Ein übervolles Gehirn, oft beschrieben als "Brain Fog" oder Reizüberflutung, ist ein Zustand, in dem das Gehirn Schwierigkeiten hat, die Fülle an Informationen und Reizen, die es empfängt, effektiv zu verarbeiten. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig zu verstehen, dass "Reizüberflutung" kein medizinischer Fachbegriff ist, sondern eine umgangssprachliche Metapher, die eine Überforderung der menschlichen Sinne zum Ausdruck bringt. In der psychosozialen Therapie hat der Begriff inzwischen Einzug gehalten und gewinnt auch im Alltag mehr und mehr an Bedeutung.
Ursachen eines übervollen Gehirns
Die Ursachen für ein übervolles Gehirn können vielfältig sein, von neurologischen Erkrankungen bis hin zu Umweltfaktoren und Lebensstilentscheidungen.
Neurologische und psychische Erkrankungen
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Ungefiltert strömen Eindrücke auf viele ADHS-Kranke ein. Das Gefühl von Getriebensein, nicht abschalten können und fehlende Impulskontrolle sind mögliche Anzeichen. ADHS ist eine Störung des Informationsflusses im Gehirn, bei der eine Botenstoff-Disbalance, insbesondere von Noradrenalin und Dopamin, vermutet wird.
- ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung): Diese Form der Erkrankung, oft ohne motorische Unruhe, führt dazu, dass Betroffene eher verträumt, schusselig und "ständig mit den Gedanken woanders" sind.
- Long Covid: Nach einer Infektion mit dem Corona-Virus leiden viele Menschen unter "Brain Fog". Betroffene sind nicht nur häufig körperlich schnell erschöpft, auch konzentriertes Denken fällt ihnen schwer.
- Alzheimer: In frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit sterben Nervenzellen ab, die die Ausschüttung des Peptidhormons Somatostatin hemmen.
- Multiple Sklerose: Diese Autoimmunerkrankung kann ebenfalls zu Gehirnfunktionsstörungen und Brain Fog führen.
- Depressionen und Angstzustände: Psychische Belastungen können ebenfalls Auslöser für Brain Fog sein.
Umweltfaktoren und Lebensstil
- Reizüberflutung: Unser Gehirn muss jeden Tag unzählige akustische und optische Reize verarbeiten. Lärm, insbesondere in Großstädten, kann zu einer Überlastung führen. Hochsensible Menschen sind besonders anfällig für Reizüberflutung, da sie empfangene Reize nicht mehr richtig erfassen und verarbeiten können.
- Schlafmangel: Zu wenig Schlaf kann zu vorübergehenden Problemen führen, die Denkleistung beeinträchtigen.
- Stress: Ein Übermaß an Stress kann ebenfalls für Nebel im Gehirn sorgen.
- Schlechte Ernährung: Eine unausgewogene Ernährung kann dazu führen, dass das Gehirn nicht optimal mit Nährstoffen versorgt wird.
- Bewegungsmangel: Mangelnde körperliche Aktivität kann ebenfalls zu Brain Fog beitragen.
Weitere Ursachen
- Hormonelle Veränderungen: Veränderungen infolge von Schwangerschaft oder Wechseljahren können den Zustand begünstigen.
- Medikamente: Brain Fog kann als Nebenwirkung von Chemotherapien gegen Krebs und anderen medikamentösen Therapien auftreten.
- Krankenhausaufenthalte: Auch im Zusammenhang mit langen Krankenhausaufenthalten wurde Brain Fog beobachtet.
Symptome eines übervollen Gehirns
Die Symptome eines übervollen Gehirns können vielfältig sein und von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Einige der häufigsten Symptome sind:
- Vergesslichkeit: Schwierigkeiten, sich an Dinge zu erinnern, die gerade erst passiert sind.
- Konzentrationsschwierigkeiten: Schwierigkeiten, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren oder bei der Sache zu bleiben.
- Verwirrtheit: Ein Gefühl der Desorientierung oder Verwirrung.
- Müdigkeit: Starke Erschöpfung und Antriebslosigkeit.
- Wortfindungsstörungen: Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, um sich auszudrücken.
- Langsames Denken: Ein Gefühl, dass das Denken verlangsamt ist.
- Orientierungsprobleme: Schwierigkeiten, sich in vertrauten Umgebungen zurechtzufinden.
- Stimmungsschwankungen: Plötzliche und unerklärliche Veränderungen der Stimmung.
- Kopfschmerzen: Häufige oder anhaltende Kopfschmerzen.
- Schlafstörungen: Schwierigkeiten, ein- oder durchzuschlafen.
- Ängste und Aggressionen: Verstärkte Angstgefühle oder Reizbarkeit.
- Schuld- und Schamgefühle: Insbesondere bei ADHS/ADS können Schuld- und Schamgefühle auftreten, da Betroffene sich für ihre Schwierigkeiten schämen.
Diagnose
Die Diagnose eines übervollen Gehirns kann schwierig sein, da die Symptome unspezifisch sind und auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein können. Es gibt keine eindeutigen Anzeichen, an denen sich die Überforderung des Gehirns festmachen ließe.
Ärztliche Untersuchung
Ein Arzt oder eine Ärztin wird versuchen, die Ursache zu finden und zu behandeln, falls dies möglich ist. Dazu gehören:
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- Ausführliches Gespräch: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden.
- Körperliche Untersuchung: Um andere mögliche Ursachen auszuschließen.
- Neurologische Untersuchung: Bei Verdacht auf neurologische Erkrankungen.
- Psychologische Tests: Zur Beurteilung von kognitiven Funktionen und psychischem Zustand.
- Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss von Stoffwechselstörungen oder Entzündungen.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie MRT oder CT eingesetzt werden, um das Gehirn darzustellen.
- Augentests: Auch Augentests gehören zu einer umfassenden Untersuchung.
Selbsttests
Das Internet ist voll mit ADHS-Selbsttests und Fragebögen. Diese können hilfreich sein, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, sollten aber nicht zur Selbstdiagnose verwendet werden.
Behandlung
Die Behandlung eines übervollen Gehirns richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Medikamentöse Behandlung
- ADHS/ADS: Der wichtigste chemische Wirkstoff gegen ADHS ist Methylphenidat (z.B. Ritalin). Er erhöht die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, das dadurch Reize von außen besser filtern kann.
- Depressionen und Angstzustände: Antidepressiva und andere Medikamente können zur Behandlung von Depressionen und Angstzuständen eingesetzt werden, die zu Brain Fog beitragen.
- Long Covid: BC 007, ursprünglich für Glaukom entwickelt, zeigt vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Brain Fog im Zusammenhang mit Long Covid.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Verhaltenstherapie: Bei ADHS/ADS ist die Verhaltenstherapie die Therapie der Wahl. Man lernt beispielsweise Ablagesysteme, Ordnungssysteme und Kalendersysteme.
- Psychotherapie: Kann bei Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Belastungen hilfreich sein.
- Neurofeedback: Eine Methode, bei der EEG-Signale gemessen und zur Steuerung von Spielen oder Übungen verwendet werden, um die Konzentration und Entspannung zu fördern.
- Ernährungsumstellung: Eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten undOmega-3-Fettsäuren kann die Gehirnfunktion verbessern.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung des Gehirns und kann die kognitiven Funktionen verbessern.
- Achtsamkeitstraining und Meditation: Diese Praktiken können helfen, Stress abzubauen und die Konzentration zu verbessern.
- Journaling: Das Aufschreiben von Gedanken und Gefühlen kann helfen, diese zu ordnen und zu verarbeiten.
- Ruhe und Entspannung: Regelmäßige Ruhephasen ohne Reize von außen sind wichtig, um das Gehirn zu entlasten.
- Natur: Aufenthalte in der Natur können beruhigend wirken und helfen, den Kopf frei zu bekommen.
- Yoga: Yoga und Achtsamkeit gehen Hand in Hand und können helfen, Stress abzubauen und die Konzentration zu verbessern.
- Akupunktur und Akupressur: Haben sich als wirksame Erholungsmaßnahmen ohne bekannte Nebenwirkungen bewährt.
Umgang mit Reizüberflutung
- Innere Stimme: Mit einem inneren Summen lassen sich Geräusche von außen verstummen oder zumindest leiser werden.
- Schutz vor Auslösern: Das Gehirn vor Auslösern zu schützen, ist die innere Stimme.
Prävention
Einige Maßnahmen können helfen, einem übervollen Gehirn vorzubeugen:
- Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
- Gesunder Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf sind wichtig für die Gehirnfunktion.
- Begrenzung der Bildschirmzeit: Insbesondere bei Kindern sollte die Zeit, die sie vor Bildschirmen verbringen, begrenzt werden.
- Pausen: Regelmäßige Pausen während der Arbeit oder des Lernens können helfen, die Konzentration aufrechtzuerhalten.
- Schaffung einer ruhigen Umgebung: Eine ruhige und reizarme Umgebung kann helfen, Reizüberflutung zu vermeiden.
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