Was wir sehen, hören und erleben, halten wir oft für die absolute Wahrheit. Doch unser Gehirn nimmt in Wirklichkeit nur einen Bruchteil der Informationen wahr und sortiert ständig aus, um ein für uns verständliches Gesamtbild zu formen. Dieser Artikel beleuchtet, warum das Gehirn bestimmte Informationen unterdrückt, insbesondere die visuelle Wahrnehmung der eigenen Nase.
Die Informationsflut und die selektive Wahrnehmung
Unser Gehirn wird jede Sekunde mit etwa 11 Millionen Bits an Informationen geflutet, was etwa 1,4 Megabyte entspricht. Davon verarbeitet unser Bewusstsein jedoch nur 40 bis 50 Bits. Der Rest wird, sofern überhaupt möglich, ins Unterbewusstsein verlagert. Diese selektive Wahrnehmung ist ein psychologisches Phänomen, bei dem unser Gehirn nur bestimmte Informationen, Aspekte und Faktoren aufnimmt, während andere ausgeblendet werden.
Diese Filterfunktion ist essenziell, um die Reizüberflutung zu bewältigen. Etwa ein Viertel unseres Gehirns ist ständig damit beschäftigt, Gesehenes zu selektieren. Im Zweifelsfall treffen wir Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen, da wir den Rest schlichtweg ausblenden.
Ein bekanntes Beispiel für selektive Wahrnehmung ist die "Aufmerksamkeitsblindheit". Dabei übersehen wir offensichtliche Dinge, weil unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes fokussiert ist.
Die Nase im Blickfeld - und doch unsichtbar
Ein alltägliches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist die eigene Nase. Sie befindet sich permanent in unserem Sichtfeld, wird aber vom Gehirn ausgeblendet, da sie als unwichtig für die Wahrnehmung der Umgebung eingestuft wird.
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Das Kuratorium Gutes Sehen erklärt, dass unsere Nase zwar tatsächlich in unserem Gesichtsfeld liegt und wir ihre Spitze bei Konzentration sogar erkennen können, das Gehirn sie aber dennoch ignoriert. Der Sehnerv übermittelt die Eindrücke an das Gehirn, welches aufgrund der Vielzahl an Informationen filtern muss. Dabei verfolgt es das Ziel, die Umgebung effizient zu erfassen und potenzielle Gefahren schnell zu erkennen. Da die Nase immer im Gesicht sitzt und keine relevanten Informationen liefert, blendet das Gehirn sie aus. Dies übernimmt der Assoziationskortex, welcher Muster erkennt, Eindrücke deutet und unwichtige Muster verbirgt.
Selektive Wahrnehmung: Schutzfunktion und Täuschung
Selektive Wahrnehmung hat eine wichtige Schutzfunktion, kann aber auch zu Täuschungen und Trugschlüssen führen. Die Anekdote des lydischen Königs Krösus, der das Orakel von Delphi befragte, illustriert dies. Das Orakel prophezeite ihm, dass er ein mächtiges Reich zerstören würde, wenn er gegen die Perser marschieren würde. Krösus interpretierte dies als Garantie für seinen Sieg, zog in den Krieg und verlor. Er hörte nur das, was er hören wollte, und wurde Opfer seiner subjektiven Wahrnehmung. "Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie WIR sind."
Manipulation durch Framing
Selektive Wahrnehmung kann auch bewusst beeinflusst werden, um Menschen zu manipulieren. Unterschiedliche Formulierungen lenken die Wahrnehmung und erzielen einen gewünschten Effekt. Ein Beispiel ist die Aussage: "Für den Urlaub sind 80 Prozent Sonnenschein gemeldet." Dies klingt vielversprechend, obwohl es auch bedeuten könnte, dass es an 20 Prozent der Zeit regnet.
Auch akute Gefühle spielen eine Rolle. Wer wütend ist, nimmt eher Dinge wahr, die ihn noch mehr aufregen. Wir sehen oft das, was wir erwarten, was zur selbsterfüllenden Prophezeiung führt.
Bestimmte Worte oder Reize können Assoziationen auslösen, um Wahrnehmung oder Kaufverhalten zu steuern. Ein Beispiel ist die Fragekette: "Welche Farbe hat Schnee? - Weiß. Welche Farbe hat der Schwan? - Weiß. Welche Farbe haben Wolken? - Weiß. Was trinkt die Kuh?" Viele antworten hier fälschlicherweise mit "Milch".
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Das Gorilla-Experiment: Ein Klassiker der selektiven Wahrnehmung
Ein bekanntes Experiment von Psychologie-Professor Daniel Simons, die "Monkey Business Illusion", demonstriert das Phänomen der selektiven Wahrnehmung eindrücklich. Die Probanden sollten zählen, wie oft ein Basketballteam den Ball hin- und herwirft. Währenddessen läuft eine Person im Gorilla-Kostüm durch das Bild. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer übersieht den Gorilla, da sie so auf die Ballspieler konzentriert sind.
Selbst wenn man das Video kennt und auf den Gorilla achtet, übersieht man möglicherweise andere Veränderungen im Bild. Dies zeigt, wie stark unsere Aufmerksamkeit unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Kann man selektive Wahrnehmung umgehen?
Es ist kaum möglich, selektive Wahrnehmung vollständig zu umgehen. Selbst große Aufmerksamkeit und ein sorgfältiger Blick können uns nicht davor bewahren, Informationen zu übersehen. Im Gegenteil: Je mehr wir uns auf eine Sache konzentrieren, desto eher verpassen wir andere Informationen.
Ein Experiment des britischen Psychologen Richard Wiseman bestätigte dies. Probanden sollten alle Fotos in einer Zeitung zählen, übersahen aber eine fette Überschrift auf der zweiten Seite mit dem Titel "In dieser Zeitung sind 43 Fotos abgebildet".
Wir können die selektive Wahrnehmung nicht komplett ausschalten, aber ihre Auswirkungen abmildern. Dabei helfen kritisches Denken, Selbstreflexion der eigenen Ansichten, das Einholen von Rat bei Familie, Freunden und unabhängigen Dritten sowie das aktive Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung.
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Optische Täuschungen und die Funktionsweise des Sehens
Optische Täuschungen entstehen, wenn unser Gehirn durch den Seheindruck etwas wahrnimmt, das nicht mit der objektiv messbaren Realität übereinstimmt. Dies liegt nicht an einem Problem mit den Augen, sondern an der Verarbeitung des Gesehenen im Gehirn.
Es gibt verschiedene Arten von optischen Täuschungen, darunter:
- Farbtäuschungen: Die Wahrnehmung einer Farbe hängt von den umgebenden Farben und den Lichtverhältnissen ab. Der Troxler-Effekt führt dazu, dass Farben am Rand des Blickfelds verblassen, wenn man sich länger auf einen Punkt in der Mitte konzentriert.
- Größentäuschung: Objekte gleicher Größe erscheinen unterschiedlich groß, abhängig von ihrer Anordnung im Raum.
- Bewegungsillusion: Bilder scheinen sich zu bewegen, obwohl sie stillstehen.
- Perspektivische Wechselwirkung: Ein Objekt erscheint abwechselnd im Vordergrund und Hintergrund.
- Visuelle Nachwirkung: Nach längerem Betrachten eines Objekts sieht man dessen Komplementärfarben auf einer hellen Fläche.
- Phantombilder: Mehrdeutige Darstellungen, die unterschiedlich interpretiert werden können.
- Unmögliche Objekte: Objekte, die nur zweidimensional existieren können.
Optische Täuschungen demonstrieren, wie unser Sehvorgang funktioniert. Das Gehirn gleicht Sinneseindrücke mit Erfahrungswerten ab und versucht, allen Dingen eine sinnvolle Bedeutung zu geben. Da das Gehirn schnell Entscheidungen treffen muss, kann es bei mehrdeutigen Darstellungen zu Fehlinterpretationen kommen.
Weitere Beispiele für selektive Wahrnehmung
- Der photische Niesreflex: Etwa 18 bis 35 Prozent der Menschen müssen niesen, wenn sie in helles Licht blicken. Die Ursache hierfür ist noch nicht vollständig geklärt, aber Wissenschaftler vermuten eine genetische Veranlagung und eine enge Lage des Sehnervs zum Nervus trigeminus.
- Die Hörwelt der Fledermäuse: Fledermäuse orientieren sich über Echoortung und kommunizieren mit Artgenossen im Ultraschallbereich. Sie filtern aus der permanenten Geräuschkulisse Laute heraus, die für die Kommunikation und Jagd wichtig sind.
Seh-Märchen und Fakten
Viele Irrtümer halten sich hartnäckig, wenn es um das Thema Sehen geht. Hier einige Beispiele:
- Sind Karotten gut für die Augen? Ja, sie enthalten Vitamin A, das wichtig für die Augengesundheit ist, aber eine ausgewogene Ernährung ist entscheidend.
- Macht viel Lesen die Augen schlecht? Nein, aber stundenlanges Lesen oder Arbeiten am Bildschirm kann zu "Bildschirm-Müdigkeit" führen. Regelmäßige Pausen und Entspannungsübungen helfen.
- Können Kontaktlinsen hinter die Augen rutschen? Nein, das ist anatomisch unmöglich.
- Kann eine Brille zu stark sein? Die Augen passen sich an die Gläser an. Wichtig ist, dass die Brille richtig angepasst ist und ein scharfes Sehen ermöglicht.