Gehhilfen bei Spastik: Arten, Auswahl und Anwendung

Spastik, eine neurologische Erkrankung, die durch eine gestörte Muskelkontrolle und -koordination gekennzeichnet ist, stellt Betroffene vor vielfältige Herausforderungen im Alltag. Diese Störung, die aufgrund von Schäden im zentralen Nervensystem auftritt, kann zu einer übermäßigen Muskelspannung, unkontrollierten Zuckungen, Krämpfen oder Steifheit führen. Glücklicherweise gibt es verschiedene Hilfsmittel und Therapien, die Menschen mit Spastik unterstützen können, ihre Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Auswahl und Anwendung geeigneter Gehhilfen.

Einführung in Gehhilfen bei Spastik

Alle Gehhilfen, vom einfachen Gehstock bis hin zu komplexen Gehtrainern, unterstützen Menschen grundsätzlich bei der Fortbewegung. Bei Spastik spielen sie eine besondere Rolle, da sie nicht nur die Mobilität erleichtern, sondern auch zur Reduzierung von Spastik durch Stabilität beitragen können. Hilfsmittel zur Gangtherapie haben spezifische Aufgaben, darunter die Förderung der Fortbewegung mit Gewichtsübernahme, die Prävention und Behandlung von Schmerzen, die Verteilung von lagerungsbedingtem Druck sowie die Lenkung des Wachstums.

Arten von Gehhilfen

Es gibt eine Vielzahl von Gehhilfen, die je nach individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten eingesetzt werden können:

  • Gehstöcke: Sie bieten eine einfache Unterstützung und können bei leichter Spastik ausreichend sein.
  • Unterarmgehstützen (Krücken): Sie bieten mehr Stabilität als Gehstöcke und entlasten die Beine.
  • Rollatoren: Diese bieten eine größere Standfläche und können mit zusätzlichen Funktionen wie Sitzgelegenheiten ausgestattet sein. Rollatoren gibt es in unterschiedlichen Arten mit unterschiedlichen Funktionen. Sie können entweder vor dem Körper hergeschoben (Anterior) oder hinter dem Körper hergezogen (Posterior) werden.
  • Gehtrainer: Diese bieten im Vergleich zu Rollatoren wichtiges Zubehör wie einen Positionierungssattel, mit dem noch mehr Gewicht von den Beinen und Füßen abgenommen wird. Auch verschiedene Pelotten können individualisiert an einen Gehtrainer montiert werden. Unterschiedliche Modelle von Gehtrainern sowohl für Kinder als auch für Erwachsene haben ein gemeinsames Grundkonzept: Sie sind leicht, mobil und wendig. Pelotten im Bereich des Beckens und des Rumpfes bieten Stabilität beim Stehen und Gehen, der optionale Sitz übernimmt einen Teil des Körpergewichtes. Die Hilfsmittel können individuell auf die Bedürfnisse des betroffenen Menschen angepasst werden. Anterior-Laufhilfen werden vor dem Körper geschoben und vermitteln Sicherheit bei den ersten Gehversuchen. Posterior-Laufhilfen wie Gehtrainer werden hinter dem Körper hergezogen und eignen sich besonders, wenn die Rumpfmuskulatur des Betroffenen geschwächt ist.
  • Orthesen: Dynamische Lagerungsschienen wie die SaeboStretch® können Symptome bei erhöhtem Muskeltonus lindern, indem sie Hand und Finger strecken. Steigert sich die Muskelspannung kurzzeitig, etwa durch Anstrengung, Husten oder Niesen, gibt die dynamische Orthese kurzzeitig nach. Lässt die Spannung im Muskel wieder nach, streckt sie erneut Hand und Finger. Orthesen wie SaeboGlove® sind dynamische Handschuhe mit integrierten Zügen, die die Fingerstreckung verbessern und helfen, die Hand wieder öffnen zu können. SaeboFlex® ist eine dynamische, funktionelle Handschiene, die jeden Finger individuell führt, die Bewegung lenkt und die Streckung unterstützt, auch bei stärkerer Spannung der Fingerbeuger. Bei einer Fußheberschwäche kann eine mechanische Hilfe wie die Saebo Step zum Einsatz kommen. Die Neurodyn®-spastic-Orthese ist eine elastische Knöchelstütze mit speziellen Zügeln, mit denen die Fehlhaltung des Fußes sanft korrigiert wird.
  • Molli Suit/Exopulse Suit: Der Exopulse Suit ist ein Hilfsmittel für den gesamten Körper, das zuhause bequem eine konsistente Linderung schaffen kann. Der Anzug wurde dafür konzipiert, angespannte, spastische Muskeln effektiv zu entspannen und die damit verbundenen Schmerzen zu lindern. Er ist ein unterstützendes Medizinprodukt für Kinder und Erwachsene mit Zerebralparese, Multipler Sklerose, Schlaganfall, inkompletter/kompletter Querschnitt oder anderen neurologischen Erkrankungen, die unter Dystonie, spastischen Muskeln, schwacher Muskelaktivierung und damit verbundenen Schmerzen leiden. Der Anzug ist darauf ausgelegt, das normale, gesunde Gleichgewicht der Muskelgruppen im gesamten Körper zu verbessern. Dazu verwendet er die Technik der „Neuromodulation", die den Körper dabei unterstützt, sich freier zu bewegen, indem sie das neuromuskuläre Verhalten ändert. Eingebettet im Anzug befinden sich 58 Elektroden, die sanfte, kaum wahrnehmbare Impulse an die verspannten, spastischen Muskeln abgeben sowie an die geschwächten Muskeln, die diesen entgegenwirken.

Auswahl der richtigen Gehhilfe

Die Auswahl der geeigneten Gehhilfe sollte in enger Absprache mit Ärzten, Therapeuten und Orthopädietechnikern erfolgen. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  • Art und Ausprägung der Spastik: Je nach betroffener Körperregion und Schweregrad der Spastik kommen unterschiedliche Hilfsmittel in Frage. Bei einer Hemispastik sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen, bei einer Tetraspastik beide Beine und Arme.
  • Individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse: Die Gehhilfe sollte den Betroffenen optimal unterstützen und ihnen ein möglichst selbstständiges Leben ermöglichen.
  • Körperliche Voraussetzungen: Körpergröße, Gewicht und allgemeiner Gesundheitszustand sind wichtige Faktoren bei der Auswahl der passenden Gehhilfe.
  • Umgebung: Die Gehhilfe sollte für die häusliche Umgebung und die üblichen Aktivitäten geeignet sein.

Anwendung von Gehhilfen

Die korrekte Anwendung der Gehhilfe ist entscheidend für ihren Nutzen und zur Vermeidung von Verletzungen. Folgende Punkte sind zu beachten:

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  • Anpassung: Die Gehhilfe muss individuell an die Körpergröße und Bedürfnisse angepasst werden.
  • Schulung: Betroffene und ihre Angehörigen sollten in die korrekte Handhabung der Gehhilfe eingewiesen werden.
  • Regelmäßige Wartung: Die Gehhilfe sollte regelmäßig auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft und bei Bedarf repariert werden.

Weitere unterstützende Maßnahmen

Neben Gehhilfen gibt es eine Reihe weiterer Maßnahmen, die Menschen mit Spastik unterstützen können:

  • Physiotherapie: Durch gezielte Übungen können Muskeln gestärkt, Gelenke mobilisiert und die Koordination verbessert werden.
  • Ergotherapie: Hier werden alltagsrelevante Fähigkeiten trainiert und Hilfsmittel erprobt und in den Alltag integriert.
  • Medikamentöse Therapie: Muskelrelaxantien oder Botulinumtoxin-Injektionen können die Spastik reduzieren.
  • Lokale Vibrationstherapie: NOVAFON Schallwellengeräte haben sich in der Behandlung von Spastiken bewährt.
  • Alternative Ansätze: Akupunktur, Yoga oder Meditation können zur Entspannung der Muskeln beitragen.
  • Positionierung: Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann.

Der Weg zur passenden Gehhilfe: Ein Überblick über den Beantragungsprozess

Die Beantragung eines Hilfsmittels wie eines Gehtrainers ist oft ein komplexer Prozess. Hier ist ein Überblick über die typischen Schritte:

  1. Bedarfsfeststellung: Ein Arzt stellt den Bedarf fest und stellt eine Verordnung/ein Rezept aus. Für Kinder und Jugendliche können Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) aufgesucht werden.
  2. Konfiguration: Mit der Verordnung kann ein passender Gehtrainer bei einem Versorger (z.B. Sanitätshaus) konfiguriert werden.
  3. Antragstellung: Der Gehtrainer wird beim Kostenträger bzw. der Krankenkasse beantragt.
  4. Unterstützung: Rehaberater stellen verschiedene Hilfsmittel vor, die ausprobiert werden können.
  5. Genehmigung/Ablehnung: Entweder erfolgt die Genehmigung oder eine Ablehnung. Bei letzterem werden mit Unterstützung der Rehaberaterin bzw.
  6. Erklärung: Das Hilfsmittel wird den Eltern, dem Kind sowie den Pädagoginnen und Pädagogen in seiner Handhabung erklärt.
  7. Überprüfung: Es wird überprüft, ob die Versorgungsziele erreicht wurden. Gegebenenfalls werden nach circa einem halben Jahr Anpassungen des Produktes.

Es ist ratsam, auf die zweifelsfreie Belegbarkeit des Antragseingangs zu achten und den Antrag entweder online zu versenden oder nachverfolgbar per Post.

Spastik: Ursachen, Symptome und Behandlung

Eine spastische Lähmung tritt immer als Folge einer Schädigung der Nervenbahnen auf, die Gehirn und Rückenmark miteinander verbinden und Impulse an die Muskulatur weiterleiten. Kommt es im Gehirn oder Rückenmark zu einer verletzungs- oder krankheitsbedingten Schädigung von Nervengewebe, wirkt sich dies negativ auf die Muskelgrundspannung aus. Sowohl Streck- als auch Beugemuskeln sind im Rahmen dieser Erkrankung betroffen und stehen in übermäßiger Spannung zueinander, da in den Gelenken die Verkürzung und Dehnung von Agonist und Antagonist in gestörtem Geleichgewicht stehen. Die Spannung nimmt mit der Geschwindigkeit jeder Bewegung zu und bremst diese schließlich abrupt ab. Langsame und vorsichtige Bewegungen hingegen lösen diesen Effekt nicht aus.

Eine spastische Lähmung kann als Folge von Erkrankungen oder Unfällen auftreten. Als häufigster Auslöser dieser Muskelstörung gilt der Hirninfarkt oder Ischämische Schlaganfall, im Zuge dessen die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff kurzzeitig unterbrochen ist. Ein solcher vorübergehender Sauerstoffmangel kann bereits eine frühkindliche Gehirnschädigung auslösen, wenn ein Neugeborenes, das seine Atmung noch nicht selbstständig steuern kann, während der Geburt nicht mehr ausreichend über die Nabelschnur versorgt werden kann. Auch Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft können das Zentralnervensystem des Fötus schädigen. Eine Unterbrechung der Atemtätigkeit, wie sie beispielsweise bei Unfallopfern oder Menschen, die beinahe ertrunken wären, zu beobachten ist, kann zu irreparablen Hirnschädigungen führen und eine Spastik zur Folge haben. Weitere mögliche Ursachen für eine spastische Lähmung können ein Gehirntumor, die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, das Fett-Syndrom sowie verschiedene entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems wie etwa eine Meningitis sein.

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Je nach betroffener Körperregion wird zwischen mehreren Arten von Spastik unterschieden. Lähmungen in den Gliedmaßen werden als Monospastik oder Paraspastik bezeichnet, abhängig davon, ob nur ein Arm oder Bein oder gleichzeitig beide Arme oder Beine betroffen sind. Die Hemispastik beschreibt die Lähmung an den Gliedmaßen einer Körperhälfte, im Falle einer Tetraspastik sind Arme und Beine beider Körperhälften, oft gleichzeitig auch die Rumpf- und Halsmuskulatur betroffen. In den betroffenen Körperregionen kommt es zum Auftreten andauernder, unkontrollierbarer und äußerst schmerzhafter Muskelkrämpfe und Versteifungen. Eine spastische Lähmung kann auch in den Augen oder in der Schluckmuskulatur auftreten. Dementsprechend können Patienten dadurch unter Schluckstörungen, einem eingeschränkten Sichtfeld, fehlerhaften visuellen Wahrnehmungen und Schielen leiden. Eine spastische Lähmung der Augen geht meist mit schweren Koordinationsstörungen einher, die die Fähigkeit, gezielte Bewegungen auszuführen, erheblich erschweren.

Die Therapie einer Spastik beruht auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Physio- und Ergotherapeuten und zielt darauf ab, die Lebensqualität des Betroffenen zu verbessern, indem Schmerzen gelindert und die Beweglichkeit sowie die motorischen Fähigkeiten intensiv geschult werden. Dadurch werden das Risiko möglicher Folgeschäden und Komplikationen vermindert und die Pflege des Patienten erleichtert. Im Zentrum der Behandlung steht die Physiotherapie, um durch Redressionsmaßnahmen Fehlstellungen zu korrigieren und Gelenkversteifungen vorzubeugen. Durch passive Bewegung der Gelenke werden die gesunden Muskelpartien gestärkt, wodurch die allgemeine Bewegungsfähigkeit des Patienten verbessert wird. Gleichzeitig werden die Spasmen verringert, was zu einer deutlichen Verminderung der Schmerzzustände führt. Parallel dazu erarbeitet der behandelnde Ergotherapeut mit dem Patienten eine Routine, indem Hilfsmittel erprobt und in den Alltag integriert sowie grundsätzliche Tätigkeiten wie Körperpflege und Handfunktionen geübt werden. Dadurch soll die Wahrnehmung des Patienten verbessert und seine Fähigkeit zu sozialer Kommunikation gestärkt werden. Oft werden diese Therapiemaßnahmen durch eine medikamentöse Behandlung begleitet. Intramuskuläre Injektionen mit dem stark verdünnten Nervengift Botulinumtoxin oder Infusionen mit Baclofen nahe des Rückenmarks führen in vielen Fällen zu einer Funktionsverbesserung und haben sich in der Schmerztherapie von Menschen mit Spastik erfolgreich bewährt.

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