Die menschliche Psyche ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die unser Verhalten und unsere Emotionen beeinflussen. Im Gehirn spielen dabei verschiedene Strukturen eine entscheidende Rolle. Zu den wichtigsten gehören die Amygdala, das limbische System und das serotonerge System.
Was ist die Amygdala?
Die Amygdala (Corpus amygdaloideum oder Mandelkern) ist ein Teil des limbischen Systems im Gehirn. Es besteht aus zwei bohnengroßen Verbänden von Nervenzellen. Zusammen mit dem Hippocampus reguliert diese Hirnregion emotionale Äußerungen. Durch die Verbindung mit anderen Hirnregionen wird hier die Bedeutung verschiedener Signale bewertet und diese werden dann von der Amygdala (zusammen mit dem Hippocampus) über verzweigte Bahnen auf die Großhirnrinde projiziert.
Funktion der Amygdala
Die wesentliche Amygdala-Funktion besteht in der Bewertung von Gedächtnisfunktionen wie Erinnerungen mit emotionalen Inhalten. Besonders in der Entstehung der Angst spielt der Mandelkern eine wichtige Rolle: Wenn eine Situation aus der Erfahrung heraus als bedrohlich oder gefährlich eingestuft wird, ändern sich die Informationen, die vom Corpus amygdaloideum an andere Hirnbereiche weitergegeben werden. Dadurch werden zum Beispiel vermehrt die Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter) Acetylcholin, Dopamin, Serotonin und Norepinephrin sowie die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Das signalisiert dem Körper, dass etwas Bedeutungsvolles und potentiell Gefährliches geschieht. Diese Signale werden dann durch die Amygdala mit Erinnerungen abgeglichen. Wenn dieser Abgleich „Gefahr“ signalisiert, entsteht Angst und der Körper reagiert mit vermehrter Achtsamkeit und vielleicht auch mit Fluchtreaktionen. Neben der Angst sind auch andere emotionale Äußerungen wie Wut und Freude, der Sexualtrieb und die Fortpflanzung sowie vegetative Funktionen im Corpus amygdaloideum festgelegt.
Die Amygdala und das Gedächtnis
Ereignisse, die mit starkem emotionalem Empfinden verknüpft sind, prägen sich besonders tief ins Gedächtnis ein. Dies liegt unter anderem daran, dass zwischen der für die emotionale Bewertung von Reizen verantwortlichen Amygdala und dem für die Gedächtnisbildung zentralen Hippocampus enge Verbindungen bestehen. Studien zeigen, dass bei emotionalen Ereignissen ausgeschüttete Botenstoffe, insbesondere das Noradrenalin, die Neubildung und Stärkung von Nervenzellverbindungen fördern - und so einen für die Gedächtnisbildung zentralen Prozess beeinflussen. Die Amygdala steht in Verbindung mit dem Hippocampus, der auch als “Wächter der Erinnerung” bezeichnet wird. Diese Hirnregion spielt bei Überführung von Inhalten aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis die entscheidende Rolle. Gedächtnisse für emotional aufwühlende Ereignisse, die durch eine Kopplung von Amygdala und Hippocampus zustande kommen unterliegen einem besonderen Bindungsgeschehen (emotional binding) und werden demzufolge langsamer vergessen als emotionsfreie Gedächtnisinhalte.
Die Amygdala und Emotionen
Emotionen ermöglichen es dem Menschen, sich der Umwelt anzupassen und auf Belastungen flexibel zu reagieren. Sie haben eine fundamentale Funktion für kognitive Prozesse, physiologische Reaktionen und soziales Verhalten. Die Verarbeitung von Emotionen ist eng an die Vorgänge im Gehirn, an das sogenannte limbische System, gekoppelt. Innerhalb dieses Systems haben die Mandelkerne eine zentrale Funktion - sie verarbeiten vor allem negative Emotionen wie Angst und Furcht. Die Amygdala (Mandelkern) entscheidet in wenigen Millisekunden, ob wir Angst haben. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln bekommen mehr Energie - wir sind bereit für Kampf oder Flucht. Die Amygdala liegt im Temporallappen und ist mit dem Hirnstamm verbunden. Sie beeinflusst so die autonomen Funktionen des Körpers wie Atmung und Kreislauf. Ein besonders dickes Nervenbündel führt zum Hypothalamus, der die Adrenalinproduktion auslöst. Die Amygdala erhält Informationen aus allen sensorischen Regionen der Großhirnrinde. Werden wir beleidigt, wird die Information über Augen und Ohren zunächst an das Zwischenhirn geschickt, das sie an die Amygdala und an den Frontallappen der Großhirnrinde weitergibt. Doch entscheidet die „emotionale“ Amygdala, dass es sich um eine Kränkung handelt, dann hat die „rationale“ Großhirnrinde keine Chance: Die Amygdala ist schneller. Sie aktiviert den Hypothalamus, Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, der Puls steigt rasant an.
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Lage der Amygdala
Die Amygdala ist ein Stammteil des Endhirns. Sie liegt nahe der Spitze des Schläfenlappens (Temporallappen) und wölbt sich gegen das vordere Ende des Unterhorns des Seitenventrikels (mit Gehirnflüssigkeit gefüllter Hohlraum) vor. Die Amygdala ist durch feine Lamellen in mehrere Kerngruppen unterteilt und hängt mit dem Gyrus parahippocampalis (Teil der Großhirnrinde, die den Hippocampus umgibt) zusammen. Es besteht auch eine Verbindung mit der Area olfactoria, dem Riechzentrum.
Probleme und Erkrankungen der Amygdala
Schädigungen der Amygdala führen zum Beispiel dazu, dass Erinnerungen ohne ihren emotionalen Inhalt bewertet werden. Beim Urbach-Wiethe-Syndrom - einer relativ seltenen, erblichen Erkrankung - lagert sich Kalzium an den Gefäßen der Amygdala ab. Die betroffenen Menschen können nicht oder kaum den emotionalen Ausdruck von Angst erkennen, beschreiben oder reproduzieren. Durch degenerative Prozesse ist das Abspeichern von sogenannten Engrammen (Gedächtnisspuren) nicht mehr möglich, weil die Schaltkreise zur Großhirnrinde gestört sind. Degenerative Veränderungen zeigen sich etwa bei der Alzheimer-Krankheit oder durch Alkoholmissbrauch, der zur Korsakow-Krankheit führt. Epileptische Anfälle beginnen manchmal in der Amygdala.
Das limbische System
Das limbische System ist ein Netzwerk von Gehirnstrukturen, das Emotionen, Motivation und Gedächtnisprozesse steuert. Es entstand in der Entwicklung der Säugetiere. Der evolutionäre Vorteil lag darin, dass Verhalten nicht mehr nur reflexartig ablief, sondern durch Gefühle moduliert wurde. Angst schützte vor Gefahren, Freude förderte Bindung, Neugier trieb zur Erkundung. Zum limbischen System gehören unter anderem:
- Der Thalamus: Er ist der Verteilerknoten des Gehirns. Er filtert Sinneseindrücke (sehen, hören, fühlen, schmecken) und entscheidet, welche Informationen weitergeleitet werden.
- Der Hippocampus: Er hilft, Situationen in den richtigen Kontext zu setzen.
- Der Hypothalamus: Er ist die Schaltstelle zwischen Gehirn und Körper.
- Der Nucleus accumbens: Er ist Teil des Belohnungssystems. Damit verstärkt er Verhalten, das sich lohnt, und macht es wahrscheinlicher, dass wir es wiederholen.
Das serotonerge System
Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter im Zentralen Nervensystem (ZNS). Es hat zugleich periphere Bedeutung (im Körper). Serotonin ist bei vielen neurophysiologischen Mechanismen involviert und hat einen breiten Regelungsbereich. Bislang sind 7 Hauptgruppen von Serotoninrezeptoren bekannt, 5-HT-1 bis 5-HT-7. Diese unterteilen sich wiederum in Untergruppen. Serotonin bewirkt an 5-HT2A eine Hemmung des Dopaminausstoßes. Serotonin unterstützt die exitatorischen Wirkungen von Glutamat im Nucleus motorius nervi facialis, der motorische Abläufe und die Gesichtsmimik steuert.
Serotonin und ADHS
ADHS ist vornehmlich dopaminerg, in zweiter Linie noradrenerg bedingt. Unter 182 identifizierten möglichen Komorbiditäten zu ADHS fanden sich bei 135 (74,2 %), davon 91 psychiatrische und 44 somatische Erkrankungen, Hinweise auf eine serotonerge Pathophysiologie. Bislang existieren keine serotonergen Medikamente in Bezug auf ADHS. Empirisch ist eine Wirkung von serotonergen Medikamenten auf Impulsivität bekannt. Eine Studie fand Hinweise auf eine verringerte Tryptophanaufnahme durch die Blut-Hirn-Schranke bei Jungen mit ADHS. Bei SHR verbesserten ein 5-HT1A-Agonist (Ipsapiron) ebenso wie ein 5-HT2A-Antagonist (MDL 100907) die ADHS-Symptome. ADHS-Medikamente wie Amfetamine, Methylphenidat und Atomoxetin wirken zwar primär dopaminerg und sekundär noradrenerg, haben jedoch daneben auch eine serotonerge Wirkung.
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Serotonin und moralisches Verhalten
Hormone wie Oxytocin und Serotonin beeinflussen moralische Entscheidungen. Menschen mit höherem Serotonin-Spiegel lehnen eher ein für ihre Mitmenschen schädliches Verhalten ab. Hirnstrukturen wie der ventromediale präfrontale Cortex und die Amygdala erhalten serotonergen Input.
Zusammenspiel der Systeme
Die Amygdala, das limbische System und das serotonerge System sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. So beeinflusst Serotonin die Aktivität der Amygdala und des limbischen Systems. Das limbische System wiederum beeinflusst die Ausschüttung von Serotonin. Dieses komplexe Zusammenspiel ermöglicht es uns, Emotionen zu erleben, uns zu erinnern und uns in sozialen Situationen angemessen zu verhalten.
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