In der Welt der Neurowissenschaften und Schlafmedizin gibt es eine Vielzahl faszinierender Phänomene, die unser Verständnis vom Gehirn und seinen Funktionen erweitern. Eines dieser Phänomene ist das Exploding Head Syndrom (EHS), eine Parasomnie, die durch das Wahrnehmen lauter Geräusche im Kopf vor dem Einschlafen oder beim Aufwachen gekennzeichnet ist. Doch das ist längst nicht alles, was unser Gehirn zu bieten hat. Von moralischen Entscheidungen, die ein komplexes Netzwerk von Hirnregionen aktivieren, bis hin zu Nahtoderfahrungen, die unser Verständnis von Bewusstsein und Tod herausfordern, gibt es noch viel zu entdecken. Dieser Artikel beleuchtet das Exploding Head Syndrom im Detail und wirft einen Blick auf andere spannende Bereiche der Hirnforschung.
Das Exploding Head Syndrom: Wenn der Kopf explodiert
Das Exploding Head Syndrom (EHS), gelegentlich auch als explodierendes Kopfsyndrom bezeichnet, ist eine Parasomnie, bei der Betroffene vor dem Einschlafen oder in der Nacht ein lautes Geräusch im Kopf wahrnehmen. Dieses Geräusch kann von Betroffenen zu Betroffenem ganz unterschiedlich ausfallen. Einige sprechen von der Akustik einer explodierenden Bombe, während andere es als Knall oder Knistern beschreiben. Neben dem Geräusch, welches nur im Kopf des Betroffenen stattfindet und teilweise sehr laut und auch alarmierend sein kann, beschreiben einige, dass zusätzlich Lichtblitze in Erscheinung treten.
Symptome und Erfahrungen
Die Geräusche, die im Rahmen des Exploding Head Syndroms in Erscheinung treten, können auf den Betroffenen erschreckend bis sehr stark beängstigend wirken. In der Regel ist eine Episode des Exploding Head Syndroms für den Betroffenen nicht mit Schmerzen verbunden. Wer unter dem Exploding Head Syndrom leidet, macht sich oft große Sorgen, dass eine ernsthafte Erkrankung wie ein Schlaganfall oder ein Hirntumor dahintersteckt. Was es schwer macht, ist die Unbekanntheit dieser sehr speziellen Parasomnie.
Die Wahrnehmung eines kurzen, explosiven Geräusches im Kopf während des Einschlafens oder Aufwachens kann von visuellen Erscheinungen in Form von Blitzen begleitet werden. Eine Episode dauert meist nicht mehr als eine Sekunde an. Während manche Betroffene das Ganze als Traumerscheinung abtun, verursacht es bei anderen Angst und Unruhe. Als Begleiterscheinungen wurden außerdem gleichzeitig auftretende Lichtblitze, ein plötzliches Stechen im Kopf oder Muskelzuckungen genannt. Aus diesem Grund wird das EHS nicht selten mit Kopfschmerzen oder Migräne verwechselt, obwohl es normalerweise schmerzfrei bleibt.
Neben der Angst vor dem Einschlafen leiden die Betroffenen selbstverständlich auch unter der Schlafbeeinträchtigung und der damit einhergehenden Leistungsminderung im Alltag.
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Ursachenforschung
Die Ursachen des Exploding Head Syndroms sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien, die versuchen, das Phänomen zu erklären:
- Verzögerte Aktivitätsabnahme in der Retikulärformation: Eine Theorie besagt, dass eine verzögerte Abnahme der Aktivität der Retikulärformation während des Wach-Schlaf-Übergangs zu einer kurzen Zunahme der Aktivität der sensorischen Neuronen führt. Es würde sich also um eine fälschliche Überaktivität der Hörneuronen handeln. Während die visuellen und motorischen Neuronen beim Einschlafen gehemmt werden, schalten die Hörneuronen nicht ab und feuern alle gleichzeitig. So entsteht im Kopf des Betroffenen die vermeintliche Explosion. Fahren auch die visuellen Neuronen nicht herunter, kann es zusätzlich zu den Lichterscheinungen kommen.
- Komplexe, partielle Krämpfe im Temporallappen des Gehirns.
- Plötzliche, unwillkürliche Bewegungen im Mittelohr.
- Eine falsch verlaufende Aufmerksamkeitsverarbeitung während des Schlaf-Wach-Übergangs, die zu einer veränderten Wahrnehmung externer auditiver oder visueller Reize führt.
- Anzeichen einer auftretenden Migräne.
- Nebenwirkungen durch den plötzlichen Entzug von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Benzodiazepinen.
- Eine Genmutation, die zu einer vorübergehenden Funktionsstörung des Kalziumkanals führt.
Häufigkeit
Während ältere Studienergebnisse darauf schließen ließen, das Exploding Head Syndrome betreffe vornehmlich Menschen ab 50 Jahren und im Besonderen Frauen, deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass die Parasomnie in allen Altersgruppen vertreten ist und allgemein viel häufiger auftritt, als man bisher angenommen hatte. So gaben in einer Studie der Washington State University aus dem Jahr 2015 18 % der 211 befragten Studenten an, das EHS schon einmal und immerhin 16,6 % bereits mehrere Episoden erlebt zu haben. Eine internationale Studie rund um Dan Denis vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston befragte 1683 Teilnehmer zu ihren Erfahrungen mit dem EHS. Davon gaben immerhin 29,59 % an, bereits einmal im Leben eine Episode durchgemacht zu haben, während knapp 4 % der Befragten von monatlich wiederkehrenden EHS-Episoden berichteten.
Diagnose und Behandlung
Das Exploding Head Syndrome wurde 2005 in die zweite Ausgabe der International Classification of Sleep Disorders (ICSD) aufgenommen und ist damit offiziell als Schlafstörung anerkannt. Anhand der folgenden drei Kriterien lässt sich laut ICSD das Exploding Head Syndrome diagnostizieren:
- Beschwerde über einen plötzlichen, lauten Ton im Kopf beim Erwachen oder während des Wach-Schlaf-Überganges.
- Plötzliche furchtsame Erregung direkt nach dem Ereignis, mitunter begleitet von einem Angstgefühl, erhöhtem Herzschlag, Schwitzen oder schnellem Atmen.
- Die Erfahrung löst keinen signifikanten Schmerz aus.
Isoliert betrachtet ist das Exploding Head Syndrome zwar nicht gefährlich, die Begleiterscheinungen können jedoch für die Betroffenen äußerst unangenehm sein. Eine einheitliche Therapie gibt es bislang nicht. Gewisse Medikamente können in manchen Patienten die Symptome lindern, sind aber kein Allheilmittel für alle Betroffenen. Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt zur Behandlung, die möglichen Ursachen anzugehen. Schlafen Sie zum Beispiel zu wenig, sollten Sie versuchen, Ihre Schlafhygiene zu verbessern und insgesamt die Schlafdauer zu verlängern. Könnte das Exploding Head Syndrome mit Stress in Verbindung stehen, kann es helfen, stressreduzierende Praktiken wie Meditation, Yoga oder Spaziergänge in den Alltag zu integrieren. Darüber hinaus sollte die Einnahme von schlafstörenden Substanzen wie Alkohol oder Drogen vermieden werden. Aus dokumentierten Fallberichten geht außerdem hervor, dass Aufklärung und Beschwichtigung der Patienten zur Besserung der Lage beitragen können. Denn nicht selten ist das Exploding Head Syndrome selbstlimitierend, das heißt, es verschwindet ohne therapeutische Maßnahmen wieder.
Moralische Entscheidungen und das Gehirn
Moralische Entscheidungen sind ein komplexer Prozess, an dem ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen beteiligt ist. Es gibt kein einzelnes "moralisches Zentrum" im Gehirn, auch exklusiv ethische Hirnareale scheinen nicht zu existieren. Die Hirnregionen, die bei moralisch relevanten Aufgaben rekrutiert werden, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die bei der Abschätzung sozialer Situationen oder dem Sichhineinversetzen in andere benötigt werden.
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Die Rolle des Stirnhirns
Der berühmte Fall von Phineas Gage, einem Eisenbahnarbeiter, dessen Stirnhirn durch einen Unfall beschädigt wurde, ist einer der ersten dokumentierten klinischen Belege, der einen fatalen Zusammenhang zwischen frontalen Hirnschädigungen und dem „Charakter“ einer Person mit den dazugehörigen moralischen Einstellungen zeigt: Funktionieren bestimmte Areale des Stirnhirns nicht wie sie sollten, kann das zu Impulsivität, Aggression und antisozialem Verhalten führen.
Neuronale Netzwerke und Emotionen
Bei moralischen Entscheidungen ist ein sehr großes, weit verteiltes Netzwerk beteiligt. Die entsprechenden cortikalen Areale sind bei fast allen moralischen Beschlüssen aktiv. Limbische Strukturen wie die Amygdala regen sich hingegen nur dann verstärkt, wenn uns die moralische Aufgabe emotional berührt.
Ethische Entscheidungen sind eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der man unter anderem soziale Regeln aufrufen und Handlungsalternativen im Arbeitsgedächtnis halten muss. Es scheint nicht einmal exklusiv auf ethische Beschlüsse spezialisierte Hirnregionen zu geben. So überschneide sich das neuronale Netzwerk für moralische Entscheidungen mit dem Netzwerk für die so genannte „Theory of Mind“, also für die Fähigkeit, Annahmen über das innere Erleben, also die Gefühle, Gedanken oder Absichten anderer Menschen zu entwickeln.
Hormone und Gene
Wie das Gehirn letztlich in Sachen Moral „tickt“, beeinflussen auch Hormone. Oxytocin beispielsweise stärkt prosoziales Verhalten, indem es etwa Empathie, Vertrauen und Bindung fördert. Doch auch das im Volksmund als Glückshormon bekannte Serotonin scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Menschen mit höherem Serotonin-Spiegel lehnen eher ein für ihre Mitmenschen schädliches Verhalten ab.
Zwillings-, Familien-, und Adoptionsstudien zufolge hat das Erbgut neben der Umwelt ein gewichtiges Wörtchen mitzureden bei moralisch relevantem Verhalten. So geht etwa eine häufige Veränderung im Gen für das Enzym Monoaminoxidase A, das unter anderem Serotonin abbaut, mit antisozialem Verhalten einher.
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Hirnschäden durch Explosionen
Explosionen können nicht nur zu physischen Verletzungen führen, sondern auch schwerwiegende Auswirkungen auf das Gehirn haben. Seit dem ersten Weltkrieg ist bekannt, dass Detonationen zu schweren psychischen Störungen führen. Shell Shock hieß das Phänomen früher, Kriegsneurose. Doch offensichtlich sind die Schäden nicht allein psychischer Natur.
Druckwellen und Vernarbungen
Bei Explosionen entstehen Druckwellen, die sich schneller als der Schall ausbreiten. Der Luftdruck steigt dabei schockartig und presst den Körper zusammen. In den Gehirnen von Soldaten, die Explosionen ausgesetzt gewesen waren, fanden Wissenschaftler vernarbte Astrogliazellen. Astroglia oder Astrozyten sind spinnenartig verzweigte Hirnzellen. Sie sind Teil der Blut-Hirn-Schranke. Zu ihren Aufgaben scheint es zu gehören, Neuronen zu versorgen und zu ernähren. Das Narbengewebe wurde nur bei diesen Gehirnen gefunden. Vernarbungen führen zu Veränderungen der Psyche.
Symptome und Folgen
Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ängste - viele Soldaten kehren mit diesen Symptomen aus einem Krieg zurück oder entwickeln sie Jahre nach ihrem Kampfeinsatz. Posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS oder in den englischen Variante PTSD, lautet dann die Diagnose.
Déjà-vu und Jamais-Vu: Wenn die Wahrnehmung verrückt spielt
Unser Gehirn spielt uns öfters mal einen Streich, zum Beispiel mit einem Déjà-vu. Wir glauben etwas bereits erlebt zu haben, auch wenn es gar nicht stimmt. Die meisten Menschen hatten schon einmal das Gefühl, etwas erlebt zu haben, aber sich einfach nicht an die Einzelheiten erinnern zu können.
Übersetzt bedeutet Jamais-Vu genau das Gegenteil zum Déjà-vu - "noch nie gesehen". Dabei fühlt sich etwas Vertrautes plötzlich neu und ungewohnt an. Die Erkenntnisse aus dem Jamais-Vu-Experiment könnten Forscher:innen helfen, Zwangsstörungen besser nachzuvollziehen.
"Jamais-Vu ist ein Signal dafür, dass irgendetwas zu automatisch, zu häufig, zu repetitiv geworden ist. Es hilft uns, uns aus unserer aktuellen Wahrnehmung auszuklinken, und das Gefühl der Unwirklichkeit ist eigentlich ein Realitätscheck", so die Forscher:innen.
Nahtoderfahrungen: Ein Blick in die Ewigkeit?
Von dem Phänomen Nahtoderfahrung (NTE) hast Du mit Sicherheit schon einmal gehört. Eigentlich sind es „Lebensenderfahrungen“, denn wenn diese Menschen z. B. nicht reanimiert worden wären, wären sie „drüben“ geblieben. Dann wär’ Ende im Gelände gewesen - zumindest in diesem Körper. Weltweit sind es über 50 Millionen, wobei die Dunkelziffer recht hoch ist.
Merkmale von Nahtoderfahrungen
- Das Erlebte lässt sich nur schwer in Worte fassen.
- Manche beschreiben, dass sie ihren Körper plötzlich verließen und zur Zimmerdecke schwebten und alles von oben betrachten konnten.
- Die Schmerzen verschwinden und tiefer Friede tritt ein.
- Es werden angenehme Töne oder schöne sphärische Klänge wie himmlische Musik gehört.
- Die Landschaft ist wunderschön, blauer Himmel, sanft geschwungene Hügel, Blumen.
- Man ist umgeben von anderen Wesen oder Menschen, die einem irgendwie bekannt vorkommen.
- Es erfolgt eine Lebensrückschau, in der man die Taten seines Lebens selbst beurteilt und bewertet und auch die Gefühle der anderen, die von seinen Taten mit betroffen waren, fühlt.
- Die Zeit ist stark gerafft.
- Das ganze Wisse steht in einem Augenblick zur Verfügung.
- Man muss sich entscheiden, ob man zurück ins Leben oder weiter in den Tod hineingehen will.
- Die Nahtoderfahrung verändert die Person und deren Sicht auf die Welt, das Leben, den Tod sowie den Sinn des Lebens völlig.
- Bei über 95 % der Betreffenden verschwindet die Angst vor dem Tod aufgrund der Nahtoderfahrung vollständig.
Emotionen und Schlaf: Wie das Gehirn Emotionen verarbeitet
Im Schlaf sortiert das Gehirn Emotionen, um sie zu verarbeiten. Wie das gelingt, haben Forschende aus Bern genauer untersucht, denn das Phänomen gibt immer noch Rätsel auf. Während des REM-Schlafs treten die meisten Träume mit intensiven emotionalen Inhalten auf. Die frontale Hirnrinde - der sogenannte präfrontale Kortex - verarbeitet viele dieser Emotionen während des Wachzustandes, scheint aber paradoxerweise während des REM-Schlafs ruhig zu sein.
Die Rolle der Dendriten
Bei Tieren ist es überlebenswichtig, Emotionen zu verarbeiten, insbesondere damit sie zwischen Gefahr und Sicherheit unterscheiden und Panikzustände vermeiden. Nervenzellen bestehen aus einem Zellkörper und Dendriten, feinsten plasmatischen Verästelungen, die über synaptische Verknüpfungen den Kontakt zu den anderen Nervenzellen herstellen. Bei den Mäusen (und wahrscheinlich auch den Menschen) war es so, dass die Zellkörper der Nervenzellen im REM-Schlaf deaktiviert werden, während ihre Dendriten aktiviert werden, eine Entkopplung: Die Zellkörper verweilen im Tiefschlaf, während die Dendriten im Wachzustand sind.
Und diese Entkopplung ist richtig wichtig: Die Dendriten unterscheiden zwischen Gefahr und Sicherheit. Wenn das Gehirn auf dieses Feuerwerk der Dendriten angemessen reagieren würde, würde es so manches Gefahren- und/oder Sicherheitssignal in Furcht übersetzen. So aber werden die Impulse nicht weitergeleitet, denn die Zellkörper sind ja deaktiviert.
Synästhesie: Wenn die Sinne verschmelzen
Der Begriff Synästhesie bedeutet so viel wie „mitempfinden, zugleich wahrnehmen“. Sinneswahrnehmungen, die normalerweise getrennt voneinander auftreten, sind bei diesem Phänomen auf unerwartete Weise aneinandergekoppelt. Ein bestimmter Reiz spricht nicht nur den Sinn an, der für ihn zuständig ist, sondern (mindestens) einen weiteren. Es entstehen Wahrnehmungskombinationen.
Das heißt im Detail: Normalerweise reagiert beispielsweise der Geruchssinn auf einen olfaktorischen Reiz, etwa eine duftende Blume oder frische Brötchen. Das Gehör wiederum nimmt Lärm oder eine Fahrradklingel wahr. Menschen mit Synästhesie riechen Gerüche oder hören Töne aber nicht nur, sie können sie auch „sehen“ oder „schmecken“.
Medizinerinnen und Mediziner schätzen, dass Synästhesie mindestens vier bis fünf Prozent der Bevölkerung betrifft.
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