Sheldon Coopers Gehirn: Eine Betrachtung von Autismus, Neurodiversität und Stereotypen

Die Figur des Dr. Sheldon Cooper aus der Serie "The Big Bang Theory" ist ein brillanter Physiker, dem es jedoch an sozialer Kompetenz mangelt. Seine Unfähigkeit, Humor, Ironie oder Sarkasmus zu erkennen oder glaubwürdig zu vermitteln, hat zu Spekulationen darüber geführt, ob er eine Autismus-Spektrum-Störung hat. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Thematik von Autismus, Neurodiversität und der Darstellung von Autismus in den Medien, insbesondere am Beispiel von Sheldon Cooper.

Autismus: Mehr als nur ein Stereotyp

Autismus ist eine angeborene neuronale Entwicklungsstörung, die sich in unterschiedlichen Ausprägungen manifestiert. Schätzungsweise 1-2% aller Menschen sind auf dem Autismus-Spektrum. Autismus ist eine Neurodivergenz, das heißt, dass sich das Gehirn einer autistischen Person von dem einer nicht-autistischen Person unterscheidet. Das verändert, wie autistische Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und verarbeiten und äußert sich in allen möglichen Bereichen, zum Beispiel in der sozialen Interaktion, der verbalen oder nonverbalen Kommunikation, dem Bedürfnis nach Beständigkeit, der Intensität von Interessen, der Empfindlichkeit der Sinne und noch so viele mehr.

Das Spektrum ist nicht wie eine Linie von "ein bisschen autistisch" zu "sehr autistisch", denn "autistisch" ist ein absolutes Adjektiv und solche Abstufungen funktionieren nicht. Für viele ist die Welt eher eine Ansammlung von Details als ein Gesamtbild. Das Gehirn filtert Eindrücke anders, weniger, manchmal sogar fast gar nicht, das heißt alles ist oft ein bisschen intensiver, lauter, heller,… einfach mehr. Das führt hin und wieder zu einem sogenannten Sensory Overload, also einer Reizüberflutung: alle Eindrücke prasseln auf einen ein und man kommt mit dem Verarbeiten nicht hinterher, man kann sich auf nichts mehr konzentrieren, der Kopf ist von der Überflutung wie leergefegt, man würde am liebsten nach Hause gehen und sofort einschlafen weil einem alles zu viel ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass Autismus keine Krankheit ist, die geheilt werden kann. Eine autistische Person war, ist und wird immer autistisch sein. Autismus ist eine Art, die Welt wahrzunehmen und zu verstehen. Autistisch-sein bedeutet gleichzeitig mehr und weniger wahrnehmen, missverstehen und missverstanden werden, auffallen und unsichtbar sein, über- und unter-reagieren, kurz gesagt: anders sein. Aber "anders" bedeutet nicht unbedingt "schlecht".

Die Vielfalt des Autismus-Spektrums

Autismus ist ein Spektrum, das von hochfunktionalem Autismus (Asperger-Syndrom) bis zu stark ausgeprägtem Autismus reicht. Die individuellen Ausprägungen sind heterogen. Manche Betroffene können nicht sprechen oder ihren Alltag nicht ohne Hilfe bewältigen.

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Die Diagnose wird anhand der Entwicklungsgeschichte und Beobachtungen von Spezialisten gestellt. Die Abgrenzung zu anderen Diagnosen mit Kommunikationsdefiziten kann schwierig sein. Das "Masking", also das Verstecken von Symptomen zur Anpassung, erschwert die Diagnose zusätzlich. Eine eindeutige Diagnose ist jedoch wichtig für die fachgerechte Unterstützung.

Um reine psychologische Diagnosen zu unterstützen, wird nach biologischen Markern gesucht. MRT-Scans, funktionelles MRT (fMRT) und genetische Analysen sind vielversprechende Forschungsansätze.

MRT-Scans

MRT-Untersuchungen zeigen Unterschiede in der Hirnstruktur von Menschen mit Autismus im Vergleich zu Menschen ohne diese Diagnose. Untersucht wurde die neuronale Verdrahtung bei Kindern zwischen 6 Monaten und 2 Jahren. 12-15 neuronale Bahnen in der weißen Substanz wurden entdeckt die bei autistischen Kindern überdurchschnittlich häufig anderes verliefen als bei nicht autistischen Kindern. Zusätzlich wurde bei autistischen Kindern zwischen 12 und 24 Monaten ein größeres Hirnvolumen festgestellt. Jedoch sind diese Ergebnisse schwer reproduzierbar. Mehr Forschung muss betrieben werden, bevor eine Diagnose per MRT erfolgen kann.

Funktionelles MRT (fMRT)

Aufgabenbasiertes fMRT identifiziert Gehirnregionen, die funktionell an einer bestimmten Aufgabenausführung beteiligt sind. Verschiedene Studien untersuchten die Schaltkreise, die für Aufgaben zuständig sind, welche die Kern-Probleme bei Autismus bilden. Die Studien zeigten eine Hyperaktivierung des Gyrus temporalis, welcher wiederum Geräusche prozessiert und Gesichter erkennt. Jedoch zeigen diese Daten nur Durchschnittswerte einer noch sehr kleinen Versuchsgruppe sowie Probleme bei der Reproduzierbarkeit. Dies kann jedoch auch an den unterschiedlichen Datenprozessierungen liegen.

Genetische Komponente

Zahlreiche Zwillings- und Familienstudien zeigten unabhängig voneinander den starken Einfluss der Gene auf Autismus. Die Vererbung liegt hierbei zwischen ~40% bis 90%. Über 100 Gene wurden bisher identifiziert die mit Autismus in Verbindung stehen sollen. Die meisten Gene, die mit Autismus in Verbindung stehen, codieren für Proteine, welche entweder synaptische Strukturen oder Chromatin Strukturen bilden. Das bedeutet, dass die Gene die Autismus verursachen, meist als Bauplan für die Verbindungsstruktur zwischen Gehirnzellen oder als Bauplan für die Verpackung unserer DNA dienen.

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Das Ziel bei der Entwicklung von biologischen Markern ist eine möglichst frühe Diagnose, idealerweise ab dem dritten Lebensjahr. Je jünger das Gehirn, desto plastischer und damit offener für Therapien, um Menschen mit starken Einschränkungen zu helfen.

Sheldon Cooper: Eine stereotype Darstellung?

Die Figur Sheldon Cooper zeigt einige klinische Symptome eines High Functioning Autismus (Asperger), was eine schwere und nicht heilbare neurologische Krankheit ist. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Serie "The Big Bang Theory" eine Comedy-Serie ist und die Charaktere überspitzt dargestellt werden, um Witz zu erzeugen.

Sheldon kann weder Humor, Ironie oder Sarkasmus erkennen, noch selbst glaubwürdig vermitteln. Sein Ausweg: „Bazinga!“ Eines kann Sheldon jedoch nicht: Dr. Cooper versteht keine Witze, noch weniger kann er selbst welche machen. Damit seine Freunde merken, dass er nur scherzt, markiert Sheldon jeden kleinen Streich am Ende mit einem charakteristischen Ausruf: „Bazinga!“.

Einige Zuschauer kritisieren, dass Sheldon Cooper alle Stereotypen eines Menschen mit Autismus bedient: männlich, hochbegabt, ein Nerd und soziale Defizite. Diese Stereotypen kommen nicht von ungefähr, jedoch vermitteln sie ein steifes und eingeschränktes Bild, was uns daran hindert, besser auf unsere Umwelt und damit auch auf Menschen im autistischen Spektrum einzugehen.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jeder Autist wie Sheldon Cooper ist. Es gibt so viele Ausprägungen und Formen, wie es Menschen gibt. Es gibt Autisten ohne Inselbegabung, jene die in die Augen gucken können, und auch äußerst empathische und sensible Autisten.

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Neurodiversität: Eine Frage der Perspektive

Der Begriff der Neurodiversität schließt laut Sven Bölte, Professor für kinder- und jugendpsychiatrische Wissenschaft am Karolinska-Institut in Stockholm, erst einmal alle Menschen ein. Die Idee dahinter ist, dass wir alle auf eine unterschiedliche Art und Weise denken und Informationen verarbeiten. Die Gruppe von Menschen, die besonders aus der Mehrheit heraussticht, wird als neurodivergent bezeichnet. Darunter fallen laut Bölte vor allem die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus, aber auch Sprachstörungen, Dyslexie (Lese-Rechtschreib-Schwäche), Dyskalkulie (Rechenschwäche), das Tourette-Syndrom, Tics oder Intelligenzminderung. Man gehe davon aus, dass zwischen zehn und 15 Prozent der Menschen eine Neurodivergenz aufweisen.

Neurodivergenz ist keine Krankheit, die geheilt werden kann oder muss. „Neurodivergente Menschen haben eine andere Perspektive im Kopf, die aber genauso gültig ist“, sagt André Zimpel, Professor am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg.

Die Vorteile von Neurodiversität liegen auf der Hand: „Neurodiversität bringt mehr Kreativität und Innovation sowie bessere Problemlösungen. Und natürlich mehr Fachkräfte.“ Auch ihre Kollegin Birgit Stecher-Hame weiß, dass Normabweichungen keineswegs ein Defizit sind. Wer beispielsweise mit Dyslexie durch die Schulzeit gekommen sei, könne sich wahrscheinlich auf unkonventionelle Weise Informationen beschaffen.

Herausforderungen und Chancen

Das Leben in einer Gesellschaft, die hauptsächlich auf neurotypische Menschen ausgerichtet ist, kann für neurodivergente Menschen herausfordernd sein. Viele Dinge in der Gesellschaft und im alltäglichen gemeinsamen Leben sind für Neurotypische Menschen ausgelegt. Genau dadurch entsteht erst diese Grenze zwischen Neurotypisch und Neurodivergent.

Die Journalistin Angelina Boerger kann das bestätigen: „Die Momente, in dem ich meine ADHS am meisten spüre, sind die, in denen andere Menschen mit einbezogen werden. Dann bekommt man die Resonanz, dass man anders ist.“ Beispielsweise führe ihre Impulsivität häufig dazu, dass sie sich zu viel vornimmt und verzettelt. Oder sie denke zu viel nach, was sie darin blockiert, überhaupt mit etwas anzufangen. „Das wird leider von außen oft als undiszipliniert und faul gewertet.“

Autistinnen und Autisten hätten oft Schwierigkeiten, zu verstehen, was andere denken und fühlen. Sie wissen nicht, welches Verhalten von ihnen erwartet wird. Dadurch entstehen Unsicherheiten, Ausgrenzung, Ängste und Depressionen. „Aber das muss nicht sein“, meint Bölte. „Ob Menschen mit Autismus psychisch gesund und damit arbeitsfähig sind, ist vor allem eine Frage der Umweltbeschaffenheit und Prävention.“

Inklusion und Akzeptanz

Um neurodivergenten Menschen die Türen zu öffnen, müssen Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt inklusiver und akzeptierender werden.

Sven Bölte empfiehlt, Jobausschreibungen anzupassen, da die meisten so verfasst sind, dass kaum ein Mensch ihnen entsprechen kann. Birgit Stecher-Hame weist darauf hin, dass auch der Kanal wichtig sei. Dafür muss die entsprechende Arbeitskultur aber überhaupt erst vorhanden sein. Um diese zu gewährleisten, gibt es laut Stecher-Hame einige Möglichkeiten: Noise-Cancelling-Kopfhörer, Homeoffice-Angebote, Vorlese- und Diktier-Apps, nicht zu lange Meetings. „Das alles ist sehr individuell“, erklärt sie. „Was aber wirklich alle anspricht, ist das Thema psychologische Sicherheit.“

Köppel ergänzt, dass es in manchen Situationen wichtig sei, das Team entsprechend vorzubereiten, ohne die Neurodivergenz zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Sven Bölte betont, dass bei Beschäftigten mit Autismus hilft, wenn sie gerade für die erste Phase im Job eine direkte Ansprechperson hätten. Er empfiehlt zudem, Aufgabenstellungen eindeutig zu formulieren. Das - neben vielen anderen Maßnahmen - helfe nicht nur neurodivergenten Menschen, sondern allen Mitarbeitenden. Zudem brauche es Vorbilder.

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