Das Gehirn bei Schüchternheit: Eine umfassende Betrachtung

Viele Menschen kennen das unangenehme Gefühl, wenn es darum geht, in einer Fremdsprache zu sprechen oder sich in sozialen Situationen zu behaupten. Die Angst, Fehler zu machen oder sich zu blamieren, kann lähmend wirken. Doch was steckt wirklich hinter der Schüchternheit, und wie beeinflusst sie unser Gehirn? Dieser Artikel beleuchtet die neurobiologischen Grundlagen von Schüchternheit, ihre Auswirkungen auf das Verhalten und mögliche Strategien, um sie zu überwinden.

Ursachen und Erscheinungsformen von Schüchternheit

Schüchternheit ist ein vielschichtiges Phänomen, das verschiedene Ursachen haben kann. Einige der häufigsten Gründe sind:

  • Angst vor Fehlern: Selbstbewusste Lernende machen sich Sorgen, sich durch auffällige Fehler zu blamieren. Wie wird die andere Person darauf reagieren? Mit einem Kommentar?
  • Unerfahrenheit: Gerade am Anfang fällt es schwer, Kontakte zu knüpfen. „Ich habe ja noch Zeit“, ist eine geläufige Ausrede, um das Sprechen zu umgehen.
  • Fehlende Kontakte: Besonders beim selbstständigen Erlernen von eher außergewöhnlichen Sprachen stoßen viele Lernende auf Schwierigkeiten bei der Suche eines Sprechpartners.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Fehler ein natürlicher Bestandteil des Lernprozesses sind und uns helfen, uns zu verbessern. Motivationssprüche können hilfreich sein, um sich Mut zu machen, aber es gibt kein allgemeingültiges Rezept, um Schüchternheit zu überwinden.

Die Rolle des Gehirns bei Emotionen und sozialer Interaktion

Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel hat sechs Grundemotionen identifiziert, die in allen Kulturen gleich sind: Angst, Trauer, Ärger, Ekel, Freude und Überraschung. Diese Emotionen erfüllen zwei biologische Funktionen: Sie ermöglichen es uns, auf äußere Reize angemessen zu reagieren (z. B. Fluchtreaktion) und regulieren unseren inneren Zustand. Gefühle entstehen durch die Aktivität von Zentren des limbischen Systems, die für die Befriedigung lebenswichtiger Bedürfnisse wie Schlafen, Hunger, Durst, Schmerz und Lust zuständig sind.

Unser bewusstes Ich hat nur begrenzten Einblick in die eigentlichen Antriebe unseres Verhaltens. Die unbewussten Vorgänge in unserem Gehirn wirken stärker auf die bewussten Vorgänge ein als umgekehrt. Genetisch oder bereits vorgeburtlich bedingte Charakterzüge machen knapp die Hälfte unserer Persönlichkeit aus. Hinzukommen Merkmale, die nach der Geburt und in den ersten drei bis fünf Jahren festgelegt werden. Besonders wichtig erscheint dabei die Interaktion mit den Bezugspersonen. Entsprechend können frühtraumatische Erlebnisse wie die Trennung von der Mutter, Vernachlässigung oder Missbrauch bleibende psychische Schäden hinterlassen.

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Spiegelneurone und Empathie

Vittorio Gallese, ein Neurophysiologe von der italienischen Universität Parma, hat den Mechanismus entdeckt, wie unser Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Er gilt zusammen mit Giacomo Rizzolatti als Entdecker der Spiegelneurone, einer neuen Gruppe von Nervenzellen. Wenn wir die Bewegung eines anderen beobachten, spiegeln diese Neuronen das Verhalten des Gegenübers. Ein Teil unseres Gehirns schwingt sozusagen mit dem Verhalten des Gegenübers mit.

Mittels bildgebender Verfahren wie der Kernspintomographie haben Wissenschaftler herausgefunden, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen. Spiegelneurone ermöglichen es uns, uns in andere hineinzuversetzen (Einfühlung). Sie überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen.

Schüchternheit und soziale Angst

Die Soziale Phobie ist eine extreme Form der Schüchternheit. Menschen mit einer Sozialphobie haben in Situationen Angst, in denen sie sich von ihren Mitmenschen kritisch betrachtet oder beobachtet fühlen. Sie vermeiden solche Situationen, was zu sozialer Isolation führen kann.

Die soziale Angststörung beginnt meist schleichend schon in der Kindheit oder Jugend. Am schlimmsten sind die sozialen Ängste zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr. Rund sieben Prozent der Bevölkerung sind von sozialer Phobie betroffen.

Hochsensibilität und Schüchternheit

Hochsensibilität (HS) bezeichnet ein Phänomen, bei dem die Betroffenen (HSP; engl. highly sensitive person) aufgrund ihrer empfindlichen Wahrnehmungsveranlagung Reize stärker als andere Menschen wahrnehmen und verarbeiten. Dazu kann beispielsweise Empfindlichkeit gegenüber lauten Geräuschen, Sonnenlicht, Gerüchen oder Kleidung zählen, wobei auch das innere Erleben einer HSP als intensiver beschrieben wird.

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Hochsensible Menschen sind oft introvertiert und ziehen eine übersichtliche Umgebung vor, in der ihnen Einschätzbarkeit und Vorhersehbarkeit ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Sie haben meist ein geringes Interesse an Wettbewerb und aggressiver Selbstbehauptung.

Die Vermutung eines Zusammenhangs zwischen Hochsensibilität und sozialen Ängsten oder der sozialen Phobie wird nahegelegt durch die erhöhte Vulnerabilität von hochsensiblen Persönlichkeiten gegenüber sozialen (Bedrohungs-)Reizen, wie etwa tatsächliche oder potentielle Kritik, Isolation, Demütigung und Zurückweisung. Soziale Situationen gehen mit einem hohen Maß an Intensität, Komplexität und Unvorhersehbarkeit einher, was bei Hochsensiblen viel schneller als bei Nicht-Hochsensiblen zu Überstimulation führt.

Strategien zur Überwindung von Schüchternheit

Es gibt verschiedene Strategien, die helfen können, Schüchternheit zu überwinden:

  • Sich der Angst stellen: Vermeidung verstärkt die Angst. Es ist wichtig, sich den gefürchteten Situationen zu stellen, um zu lernen, mit ihnen umzugehen.
  • Kleine Schritte machen: Beginnen Sie mit kleinen, überschaubaren Schritten und steigern Sie sich allmählich.
  • Fehler akzeptieren: Fehler sind menschlich und ein wichtiger Teil des Lernprozesses.
  • Selbstmitgefühl üben: Seien Sie freundlich und verständnisvoll mit sich selbst.
  • Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Freunden, Familie oder einem Therapeuten über Ihre Ängste.
  • Achtsamkeit üben: Achten Sie auf Ihre Gedanken und Gefühle, ohne sie zu bewerten.
  • Entspannungstechniken lernen: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen können helfen, Ängste abzubauen.
  • In die Kultur eintauchen: Je mehr man einer Sprache im Alltag begegnet, desto leichter fällt das Sprechen.
  • Angenehme Atmosphäre schaffen: Wem es schwerfällt, vor fremden Leuten zu sprechen, kann es helfen, eine angenehmere Atmosphäre zu wählen.

Dissoziative Identitätsstörung und Trauma

In manchen Fällen kann Schüchternheit mit tieferliegenden psychischen Problemen wie der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) zusammenhängen. Betroffene besitzen mindestens zwei, oft aber viel mehr Identitäten, zwischen denen sie meist unwillkürlich hin- und herwechseln. Dabei kommt es zu typischen Gedächtnislücken, da die eine Innenperson sich nicht daran erinnern kann, was die andere getan hat.

Eine dissoziative Identitätsstruktur geht aus seelischem Leid hervor, das Kindern bereits vor dem fünften Lebensjahr zugefügt wurde. Besonders schwer wiegen Erlebnisse, bei denen Bezugspersonen die Kleinen absichtlich verletzen. Solche frühkindlichen Misshandlungen haben eine ausgesprochene Zerstörungskraft.

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Angststörungen

Bei manchen Menschen nimmt die Furcht ein übersteigertes Ausmaß an. Dann spricht man von einer Angsterkrankung. Die wichtigsten Formen sind:

  • Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie
  • Generalisierte Angststörung
  • Soziale Angststörung
  • Spezifische Phobien

Eine unbehandelte Angststörung kann sich immer mehr verselbstständigen. Es kommt zur „Angst vor der Angst" (Erwartungsangst), und Angst auslösende Orte und Situationen werden vermieden. Als Folge ziehen sich die Betroffenen immer mehr aus dem Leben zurück.

Introversion vs. Extraversion

Die Begriffe Introversion und Extraversion wurden ursprünglich von dem Schweizer Psychiater C.G. Jung (1875 - 1961) begründet. Introvertierte und Extravertierte verarbeiten Außeneindrücke unterschiedlich. Ursache: Bei Introvertierten ist der Gehirnbereich für Lernen, Entscheiden usw. stärker aktiviert.

Introvertierte agieren bevorzugt sicherheitsorientiert, Extravertierte belohnungsorientiert. Das liegt bei den Introvertierten an einem empfindlicheren Mandelkern (= zuständig für die Gefahreneinschätzung) und bei den Extravertierten am Belohnungs- und Lustzentrum, welches stärker auf Umweltreize reagiert.

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