Unsere Wahrnehmung der Welt basiert auf der koordinierten Aktivität von Milliarden von Nervenzellen im Gehirn. Das Gehirn ist jedoch nicht in der Lage, mehrere anspruchsvolle Aufgaben gleichzeitig mit gleicher Präzision zu steuern. Es priorisiert fortlaufend und verschiebt Energie dorthin, wo sie gerade gebraucht wird. Dieser Artikel beleuchtet, wie das Gehirn mit Multitasking umgeht, welche Auswirkungen dies auf unsere Konzentration und Leistungsfähigkeit hat und welche Strategien es gibt, um die Aufmerksamkeit zu verbessern.
Visuelle Verarbeitung und Effizienzsteigerung
Das Ernst Strüngmann Institut (ESI) hat Hinweise auf eine Verarbeitungsstrategie gefunden, mit der unser Gehirn auf wiederholte Begegnungen mit einem visuellen Stimulus in kurzer Zeit effizienter reagiert. Menschen und andere Primaten verfügen über hervorragende visuelle Wahrnehmungsfähigkeiten. Aufgaben, die uns eigentlich ganz einfach erscheinen, wie zum Beispiel ein bekanntes Gesicht erkennen oder einen Apfel ergreifen, basieren auf einem komplexen Netzwerk miteinander wechselwirkender Hirnareale. Die Milliarden von Nervenzellen sowohl innerhalb eines Hirnareals als auch zwischen den Arealen haben viele Verbindungen untereinander und tauschen sich miteinander aus. Das heißt, dass die Aktivitäten verschiedener Zellen zeitlich koordiniert werden müssen, um zum Beispiel visuelle Aufgaben zu lösen.
Um dies möglichst gut und effizient zu tun, befindet sich das Gehirn in einem ständigen Prozess des Lernens und der Anpassung an das momentane Umfeld. Für solche Anpassungen kann das Gehirn verschiedene Strategien anwenden. Diese besser zu verstehen, ist ein fundamentales Anliegen in den Neurowissenschaften.
Ein viel beobachtetes Phänomen ist zum Beispiel, dass selbst die erste Verarbeitungsstufe für visuelle Information in der Hirnrinde, der primäre visuelle Kortex (V1), der einfache Reizeigenschaften verarbeitet, auf einen wiederholten Stimulus nicht identisch reagiert, sondern typischerweise seine Antworten - in diesem Falle die Feuerraten der Nervenzellen - reduziert. Die Frage ist daher: Nutzt das Gehirn die wiederholte Begegnung mit visuellen Reizen, um seine Verarbeitungsstrategie zu ändern oder vielleicht sogar zu optimieren? Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn die Antworten auf einen Stimulus zwar geringer werden, aber gleichzeitig eine stärkere Koordination der verbleibenden Antworten erfolgt. Dies liegt daran, dass eine Empfängerzelle die Antworten von anderen Zellen nur innerhalb eines kurzen Zeitraums aufsummiert. Wenige, zeitlich koordinierte Inputs können die Empfängerzelle also genauso effektiv, aber dafür effizienter erregen als viele, zufällig verteilte Inputs anderer Zellen.
Synchronisation durch rhythmische Aktivität
Eine mögliche Grundlage der flexiblen Koordination in einem Netzwerk von Zellen ist ihre Synchronisierung mittels rhythmischer Aktivität (Oszillationen). In frühen Hirnarealen wie V1 ist hochfrequente Aktivität im sogenannten Gamma-Band der Hirnwellen (ca. 30-90 Hz) ein häufiges Merkmal neuronaler Antworten auf visuelle Stimuli. Diese rhythmischen Schwingungen, die die synchrone Aktivität vieler eng benachbarter Neurone reflektieren, hat Wolf Singers Labor am MPI für Hirnforschung im Zusammenhang mit Informationsverarbeitung das erste Mal beschrieben. Dabei ist bemerkenswert, dass das kurze Zeitfenster, innerhalb dessen eine Zelle die einkommenden Reize verarbeitet, mit der Dauer einer Oszillation im Gamma-Band im Einklang steht. Daher sind stärkere Antworten im Gamma-Band ein Hinweis auf verstärkte Koordination.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Die Macht der Wiederholung
Eine frühere Studie des Labors von Pascal Fries am ESI fand bei Messungen von frühen Hirnarealen von Rhesusmakaken überraschend starke Hinweise auf eine solche verbesserte Koordination. Wenn diese Hirnareale durch die Präsentation visueller Streifenmuster mehrere hundert Mal in Folge aktiviert wurden, zeigten die Neurone sowohl innerhalb als auch zwischen den Arealen eine zunehmende Synchronisation im Gammaband. Jedoch blieb unklar, inwiefern diese Verbesserung der Koordination spezifisch für den angewandten Reiz war. Tatsächlich gelang es, dies nachzuweisen und in die Humanforschung zu übertragen: Sowohl in intrakortikalen Ableitungen in Rhesusmakaken als auch mittels nichtinvasiver Magnetoenzephalographie (MEG) am Menschen zeigte sich, dass sich die stärkere Gamma-Synchronisierung nicht auf Stimuli überträgt, die noch nicht wiederholt gezeigt wurden. Die diesbezüglichen Ergebnisse zeigten bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Rhesusmakaken.
Frühe Hirnareale wurden bisher meist mittels sehr einfacher, künstlicher Stimuli untersucht, welche den ProbandInnen und Versuchstieren schon oftmals zuvor gezeigt wurden. Es konnte gezeigt werden, dass der beobachtete Effekt auch für natürliche Stimuli (in diesem Fall Bilder von Früchten und anderen Objekten) eintritt, und für solche, die noch nie zuvor gesehen worden waren. Dies macht es wahrscheinlicher, dass das Phänomen nicht nur im Labor, sondern auch während des alltäglichen Sehens eine wichtige Rolle spielt.
Insgesamt deuten die Befunde darauf hin, dass Gehirne von Menschen und Makaken tatsächlich eine stärkere Synchronisierung ihrer Aktivität nutzen könnten, um oft gesehene visuelle Inputs mit geringerer Aktivität verarbeiten zu können.
Schnelle Anpassung des Gehirns
Die Messungen weisen also auf die Existenz eines möglicherweise fundamentalen Mechanismus hin, mit dem das Gehirn sich schnell seiner momentanen Umgebung anpasst. Um diesen Mechanismus besser zu verstehen, entwickelt die Abteilung von Pascal Fries am ESI in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe von Tatjana Tchumatchenko am MPI für Hirnforschung nun Computermodelle, die auf den bisherigen experimentellen Daten beruhen. Diese können verschiedene testbare Hypothesen dazu generieren, wie genau sich die Aktivität und die Verbindungen zwischen verschiedenen Zelltypen verändern, damit es im Verlauf von Stimuluswiederholungen zu besserer Koordinierung kommen kann. Des Weiteren werden genauere Messungen auf der Ebene einzelner Zellen unterscheidbarer Zelltypen und hochauflösend in verschiedenen Schichten des Cortex sehr nützlich sein, um den Ursprung des Phänomens genauer einzugrenzen.
Multitasking und seine Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit
Das Wort Multitasking stammt ursprünglich aus der Informatik. Durch das Betriebssystem kann ein Computer viele verschiedene Aufgaben auf einmal lösen. Während wir beispielsweise einen Text schreiben, kann der PC im Hintergrund gleichzeitig Fotos herunterladen und Musik abspielen. Das menschliche Gehirn funktioniert anders, es rechnet nicht, es selektiert. Wir können zwar bestimmte Dinge gleichzeitig tun, zum Beispiel kochen und uns dabei per Video mit Freunden unterhalten. Ganz bei der Sache werden wir aber bei keiner der beiden Tätigkeiten sein. Denn das Hirn kann sich nur auf eine Aufgabe wirklich gut konzentrieren. Das belegen eine schwedische Studie, die 2016 im Fachmagazin "Frontiers in Human Neuroscience" erschienen ist und viele weitere Studien zum Thema Multitasking.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Bei der schwedischen Studie mussten die Teilnehmer visuelle Aufgaben wie eine schriftliche Prüfung in ruhiger und in unruhiger Umgebung absolvieren. In dieser Zeit machten die Forscher Aufnahmen der Gehirne. Dabei stellten sie fest: Je komplexer die Aufgabe, desto schwächer fiel die Reaktion des Gehirns auf die Umgebungsgeräusche aus. Versuchen wir also ein Problem zu lösen, drücken wir die zwei anderen Aufgaben, die parallel anstehen, automatisch weg. Das kostet nicht nur Kraft.
Informationsverlust und Stress
Um etwas Neues im Arbeitsgedächtnis abzuspeichern, muss man sich dem bewusst zuwenden, am besten mit allen Sinnen. Da das Arbeitsgedächtnis nur über eine begrenzte Aufnahmekapazität verfügt, wandern die Informationen ins Langzeitgedächtnis. Dort versucht das Gehirn, sie zu verankern und dazu braucht es Anknüpfungspunkte. Je mehr, desto besser. Wenn wir beispielsweise eine Bergtour mit einer Freundin machen und dabei unaufhörlich quatschen, werden wir den Weg vermutlich beim nächsten Mal nicht wieder finden, weil man bestimmte Abzweigungen nicht bemerkt, oder einen markanten Baum übersehen, die Steigung nicht erlebt, nichts von der Natur mitbekommen hat, und so weiter.
Ein ähnlicher Informationsverlust passiert auch in der Arbeit. Ein Pfleger, der während eines Patientengesprächs Daten in den Computer eingibt, wird nicht in der Lage sein, wichtige Details und Zwischentöne wahrzunehmen. Die sind aber notwendig, um die Arbeit gut zu machen. Das Gleiche gilt für Mitarbeiter- oder Kundengespräche. Dieser Informationsverlust erzeugt zusätzlichen Stress: Wenn man denkt: Oh Gott, ich kann mir nicht mehr alles merken, jetzt habe ich was verpasst! Dann entstehe das Gefühl, unseren Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden. Wer ständig zwischen mehreren Aufgaben hin und her jonglieren muss, leistet weniger und ist meistens unzufriedener mit der eigenen Arbeit. Das macht sich auch in der Wirtschaftsbilanz der Unternehmen bemerkbar. Zumindest größere Unternehmen versuchen deshalb verstärkt, an den negativen Arbeitsbedingungen etwas zu ändern.
Zunahme durch Digitalisierung
Trotzdem hat das Multitasking in vielen Bereichen vor allem durch die Pandemie stark zugenommen. Allein das ständige Hin- und Herswitchen zwischen den digitalen Kommunikationskanälen ermüden das Gehirn. Denn es muss sich jedes Mal auf einen anderen Inhalt konzentrieren und das kostet Zeit und Energie. Weil es technisch möglich ist, denken manche Menschen, sie könnten an zwei Videocalls gleichzeitig teilnehmen, aber das ist natürlich nur scheinbar so. In Wirklichkeit sei es Zeit- und Energieverschwendung, denn niemand könne bewusst seine Aufmerksamkeit auf zwei Meetings gleichzeitig richten.
Wie sehr sich das Problem durch die Digitalisierung der Arbeitswelt verschärft hat, zeigt eine Studie, die Microsoft 2021 unter seinen Mitarbeitern durchführte. Um einen Einblick zu bekommen, wie oft die Angestellten während der Videokonferenzen in den Multitasking-Modus fielen, untersuchte der Konzern die Protokolle der Aktivitäten von etwa 100.000 Mitarbeitern in den USA. Die Daten stammten aus dem Zeitraum zwischen Februar und Mai 2020, als Microsoft seine Belegschaft komplett auf Homeoffice umstellte. Es ist ein Gerücht, dass Frauen besser im Multitasking sind als Männer. Männer und Frauen sind beim Multitasking laut dieser Studie gleich schlecht.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Belastung und Erschöpfung
Termin- und Leistungsdruck und ständige Unterbrechungen: Laut dem 2019 erschienenen Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) fühlte sich jeder Dritte der knapp 18.000 Befragten davon belastet. Jeder Fünfte gab an, unter Multitasking zu leiden, und jeder Siebte sah sich an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Während der Pandemie dürften die Werte weiter gestiegen sein. Ärzte, Pfleger, Menschen, die in der Logistikbrache arbeiten, Operation-Manager in Flugunternehmen, Mitarbeiter im IT-Support, Kita-Angestellte - in diesen Berufen kommen Arbeitnehmer kaum aus dem Multitasking-Modus raus. Die Gefahr, in eine Erschöpfung hineinzugeraten, bis hin zum Burnout, ist dementsprechend hoch.
Maßnahmen zur Entschärfung
In vielen Fällen können die Arbeitgeber jedoch viel tun, um die Situation zu entschärfen. Zum Beispiel können Führungskräfte zusammen mit den Angestellten ermitteln, wie oft und woher Unterbrechungen und Störungen herkommen. Dann könne man gemeinsam Ideen entwickeln, wie sich diese vermeiden lassen. Man kann Servicezeiten festlegen, oder Räume einrichten, in die man sich zurückziehen kann, um in Ruhe zu arbeiten. Wichtig sei vor allem, auf die Belange der Mitarbeiter zu achten und konkrete Ziele formulieren. Was wollen wir erreichen? Was ist realistisch?
In Berufen, in denen man das Telefon nicht umleiten darf oder ständig online sein muss, sollte man verstärkt auf Pausen achten. Gibt es genug Möglichkeiten, welche einzulegen? Und wie werden diese Pausen genutzt? Auch darüber sollten Angestellte aufgeklärt werden. Wer beim Mittagessen pausenlos auf das Handy starrt, hat wenig Möglichkeit, neue Kraft zu schöpfen.
Tipps für den Umgang mit Multitasking
- Prüfen, ob sich die eigene Arbeit besser organisieren lässt.
- Teilt euch die Aufgaben in einzelne, kleinere Arbeitsschritte auf.
- Schraubt das Arbeitstempo herunter.
- Richtet euch störungsfreie Zeiten ein, indem ihr zum Beispiel euer Telefon umleitet und die Benachrichtigungsfunktion ausschaltet.
- Schafft euch Ruhezeiten, zum Beispiel durch ein Schild an der Tür: "Bitte nicht stören!"
- Geht zwischendurch mal raus, bewegt euch, geht zum Beispiel um den Block spazieren.
- Findet Hobbys bzw. Tätigkeiten, die ihr gerne macht und in die ihr euch vertiefen könnt, wie beispielsweise Malen, Musikmachen, Sporttreiben.
- Lernt eure eigenen Bedürfnisse kennen, etwa durch einen Achtsamkeitskurs.
- Schraubt die Anforderungen an euch selbst herunter, nehmt den Druck heraus.
- Schafft Ordnung in eurem Arbeitsumfeld.
Gerade ehrgeizige Menschen, sogenannte Performer, setzen sich selbst stark unter Druck. Immer auf Abruf stehen, der oder die Schnellste sein, das hebt das Selbstwertgefühl, man fühlt sich lebendig und gebraucht. Doch diese Art mit den eigenen Ressourcen umzugehen ist auf Dauer schädlich. Unter anderem, weil wir uns dadurch die Möglichkeit nehmen, Flow zu erleben. Dieses berauschende Gefühl, sich in eine Sache zu vertiefen, alles andere zu vergessen und darin aufzugehen.
Die Folgen von Überlastung
Wenn das Hirn ständigen Reizüberflutungen ausgesetzt ist, wird es immer schwieriger abzuschalten. Manche Menschen können abends nicht einschlafen, weil sie unbewusst das Gefühl haben, eine Fülle an Aufgaben nicht zu Ende geführt zu haben. Durch anhaltende Schlafstörungen kommt zum Stress noch die Übermüdung hinzu. All das kann auf Dauer zum Burnout führen oder zur Depression. Um aus dieser Falle wieder rauszukommen, brauchen viele Menschen Hilfe. Dafür gibt es Kuren und Kurse, in denen man Achtsamkeitsübungen, Quigong, Yoga, etc., lernt. Viele finden dadurch wieder ins Gleichgewicht. Doch eine Behandlung von mehreren Wochen reicht häufig nicht aus, um einen Rückfall zu vermeiden. Dazu müssten wir unseren Lebensstil ändern. Doch das braucht Training. Dazu gehört, dass man den hochtourigen Arbeitsmodus nicht in der Freizeit fortsetzt.
Viele Ratgeber empfehlen, öfter mal nichts zu tun. Doch gerade wenn wir plötzlich nichts tun, merken wir, wie erschöpft wir sind, wie leer wir uns fühlen. Ein unangenehmer Zustand. Da greifen viele lieber wieder gleich zum Handy oder legen bei der Arbeit noch eine Schippe drauf, um sich davon abzulenken. Nichtstun ist etwas, was wir erst wieder lernen müssen. Das sei wie beim Joggen. Da werden am Anfang auch nicht gleich Endorphine ausgestoßen, das sei eher mühsam.
Aufmerksamkeit und Konzentration: Strategien zur Verbesserung
Manche Menschen scheinen geradezu immun gegen Ablenkung zu sein. Andere dagegen schweifen mit ihren Gedanken ständig ab. Warum? Neurowissenschaftler kennen inzwischen die verantwortlichen Hirnschaltkreise - und wissen, wie man sie gezielt aktiviert. Dabei gibt es Strategien, um die Aufmerksamkeit zu steigern.
Der Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit
Damit die Reize diesen Flaschenhals nicht nach dem Zufallsprinzip passieren, hat das Gehirn ein System entwickelt, das wir Aufmerksamkeit nennen. »Das sind eine Reihe neuronaler Mechanismen, die die ankommenden Informationen selektieren.« Was gerade wichtig ist, wird durchgelassen, der Rest einfach ausgeblendet. Das kann zum Beispiel räumlich geschehen: »Im Moment richte ich meine Aufmerksamkeit auf Sie«, sagt Kastner, die mich während unseres Videotelefonats auf ihrem Computerbildschirm sieht. »Die Vögel draußen vor dem Fenster nehme ich nicht wahr.«
Das Aufmerksamkeitsfenster kann man sich vorstellen wie einen Scheinwerferkegel. Was sich außerhalb befindet, wird nicht verarbeitet. Fachleute sprechen auch von einer »Mexican-hat«-Verteilung. Wie bei einem Sombrero befindet sich die höchste Stelle, also diejenige mit der intensivsten Wahrnehmung, in der Mitte. Drum herum ist eine Senke, ein Bereich, in dem die Wahrnehmung unterdrückt ist. Fokussieren wir mit unseren Augen einen Gegenstand, der uns interessiert, blendet unser Gehirn die Umgebung aus.
Diese Art von neuronalem Filter befindet sich auf einer der ersten Verarbeitungsstufen der Sinnesreize im Gehirn - in den frühen sensorischen Arealen. Im weiteren Verlauf, im Scheitellappen und im frontalen Kortex, liegen so genannte Aufmerksamkeitsnetzwerke, die die neuronalen Filter steuern. »Das Frontalhirn bestimmt, wo die Spitze des mexikanischen Huts sein soll«, erklärt Kastner.
Relevanz und Filterung
Wie eine Gruppe um den Neurowissenschaftler Michael Halassa vom Massachusetts Institute of Technology herausfand, bewertet der präfrontale Kortex, wie relevant die Reize sind. Erachtet er sie als unwichtig, schickt er über die Basalganglien ein hemmendes Signal an einen Teil des Thalamus - eines Kerngebiets im Zwischenhirn -, die den Informationsfluss stoppen. Dabei ist der Filter nicht auf Sehinformationen beschränkt: Lesen wir zum Beispiel einen Text in der Unibibliothek, unterdrückt er die Geräusche, etwa das Tippen und Räuspern, im Hintergrund.
Und wenn die aussortierten Reize wichtiger sind als anfangs angenommen? Für den Fall hat sich das Gehirn abgesichert, wie Studien aus Kastners Team zeigen. Man könnte ja annehmen, der Aufmerksamkeitsscheinwerfer würde kontinuierlich leuchten. Stattdessen scheint er zu blinken: Viermal pro Sekunde steigt die Konzentration kurzzeitig an. »Dann nehmen wir das, worauf wir uns fokussieren, am intensivsten wahr«, erklärt Kastner. Daraufhin lässt sie wieder nach, so dass wir den Fokus leichter auf etwas anderes lenken können. Das Gehirn hat somit die Chance, immer wieder neue Ziele zu finden. »Wir glauben, dass dieses Auf und Ab bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beeinträchtigt ist«, sagt die Neurowissenschaftlerin. Die Betroffenen sind möglicherweise in der Phase des Tiefpunkts gefangen.
Salienz und individuelle Unterschiede
Doch wonach entscheidet das Gehirn, womit es sich intensiver beschäftigen will? Hier kommt die Salienz ins Spiel, im Deutschen würde man »Auffälligkeit« sagen. Ein salienter Reiz passiert die Filter mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als ein nicht salienter. Das kann ein besonders lautes Geräusch sein oder aber etwas völlig Überraschendes. So sind neue, unbekannte Reize salienter als solche, an die wir uns schon gewöhnt oder die wir bereits erwartet haben. Manche Informationen drängen sich evolutionär bedingt besonders schnell in unser Bewusstsein. Dazu gehören beispielsweise Bewegungen - eine rennende Spinne oder das Schlängeln einer Schlange - sowie bestimmte Farben: Rote Beeren im grünen Busch springen uns eher ins Auge als weiße.
Worauf wir uns fokussieren, kann allerdings individuell sehr unterschiedlich sein und vom Kontext und unseren Zielen abhängen. »Wenn ich in einer Menschenmenge meine Freundin suche, wird ihr Gesicht in meinem Gehirn eine viel höhere Salienz einnehmen als andere Gesichter«, sagt Sabine Kastner. Und hungrigen Menschen fallen Lebensmittel schneller auf als satten. Interessiert uns der Lernstoff nicht sonderlich, hat er es im Kampf um die Aufmerksamkeit besonders schwer.
Emotionale Reize und Belohnung
Zu erfahren, wie viele Likes die neue Instagram-Story hat, kann das Belohnungssystem im Gehirn stark stimulieren. Dass vor allem soziale Medien einen ungeheuren Sog ausüben können, liegt an einer weiteren Vorliebe unserer Aufmerksamkeit: emotionale Reize und solche, die Lohn und Anerkennung versprechen.
Dar Meshi und sein Team von der Michigan State University gehören zu den ersten Forschern, die Menschen im Hirnscanner untersuchten, während diese soziale Medien nutzten. Wie die Neurowissenschaftler feststellten, wurde bei den Versuchspersonen ein Netzwerk von Hirnregionen immer dann aktiv, wenn ein neuer Like-Daumen unter ihrem Post erschien. Dazu zählten unter anderem der ventromediale präfrontale Kortex und das ventrale Striatum - wichtige Akteure des Belohnungssystems. Diese Areale springen auch beim Sex an, wenn uns Geld angeboten wird oder wir Drogen konsumieren. Meshi und seinen Kolleginnen und Kollegen zufolge reagieren sie sogar dann, wenn wir die Bilder oder Storys anderer liken oder einfach nur nachsehen, was die Freunde so treiben.
Strategien für eine bessere Konzentration
Neben einer erholsamen Nachtruhe gibt es weitere Strategien, um seine Aufmerksamkeitsspanne zu erhöhen. Die Neurowissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass sich die sensorischen Filter und die Kontrollzentren im Gehirn zumindest etwas trainieren lassen, etwa durch regelmäßiges Lesen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Selbstkontrolle. Studien zufolge kann es bereits helfen, das Smartphone vom Schreibtisch zu verbannen. In einem trubeligen Umfeld sollte man zudem seine Aufmerksamkeit bewusst von ablenkenden Reizen wegsteuern.
Stressreaktionen auf Multitasking
Welche Auswirkungen digitale Stressoren wie Multitasking und häufige Arbeitsunterbrechungen auf die körperlichen Stresssysteme haben, untersuchte eine Studie aus Erlangen/Nürnberg, München und Bonn. Unter kontrollierten Versuchsbedingungen wurden 186 gesunde Personen (mittleres Alter 23±4 Jahre, ca. 75 % weiblich) getestet. Die Teilnehmenden wurden verschiedenen Testsituationen zugeteilt, darunter passiven Aufgaben (z. B. ein Video anschauen) oder aktiven (z.B. eine Aufgabe lösen), digitalen und nicht-digitalen.
Das wesentliche Ergebnis: Bei Multitasking kam es zu einer deutlichen Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Auch die Studienteilnehmer nahmen diese Situationen als „stressig“ war, Eigenwahrnehmung und körperliche Reaktion deckten sich also. „Das menschliche Gehirn kann nur eine geringe Anzahl an Aufgaben parallel erledigen. Erst recht, wenn die Aufgaben ähnliche Hirnregionen fordern.
tags: #gehirn #kann #nicht #gleichzeitig #reagieren