Spätestens seit der Industrialisierung betrachten wir Menschen uns gern als perfekte Denkmaschinen. Gefühle oder Emotionen werden meist als lästiges Überbleibsel aus der Steinzeit angesehen und nur in positiven Situationen oder im Entertainment geduldet. Denn was wäre beispielsweise ein Fußballspiel oder ein Film ohne Emotionen? Warum glauben wir, der Verstand zähle mehr als Emotionen? Weil er kontrollierbarer scheint! Denn wir Menschen haben gern alles unter Kontrolle. Emotionen aber sind nicht steuerbar, scheinen gar ein Eigenleben zu haben und werden zudem oft unbewusst verarbeitet. Und das hat einen guten Grund, den die Natur extra so eingerichtet hat. Wir sollen nämlich mit unseren Ressourcen ökonomisch umgehen. Emotionen sichern unser Überleben.
Emotionen sichern unser Überleben
Damit wir überleben richtete es die Natur so ein, dass wir mit Hilfe unserer Emotionen außerordentlich schnell reagieren können. In Bruchteilen von Sekunden nehmen unser Gehirn und unser Herz Informationen wahr, verarbeiten diese und lösen Aktionen aus. Und das schneller als wir denken können.
Zwei Beispiele:
- Wenn Sie über die Straße gehen und es kommt ein Auto angerast, springen Sie auf den Bürgersteig. Da bleibt keine Zeit mehr, die Situation rational zu erfassen und darüber nachzudenken, ob es besser ist, vor oder zurück zu laufen.
- Sportliche Höchstleistungen gelingen in der Regel nur, wenn sich ein entsprechender emotionaler Zustand einstellt. Profiläufer sprinten bereits Millisekunden nach dem Startschuss los. Bewusst ist der Knall aber erst hörbar, wenn sie schon unterwegs sind.
Die Neurowissenschaft weiß heute, dass Sensoren im Gehirn ständig nach emotionalen Botschaften aus der Umwelt spähen. Sie sind auch dafür verantwortlich, dass wir den Gefühlswert eines Wortes bereits 200 Millisekunden nachdem es gefallen ist, erfassen - lange bevor wir dessen Bedeutung verstandesmäßig begreifen oder über dessen Sinn nachdenken können. Auch in der Kommunikation spielen Emotionen also eine wesentliche Rolle. Und das ist natürlich besonders spannend.
Emotionen vs. Gefühle
António Damásio, US-Neurowissenschaftler von der University of Iowa, unterscheidet Gefühle und Emotionen. Bereits während der Schwangerschaft und folglich auch von Geburt an bewerten wir alle Erlebnisse als positiv oder negativ. Wir speichern diese in unseren Zellen und im Gehirn ab. So legen wir im Laufe unseres Lebens ein sogenanntes Erfahrungsgedächtnis in unserem Körper an. Eine Landkarte dessen, welche emotionalen Zustände wir anstreben und welche wir vermeiden wollen. Das bedeutet, Emotionen werden also als „somatische Marker“ gespeichert. Diese Marker sind körperliche Zustände, die einen entsprechenden Reiz benötigen, um ausgelöst zu werden. Und die dann wiederum ihrerseits chemische Prozesse im Körper anregen, wie die Produktion von Stress- oder Glückshormonen. Dieser Reiz kann durch äußere Situationen, aber auch durch innere Gedanken und unterbewusste Muster verursacht werden.
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Gefühle hingegen sind das bewusste Wahrnehmen dieser emotionalen Körperzustände. So lernen wir bestimmte Körperreaktionen mit Gefühlen zu verknüpfen. Beispielsweise wenn wir in einer Situation am liebsten reflexartig die Flucht ergreifen wollen, ist das das eine körperliche Reaktion. Nehmen wir diese Emotion bewusst wahr und gehen wir bewusst damit um, können wir das dazugehörige Gefühl benennen: beispielsweise Angst. Ein hoher Grad an emotionaler Intelligenz bedeutet nun, diese Vorgänge bewusst zu regulieren.
Emotionen sind Botschaften
Jede Emotion und jedes Gefühl birgt somit eine Botschaft. Klar, bei Freude wissen wir, dass es ein Zeichen dafür ist, dass uns etwas gefällt. Aber auch Trauer, Ärger, Frust, Stress oder Neid sind Botschafter. Sie zeigen uns, dass ein dahinter liegendes Bedürfnis nicht erfüllt ist. Und wenn wir ihre Nachricht verstehen, ist das enorm hilfreich für uns. Denn es hängt eng mit unserer körperlichen und psychischen Gesundheit zusammen. Jede Emotion geht also immer mit einer körperlichen Reaktion einher. Dieses Zusammenspiel zwischen unseren Gedanken, Emotionen und unserem Körper ist so faszinierend wie manchmal unergründlich.
Leider glauben wir oft, dem ausgeliefert zu sein. Wenn wir uns gruseln, stehen uns die Haare zu Berge. Wenn wir aufgeregt sind, haben wir weiche Knie. Wenn wir unter Druck stehen, verspannen sich Schulter- und Nackenmuskeln. Wenn wir nervös sind, wird uns flau im Magen. Wenn wir im Stress sind, steigt der Blutdruck. Aber auch, wenn wir erleichtert sind, eine Aufgabe erfolgreich gemeistert zu haben, reagiert unser Körper. Unsere Muskeln entspannen sich. Wenn wir gelassen sind, beruhigt sich unser Herzschlag und unsere Gedanken werden klarer. Die Kunst ist, sich selbst so zu regulieren, dass wir diese Zusammenhänge zu unserem Wohle beeinflussen können. Und hier spielt das Herz eine wesentliche Rolle.
Emotionale Intelligenz: Die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen
Wenn wir unsere Fähigkeit der emotionalen Intelligenz entwickeln, können wir diese Effekte selbst steuern und erlangen Freiheit. Emotionale Intelligenz (EI) ist ein Konzept, das die Fähigkeit beschreibt, Emotionen zu verstehen, zu steuern und effektiv einzusetzen. Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu nutzen. Sie umfasst fünf Hauptkomponenten: Selbstwahrnehmung, Selbstregulierung, Motivation, Empathie und soziale Fähigkeiten. Während der Intelligenzquotient (IQ) unsere kognitiven Fähigkeiten misst, ist der emotionale Quotient (EQ) ein Maß für unsere sozialen und emotionalen Kompetenzen.
Die fünf Hauptkomponenten der emotionalen Intelligenz
- Selbstwahrnehmung: Die Fähigkeit, eigene Emotionen, Stärken, Schwächen, Werte und Motive zu erkennen und zu verstehen. Gemeint ist das Erkennen und Akzeptieren der eigenen Gefühle. Es geht um das reelle Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, Motive und Ziele, sowie das Bewusstsein über die eigenen persönlichen Stärken und Schwächen.
- Selbstregulierung: Die Fähigkeit, eigene Emotionen und Impulse zu kontrollieren, besonders in stressigen oder herausfordernden Situationen. Bei der Fähigkeit, die eigenen Gefühle im inneren Dialog zu reflektieren und zielgerichtet zu beeinflussen, spricht man von Selbstregulation oder -steuerung. Es geht darum, die eigenen Gefühle so handhaben, dass sie der Situation angemessen sind.
- Motivation: Eine starke intrinsische Motivation, die über externe Anreize wie Geld oder Status hinausgeht. Aus eigenem Antrieb und ohne unmittelbare Ermutigung oder Zwang durch andere Personen eine Anstrengung zu beginnen und sorgfältig und konsequent bis zum Erreichen des gesetzten Ziels durchzuführen, ist die Fähigkeit der Selbstmotivation.
- Empathie: Die Fähigkeit, die Gefühle und Perspektiven anderer zu verstehen und in Entscheidungen zu berücksichtigen. Einfühlungsvermögen ist die Grundlage aller Menschenkenntnis und das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen. Es geht darum, Menschen in ihrem „Sein“ wahrzunehmen.
- Soziale Kompetenz: Die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, Netzwerke aufzubauen und andere zu beeinflussen. Um Kontakt zu Menschen zu knüpfen und um Beziehungen zu anderen Menschen dauerhaft zu gestalten, benötigt der Mensch soziale Kompetenz. Wichtig ist dazu einerseits die Kommunikationsfähigkeit, als auch ein gutes Beziehungs- und Konfliktmanagement. Soziale Kompetenz ist Voraussetzung für Beliebtheit, Wertschätzung und Integration in eine Gemeinschaft.
EQ vs. IQ
Lange Zeit galt der Intelligenzquotient (IQ) als wichtigster Maßstab für beruflichen Erfolg. Studien zufolge ist emotionale Intelligenz für 58 % der beruflichen Leistung verantwortlich. Zudem verfügen 90 % der Top-Performer:innen über einen hohen EQ. Im Gegensatz zum IQ, der ab dem frühen Erwachsenenalter weitgehend konstant bleibt, lässt sich emotionale Intelligenz gezielt ausbauen.
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Emotionale Intelligenz vs. soziale Intelligenz vs. Empathie
Die Konzepte emotionale Intelligenz, soziale Intelligenz und Empathie sind verwandt, aber nicht identisch. Soziale Intelligenz, teilweise inbegriffen als Komponente emotionaler Kompetenz, erlaubt soziale Situationen zu verstehen und entsprechend zu verhalten und zu kommunizieren. Sie fördert Beziehungen zu knüpfen und zu halten.
Gemeinsam bilden diese Kompetenzen die Grundlage für empathisches Verhalten, reflektiertes Handeln und eine stabile emotionale Selbststeuerung.
Emotionale Intelligenz im Gehirn
Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass emotionale Intelligenz stark mit bestimmten Gehirnregionen wie dem limbischen System und dem präfrontalen Kortex verknüpft ist.
Das Unglück was Phineas widerfahren ist, war aufschlussreich für die Wissenschaft. Phineas Gage wurde bei dem Unfall ein Teil seines Frontalhirns lädiert. Lebensnotwendige Hirnfunktionen wie Atmung und Blutdruck werden vom Hypothalamus gesteuert, der bei diesem Unglück nicht beschädigt wurde. Das Frontalhirn ist Teil des Großhirns. Hier sitzen die Funktionen für die Motorik und ist unter anderem zuständig für Überwachung und Analyse des Verhaltens. Im orbitofrontalen Kortex finden neurophysiologische Prozesse statt, die emotionale Prozesse und Persönlichkeit regulieren. Der dorsolaterale präfrontale Kortex ist für Problemlösung, Planung und Denken zuständig. Nicht umsonst wird dieser Teil des Gehirns auch das „Organ der Zivilisation“ genannt. Bei Erkrankungen des Frontalhirns, wie etwa Tumoren oder Infarkten, sind Psyche und Persönlichkeit betroffen. Phineas Gage war nicht mehr in der Lage angemessen mit seinem Umfeld zu interagieren.
Kann KI auch sozial kompetent sein?
Kinder und Jugendlicher lernen fast alle Soft-Skills die man später im Leben braucht und auch im späteren Leben lernt man nicht aus. Wenn Menschen so etwas lernen können, dann könnte eine Maschine so etwas doch auch, oder? Machine Learning ist die Grundlage, auf der fast jede künstliche Intelligenz (KI) basiert. Künstliche neuronale Netzwerke können trainiert werden, um Muster zu erkennen und diese später auf riesige, echte Datenmengen anwenden. Fast Jede und Jeder von uns hat bereits Berührungspunkte mit KI, wie zum Beispiel mit dem Sprachassistenten „Siri“. Ein sozial intelligenter Computer, oder auch Social Emotional Artificial Intelligence (SEAI), sollte in der Lage sein, in Echtzeit Informationen in sozialen Situationen zu erkennen und dementsprechend „menschlich“ zu reagieren. Menschlich bedeutet in diesem Zusammenhang aus Situationen zu lernen, sich eine Meinung zu bilden und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Dadurch soll ermöglicht werden, dass Mensch und Maschine produktiver zusammenarbeiten. Forschende arbeiteten daran einen intelligenten Chatbot (eine KI, die direkt mit Menschen über einen Chat kommunizieren kann) zu konstruieren, dass die KI das Gefühl des Users einordnen und entsprechend reagieren kann. Der Chatbot könnte zukünftig neben gängigen Aufgaben wie Kundensupport, auch dabei helfen, Stress und Depressionen bei Benutzerinnen und Benutzern zu lindern.
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Praxistipps: Emotionale Intelligenz: So lernen Sie Ihre Emotionen und Gefühle besser wahrzunehmen
Die emotionale Intelligenz lässt sich durch alltagsnahe Übungen und gezielte Trainingsprogramme stärken. Der Psychologe Richard Davidson vom Center for Healthy Minds zeigt in seinen Forschungen: Regelmäßige Achtsamkeitsübungen und emotionales Training bewirken messbare Veränderungen in den Hirnregionen, die für die Emotionsregulation zuständig sind.
Nehmen Sie sich täglich eine Auszeit: Halten Sie mindestens ein Mal am Tag für ein paar Minuten inne! Machen Sie gar nichts. Setzen Sie sich auf eine Parkbank oder wenn Sie sich im Zug oder Flugzeug befinden, lassen Sie Handy, Tablet oder Buch für einige Zeit in Ihrer Tasche und konzentrieren Sie sich auf sich. Nehmen Sie wahr, was im Moment in Ihnen passiert. Gefühle, Gedanken, körperliche Reaktionen. Nehmen Sie erst mal nur wahr. Versuchen Sie, nicht zu bewerten und bei unangenehmen Wahrnehmungen sofort aufzuhören, sondern noch einige Sekunden oder gar Minuten länger durchzuhalten und wertfrei zu beobachten.
Bodyscan - Ihr Körper ist Ihr Partner! Nehmen Sie sich nach dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen oder auch zwischendurch ein paar Minuten Zeit, um Kontakt zu Ihren Körper aufzunehmen. Bestenfalls legen Sie sich hin. Die Übung können Sie im Liegen, Stehen oder Sitzen durchführen. Aber Achtung: Im Liegen schlafen Sie wahrscheinlich schnell ein … Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Zehen des linken oder rechten Fußes. Beginnen Sie dort und scannen Sie dann in Gedanken Ihren Körper Stück für Stück ab. Gehen Sie von Körperteil zu Körperteil. Beobachten Sie nur. Es geht nicht darum, etwas zu verändern oder zu erreichen. Akzeptieren Sie, was Sie gerade wahrnehmen und werten Sie nicht. Wenn Sie zwischendurch mit Ihren Gedanken abschweifen, konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem und gehen dann wieder zu dem Körperteil zurück, bei dem Sie zuletzt waren.
- Die Wirkungen des Bodyscans:
- Sie werden sensibler für die Signale Ihres Körpers.
- Sie schärfen Ihr Bewusstsein für Ihre Bedürfnisse.
- Der Fokus auf Ihren Körper lässt Sie im Augenblick verweilen.
- Sie verbessern die Beziehung zwischen Gehirn, Geist, Körper und Verhalten.
- Sie entspannen sich.
- Sie trainieren Ihre Sinne.
- Die Wirkungen des Bodyscans:
Körperwahrnehmungen vertrauen: Ihr Körper ist ein feines Instrument und meldet sich in irgendeiner Form, wenn etwas nicht stimmig. Üben Sie sich darin, auch kleinste Impulse wahrzunehmen und spüren Sie in sich hinein.
Offenheit und Mut: Wenn Sie eine Emotion oder ein Gefühl wahrnehmen, seien Sie mutig es anzusehen, auch, wenn es Ihnen nicht gefällt. Es ist ja eh da. Ob Sie es zulassen oder nicht - Ihr Unterbewusstsein weiß letztlich alles. Versuchen Sie die Botschaft herauszufinden: Welches Bedürfnis steckt dahinter? Eins, das gerade erfüllt ist? Dann fühlen Sie sich wahrscheinlich gut. Oder eins, das eben gerade nicht erfüllt ist? Dann werden Sie sich wahrscheinlich eher unwohl fühlen.
- Übrigens: Ein Bedürfnis ist grundsätzlich nichts Negatives. Wenn Sie ärgerlich sind und würden sich gern an jemanden rächen, ist das kein Bedürfnis. Auch, wenn man umgangssprachlich gern sagt, dass man das Bedürfnis nach Rache habe.
Kritik an alternativen Intelligenztheorien
So beliebt die neuen Spielarten von Intelligenz auch sein mögen, vor allem von Seiten der Psychologen regt sich massive Kritik. Einige bemängeln, dass der Intelligenzbegriff zunehmend verwässert und unschärfer werde. Der amerikanische Psychologe Edwin A. Locke von der University of Maryland kritisiert beispielsweise, es sei vollkommen willkürlich, die verschiedensten Gewohnheiten und Fähigkeiten als intelligent zu bezeichnen. Ein gewichtiger Einwand ist auch, dass man bisher mit keinem Test die verschiedenen Spielarten von Klugheit verlässlich prüfen kann. Zwar haben etwa Peter Salovey und John Mayer einen Test entwickelt, um die emotionale Intelligenz zu messen. Er fragt unter anderem ab, wie gut man in der Lage ist, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Anders aber als bei klassischen Intelligenztestaufgaben gibt es beim Erkennen von Emotionen und dem Umgang mit ihnen keine eindeutig richtigen und falschen Antworten. Das ist problematisch, wie Detlef Rost anmerkt.
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