Visuelle Kommunikationsmittel wie Gestik und Mimik sind uralte Formen menschlicher Verständigung. Wer spricht, reiht nicht nur Wörter oder Sätze aneinander, sondern nutzt dafür auch Hände, Arme, Kopf und Gesicht. Dieses komplexe Zusammenspiel von Gehirnaktivität, Gesten, Mimik und Sprache ist Gegenstand intensiver Forschung, die faszinierende Einblicke in die Funktionsweise des menschlichen Geistes ermöglicht. Der Körper ist niemals stumm. Wenn Menschen zusammenkommen, reden sie miteinander - sogar wenn sie nicht sprechen. Die vorgereckte Brust ist ebenso eine Botschaft wie die kleine Veränderung der Sitzhaltung, die geöffnete Handfläche, aber auch die Farbe der Krawatte oder das dezente Parfüm. Mimik, Gestik, Haltung und Bewegung, die räumliche Beziehung, Berührungen und die Kleidung sind wichtige Mittel der nonverbalen Kommunikation - eine uralte Form der zwischenmenschlichen Verständigung. Auf diese Weise klären wir untereinander, ob wir uns sympathisch sind und ob wir uns vertrauen können. Der Körper verrät unsere wirklichen Gefühle, wer wir sind und was wir eigentlich wollen. Die nonverbalen Botschaften sind oft unbewusst und gerade deshalb so machtvoll. Die Wissenschaft geht davon aus, dass bestimmte Basis-Gefühle wie Angst, Furcht, Glück, Trauer, Überraschung und Abscheu bei allen Menschen bestimmte nonverbale Ausdrucksformen hervorrufen.
Einführung
Die menschliche Kommunikation ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Elemente, darunter Sprache, Gestik und Mimik. Diese Elemente sind eng miteinander verbunden und werden im Gehirn auf vielfältige Weise verarbeitet. In diesem Artikel werden wir die Zusammenhänge zwischen Gehirn, Gesten, Mimik und Sprache genauer untersuchen und die neuesten Erkenntnisse der Forschung auf diesem Gebiet vorstellen.
Die Rolle von Gesten in der Kommunikation
Gesten sind ein wichtiger Bestandteil der nonverbalen Kommunikation. Sie können unsere Worte unterstreichen, unsere Emotionen ausdrücken und unsere Gedanken veranschaulichen. Gesten helfen nicht nur, sich anderen mitzuteilen, sondern unterstützen vermutlich auch Denkprozesse. Für Kleinkinder gilt etwa: Je mehr sie gestikulieren, desto besser entwickelt sich ihr Wortschatz. Gestikulieren entlastet das Arbeitsgedächtnis und kann helfen, neue Problemlösungsstrategien zu entwickeln.
Arten von Gesten
Der US-amerikanische Psychologe David McNeill, ein Pionier der Gestenforschung, unterteilt redebegleitende Gesten in vier Basistypen:
- Deiktische Gesten: Zeigen auf Objekte oder Personen.
- Ikonische Gesten: Stellen Objekte oder Handlungen dar. Wer etwa spiralförmige Bewegungen beschreiben soll oder über verschiedene Posten einer Rechnung redet, die vor ihm liegt, wird oft unwillkürlich, womöglich unbewusst seine Hände einsetzen.
- Metaphorische Gesten: Stellen abstrakte Konzepte dar.
- Beats: Taktstockartige Bewegungen, die die Rede begleiten. Während einer Rede werden die zentralen Worte von Armschlägen oder Klop…
Gesten und Spracherwerb
Gesten können sich positiv auf das Sprachvermögen auswirken. Zusammen mit ihrer Kollegin Meredith Rowe fand Goldin-Meadow etwa deutliche Hinweise, dass Gesten den Spracherwerb von Kindern fördern. Wer zuvor mehr gestikuliert hatte, kannte nun mehr Wörter - und hatte damit die besseren Erfolgschancen in der Schule. So könnten die Kinder mittels Gesten üben, Dinge auszudrücken, selbst wenn sie die zugehörigen Wörter noch nicht beherrschten. Auch dem Gedächtnis scheinen Gesten auf die Sprünge zu helfen: In einer Reihe von Studien untersuchten Goldin-Meadow und Kollegen Gesten im Zusammenhang mit Merkaufgaben. Gestikulierten sie dabei, konnten sie sich danach besser an die Wörterliste erinnern.
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Gesten und Lernen
Gesten können zudem helfen, Neues zu lernen - ganz so, wie es das Wort „be-greifen“ in seiner ursprünglichen Bedeutung nahe legt. Auch dazu führten die Chicagoer Gestenforscher eine ganze Reihe von Versuchen mit Kindern durch. Dabei ging es um die gedankliche Rotation räumlicher Objekte, um Rechenaufgaben oder um die Frage, ob sich die Menge verändert, wenn man Wasser aus einem schmalen, hohen Glas in eine weite Schale gießt. Kinder, die solche Gesten benutzten, entdeckte Goldin-Meadow, konnten das Problem anschließend schneller begreifen als Kinder, die mit den Händen noch keinen Zusammenhang mit dem Gefäßdurchmesser hergestellt hatten. Erklärte ein Lehrer Mathe-Aufgaben mit Worten und Gesten, lösten die Kinder sie schneller, als wenn er nur Worte benutzte.
Gesten und motorisches Wissen
So könnten Gesten möglicherweise ein motorisches Wissen transportieren, das uns kognitiv noch nicht bewusst geworden ist. Das unbewusste Bild geriet dann in Konflikt mit der manipulierten Wirklichkeit und sorgte für Probleme bei der zweiten Runde. Eine Sonderform der Gesten sind spontane Selbstberührungen, die Forscher am Haptik-Labor der Universität Leipzig untersuchen. Bei dem Vergleich des Verhaltens mit der EEG-Aktivität in verschiedenen Hirnregionen kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Selbstberührungen dazu dienen könnten, sowohl das Arbeitsgedächtnis als auch die Emotionen zu regulieren.
Mimik als Ausdruck von Emotionen
Die Mimik ist ein wichtiger Bestandteil der nonverbalen Kommunikation, der es uns ermöglicht, unsere Emotionen auszudrücken. An der Mimik können wir die seelischen Vorgänge in einem Menschen am besten ablesen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass 95 Prozent des ersten Eindrucks von einem Menschen bestimmt werden von Aussehen, Kleidung, Haltung, Gestik und Mimik, Sprechgeschwindigkeit, Stimmlage, Betonung und Dialekt - und nur fünf Prozent davon, was jemand mit Worten sagt. Und die Einschätzung der Person geschieht in weniger als einer Sekunde. Die Wissenschaft geht davon aus, dass bestimmte Basis-Gefühle wie Angst, Furcht, Glück, Trauer, Überraschung und Abscheu bei allen Menschen bestimmte nonverbale Ausdrucksformen hervorrufen.
Kalifornische Forscher haben die kleinen, unbewussten Muskelbewegungen bei Mimikveränderungen intensiv untersucht. Damit wollen sie eine eindeutige Beziehung zwischen der Bewegung der Gesichtsmuskeln und den zugrunde liegenden Gefühlen der Menschen herausfinden.
Die Rolle von Sprache im Gehirn
Schon lange steht fest, dass die linke Gehirnhälfte der Ort ist, wo wir Sprache großteils verarbeiten. Die entsprechenden Areale heißen Broca- und Wernicke-Areal. Das Broca-Areal gilt als motorisches Sprachzentrum, dort produzieren wir unsere Sprache. Schon bei teilweisen Schäden in diesem Gehirnareal machen wir schwere grammatische Fehler. Das Wernicke-Areal ist der Ort, wo wir Sprache verstehen. Ist es geschädigt, reden wir sinnloses Zeug. Jüngere Erkenntnisse zeigen, dass Sprache auch in einem beträchtlichen Teil der Großhirnrinde und in Teilen der unter ihr liegenden Regionen stattfindet. Die rechte Hirnhälfte ist unter anderem am Deuten von Sprache beteiligt. Sie verarbeitet auch Musik und Gefühle.
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Sprache und Denken
Der gezielte Einsatz der Hände, also das Greifen, Erforschen, Manipulieren und Gestalten von Dingen, ist kein nebensächlicher motorischer Meilenstein, sondern eine zentrale Kraft, die das Denken überhaupt erst möglich macht, und machte. Die „schlauen Hände“, oder die manuelle Intelligenz, stehen in direktem Zusammenhang mit kognitiver und sprachlicher Entwicklung. Dieses frühe, nonverbale Verstehen ist untrennbar mit den körperlichen und sensorischen Grundlagen der Entwicklung verbunden.
Die neuronale Verarbeitung von Gesten und Sprache
Untersuchungen mittels funktioneller Kernspintomografie zeigen, dass Sprache und Gesten von denselben Regionen im Gehirn verarbeitet werden - für Sprach- und Gestenproduktion ist demnach vor allem das Broca-Areal im frontalen Cortex zuständig. Die beteiligten Hirnbereiche und ihr Aktivierungsgrad variieren allerdings mit dem Alter - ein Hinweis darauf, dass das junge Gehirn seine Fähigkeit zur Integration von Gesten und Sprache noch verfeinert und die Verbindungen zwischen den beteiligten Hirnregionen optimiert.
Embodiment
Dies zeigt nicht nur, dass Sprache und Gestik eng miteinander verwoben sind. Es ist auch ein Indiz für die sehr viel allgemeinere These des Embodiments, also der Verkörperlichung. Sie besagt, dass unser Denken nicht nur ein Gehirn voraussetzt, sondern auch den Leib, der mit seiner Umwelt interagiert. Anders gesagt: Kognition findet nie auf einer ausschließlich geistigen Ebene statt, sondern hat immer auch eine körperliche Dimension. Und vor allem: Beide, Körper und Kognition, stehen miteinander in Wechselwirkung.
Mehrsprachigkeit und das Gehirn
Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit sprechen mindestens zwei Sprachen: Schätzungsweise sind es zwischen 60 und 70 Prozent. Studien an erwachsenen Zweisprachigen ergaben zwei Trends: Einerseits sind die verbalen Fähigkeiten von Zweisprachigen in jeder Sprache im Allgemeinen schwächer als die von einsprachigen Sprechern der jeweiligen Sprache. Andererseits verfügen Zweisprachige in allen Altersstufen über bessere exekutive Kontrolle als Einsprachige. Zudem verkraften zweisprachige Gehirne Alzheimer besser als einsprachige, vorausgesetzt, dass beide Sprachen etwa gleich stark benutzt werden.
Laut Studien verarbeitet das Broca-Hirnareal sehr zeitig im Leben erworbenen Sprachen in denselben Netzwerken.Lernen wir die Sprache erst später, aktiviert das Gehirn nebeneinander liegende Bereiche für jede neue Sprache. Es ist sinnvoll, mehrere Sprachen zugleich zu lernen. Denn das Gehirn arbeitet dann sehr flexibel und fokussiert sich mehr auf die Unterschiede beider Sprachen, praktisch im Vergleich. Das beugt Verwechslungen der Sprachen vor.
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Gesten in der Mensch-Maschine-Interaktion
Gestik hilft den Menschen, einander besser zu verstehen. Auch für die Verständigung zwischen Mensch und Maschine wird sie immer wichtiger. Seit 2021 erforscht das DFG-Schwerpunktprogramm ViCom an der Goethe-Universität diese nonverbalen Kanäle. Mittels Virtual-Reality-Technologie kann das GeMDiS-Team auch untersuchen, was geschieht, wenn Körpersprache nur eingeschränkt möglich ist. Die Forscher fanden heraus, dass solche Einschränkungen der Handlungsfähigkeit starke Effekte auf die Kommunikation haben, die sich bei technischen Einschränkungen der Hör- und Sehqualität hingegen gerade nicht zeigen. Das Projekt GeMDiS nutzt KI, um Muster in der Kombination von verbaler und nonverbaler Sprache zu erkennen.
Kulturelle Unterschiede in der nonverbalen Kommunikation
Gruppen von Menschen, Gesellschaften und Kulturen entwickeln ein eigenes System von nonverbalen Botschaften, einen eigenen Code. Nur wenn man diesen Code kennt, kann man ihn richtig verstehen und benutzen. Es gibt also Körpersignale, die wir alle verstehen und anwenden und solche, die kultur- oder regionalspezifisch sind. So kann eine für uns gewöhnliche Haltung in anderen Teilen der Welt Empörung hervorrufen.