Die Frage nach der Existenz des freien Willens beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Haben wir einen freien Willen? Können wir unser Verhalten bewusst kontrollieren? In den letzten Jahrzehnten hat die Neurowissenschaft neue Erkenntnisse gewonnen, die diese Debatte neu entfachen. Neurowissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass unsere Handlungen nicht durch bewusste Entscheidungen, sondern durch unbewusste Gehirnprozesse eingeleitet werden. Das Gehirn „entscheidet“ sich für eine Handlung, bevor der bewusste Wille dazu existiert. Diese These hat heftige Kontroversen ausgelöst.
Die neurowissenschaftliche Perspektive
Die neurowissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass unserem bewussten Erleben von Entscheidungen unbewusste Prozesse im Gehirn vorausgehen.
Das Libet-Experiment
Als Beginn der neurowissenschaftlichen Beschäftigung mit dem freien Willen gilt ein Experiment, das der Physiologe Benjamin Libet in den 1980er-Jahren durchgeführt hat. Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet (1916-2007) bat Versuchspersonen, auf deren Kopf er Elektroden angebracht hatte, zu einem willkürlich gewählten Zeitpunkt eine Hand zu bewegen. Libet bat Testpersonen, einen im Kreis wandernden Lichtpunkt zu beobachten und an einer von ihnen selbst gewählten Position des Punktes zu beschließen, die Hand zu heben. Die von den Elektroden aufgezeichneten Aktivitätsschwankungen zeigten ein so genanntes Bereitschaftspotenzial an, das schon rund eine halbe Sekunde vor der willkürlichen Handbewegung auftrat. Libets Messungen ergaben, dass die Entscheidung bereits gefallen war, ehe die Probanden die Hand hoben - 0,2 Sekunden vorher. Schon eine Sekunde vor der Bewegung konnte Libet zudem einen Anstieg elektrischer Hirnströme messen. Dieses sogenannte Bereitschaftspotenzial steigt im Vorfeld einer Bewegung immer an. Doch den Probanden wurde ihre Absicht, die Hand zu rühren, laut einer parallel laufenden Zeitmessung erst eine Viertelsekunde vor der Ausführung bewusst. Daraus schloss Libet, dass das Gehirn den Entschluss zur Handbewegung bereits gefasst hatte, bevor dieser ins Bewusstsein trat. Das schien zu besagen: Unbewusste Hirnprozesse trafen die Entscheidung.
Haynes' Forschung
Nach neueren Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beginnt die unbewusste Vorbereitung von Entscheidungen sogar noch früher. 2013 legte der Neurologe John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin Versuchspersonen in einen fMRT-Scanner und ließ ihnen die freie Wahl, zwei Zahlen entweder zu addieren oder zu subtrahieren. Haynes kann aus Hirnmustern circa zehn Sekunden vor einer Aktion ablesen, ob Versuchspersonen eine linke oder eine rechte Taste drücken werden. Und mit fast 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit kann er vier Sekunden vorher voraussagen, ob jemand zwei Zahlen addieren oder subtrahieren wird. Aus den neuralen Aktivitätsmustern ließ sich schon ganze vier Sekunden, bevor den Probanden ihre Entscheidung bewusst wurde, vorhersagen, welchen Rechenweg sie einschlagen würden. Kürzlich fand Haynes auch heraus, dass seine Versuchspersonen diese unbewussten Prozesse ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr bewusst beeinflussen konnten. Wieder lieferten ihm Hirnmuster die Vorlage. Damit konnte er vorhersagen, dass Versuchspersonen in einigen Sekunden einen Knopf drücken würden. Obwohl sie dazu angehalten wurden, konnten sie die Aktion unmittelbar vor dem Ende dieser Zeitspanne nicht mehr stoppen. Eine halbe Sekunde vor dem Ende der Vorbereitungsphase einer Aktion lässt diese sich offenbar nicht mehr beeinflussen. Nur vorher bliebe Zeit dafür, sie bewusst zu kontrollieren.
Interpretation der Ergebnisse
„Unsere Entscheidungen sind, lange bevor unser Bewusstsein ins Spiel kommt, unbewusst vorherbestimmt", kommentierte Haynes 2008 in der Zeitschrift "New Scientist" und fügte hinzu: "Anscheinend trifft das Gehirn die Entscheidung vor der Person." Diese Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass unsere Entscheidungen durch unbewusste Gehirnprozesse determiniert sind und unser bewusster Wille lediglich eine Illusion ist. Allerdings lag dabei die Trefferquote noch nicht sehr hoch - nur bei 60 Prozent, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature Neuroscience" schreiben. Die Vorhersage sei möglich, weil sich anbahnende Entscheidungen Stoffwechselvorgänge im Gehirn auslösen. Mit Hilfe eines Kernspintomografen konnten die Forscher beobachten, wie viel Sauerstoff in einzelnen Bereichen des Gehirns verbraucht wird. Dort, wo das Gehirn aktiviert wird, steigt der Sauerstoffverbrauch. "Gedanken sind wiederum kodiert in räumlichen Aktivierungsmustern", erklärte Haynes. Eine Software erkannte die Muster und ermöglichte Rückschlüsse auf die Entscheidungen der Menschen.
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Kritik und alternative Perspektiven
Die Schlussfolgerung, dass der freie Wille eine Illusion ist, ist jedoch nicht unumstritten. Es gibt eine Reihe von Kritikpunkten und alternativen Interpretationen der neurowissenschaftlichen Ergebnisse.
Methodologische Einwände
Es gab viel Kritik an der Methode von Libet, bemängelt wurde vor allem die Alltagsferne des Experiments. Manche Wissenschaftler hatten bezweifelt, dass sich ein Unterschied von nur einigen hundert Millisekunden sicher messen lässt. Kritiker wenden zum Beispiel ein, dass das Bereitschaftspotenzial ohnehin ständig in einem bestimmten Rhythmus steigt und sinkt und deshalb gar nicht der Grund für die Entscheidung zum Heben der Hand sein könne. Das Bereitschaftspotenzial löse die Bewegung nicht aus, vielmehr mache es sie in einer bestimmten Phase seiner Wellenbewegung lediglich wahrscheinlicher.
Die Rolle des bewussten Willens
Der Philosoph Alfred R. Mele von der Florida State University in Tallahassee, ich und andere halten die Folgerung, der freie Willen sei eine Fata Morgana, für einen Fehlschluss. Bewusste Planung entspricht dem, was wir landläufig mit freiem Willen meinen. Stopp! Nicht so schnell! Die schon vier Sekunden vor dem bewussten Willenserlebnis auftretende Hirnaktivität ist wohl eher ein Indiz für eine unbewusste Vorentscheidung in der einen oder anderen Richtung. Hirnprozesse können unsere Entscheidung nicht schon vier Sekunden vor der Ausführung ein für alle Mal festlegen, denn wir sind offenbar fähig, auf eine veränderte Situation in viel kürzerer Zeit zu reagieren. Andernfalls wären wir alle längst im Straßenverkehr umgekommen! Ganz im Gegenteil bereitet uns die unbewusste Nerventätigkeit offenbar auf das Handeln in Entscheidungssituationen vor, indem sie uns veranlasst, unser Verhalten bewusst zu steuern und an überraschende Situationen anzupassen.
Das "Veto-Signal"
Am University College in London versucht auch Patrick Haggard zu verstehen, wie Handlungen kontrolliert werden, die bereits eingeleitet sind. Dabei geht er jedoch anders vor als John-Dylan Haynes. Haggard bezieht sich auf Situationen, die jeder aus eigener Erfahrung kennt: Man ist wütend und steht kurz davor, etwas Unvernünftiges zu tun - und tut es dann doch nicht. Eine Hirnregion namens Dorsomedialer Frontaler Cortex war besonders stark aktiv, wenn die Versuchsperson eine vorbereitete Handlung wieder abbrach, viel stärker als wenn sie sie zu Ende führte. Sie gehört nicht zu den klassischen Regionen, in denen Willenshandlungen normalerweise eingeleitet werden. Sie ist auch nicht die Quelle des Bereitschaftspotenzials. Wir glauben daher, dass diese Region daran beteiligt ist zu überprüfen, ob wir eine Handlung wirklich ausführen wollen. Ein kurzes Signal aus dem Dorsomedialen Frontalen Cortex, Haggard nennt seinen Fund das "Veto-Signal". Ist das vielleicht der "freie Wille"? „Es gibt eine Art Veto, aber das ist ein "Gehirn-Veto". Es handelt sich um einen Hirnprozess, nicht um den Einfluss einer übernatürlichen Seele. Wir besitzen einfach ein weiteres System innerhalb des Gehirns, das unsere Handlungen bewertet, überwacht und anpasst. Kontrolle und Hemmung wären demnach elementar ins Gehirn eingebaut.
Die Bedeutung des Glaubens an den freien Willen
Nicht thematisiert wurde bislang jedoch die Frage: Hat es für uns Vorteile, an einen freien Willen zu glauben? Die Forscher Kathleen Vohs und Jonathan Schooler behaupten, dass wir tatsächlich wohl daran täten, den Glauben an die menschliche Willensfreiheit nicht aufzugeben. Vohs und Schooler argumentieren, dass ein Verlust dieses Glaubens negative Folgen für unser Sozialverhalten haben könnte. Denn wenn unsere Handlungen scheinbar durch Faktoren bestimmt werden, die wir nicht bewusst kontrollieren können, verlieren wir damit die Verantwortung für unser eigenes Verhalten. Die Annahme, dass Willensfreiheit nicht existiert, könnte so als Entschuldigung dafür dienen, sich unmoralisch zu verhalten, glauben die Forscher. Personen, die zuvor davon überzeugt worden waren, dass das menschliche Verhalten determiniert ist, schummelten deutlich häufiger als Teilnehmer, die einen neutralen Text erhalten hatten. Die Personen, denen zuvor Argumente gegen den freien Willen präsentiert worden waren, nahmen sich wiederum mehr Geld als alle anderen Teilnehmergruppen. Sie sprachen sich höhere Belohnungen zu, als ihnen eigentlich zustanden - und verhielten sich dadurch tatsächlich unmoralisch. Der freie Wille mag also eine Illusion des Menschen sein, aber er scheint auch eine nützliche Illusion zu sein. Der Glaube daran, dass wir uns frei für Ehrlichkeit entscheiden können, hilft uns offenbar dabei, uns auch ehrlich zu verhalten.
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Die philosophische Perspektive
Die philosophische Debatte über den freien Willen ist komplex und vielfältig. Es gibt verschiedene Positionen, die sich grob in drei Kategorien einteilen lassen:
- Determinismus: Diese Position besagt, dass alle Ereignisse, einschließlich unserer Entscheidungen, durch vorherige Ursachen determiniert sind. Es gibt keinen freien Willen.
- Libertarismus: Diese Position besagt, dass wir einen freien Willen haben und dass unsere Entscheidungen nicht vollständig durch vorherige Ursachen determiniert sind.
- Kompatibilismus: Diese Position versucht, Determinismus und freien Willen miteinander zu vereinbaren. Sie argumentiert, dass wir auch dann einen freien Willen haben können, wenn unsere Entscheidungen durch vorherige Ursachen beeinflusst werden.
Definitionssache
„Sapolsky und Mitchell meinen unterschiedliche Dinge, wenn sie vom freien Willen sprechen. Deshalb müssen wir meiner Meinung nach erst einmal definieren, was ein ,Wille‘ überhaupt ist und was wir unter ,frei‘ verstehen“, sagt Herwig Baier. „Einen Willen haben zwangsläufig alle Lebewesen, weil sie Absichten haben: Sie lösen Aufgaben, um am Leben zu bleiben und sich zu vermehren. Das unterscheidet lebendige von toter Materie. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen Lebewesen etwas wollen, zum Beispiel Nährstoffe zu sich nehmen, Paarungspartner finden und überhaupt: günstige Lebensbedingungen suchen und ungünstige vermeiden.“
Implikationen für Recht und Gesellschaft
Die Frage nach dem freien Willen hat wichtige Implikationen für unser Rechtssystem und unsere Gesellschaft. Wenn wir keinen freien Willen haben, wie können wir Menschen dann für ihre Taten verantwortlich machen?
Schuld und Strafe
Die Diskussion über einen freien Willen ließe sich als Streit in der Forschung und intellektuelle Fingerübung der Philosophie abtun, hätte sie nicht durchaus praktische Konsequenzen. Robert Sapolsky, der die Existenz eines freien Willens leugnet, folgert daraus, dass dies Konsequenzen für die Rechtsprechung haben sollte. Kann ein Mensch grundsätzlich nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden, dann muss die Justiz dies Sapolskys Ansicht nach bei der Strafbemessung berücksichtigen - ein Gerichtsurteil kann keine persönliche Schuld feststellen, denn diese gibt es nicht. Umgekehrt sollten Wohlverhalten und Leistung viel weniger oder überhaupt nicht belohnt werden.
Verantwortung und Autonomie
Herwig Baier ist da anderer Meinung. Seiner Ansicht nach ergibt es durchaus Sinn, Menschen für ihr Tun zur Verantwortung zu ziehen: „Das Ahnden von Gesetzesübertretungen dient vor allem der Abschreckung. Ein Rechtssystem muss von der Autonomie des Individuums ausgehen, selbst wenn diese eine Illusion ist.“ Denn genau diese abschreckende Wirkung funktioniert dann wie einer der äußeren Faktoren, welche die Entscheidung eines Menschen im Uhrenladen beeinflussen und ihn vom Diebstahl abhalten.
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