Kinder sind unsere Zukunft, und die ersten Lebensjahre sind entscheidend für ihre Entwicklung. In diesem Artikel werden die Auswirkungen der Gehirnentwicklung von Babys auf ihren gesamten Lebensverlauf untersucht, wobei Erkenntnisse aus Wirtschaft, Hirnforschung und Entwicklungspsychologie einbezogen werden.
Frühe Investitionen zahlen sich aus
Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Heckman entwickelte das sogenannte Return-of-Investment-Modell, welches besagt, dass jeder Geldbetrag, den eine Gesellschaft in die Erziehung und Bildung ihres Nachwuchses steckt, umso mehr Gewinn bringt, je früher er investiert wird. Die höchste Rate of Return (sechs bis zehn Prozent) wurde für Maßnahmen festgestellt, die sich auf Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit beziehen.
Heckmans Analysen zeigen, dass frühe Investitionen den späteren Schulerfolg fördern, die Verbrechensrate reduzieren, sich positiv auf die Arbeitsproduktivität auswirken, den Gesundheitszustand verbessern und mit verminderten Raten an Teenager-Schwangerschaften einhergehen. Vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen scheinen von frühen Bildungsangeboten zu profitieren. Qualifizierte Kinderbetreuung und andere Familienhilfen wirken sich zudem positiv auf die Eltern aus, indem alleinerziehende oder minderjährige Mütter einen gesünderen und verantwortlichen Lebenswandel führen und eher einen Job finden, wenn sie bei der Erziehung durch Fachpersonal unterstützt werden.
Investitionen in die ersten Lebensjahre lohnen sich also auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Genetische Ausstattung und Umweltbedingungen
Jede Maßnahme, die darauf abzielt, den Lebensweg eines Kindes oder einer Familie zu beeinflussen, kann nur innerhalb bestimmter Grenzen wirksam werden, weil unsere genetische Ausstattung mit darüber entscheidet, wie wir uns entwickeln. Längsschnittstudien haben gezeigt, dass sich eine Verbesserung der Intelligenzwerte selbst bei intensiver Förderung der Kinder nur in sehr begrenztem Umfang erzielen ließ.
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Auch wenn unsere Intelligenz sowie Temperamentseigenschaften und Talente zumindest teilweise genetisch verankert sein mögen, gilt das Prinzip der "probabilistischen Epigenese", das Folgendes besagt: Jede Anlage wird nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit sichtbar. Es kommt stets darauf an, in welchem Maße Umweltbedingungen ihre Realisierung befördern oder hemmen.
Angeborene Reizpräferenzen und Lernfähigkeit
Die moderne Säuglingsforschung hat in den vergangenen 50 Jahren eine ganze Reihe interessanter Erkenntnisse zutage gefördert, die sich auf angeborene Reizpräferenzen, unsere Lernfähigkeit und -bereitschaft, angeborenes Kernwissen und bereichsspezifische Wissenserwerbsmechanismen beziehen.
Bereits Neugeborene zeigen eindeutige Vorlieben für gesichterähnliche Konfigurationen. Sie präferieren starke Kontraste oder Muster gegenüber homogenen Farbflächen, und alles, was sich bewegt, interessiert sie brennend. Im akustischen Bereich reagieren sie besonders sensibel auf den Frequenzbereich der menschlichen Stimme. Sie ekeln sich vor einigen Gerüchen (zum Beispiel faulig) und bevorzugen bestimmte Geschmacksstoffe (zum Beispiel süß). Im taktilen Bereich reagieren sie auf Hautkontakt mit Entspannung und auf intensiven Druck mit Schmerz.
Solche angeborenen Wahrnehmungspräferenzen tragen mit dafür Sorge, dass sich Babys vor allem jenen Reizen zuwenden, die für ihr Überleben wichtig sind (etwa andere Menschen) und die ihren Geist anregen. Von schädlichen Reizen wenden sie sich dagegen ab.
Habituation und Gedächtnis
Stimuliert man den Bauch der Schwangeren erstmals mit einem vibratorischen Geräusch, so reagiert der Fötus zunächst mit einer Steigerung der Herzfrequenz und mit Zuckungen. Wird der gleiche Reiz mehrfach präsentiert, lässt diese Reaktion allmählich nach. Man spricht von "Habituation". Interessanterweise hält diese Habituationsreaktion bis zu 24 Stunden an; das Kind muss sich also irgendetwas "gemerkt" haben.
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Was für einfache Stimulierung gilt, trifft auch auf komplexe Reizmuster zu. So fanden Säuglingsforscher bereits in den 1980er Jahren heraus, dass Föten sich das Klangmuster ganzer Geschichten merken können. Wurden schwangere Mütter instruiert, die betreffenden Geschichten in den letzten Schwangerschaftswochen einmal am Tag laut vorzulesen, dann zeigten die Kinder unmittelbar nach der Geburt eine eindeutige Präferenz für ebendiese Geschichte gegenüber einer anderen.
Neugier und Regelmäßigkeit
Von Anfang an sind Babys neugierige Wesen. Ein Reiz, der bereits vollständig verarbeitet wurde, wird kaum noch beachtet und ruft nur noch minimale Zuwendung hervor. Erst wenn im Anschluss an eine Habituationsphase ein abweichender Reiz präsentiert wird, lässt sich erneut eine Orientierungsreaktion beobachten. Diese Fähigkeit, Reize zu verarbeiten und sich gezielt neuen Reizen zuzuwenden, ist nach aktuellem Forschungsstand ein wichtiger Hinweis auf die spätere Intelligenz.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein intelligentes Kind immer nur auf Neues reagiert. Wiederholungen und Routinen bieten Babys überhaupt erst die Möglichkeit, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die Welt als berechenbar zu erleben und Vorhersagen zu machen. Kleine Kinder profitieren von Stabilität im Alltag.
Angeborenes Kernwissen
Schon wenige Wochen nach der Geburt sind Kinder in der Lage, Lebewesen von unbelebten Objekten zu unterscheiden und scheinen dabei nicht nur auf äußere Merkmale zu achten: Während das Verhalten von Lebewesen bereits im ersten Lebensjahr als intentional und zielgerichtet verstanden wird, interpretieren Babys das "Verhalten" von unbelebten Gegenständen auf andere Weise - hier wenden sie Wissen über mechanische Kausalität an. So gehört es offensichtlich zu ihrem angeborenen Kernwissen, dass sich unbelebte Objekte normalerweise auf kontinuierlichen, linearen Pfaden bewegen, wenn keine externe Kraft auf sie einwirkt.
Wissen vermitteln und Imitationslernen
Weil menschliches Verhalten von besonderer Bedeutung für Babys ist, wird derzeit diskutiert, ob Kinder biologisch darauf vorbereitet sind zu merken, wann ein Gegenüber ihnen gezielt etwas beibringen möchte. Dies würde erklären, wie wir innerhalb kürzester Zeit ein hohes Maß an kulturellem Wissen aufbauen. Ab etwa einem Jahr verstehen Säuglinge, dass ein Erwachsener, der sie zunächst direkt anschaut und freundlich anspricht, um sich anschließend einem Gegenstand zuzuwenden, verallgemeinerbares Wissen über diesen Gegenstand vermitteln will.
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Ein sehr bedeutsamer Wissenserwerbsmechanismus der frühen Kindheit ist auch das Imitationslernen. Schon Neugeborene sind in der Lage, einfache mimische Gesten von anderen Menschen nachzuahmen. Bereits nach wenigen Wochen erweitert sich diese Fähigkeit auf komplexe körperliche Gesten. Auch im Umgang mit Objekten zeigen Säuglinge früh (ab Ende des ersten Lebensjahres) Imitationsverhalten.
Optimale Entwicklungsbedingungen
Säuglinge sind aufnahmefähige, neugierige Wesen, die auf Anregung durch ihre Umgebung angewiesen sind, um ihre geistige Leistungsfähigkeit voll entfalten zu können. Sie interessieren sich einerseits für alles Neue, andererseits suchen sie nach Regelmäßigkeiten und Vorhersagbarkeit. Erst in der Kombination finden sie optimale Entwicklungsbedingungen vor.
Vernachlässigung und Misshandlung
In der frühen Kindheit werden ohne jeden Zweifel wichtige Weichen für das spätere Leben gestellt. Wie wir zudem aus zahlreichen Studien wissen, haben es Menschen, die in dieser Phase vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden, schwer, später stabile Beziehungen einzugehen, in der Schule Erfolg zu haben, gesund zu bleiben und gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Ohne frühe positive Erfahrungen ist es auch kaum möglich, der nächsten Generation entsprechende Erfahrungen zu vermitteln.
Bedeutung stabiler Bezugspersonen
Dass das Fehlen einer stabilen Bezugsperson in der Säuglings- und Kleinkindzeit schicksalhafte Auswirkungen hat, postulierten bereits Forscher wie Sigmund Freud, Erik Erikson oder John Bowlby. Beispielsweise betonte Freud, dass die Mutter das erste und wichtigste Liebesobjekt jedes Menschen sei. Erikson baute auf Freuds Arbeiten auf und konstatierte, dass das Kind in seinen frühen Beziehungen zu Mutter und Vater lernt, ob es der Welt mit Urvertrauen oder Urmisstrauen begegnen soll, ob es optimistisch und mit innerer Stärke in die Zukunft blicken kann oder ob eher Skepsis und Vorsicht sein Handeln leiten sollten.
Auch Beobachtungen des Arztes René Spitz, der sich mit der Entwicklung von Heimkindern beschäftigt hat, belegen, dass gestörte Beziehungserfahrungen nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung eines Kindes haben können. Er stellte fest, dass Säuglinge, die körperlich ausreichend versorgt wurden, aber emotional vernachlässigt blieben, teilweise verstarben. Spitz schloss daraus, dass menschliche Nähe und Zuwendung für eine gesunde Entwicklung essenziell seien.
Rumänische Waisenkinder
Wie auch eine aktuelle, gut kontrollierte Längsschnittstudie bestätigt, entwickeln sich rumänische Waisenkinder, die innerhalb des ersten halben Jahres in eine Pflegefamilie vermittelt werden konnten, im Unterschied zu einer vergleichbaren Gruppe von Kindern, die im Heim blieben oder erst nach den ersten sechs Lebensmonaten in einer Pflegefamilie untergebracht werden konnten, hinsichtlich einer Vielzahl unterschiedlicher Parameter wesentlich besser. Dies zeigte sich nicht nur am Verhalten, sondern auch an der Gehirnentwicklung und -aktivität. Dabei gilt es zu beachten, dass die Betreuung in rumänischen Heimen weitgehend lieblos und ohne individuelle Zuwendung erfolgt, sodass die Kinder keine Bindung mit einer festen Bezugsperson aufbauen konnten.
Bindungstheorie
Die vergleichende Verhaltensforschung von John Bowlby weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Etablierung stabiler Beziehungen biologisch programmiert zu sein scheint und dass sowohl Tiere als auch Menschen ihrer Umwelt nur dann offen begegnen können, wenn sie die Rückendeckung eines vertrauten Bezugspartners spüren. Zwar gibt es keine überzeugenden Hinweise darauf, dass unmittelbar nach der Geburt eine biologische "Prägung" auf eine bestimmte Person (zum Beispiel die Mutter) stattfindet, aber es hat sich gezeigt, dass schon Neugeborene ihre Bezugsperson bereits wenige Tage nach der Geburt wiedererkennen können.
Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass Kinder im ersten halben Jahr lernen, primäre Bezugspersonen von anderen Menschen zu unterscheiden. Freuen sie sich mit drei bis vier Monaten noch über jeden Fremden, der sie anlächelt, und lassen sie sich von unterschiedlichsten Personen beruhigen, so zeigen die meisten Babys mit sieben bis neun Monaten eindeutige Vorlieben für die primären Bezugspersonen. Wie stark diese Tendenz ausgeprägt ist, hängt mit davon ab, in welchem Umfang das Kind im Alltag mit unterschiedlichen Menschen Kontakt hatte und ob seine Erfahrungen dabei bislang überwiegend positiv waren.
Soziales Umfeld und Interaktionsstil
Anders als Freud ursprünglich annahm, kann nicht nur die Mutter, sondern jede Person, die für das Kind sorgt, zum Bindungspartner werden. Auch scheinen Kleinkinder nicht darauf fixiert zu sein, Bindung nur zu einer einzigen Person aufzubauen, sondern gehen intensive Beziehungen zu einer Reihe von vertrauten Menschen in ihrer Umgebung ein. Babys müssen also nicht zwangsläufig einen Großteil ihrer Zeit bei der Mutter verbringen, um sich gut entwickeln zu können. Was sie faktisch brauchen, ist ein soziales Umfeld von Menschen, die sich feinfühlig und liebevoll um sie kümmern und zu denen sie Vertrauen aufbauen können.
Allerdings brauchen sie nicht bei jedem kleinsten Mucks des Kindes sofort zu springen. Wie Studien unter Verwendung von Video-Mikroanalysen dokumentieren, verursacht ein Erwachsener, der dem Kind buchstäblich jeden Wunsch von den Lippen abliest und immer sofort passend reagiert, sogar Stress beim Kind. In direkten Interaktionen dürfen sogenannte Matches (spiegelnde Antworten des Erwachsenen) ebenso vorkommen wie Mismatches. Wichtig ist nur, dass auf ein Mismatch kurze Zeit später wieder ein Interactive Repair folgt, sodass sich beide Interaktionspartner insgesamt gut verstehen.
Ist die primäre Bezugsperson nicht in der Lage, einen insgesamt positiven Interaktionsstil mit dem Kind zu etablieren, so kann sich dies langfristig nachteilig auf die Entwicklung des Kindes auswirken.
Frühkindliche Förderung und sensible Phasen
Das menschliche Gehirn entwickelt sich besonders in den ersten Lebensjahren rasant. Kinder sind in den ersten Lebensjahren meisterhafte Lerner und können innerhalb kürzester Zeit sogar mühelos zwei Sprachen erlernen. Dies liegt an der Lern- und Merkfähigkeit des menschlichen Gehirns und der raschen Aufnahmebereitschaft des Kindes.
In der modernen Hirnforschung zeigt sich, dass die Art und Weise der neuronalen Vernetzung in bestimmten Lebensabschnitten oder Entwicklungsphasen von Umwelteinflüssen abhängig ist. Ob Junge oder Mädchen, egal welcher Herkunft oder Hautfarbe: Die Gehirne aller Menschen auf der ganzen Welt ähneln sich weitestgehend. Jedes Gehirn ist allerdings auch einzigartig. Schon länger wissen wir um die individuelle Vernetzung der Nervenzellen.
Wiederholte oder stark emotionale Erfahrungen, die wir aus dem Zusammenspiel mit unserer Umwelt ziehen, führen zu neuronalen Vernetzungen, sprich sie werden im Gehirn fest verankert. Je nachdem wie es genutzt wird, wird es sich neuronal vernetzen. Was wir erleben, wie wir fühlen, was wir in die Hände nehmen, hören und schmecken - alle eintreffenden Reize und Wahrnehmungen führen zum Gehirn oder beginnen hier und legen sich als neuronale Verknüpfungen nieder. Durch diesen Trick zeigt sich der Mensch als flexibles und anpassungsfähiges Wesen bereits nach der Geburt.
Nur diejenigen Fähigkeiten, Fertigkeiten, die wieder und wieder genutzt werden, nur diejenigen, die intensiv beansprucht sind, werden verstärkt und weiter ausgebaut - alles andere verkümmert. Wiederholte Erfahrungen festigen demnach die synaptischen Verbindungen. Eine wunderbare Erkenntnis ist hierbei, dass die Erfahrungen, die wir mit positiven Emotionen, wie zum Beispiel Begeisterung, in Verbindung bringen, einen positiven Lerneffekt darstellen, der wie Dünger für Lernprozesse dient.
Sensible Phasen sind biologisch (genetisch) vorgegeben und auf verschiedene Reize, sogenannte Schlüsselreize, besonders sensibel. Das Gehirn ist hier in seiner Aufmerksamkeit scheinwerferartig auf bestimmte Bereiche ausgerichtet.
Beziehung, Fürsorge, Nähe und Geborgenheit
Vor jeder Idee einer Förderung steht die Beziehung, die Fürsorge, Nähe und Geborgenheit für Kinder. Kinder unter drei Jahren suchen die Nähe ihrer Bezugspersonen und wollen aus dieser Sicherheit heraus die Welt entdecken. Soll die Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung gelingen, brauchen Kinder Zuneigung, warme Worte, Feingefühl und Ermutigung. Diese Voraussetzungen sind vorrangig wichtiger, als das Gehirn auf Musik und eine zweite Sprache einzustellen. Kinder brauchen emotionale Sicherheit. Sie wollen durch ihre Bezugspersonen Kraft tanken, um sich ein Selbstbild aufzubauen, das getragen wird durch eigenes Handeln und unterstützt durch Selbstsicherheit, die Kinder nur dann finden, wenn Sie sich sicher gebunden fühlen.
Psychologische Forschungen haben ergeben, dass eine frühe emotionale Bindung des Säuglings zu einem oder mehreren Menschen die Basis für spätere Beziehungen ist: Ein Kind, das vor allem im ersten Lebensjahr keine festen Bindungen herstellen konnte, wird auch später in sozialer Hinsicht erheblich benachteiligt sein. Man kann davon ausgehen, dass eine intensive emotionale Beziehung nicht nur für die Ausbildung der Beziehungsfähigkeit bedeutsam ist, auch die gesamte Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt, wenn sie fehlt. Die ersten Lebensjahre sind also eine Phase der Grundlegung zwischenmenschlicher Bindungsfähigkeit.
Lernen ist lebenslang möglich
Es gibt jedoch auch Fähigkeiten, deren Aneignung nicht in die sensiblen Phasen fallen, man kann sie vielmehr permanent - während des ganzen Lebens - erlernen. Das soll heißen, dass Lernen nicht nur in einer bestimmten Phase des Lebens, zum Beispiel in der frühkindlichen, stattfindet, sondern Menschen im Allgemeinen ihr Leben lang lernen. Dabei wird im Gehirn nicht nur angebaut, sprich Neues dazugelernt, sondern auch stets umgebaut und angepasst. Das Gehirn ist plastisch, es ist ein Leben lang veränderbar und aufnahmefähig.
Sprachliche Entwicklung
Die Sprache hat ihre sensiblen Phasen und innerhalb dieser Zeitspanne lernen Kinder die Sprache, die sie hören, wie aus Zauberhand. In der sprachlichen Landschaft heißt Förderung gute Kommunikation, aufeinander bezogene Unterhaltung und Ermutigung vor Entmutigung. Wenn Eltern gemeinsam mit ihrem Kind den Austausch pflegen, ihren Umgang mit dem Säugling feinfühlig mit Worten, unterstützt durch Mimik und Gestik, begleiten, fordern sie die kognitiven Fähigkeiten des Kindes heraus.
Schon vom ersten Tage der Geburt treten Eltern und Kind in einen kommunikativen Austausch. Auch wenn dieser sich noch nicht vergleichen lässt mit der Muttersprache, die es zu erlernen gilt mit all ihren grammatikalischen Regeln, herrscht vom ersten Tag an Kommunikation. Der Säugling ruft nach seinen Eltern, um seine Bedürfnisse gestillt zu bekommen; es wird über Mimik, Gestik und Körperkontakt miteinander „gesprochen“. Vom Lallen und Brabbeln eines Babys bis hin zur Sprache benötigt es vor allem eine sprachlich anregende Umgebung. Denn dort, wo nicht gesprochen wird, gibt es auch keine Sprache zu lernen.
Wichtigkeit von Ruhe und Schlaf
Vor allem Ruhe und Schlaf sind für die Entwicklung eines gut balancierten Gehirns extrem wichtig. Während des Schlafes oder Ruhephasen erhalten die Nervenfasern eine Isolationsschicht, durch die Informationen schneller verarbeitet werden. Schlafentzug kann die Entwicklung von neuronalen Strukturen blockieren.
Bewegung und Sport
Ein weiterer wichtiger Entwicklungskatalysator stellt das natürliche Bewegen und Sport treiben dar. Bewegung aktiviert nicht nur das Muskelsystem, sondern den gesamten Stoffwechsel, vor allem den Hirnstoffwechsel. Kinder sollten sich sicher und angenommen fühlen, da Angst das Gehirn dabei blockieren kann, Neues zu erlernen.
Frühgeburt und ihre Auswirkungen
Jedes elfte Kind in Deutschland kommt als Frühchen zur Welt. Immer öfter überleben die Frühchen, auch immer jüngere Frühchen überleben. Doch was bedeutet ein derart "unreifer Start" für die spätere "Reife" - zum Beispiel in der Schule?
Erste Zwischenergebnisse von Langzeitstudien zeigen: Jedes 6. Frühchen ist geistig behindert oder leidet an der so genannten Zerebralparese. 75 Prozent konnten später in einer normalen Schule mithalten, wenn auch jedes dritte der Kinder einmal eine Klasse wiederholen musste.
Je kürzer eine Schwangerschaft, also die Zeit, in der sich der Organismus eines neuen Menschenkindes entwickeln kann, desto unreifer und damit gefährdeter ist er. In den ersten Stunden und Tagen nach einer frühen Frühgeburt droht vor allem Gefahr von der Lunge her.
Neben der Lunge ist das Gehirn das Organ, das mit Sorge betrachtet wird. Nach wie vor bekommt ein Drittel der Kinder, die vor der 27. Schwangerschaftswoche geboren werden, Hirnblutungen. Ein ungelöstes Problem. Je schwerer die Hirnblutung, desto dramatischer die körperlichen und geistigen Folgen.
Ein frühes Überleben hat seinen Preis. Nicht immer gelingt es, die Frühchen gesund und stark ins Leben zu schicken.
Die Epicure-Studie
Die britische Epicure-Studie hat alle Frühchen nachuntersucht, die 1995 mit 26 Schwangerschaftswochen und weniger auf Neonatalstationen in Großbritannien und Irland geboren wurden. Jetzt lässt sich über die Entwicklung in den ersten zehn Lebensjahren sagen: "40 Prozent der extrem Frühgeborenen hatten Lernbehinderungen gegenüber einem Prozent der 'Kontrollen' Es bedeutet, dass 40 Prozent dieser Kinder einen IQ unter 70 haben."
Dabei punkteten die ehemaligen Frühchen vor allem mit sprachlichen Fähigkeiten. Sobald sie jedoch logisch-abstrakte Aufgaben lösen sollten - beispielsweise geometrische Figuren neu zusammenlegen - scheiterten sie sehr schnell. Hier lagen ihre Leistungen oft unter ihrem Gesamt- IQ von 70.
Kritik am Kleinkind-Determinismus
Die Behauptung der Bindungstheorie und der Neurowissenschaft, der menschliche Charakter sei ab dem dritten Lebensjahr wie in Stein gemeißelt, ist falsch. Letztlich reagieren alle Menschen auf gleiche Stimuli unterschiedlich. Die Vorstellung, dass Erfahrungen als Kleinkind bei der Bestimmung, wer wir sind, wichtiger sind als spätere Erfahrungen, dominiert politische Debatten auf beiden Seiten des Atlantiks.
Psychologieprofessor Jerome Kagan betont, dass die Hälfte einer großen Zahl von Studien, die von Wissenschaftlern in verschiedenen Städten durchgeführt wurden, keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Feinfühligkeit der mütterlichen Fürsorge und der Sicherheit der kindlichen Bindung gefunden hat. Es gibt auch keine eindeutige Evidenz dafür, dass die Bindungsklassifizierungen im Zeitverlauf stabil bleiben.
Die emeritierten Psychologieprofessoren Ann und Alan Clarke sind zu ähnlichen Schlüssen gekommen wie Kagan: „Für die meisten Menschen sind die Einflüsse der Erfahrungen im frühen Lebensabschnitt nicht mehr als ein erster Schritt auf dem späteren Lebensweg.“ Abhängig von einer Vielfalt von Faktoren, darunter individuelle Eigenschaften, zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Faktoren, „mag solch ein Weg gerade oder kurvenreich, schrittweise vorwärts oder rückwärts oder schwankend verlaufen“.
Die Forschung hat weder eine Verbindung zwischen elterlicher Feinfühligkeit und Bindungstypen festgestellt noch hat sie gezeigt, dass es „kritische Perioden“ für die emotionale und soziale Entwicklung gibt. Menschen reagieren auf Erlebnisse in sehr unterschiedlicher Weise. Frühe traumatische Erfahrungen oder schwere Vernachlässigung können bei manchen langfristige schädliche Wirkungen haben. Die Gründe für diese negativen Auswirkungen können vielfältig sein - und stehen höchstwahrscheinlich mit Lebenserfahrungen und Beziehungen im späteren Leben in Zusammenhang. Es ist wahrscheinlich, dass unsere Familienbeziehungen eine große Rolle dabei spielen, uns zu formen - sie gehören schließlich zu den Beziehungen, die potentiell am längsten und dauerhaftesten sind.
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