Unser Bauchgefühl sagt uns, dass persönliche Begegnungen stärkere Bindungen schaffen als digitale Interaktionen. Doch warum ist das so? Welche Auswirkungen hat dies auf Live-Online-Seminare? Und welche Rolle spielt Oxytocin, das sogenannte Bindungshormon? Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Gehirn, Gefühlen und der Nutzung von Bildschirmen, insbesondere im Hinblick auf Kinder und Jugendliche.
Was ist Oxytocin?
Oxytocin ist ein Hormon und Neurotransmitter, das vor allem durch zwischenmenschlichen Kontakt, körperliche Nähe und positive soziale Interaktionen freigesetzt wird. Es verstärkt das Gefühl von Zugehörigkeit, baut Vertrauen auf und reduziert Angst sowie Stress. Daher wird es oft als "Kuschelhormon" oder "Bindungshormon" bezeichnet.
Oxytocin in Präsenzseminaren
In klassischen Präsenzseminaren entsteht Oxytocin typischerweise durch:
- Direktes Miteinander
- Körpersprache, Augenkontakt, Händeschütteln oder Umarmungen
- Unmittelbaren nonverbalen Austausch und spontane emotionale Reaktionen
Das Gefühl echter Zuwendung, also das Gefühl, vom Gegenüber wirklich gesehen und akzeptiert zu werden, erhöht nachweislich die Oxytocin-Ausschüttung - und damit das Erleben von Verbundenheit und Vertrauen.
Lernen im digitalen Zeitalter: Online vs. Präsenz
Die Frage, ob Teilnehmer in einem Online-Seminar schlechter lernen als in einem Präsenzseminar, lässt sich nicht pauschal beantworten. Drei Aspekte sind hierbei zu berücksichtigen:
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Die Relevanz von Oxytocin für den Lernerfolg
Oxytocin hat grundsätzlich eine Relevanz für den Lernerfolg. Studien belegen, dass bei Videokonferenzen die neuronale Aktivität im Vergleich zu persönlichen Begegnungen deutlich reduziert ist. Die Verarbeitung von Gesichtern über Bildschirme erfolgt weniger intensiv, und die für soziale Bindungen verantwortlichen Gehirnregionen werden schwächer aktiviert. Oxytocin wird zwar ausgeschüttet, erreicht aber nicht die Intensität von Präsenzveranstaltungen.
Empathie ist nicht monolithisch
Unser Gehirn hat mehrere unabhängige Wege entwickelt, um Empathie zu erzeugen: Spiegelneuronen, Dopamin, Serotonin und die sogenannte kognitive Empathie. Oxytocin ist eher ein "Verstärker" als ein "Ein-Aus-Schalter" für Empathie.
Förderung der Oxytocin-Ausschüttung im digitalen Raum
Auch im digitalen Raum kann eine Oxytocin-Ausschüttung gefördert werden. Dies erfordert jedoch Aufwand und entsprechende Vorüberlegungen:
- Unterstützen Sie die Oxytocin-Ausschüttung mit Live-Interaktionen statt Aufzeichnungen.
- Schaffen Sie intimere Gesprächssituationen in Breakout-Räumen, um persönliche Verbindungen zu fördern.
- Sorgen Sie für eine optimale Audio-Video-Qualität, um die Gesichtserkennung und die emotionale Verbindung zu stärken.
- Lassen Sie gezielten Raum für persönliche Geschichten, um das Empathie-Zentrum im Gehirn zu aktivieren.
- Üben Sie gemeinsam, synchron, um Gefühle der Verbundenheit zu erzeugen.
Präsenz oder Online?
Wenn es sich um das Lernen von reinem Faktenwissen handelt (z.B. Vokabeln), ist der Effekt von Oxytocin laut aktueller Forschung uneindeutig oder gering - hier spielen andere Faktoren (wie Aufmerksamkeit und Wiederholung) eine wichtigere Rolle. Hingegen werden sozial-emotionales Lernen, Empathie, Kooperationsfähigkeit, Vertrauensaufbau und Soft Skills über Oxytocin und dessen Wirkung im limbischen System messbar unterstützt.
Die Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche
Seit Kurzem kommen die ersten deutlichen Warnungen von Kinderärzten im Hinblick darauf, wie der Smartphone-Gebrauch von Eltern das Bindungs- und Spielverhalten kleiner Kinder beeinflusst. Beides ist die Grundlage für psychische Gesundheit und emotionale, soziale und kognitive Bildung, und jede einschneidende Störung hat Folgen für die weitere Entwicklung. Experten raten dringend, die Gewohnheiten im Umgang mit digitalen Medien im Sinne eines guten Aufwachsens der Kinder so weit wie möglich umzustellen.
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Die Bedürfnisse von Kindern im Fokus
Zu Beginn der Entwicklung eines Kindes müssen natürlich die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen. Damit Kinder in den ersten zwei Jahren eine sichere Bindung zur primären Bezugsperson aufbauen können, benötigen sie die ungestörte Aufmerksamkeit, den feinfühligen Umgang und die weitgehende Anwesenheit dieser Person. Ist die Aufmerksamkeit der Bezugsperson immer wieder abgezogen durch die vollkommene Konzentration auf ein digitales Medium, reagieren die meisten Kinder verstört darauf. Wenn die Eltern jedoch dazu übergehen, ihrem kleinen Kind das hoch interessante Ding zum Spielen zu überlassen, ist es ruhig und zufrieden. Passiert das häufig und langzeitig, wird das Kind in seiner Entwicklung in mehrfacher Hinsicht beeinträchtigt. Die biologisch angelegten Lernprozesse werden gestört, die kognitive und soziale Entwicklung ist eingeschränkt. Des Weiteren besteht die Gefahr, später Suchtverhalten zu entwickeln.
Die senso-motorische Phase
Bei kleinen Kindern wird Lernen ausschließlich über die Bewegung und das sensorische Empfinden in Gang gesetzt. Die ersten zwei Jahre werden deshalb auch als senso-motorische Phase bezeichnet. Darüber werden die Milliarden Gehirnzellen und die einzelnen Bereiche im Gehirn nach und nach miteinander verknüpft, so dass in der Folge gegen Ende des zweiten Lebensjahres Denken möglich ist. Vorher ist Denken und Handeln dasselbe.
Wird die Bewegungslust durch ein solch faszinierendes Spielzeug nicht mehr empfunden, kommen die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens nicht oder zu wenig zum Einsatz. Mit den ständigen Bewegungen dieser Phase und den damit einhergehenden sensorischen Erfahrungen erfährt das Kind die dingliche Welt und die räumliche Realität. Das kann vor Bildschirmen nicht geschehen. Das Kind erlebt nur eine Abstraktion der dinglichen Welt, die es bis ins Grundschulalter hinein nicht verarbeiten kann. Denn was es sieht, ist flächig; man kann es nicht anfassen, nicht schmecken, nicht riechen, nicht ertasten.
Die Bedeutung der Bewegung
Die Bewegung spielt bis weit ins Grundschulalter hinein eine wesentliche Rolle für die gesamte Entwicklung, denn sie ist auch die Grundlage für das Körperempfinden und damit für das Selbstwirksamkeitsempfinden. Besonders in den ersten Jahren entwickelt das Kind über die Erfahrung, die es mit seinem Körper macht, ein Bild von seinen eigenen Fähigkeiten, d.h. was es kann oder was nicht gelingt, also von seiner Leistungsfähigkeit insgesamt. Auch die Feinmotorik bewirkt die Ausbildung von speziellen Strukturen im Stirnhirn; deshalb ist zuerst das feinmotorische Erkunden der Umwelt und später das Malen, und in der Grundschule das Schreiben mit der Hand so wichtig. Wird dies durch das ausschließliche Antippen von Tasten oder dauerndes Wischen ersetzt, bleiben diese Strukturen unterentwickelt.
Auswirkungen auf die Hirnstruktur
Bei hohem Nutzungsverhalten werden laut Studien die Hirnbereiche, die mit Sprache und dem Erlernen von Schreiben und Lesen verbunden sind, weniger strukturiert, d.h. die Dichte der Neuronen ist geringer. Ebenso stellten die Forscher eine geringere Myelinisierung in diesen Bereichen fest. Die digitalen Medien passen also in den so wichtigen senso-motorischen Entwicklungsrahmen der ersten Jahre nicht hinein. Gibt es durch eine häufige Nutzung digitaler Medien zu viele Störungen, führt das zur Einschränkung in der gesamten Entwicklung.
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Das Belohnungssystem
Im Gehirn löst das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen ein Reizbombardement aus, das auf das Stammhirn (unteres limbisches System) niedergeht. Es trifft in erster Linie das Belohnungssystem, das bei kleinen Kindern durch einen häufigen Gebrauch digitaler Medien völlig überdreht. Bestimmte Module reifen dann zu schnell und unzulänglich. Wichtige Teilbereiche des Stirnhirns können sich nicht voll entfalten. Bei Klein- und Grundschul-Kindern ist das Stirnhirn noch nicht so weit ausgebildet, dass es die notwendige Kontrolle über Belohnungsreize ausüben kann.
Der verkürzte Weg ins Belohnungszentrum
Der digitale Sinnesreiz schießt sich jedoch auf verkürztem Weg direkt ins Belohnungszentrum des limbischen Systems (Ausschüttung von Dopamin) und trickst den zum Lernen notwendigen Weg über den Hippocampus und den Gedächtnisspeicher im Großhirn aus. Wenn kleine Kinder das Smartphone der Eltern zur Ruhigstellung bekommen, wirkt dieses Feuerwerk besonders stark.
Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung
Die Einschränkungen in der Entwicklung durch den Suchtfaktor werden verstärkt durch die Tatsache, dass wir Menschen (Männer mehr als Frauen) immer neugierig auf Dinge sind, die sich bewegen. Ein Tablet oder Smartphone mit bewegten Bildern zieht kleine Kinder so heftig an, dass Ritterburgen und Spielfiguren an Attraktivität verlieren. Denn da muss das Kind jede Figur bewegen, sich im Kopf eine Handlung ausdenken, während auf digitalen Medien alles automatisch abläuft. Es gibt kein Training im Denken wie beim selbst gesteuerten Spiel. Das Kind muss auch keine Willenskraft aufwenden, um etwas zu erreichen. Dann spürt es auch die positiven Gefühle über das Erreichte nicht, so dass seine natürliche Leistungsbereitschaft zurück geht.
Soziale Interaktion und Selbstkontrolle
Das soziale Denken und Verstehen ist in der Vorschulzeit erst im Aufbau, so dass Störungen von außen langfristige Folgen haben können. In den ersten zwei Jahren läuft das soziale Handeln nur über die Gefühlsansteckung. Erst zwischen 2 und 3 Jahren kommt die Kognition dazu. Es ist die Zeit, wo sich das ichbezogene Denken aufgliedert und die Kinder mühsam lernen, sich in den anderen hinein zu versetzen. Das Denken ist am Anfang total ichbezogen und die Gefühlsansteckung hilft dem Kind, hin und wieder doch sozial zu handeln. Mit ca. 3 Jahren wird die Gefühlsansteckung durch das beginnende soziale Denken und Verstehen ergänzt. Dann wird das Spiel mit anderen Kindern besonders wichtig, weil das soziale Lernen am Beginn über das bewusste gemeinsame Spiel in Gang kommt: Beim Rollenspiel schlüpfen die Kinder in verschiedene Rollen und üben dabei unbewusst, sich in die andere Rolle hinein zu versetzen. So sind sie immer aktiv, laufen und springen herum, bewegen Spielsachen und reden ununterbrochen. Das ist die natürliche Form des sozialen Lernens, die bei allen Kinder auf der Welt von ganz allein funktioniert. Auch die sprachliche und die kognitive Entwicklung wird durch diese Spiele vorangetrieben.
Die Selbstkontrolle als wichtiger Aspekt des sozialen Lernens ist ebenso auf die direkte Gruppeninteraktion angewiesen. Diese wichtige Fähigkeit wird in der Vorschulzeit ab dem 4. Lebensjahr möglich, wenn die Kinder immer wieder beim gemeinsamen Spielen, Singen und Basteln lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen, sich also selbst zu kontrollieren. Diese Entwicklung dauert mehr als drei Jahre.
Konsequenzen für Kitas
Es gibt keinen den Kindern nutzenden Grund, in der Kita digitalen Medien einzusetzen. Auch die als "Haus der kleinen Forscher" hervorgehobenen, mit digitalen Medien arbeitenden Kitas mit ihren begrenzten Medienzeiten ziehen diese von den entwicklungsfördernden Aktivitäten der Kinder ab. Hinzu kommt, dass Aktionen mit digitalen Medien die meisten Kinder faszinieren, so dass sie davon ferngehalten werden müssten. Des Weiteren kann von Vorschulkindern noch kein realistisches Verständnis für ihre Umwelt erwartet werden. Die Vorschulkinder sind dementsprechend neurobiologisch noch gar nicht in der Lage, Medienkompetenz zu entwickeln. Deshalb empfehlen alle wirtschaftsunabhängigen Experten, Kindern erst mit 12 Jahren digitale Medien selbstverantwortlich zu überlassen. Das bedeutet, in Kitas sollten keine digitalen Medien eingesetzt werden.
Die Rolle der Eltern
Da sich derzeit die ganze Gesellschaft in einem Rausch der digitalen Möglichkeiten befindet, ist es jedoch schwer, die Kinder davor zu schützen. Kitas können zwar digitale Medien verbannen, es bleibt jedoch der starke Einfluss durch die Eltern. Hier könnten ErzieherInnen einen Elternabend nutzen, um die Problematik zu vermitteln. Eltern müssten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Wenn sie selbst ständig das Smartphone in der Hand haben, können sie dies den Kindern nicht ausreden. Dann sind sie unglaubwürdig und die Kinder lernen, dass das Smartphone einen besonderen Wert hat. Eltern sollten immer nur kurz dem Kind auf dem digitalen Medium etwas zeigen; das Gerät jedoch nicht aus der Hand geben.
Wie wirken digitale Medien auf das Gehirn und die Psyche von Erwachsenen und Kindern?
Neurowissenschaftler sind sich einig: Jedes Erlebnis, jede Information, die wir aufnehmen, verändert unser Gehirn. Synapsen werden neu verschaltet, Nervenbahnen gestärkt oder abgebaut. Experten sprechen hier von Plastizität - der Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Anforderungen anzupassen.
Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit
In Experimenten mit Eye-Tracking und EEG-Messungen zeigt sich, wie stark schon einfache Signale - etwa ein Handy-Klingeln - die Aufmerksamkeit unterbrechen. Während eine Aufgabe gelöst werden soll, reicht ein kurzer Ton, um das Gehirn aus der Spur zu bringen. Die Folge: langsamere Reaktionen und mehr Fehler.
Multitasking
Das Gehirn passt sich den Anforderungen an, die wir ihm stellen. Rufen wir ständig neue Reize ab - Likes, Nachrichten, kurze Videos -, entsteht ein neuronales Wegenetz, das auf Schnelligkeit statt Tiefe ausgelegt ist. Häufig genutzte Verbindungen werden zu "Datenautobahnen", während selten genutzte Wege verkümmern. Das tiefe Eintauchen in komplexe Inhalte fällt uns dann immer schwerer.
Unser Gehirn ist nicht in der Lage, mehrere komplexe Aufgaben gleichzeitig vollständig zu verarbeiten. Jede Unterbrechung zwingt das Gehirn, das "Task-Set" zu wechseln - ein Prozess, der nicht nur Zeit frisst, sondern auch fehleranfällig ist. Multitasking kann die kognitive Leistungsfähigkeit langfristig senken und die Fähigkeit, längere Zeit fokussiert zu bleiben, beeinträchtigen.
Stress
Multitasking suggeriert Produktivität, erzeugt aber vor allem eines: Stress. Das liegt daran, dass das Gehirn bei jedem Aufgabenwechsel neu fokussieren muss. Dieser ständige Moduswechsel aktiviert das Stresshormon Cortisol.
Die ständige Verfügbarkeit des Smartphones
Selbst wenn wir das Smartphone nicht aktiv nutzen, beansprucht es unbewusst Ressourcen. Das Gehirn reserviert Kapazitäten, um auf mögliche Signale des Handys zu reagieren. Dahinter steckt ein uralter Mechanismus: unser Belohnungssystem. Jedes Mal, wenn wir eine Benachrichtigung erhalten oder positive Rückmeldung bekommen, schüttet das Gehirn Dopamin aus. Social Media imitiert diese Mechanismen künstlich: Jedes Like, jeder neue Follower ist ein kleiner "digitaler Jackpot".
Neurochemische Veränderungen
Studien zeigen, dass sich durch exzessive Nutzung von Smartphones und Social Media neurochemische Prozesse verändern. Bei sogenannten "Heavy Usern" wurden veränderte Mengenverhältnisse von Neurotransmittern wie Dopamin und GABA nachgewiesen - ein Muster, das auch bei Suchterkrankungen vorkommt.
Veränderungen in der Hirnstruktur
Bildgebende Verfahren wie MRTs liefern Hinweise darauf, dass exzessive Smartphone-Nutzung nicht nur Verhalten, sondern auch die Anatomie des Gehirns verändert. Studien berichten von einer Reduktion der grauen Substanz im präfrontalen Cortex - dem Bereich, der für Selbstkontrolle und rationales Entscheiden zuständig ist. Dieser Effekt ähnelt dem, was man bei Menschen mit Substanzabhängigkeiten sieht.
Auswirkungen auf Jugendliche
Bei Jugendlichen ist die Gefahr besonders groß: Ihr präfrontaler Cortex ist noch nicht vollständig ausgereift. Das bedeutet, dass die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, ohnehin eingeschränkt ist. Digitale Belohnungen sind zu schnell. Während beim klassischen Lernen ein neues Wissen über den Hippocampus in den Langzeitspeicher gelangt, schießen Social-Media-Reize direkt ins Belohnungszentrum. Das Gehirn verknüpft den Klick, nicht die Anstrengung. Langfristig schwächt das die Fähigkeit, Geduld und Ausdauer beim Lernen aufzubringen.
Computerspielsucht und Social-Media-Sucht
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits Computerspielsucht als Krankheit anerkannt. Expertinnen und Experten warnen, dass ähnliche Mechanismen auch bei Social Media wirken.
Empfehlungen für den Umgang mit digitalen Medien
- Kein Handy im Bett.
- Bücher statt endloser Feeds: Lesen auf Papier trainiert Konzentration und Tiefenverständnis.
- Nicht wahllos durch Feeds scrollen, sondern aktiv entscheiden, welche Inhalte man sehen möchte.
Auswirkungen auf das Lesen
Wer digitale Texte konsumiert, liest anders als beim klassischen Buch. Gedruckte Bücher fördern das sogenannte Deep Reading - ein langsames, konzentriertes Eintauchen in einen Text, das kritisches Denken, Analyse und Empathie anregt. Auf Bildschirmen dagegen ist die Standardstrategie das Scannen: Wir überfliegen Texte, suchen nach Schlüsselwörtern, klicken auf Links. Wer fast nur noch digital liest, trainiert neuronale Netze, die schnelles Erfassen begünstigen, während die Netzwerke für tiefes, reflektiertes Lesen verkümmern.
Psychische Probleme
Der exzessive Gebrauch von Smartphones kann nicht nur Suchtverhalten fördern, sondern steht zunehmend auch unter Verdacht, psychische Probleme zu verstärken. Depressionen, Angstzustände und Stresssymptome treten besonders häufig in Zusammenhang mit intensiver Social-Media-Nutzung auf.
Fear of Missing Out (FOMO) und Doomscrolling
Die permanente Verfügbarkeit digitaler Inhalte sorgt dafür, dass wir "nichts verpassen" wollen. Diese Fear of Missing Out (FOMO) treibt viele dazu, ständig aufs Handy zu schauen - selbst nachts. Ein weiteres Phänomen ist das sogenannte Doomscrolling - das ständige Konsumieren schlechter Nachrichten. Dieser Dauerbeschuss mit Krisenmeldungen führt nicht nur zu einer pessimistischen Grundstimmung, sondern beeinträchtigt nachweislich Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen.
Das Smartphone und seine Auswirkungen auf das Gehirn von Kindern
Smartphones sind aus dem Alltag nicht wegzudenken - auch für Kinder. Ob Spiele, Social Media oder Chats mit Freundinnen und Freunden: Für viele Kids ist das Handy ein ständiger Begleiter.
Gehirnentwicklung bei Kindern
Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen befindet sich in einer sensiblen Entwicklungsphase. Besonders die weiße Substanz, die verschiedene Gehirnregionen verbindet, wächst in dieser Zeit stark. Kinder, die viel Zeit am Smartphone verbringen, entwickeln weniger weiße Gehirnmasse, was Lernprozesse erschweren kann. Auch die Aufmerksamkeitsspanne leidet: Ständiges Wechseln zwischen Apps und Push-Nachrichten trainiert das Gehirn auf kurze Aufmerksamkeitsspannen, was länger andauerndes konzentriertes Lernen erschwert.
Gesundheitliche Folgen
Eine Smartphone-Nutzung, die die empfohlenen Medien-Zeiten überschreitet, beeinflusst nicht nur das Gehirn, sondern auch die körperliche und seelische Gesundheit von Kindern. Die wichtigsten Folgen im Überblick sind:
- Schlafprobleme
- Körperliche Beschwerden (Nacken- und Rückenschmerzen, trockene Augen, Kopfschmerzen)
- Psychische Belastungen (erhöhtes Risiko für Ängste und depressive Symptome)
- Mediensucht-Symptome
Symptome für zu viel Bildschirmzeit
Bemerkst du bei deinem Kind folgende Symptome, kann dies auf ein Zuviel an Bildschirmzeit deuten:
- Ständige Müdigkeit trotz ausreichendem Schlaf
- Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule
- Rückzug von Familie, Freundinnen und Freunden
- Vernachlässigung von Hobbys und Bewegung
Prävention und Tipps für Eltern
Eltern spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um den gesunden Umgang ihrer Kinder mit dem Smartphone geht. Sie tragen nicht nur Verantwortung, sondern haben auch großen Einfluss darauf, wie sich das Medienverhalten ihrer Kinder entwickelt.
Wichtige Tipps für Eltern sind etwa:
- Regeln zur Bildschirmzeit festlegen
- Handyfreie Zeiten einführen
- Vorbild sein
- Medien begleiten
- Alternativen fördern
Empfohlene Bildschirmzeit
Laut der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) sind folgende Medienzeiten für Kinder empfehlenswert:
- Unter einem bis drei Jahre: Keine eigene Bildschirmzeit
- Drei bis sechs Jahre: Maximal 30 Minuten
- Sechs bis neun Jahre: Maximal 45 Minuten
- Neun bis 12 Jahre: Maximal 60 Minuten
- 12 bis 16 Jahre: Maximal 2 Stunden
- 16 bis 18 Jahre: Eltern wird geraten, die Zeit durch Regeln festzulegen
Die Maschine und das Gehirn
Der tägliche Umgang mit Hightech-Erfindungen führt dazu, dass Hirnzellen sich verändern und Neurotransmitter freigesetzt werden, wodurch allmählich neue neuronale Bahnen in unserem Gehirn gestärkt und alte geschwächt werden. Die Zeit, die Kinder und Jugendliche heute mit Smartphones, Nintendos und Computern verbringen, können sie nicht nutzen, um etwa zu lesen, zu musizieren, miteinander Sport zu treiben oder Gespräche zu führen. Gewöhnt an eine rasche Abfolge von visuellen und auditiven Reizen finden sie es schwer, ihre volle Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten oder über längere Zeit zuzuhören.
Emotionen und das Gehirn
Gefühle haben gegenüber Verstand und Vernunft in der philosophischen Tradition vergangener Epochen keine wesentliche Rolle gespielt. Erst in jüngster Zeit hat sich durch Experimente und Erkenntnisse der Neurowissenschaften allmählich die Einsicht durchgesetzt, dass Emotionen wesentlich für Denk- und Entscheidungsprozesse sind und Wissen und logisches Denken allein nicht ausreichen, um gut zu entscheiden.
Bildgebende Verfahren
Vor allem die Fortschritte in den bildgebenden Verfahren, allen voran der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), haben es dabei möglich gemacht zu beobachten, welche Regionen des Gehirns bei welchen motorischen Verrichtungen oder mentalen und emotionalen Prozessen und Zuständen aktiviert sind.
Emotionale Selbstregulation
Mittels fMRT-Einsatz wird untersucht, welche Faktoren emotionale Selbstregulation ermöglichen, wann diese hilfreich ist und inwiefern die Art und Weise der Regulation das Emotionserleben bestimmt.
Liebe und das Gehirn
Liebe lässt das Gehirn einer Studie zufolge in unterschiedlichen Bereichen besonders aktiv werden - und am allerstärksten bei elterlicher Zuneigung den eigenen Kindern gegenüber. Alle Formen zwischenmenschlicher Liebe hängen mit sozialer Wahrnehmung zusammen.
Bildschirmzeit und die Vernetzung von Hirnarealen
Bildgebende Verfahren legen nahe, dass die Vernetzung bestimmter Hirnareale weniger stark ausgeprägt ist, je länger die tägliche Bildschirmzeit Jugendlicher ist. Je länger die tägliche Bildschirmzeit ist, desto ineffektiver arbeiten die Bereiche im jugendlichen Gehirn, die für die Kontrolle des Verhaltens zuständig sind. Online-Aktivitäten erzeugen eine starke Belohnungswirkung im Gehirn und dieser Effekt ist die Grundlage für die Entwicklung süchtiger Verhaltensmuster, die auf kurzfristige Belohnungen in schneller Abfolge abzielen. Die enorme Attraktivität von Onlineaktivitäten erschwert es Jugendlichen, sich anschließend anderen Dingen zuzuwenden, die mehr langfristiges, planerisches Handeln notwendig machen. Zudem entwickelt sich eine Art Teufelskreis, weil die langen Bildschirmzeiten auch mit längerer körperlicher Inaktivität verbunden sind, die auf Dauer das Wohlbefinden beeinträchtigen.
Gehirnsimulation
Aus mit Computern erzeugten Wissensdatenbanken, die auf mehr als 35 Millionen wissenschaftlichen Artikeln beruhen, haben Forscher Informationen über das Gehirn zusammengetragen und machen diese im simulierten Gehirn am Computer sichtbar. Mit virtuellen Gehirnen können personalisierte Gehirnsimulationen berechnet werden. Ziel ist es, die Diagnose und Vorhersage von Erkrankungen zu verbessern und Therapien anhand des virtuellen Gehirns zu optimieren.
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