Gehirnerkrankungen und die Risiken beim Gewichtheben: Ein umfassender Überblick

Einführung

Gewichtheben ist eine Sportart, die Kraft, Technik und mentale Stärke vereint. Doch wie bei jeder intensiven körperlichen Betätigung birgt auch das Gewichtheben Risiken, insbesondere im Hinblick auf Gehirnerkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Gefahren, die mit Kopfverletzungen und Überlastungsschäden im Zusammenhang mit Gewichtheben einhergehen, und untersucht gleichzeitig die positiven Auswirkungen von Krafttraining auf die kognitive Gesundheit.

Kopfverletzungen im Gewichtheben: Ein unterschätztes Risiko

Kopfverletzungen, insbesondere Schädel-Hirn-Traumata (SHT), sind in vielen Sportarten ein bekanntes Problem. Obwohl Gewichtheben nicht primär als Kontaktsportart gilt, können Unfälle und Stürze dennoch zu SHT führen.

Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Ein SHT entsteht durch äußere Gewalteinwirkung auf den Kopf. Dies kann zu einer Schädelprellung oder einer Gehirnerschütterung führen.

  • Mechanismus: Durch einen linearen Anprall am Schädel können rotatorische Kräfte entstehen, die zu einem multifokalen diffusen axonalen Schaden in der weißen Hirnsubstanz führen.
  • Symptome: Typische Symptome einer Gehirnerschütterung (Concussion) sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Verwirrtheit und Erinnerungslücken.
  • Diagnostik: Die Diagnose erfolgt oft klinisch, z. B. mit dem SCAT 5 (Sport Concussion Assessment Tool). Eine Standard-MRT-Bildgebung des Gehirns zeigt definitionsgemäß keine strukturellen Auffälligkeiten.

Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE)

In den 1970er-Jahren entstand das Konzept der chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE). Der Neuropathologe Bennet Omalu fand ab 2002 bei Autopsien von Gehirnen verstorbener American-Football-Profis schwere Hirnschädigungen mit Tau-Proteinablagerungen und kortikaler und subkortikaler Atrophie entlang der geschädigten Nervenbahnen. Die Football-Profis entwickelten Aggressivität, Desorientierung, Depressionen bis hin zu Suizidalität, Bewegungsstörungen wie Parkinson und Demenz. Der Spielfilm „Concussion“ aus dem Jahr 2015 lenkte die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit auf das Problem der Kopfverletzungen bei Sportlern.

SHT als Risikofaktor für Alzheimer-Demenz

SHT stellen einen eigenen Risikofaktor für das Auftreten einer Alzheimer-Demenz dar. Abhängig von Schweregrad und Häufigkeit der SHT, der individuellen Vulnerabilität und häufiger bei Männern als bei Frauen kommt es über eine Verringerung der kognitiven Reserve zur Ablagerung von Beta-Amyloid und Tau-Proteinen mit Neurodegeneration.

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Nervenschäden durch Überlastung und Kompression

Neben akuten Verletzungen können im Gewichtheben auch chronische Nervenschäden auftreten.

Nervenkompression und -traktion

Bei akuten Sportverletzungen kann es zu Nervenkompressionen und Nerventraktionen kommen. Chronische Nervenschäden entstehen hingegen meist durch hochfrequente repetitive Bewegungen, oft als Folge des spezialisierten Trainings oder durch Muskelhypertrophie als sogenannte Überlastungsschäden und Engpass-Syndrome. Diese können entlang des gesamten Nervenverlaufs an Wurzel, Plexus und peripheren Nerven auftreten, wie z. B. das Engpass-Syndrom des Ulnaris- oder Medianusnerven am Handgelenk bei Radfahrern. Nur selten besteht eine Axonotmesis mit axonaler Schädigung bei Nervenkontinuität mit erhaltenen Hüllstrukturen.

Diagnose und Therapie

Mit der Elektromyoneurographie (EMG/NLG) kann zwischen einer demyelinisierenden und einer axonalen Schädigung unterschieden werden. Die Therapie umfasst bei Überlastungsschäden eine Änderung der Trainingsmodalität, ggf. eine Trainingspause.

Anabolika und ihre Auswirkungen auf das Gehirn

Anabolika lassen zwar den Körper kräftig erscheinen, können aber das Gehirn schneller altern lassen. Studien zeigen, dass Anabolikakonsumenten in kognitiven Tests schlechter abschneiden.

Studie der Universität Oslo

Eine Studie der Universität Oslo untersuchte 130 Gewichtheber mit prolongiertem anabolem Steroidkonsum (≥ 1 Jahresdosis) mittels kranialer Magnetresonanztomographie. Zum Vergleich dienten 99 Sportler der gleichen Disziplin ohne medikamentöse Nachhilfe. Dabei zeigte sich, dass die Gehirne der Anabolikakonsumenten erheblich vorgealtert waren.

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Konsequenzen für die Lebensqualität

Die festgestellten zerebralen Veränderungen könnten die Lebensqualität von Betroffenen erheblich vermindern, warnen die Studienautoren. Denn ein erhöhtes Gehirnalter ist mit einer verschlechterten kognitiven Funktion und einem größeren Risiko für verschiedene neurodegenerative Erkrankungen verbunden.

Positive Auswirkungen von Krafttraining auf die kognitive Gesundheit

Trotz der genannten Risiken gibt es auch überzeugende Beweise für die positiven Auswirkungen von Krafttraining auf die kognitive Gesundheit.

Stärkung der Hirnfunktion im Alter

Eine Studie der University of New South Wales, der University of Sydney und der University of Adelaide zeigte, dass über 55-Jährige mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen ihre Hirnfunktion mit Muskelaufbau stärken können. Teilnehmer, die Widerstandstraining absolvierten, wurden angewiesen, zwei Mal die Woche sechs Monate lang Gewichte mit einer Belastung von 80 Prozent zu heben.

Ergebnisse der SMART-Studie

Die Ergebnisse bekräftigten die Forschung des SMART (Study of Mental and Resistance Training)-trials. Anhand von MRT-Scans konnte bei Studienteilnehmern, die am Programm mit Gewichtheben teilnahmen, eine Vergrößerung bestimmter Hirnregionen festgestellt werden. Diese Veränderungen der Gehirnstrukturen seien auf die kognitiven Verbesserungen durch das Gewichte heben zurückzuführen.

Krafttraining gegen Alzheimer?

Krafttraining reduziert nachweislich die Bildung von Amyloid-Plaques, schädlichen Proteinen, die sich im Gehirn ansammeln und die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen. Die meisten Studien empfehlen, dass Sie insgesamt etwa 90 Minuten pro Woche in Krafttraining investieren, aufgeteilt in zwei bis drei Einheiten.

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Schlaganfallrisiko bei intensivem Training?

Eine neue Studie warnt davor, dass intensives Trainieren das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen kann. Die Halsschlagadern versorgen das Gehirn mit Blut. Durch eine ungesunde Ernährung können sich Fett, Cholesterin und andere Stoffe an den Innenwänden der Blutgefäße ansammeln, so auch in der Halsschlagader. Dadurch bildet sich Plaque und die Gefäße verengen. Es kommt zu einer Arterienverkalkung, der sogenannten Arteriosklerose.

Auswirkungen erhöhter Herzfrequenz

Die Simulation ergab, dass körperliche Aktivität für gesunde Personen und auch für solche, die nur leicht verkalkte Blutgefäße haben, von Vorteil ist. Das Training trägt zur Aufrechterhaltung einer gesunden Durchblutung bei. Bedenken zeigen die Forschenden jedoch bei Personen mit mittleren bis starken Stenosen: Die erhöhten Scherkräfte des Blutflusses können so intensiv auf die Engstellen einwirken, dass die Stenosen aufplatzen.

Empfehlungen

Damit das persönliche Fitnessprogramm gesundheitsförderlich bleibt, empfehlen die Wissenschaftler, vor intensiven Trainingseinheiten regelmäßig die Gesundheit der Arterien zu überprüfen.

Krafttraining bei Multipler Sklerose (MS)

Patienten mit einer Multiplen Sklerose (MS), die regelmäßig Krafttraining ausüben, könnten einer fortschreitenden Hirnatrophie entgegenwirken. Eine Studie der Aarhus University, der Southern University of Denmark und der Uniklinik Hamburg Eppendorf kam zu diesem Ergebnis.

Ergebnisse der Studie

Die Gehirne in der Interventionsgruppe zeigten nach sechs Monaten eine geringere Atrophie als die der Vergleichsgruppe. Nachdem auch die Vergleichsgruppe das Training aufnahm, war die Geschwindigkeit der Hirnatrophie in beiden Gruppen vergleichbar. Zwar verfehlten die Ergebnisse das Signifikanzniveau, doch der Trend zu einer langsameren Atrophie war in beiden Fällen vorhanden. Darüber hinaus zeigte sich in einer Vielzahl kleinerer Hirnareale eine Wachstumstendenz durch das Krafttraining.

Neuroprotektive Wirkung

Die Ergebnisse sprechen laut der Forscher für eine neuroprotektive Wirkung von Kraftsport bei MS-Patienten.

Auswirkungen auf die Psyche

Krafttraining hat nicht nur Auswirkungen auf den Körper, sondern auch auf die Psyche.

Neurotransmitter und Motivation

Der Neurotransmitter Dopamin steht im Zusammenhang mit der Motivationsregulation. Das beim Training ausgeschüttete Dopamin trägt dazu bei, dass man motiviert bleibt und sich dafür entscheidet, erneut eine Trainingseinheit durchzuführen, um die sportlichen Ziele zu erreichen. Außerdem ist der Neurotransmitter an der Langzeitpotenzierung im Hippocampus beteiligt und steigert die Regulation des Wachstumsfaktors BDNF, wodurch neue Neuronen, neuronale Nervenbahnen und Synapsen ausgebildet und verstärkt werden.

Kognitive Funktionen

Krafttraining hat bei gesunden älteren Menschen eine positive Wirkung auf die kognitiven Fähigkeiten, insbesondere treten Verbesserungen bei Gedächtnis-Aufgaben auf. Dem zu Grunde liegt die vermehrte Ausschüttung von Dopamin und des damit zusammenhängenden BDNF, wodurch neue Neuronen-Netzwerke ausgebildet oder Vorhandene verstärkt werden.

Reduzierung depressiver Symptome

Die Dopamin-Ausschüttung durch das Krafttraining spielt außerdem eine Rolle bei der Reduzierung von depressiven Symptomen, sowohl bei mental kranken als auch bei mental gesunden Menschen.

Stressreduktion

Durch das körperliche Training kommt es außerdem zu einer Reduzierung von Stress, sodass das Risiko von stressinduzierten Krankheiten wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen oder Verdauungsstörungen gesenkt werden kann. Ebenso kann regelmäßige sportliche Aktivität dazu beitragen, dass Stress besser toleriert wird.

Auswirkungen auf die Resilienz

Körperliches Training hat einen positiven Einfluss auf die Resilienz, das heißt die psychische Widerstandsfähigkeit, und die emotionale Intelligenz. Das Training hilft dabei, eigene Emotionen zu erkennen und sie zu beeinflussen und auch die Emotionen anderer Mitmenschen kennenzulernen.

Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und das Selbstbild

Studien zeigen, dass Krafttraining einen Einfluss auf das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl besitzt. So kann das Selbstbewusstsein sowohl bei jungen und alten gesunden Menschen, als auch bei Tumor-Patientinnen und Patientinnen mit Depressionen durch Krafttraining verbessert werden.

Auswirkungen auf psychische Krankheiten

Das Krafttraining nimmt Einfluss auf psychische Krankheiten, wie Depressionen oder Angstzustände. Dabei werden die Symptome reduziert und die Patientinnen erlangen mehr Lebensqualität zurück. Bei depressiven Patientinnen kann gezeigt werden, dass ein körperliches Training ähnlich gute Wirkungen erzielt wie die Behandlung mit Psychopharmaka. Auch die Schlafqualität von depressiven Patient*innen verbessert sich durch das Krafttraining.

Einfluss der Psyche auf das Krafttraining

Die Studie von (Reiser et al., 2011) zeigt, dass große Kraftzuwächse mithilfe der Kombination aus mentalem Training und Krafttraining möglich sind. Durch die Vorstellung der Ausführung der Übung und die Kontraktion des Muskels, kann eine bessere Verbindung zwischen Muskeln und Geist hergestellt werden, die im Training von Vorteil sein kann.

Krafttraining und die Muskeldysmorphie

Die betroffenen sporttreibenden Personen weisen unter anderem Verhaltensweisen wie wiederholtes und exzessives Gewichtheben, stundenlanges, fast tägliches Training oder spezifische Ernährungsgewohnheiten auf, die genau eingehalten werden (Hartmann et al., 2019). Außerdem gehen die Betroffenen trotz Verletzungen oder Erkrankungen zum Training und schenken anderen Dingen, wie Freizeitaktivitäten mit Freunden oder dem Job, neben dem Training weniger Beachtung. Hinzu kommt das Verstecken des eigenen Körpers unter weiter Kleidung oder das Vermeiden sich vor anderen umzukleiden. Zudem kommt es bei sporttreibenden Personen mit einer muskeldysmorphen Störung oft zu einem Anabolikagebrauch zur Unterstützung des Muskelaufbaus (Hartmann et al., 2019). Auch andere Substanzen, wie Diuretika, Schmerzmittel oder Clenbuterol kommen zum Einsatz, um die Form des Körpers zu verändern.

Burnout und Demenz: Wenn Muskeln schwinden, verliert auch unser Kopf an Kraft

Muskeln sind mehr als nur Kraftspeicher. Sie beeinflussen unsere Hormonlage, bremsen Stressreaktionen und wirken über sogenannte Myokine direkt auf das Gehirn. Wer seine Muskelmasse verliert, verliert damit auch ein Stück Schutz vor Erschöpfung, Überlastung und geistigem Abbau.

Sarkopenie: Ein stiller, aber folgenreicher Prozess

Die Sarkopenie, der natürliche Verlust von Muskelmasse sowie Kraft aufgrund von Alterung, angemerkt nach aktuellem Kenntnisstand eher altersassoziiert zu verstehen, setzt bereits früh und leise und dabei noch oft unbemerkt im Leben ein. Ab dem 25. Lebensjahr verlieren wir jährlich etwa 1 % Muskelmasse, wenn wir unserer Muskulatur keine Anforderungen stellen, diese zu erhalten. Dieser Prozess beschleunigt sich mit zunehmendem Lebensalter.

Bewegungsarmut, viszerales Fett und stille Entzündungen

Die heutige Lebensweise und technologische Entwicklung begünstigt Bewegungsmangel und einen sesshaften Lebensstil. Das Resultat: eine ungesunde und übermäßige Fettansammlung, vor allem sogenanntes gefährliches Bauchfett (viszerales Fett). Dieses Bauchfett ist metabolisch besonders aktiv, allerdings im negativen Sinn. Es setzt entzündungsfördernde Stoffe frei und begünstigt sogenannte stille, geringgradige Entzündungen („low-grade inflammation“).

Stress und Sitzen: Eine brandgefährliche Kombi

Besonders kritisch wird es, wenn chronischer Stress auf Bewegungsmangel trifft. Eine Situation, die im Berufsalltag unserer Moderne schon zur Normalität geworden ist.

Burnout: Wenn der Körper die Notbremse zieht

Burnout ist weit mehr als ein Erschöpfungssyndrom mentaler Natur. Es ist eine systemische Reaktion des Körpers auf andauernde Stressbelastung mit sehr tiefgreifenden biologischen Veränderungen, die bis in Muskeln, Gehirn und Immunsystem hineinwirken.

Demenz: Muskelverlust geht oft voraus

Demenz wird häufig als rein neurologische Erkrankung betrachtet - doch diese Sicht ist überholt. Zunehmend belegen Studien, dass der körperliche Zustand insbesondere die Muskelgesundheit eine zentrale Rolle in der Entstehung und im Verlauf neurodegenerativer Erkrankungen spielt.

Myokine: Die Botenstoffe der Muskeln

Besonders faszinierend ist die Rolle der sogenannten Myokine, hormonähnliche Signalstoffe, die von aktiver Muskulatur produziert werden. Diese Botenstoffe sind nicht nur lokal wirksam, sondern zirkulieren systemisch und beeinflussen verschiedenste Prozesse im Körper: entzündungshemmend, stoffwechselregulierend und neuroprotektiv.

Das richtige Training: Was Muskeln, Hirn und Psyche brauchen

Entscheidend ist nicht nur, dass man trainiert, sondern wie. Besonders wirksam ist ein strukturiertes, vielseitiges Trainingsprogramm, das folgende Komponenten verbindet: Krafttraining, Ausdauertraining und Koordinationstraining.

Ernährung: Entzündungshemmer auf dem Teller

Auch die Ernährung spielt eine zentrale Rolle in der Prävention von Muskelverlust, Erschöpfung und geistigem Abbau. Eine gezielte, entzündungshemmende Ernährung kann systemische Entzündungen reduzieren und die Muskel- und Gehirngesundheit nachhaltig stärken. Worauf es ankommt: Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und hochwertige Proteine.

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