblutung einschränkt, den Transport von Plasmaproteinen stört und die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke verringert. Mikroglia, bereits durch Alterungsprozesse „geprimt“, neigt dazu, auch auf geringe proinflammato­rische Reize mit einer übermäßigen Zytokinausschüttung zu reagieren. Dies wäre eine Erklärung dafür, warum ältere Menschen ein erhöhtes Delirrisiko haben und warum selbst eine moderate Entzündung zu einem schwerwiegenden und persistenten Delir führen kann.

Retroaktive Hemmung und Gedächtnis

Die retroaktive Hemmung wird in der Lernpsychologie auch als „rückwirkend“ bezeichnet und beschreibt eine von sechs verschiedenen Formen der Gedächtnishemmung. Dabei handelt es sich um eine Lernhemmung, unter der viele Menschen leiden: Durch neu Erlerntes wird das unmittelbar vorher Gelernte blockiert - oder schlichtweg vergessen.

Bei der retroaktiven Hemmung können Lernende am effektivsten neue Informationen aufnehmen, wenn sie ununterbrochen und kontinuierlich lernen. Lernpausen zwischen einzelnen Phasen können dazu führen, dass bereits angeeignetes Wissen wieder vergessen wird. Bereits abgehakter Lernstoff muss dann nochmals wiederholt werden.

Gezieltes Gedächtnistraining verbessert nicht nur die Arbeits- und Lernleistung und mindert die retroaktive Hemmung. Der Geist wird insgesamt ausgeglichener; die Stressresistenz steigt wieder an und mit Gehirntraining lässt sich präventiv gegen psychische Erkrankungen vorgehen. Positive Veränderungen für das persönliche Lernverhalten lassen sich schon binnen wenigen Wochen feststellen. Kontinuität beim Training natürlich vorausgesetzt.

Reziproke Hemmung und Verhaltenstherapie

Das Konzept der reziproken Hemmung spielt eine wichtige Rolle in der Psychologie und Physiologie. Es beschreibt, wie zwei gegensätzliche und unvereinbare Reaktionen sich gegenseitig beeinflussen, wenn sie gleichzeitig auftreten.

Ein anschauliches Beispiel für reziproke Hemmung findet sich im vegetativen Nervensystem, insbesondere im Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus. Diese beiden Systeme können nicht gleichzeitig die gleichen Organfunktionen beeinflussen. Bei Angstgefühlen dominiert der Sympathikus, während der Parasympathikus beispielsweise durch Essen aktiviert werden kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die reziproke Hemmung ein grundlegendes Prinzip in der Verhaltenstherapie darstellt. Es ermöglicht die gezielte Beeinflussung von Reaktionen und Verhaltensweisen, indem gegensätzliche Reize strategisch eingesetzt werden. Die Anwendung erfordert jedoch Fachwissen und Sorgfalt, um unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden und positive Veränderungen zu fördern.

ADHS und neuronale Entwicklungsstörungen

ADHS kann nicht allein durch symptomorientierte Beschreibungen oder durch ein einzelnes neurologisches Wirkprinzip erklärt werden. Ein Modell sieht eine Inhibitionsstörung als zentrales Merkmal von ADHS. Ein verändertes Belohnungsreaktionsverhalten und eine veränderte Motivation werden ebenfalls als mögliche Erklärungsansätze genannt.

Bei ADHS ist die Entwicklung des präfrontalen Kortex verzögert oder gestört, was zu Symptomen wie Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität führen kann.

Die dynamische Entwicklungstheorie betont die Rolle der veränderten dopaminergen Funktion und erklärt die Verhaltensprobleme und Symptome von ADHS durch die Interaktion von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen.

Bei ADHS ist regelmäßig unter anderem der Filter, der unwichtige Reize ausblendet, zu weit geöffnet. Insbesondere in Situationen mit geringem intrinsischem Interesse besteht eine Schwäche der Reizfilterung.

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