Der Alterungsprozess des Gehirns: Ein vielschichtiges Phänomen

Mit zunehmendem Alter stellen viele Menschen fest, dass ihre geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Das Gehirn, das Organ, das für unsere kognitiven Fähigkeiten, unser Gedächtnis und unsere Persönlichkeit verantwortlich ist, unterliegt einem komplexen Alterungsprozess. Neue Studien geben Aufschluss darüber, wie unser Gehirn altert. Bis zum Alter von 25 Jahren reift das Gehirn beständig, wird größer und entwickelt sich. Danach baut es langsam ab.

Veränderungen im Gehirn im Laufe des Lebens

Das Altern des Gehirns ist ein schrittweiser Prozess, der sich auf verschiedene Bereiche und Funktionen unterschiedlich auswirkt. Forschende haben fünf Entwicklungsstadien des menschlichen Gehirns festgestellt. Demnach verschaltet sich das Gehirn im Laufe eines Lebens fünfmal umfassend neu. Im Alter von im Mittel etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren gebe es Wendepunkte der neuronalen Vernetzung, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin Nature Communications. Die Neuvernezung gehe jeweils mit verschiedenen Denkweisen im Zuge von Wachstum, Reifung und Alterung einher. Diese Phasen lieferten wichtige Hinweise, wozu das Gehirn in verschiedenen Lebensabschnitten am besten geeignet sei oder wann es am anfälligsten sei.

  • Frühe Kindheit (bis ca. 9 Jahre): In der ersten Phase von der Geburt bis etwa zum neunten Lebensjahr wird die Vielzahl im Gehirn eines Babys übermäßig produzierter Synapsen reduziert, wie die Forschenden erklären. Erhalten bleiben die aktiver genutzten Verbindungen zwischen den Neuronen.
  • Jugend und frühes Erwachsenenalter (ca. 9-32 Jahre): Zwischen etwa neun und 32 Jahren befindet sich das Gehirn in seiner zweiten Phase - und auf einem echten Höhenflug. Die Organisation der Kommunikationsnetzwerke des Gehirns werde zunehmend verfeinert, erläutert das Team. Kennzeichnend sei eine schnelle Kommunikation im gesamten Gehirn, verbunden mit einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit.
  • Frühes Erwachsenenalter (ca. 32 Jahre): Im Durchschnitt mit Anfang 30 sieht das Forschungsteam die maximale Leistungsfähigkeit des Gehirns erreicht, der stärkste Wendepunkt der gesamten Lebensspanne stehe an. Im Alter von etwa 32 Jahren beobachteten die Wissenschaftler die größten Veränderungen in der Verdrahtung und die größte Gesamtverschiebung in der Entwicklung. Der genaue Zeitpunkt sei recht variabel und hänge unter anderem auch von kulturellen, historischen und sozialen Faktoren ab.
  • Mittleres Erwachsenenalter (ca. 32-66 Jahre): Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich verglichen mit früheren Phasen - und das gleich für rund drei Jahrzehnte.
  • Spätes Erwachsenenalter (ca. 66 Jahre): Mit etwa 66 Jahren stehe dann der am wenigsten ausgeprägte Wendepunkt ohne größere strukturelle Veränderungen an: Mitte der Sechziger erreiche eine allmähliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke ihren Höhepunkt. Dies sei ein Alter, in dem Menschen einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen ausgesetzt seien.
  • Hohes Alter (ab ca. 83 Jahre): Der letzte Wendepunkt erfolgt der Analyse zufolge im Alter von etwa 83 Jahren: Das menschliche Gehirn trete in die Phase des späten Alterns ein. Die Vernetzung nehme weiter ab. Da es keine Studienteilnehmer über 90 Jahren gab, ging der Untersuchungszeitraum nur bis zu diesem Lebensalter.

Schrumpfung der Hirnmasse

Allgemein nimmt man an, dass das Altern bereits in der dritten Lebensdekade beginnt. In der zweiten Lebensdekade gibt es einen Punkt, an dem das Gehirn biologisch auf dem Höhepunkt ist - danach gehen verschiedene Dinge unterschiedlich schnell funktionell verloren. So scheint die graue Gehirnsubstanz, die die neuronalen Zellkörper enthält, scheint früher zu schrumpfen als die weiße Substanz, die die Verbindungen zwischen den Zellen darstellt. Mit höherem Alter nimmt die Geschwindigkeit des Schrumpfens zu. Dabei müssen nicht zwingend auffälligen Einbußen bei den kognitiven Funktionen auftreten. Es ist im Normalfall zwar nicht zu erwarten, dass ein älterer Mensch ein ähnliches kognitives Niveau hat wie eine Person in den 20ern. Aber 80-Jährige mit einem für ihr Alter normales kognitives Niveau können durchaus schon recht viel Hirnmasse verloren haben. Es gibt große inter-individuelle Unterschiede wieviel Hirnmasse untergeht. Der Umfang des Verlusts hängt auch damit zusammen, dass unser Gehirn veränderbar ist und sich anpasst. Das Gehirn verfügt zudem über Kompensationsmechanismen, so dass man sich beispielsweise mehr konzentriert, wenn die Aufmerksamkeit nicht mehr so gut ist, oder etwas mehr nachdenkt, wenn der Gedächtnisabruf schwieriger geworden ist.

Ein interessanter Aspekt bei der Gehirnalterung ist, dass nicht alle Gehirnregionen gleichermaßen schrumpfen. Es ist bekannt, dass im Alter insbesondere das Gedächtnis nachlässt. Außerdem leiden die Exekutivfunktionen, also wie gut man sich konzentrieren und wie schnell man denken kann, wie flexibel man von einem Thema auf ein anders springt oder wie gut man mehrere Dinge gleichzeitig erledigt. Das haben Untersuchungen zu Kognition schon länger gezeigt. Mittlerweile lässt sich das Gehirn aber sehr gut durch Magnet Resonanztomographie (MRT) optisch darstellen. Das hat bestätigt: Regionen, die die Gedächtnis- und Exekutivfunktionen unterstützen - etwa der Präfrontale Kortex und temporale Bereiche wie der Hippocampus - schrumpfen früher als Gehirnregionen, die auditorische, visuelle oder motorische Information verarbeiten.

"Last in, first out" Prinzip

Dazu gehört vor allem die Region des präfrontalen Kortex. Die Hirnareale, die sich als letztes entwickeln, bauen sich auch als erstes wieder ab. Warum das Gehirn heterogen schrumpft, also in manchen Bereichen schneller als in anderen, ist noch nicht wirklich verstanden. Es gibt jedoch ein paar interessante Erklärungsansätze. Vergleicht man Gehirne von Menschen mit deren nächsten Verwandten, zeigt sich: Nicht das gesamte Gehirn ist bei Homo sapiens größer oder reicher an Neuronen. Vielmehr trifft das vor allem auf die Bereiche zu, die wir im Alter schneller verlieren. Das gilt so allerdings nicht für alle Hirnareale. Außerdem lässt sich untersuchen, welche Hirnbereiche länger brauchen, bis sie im Erwachsenenalter ausgereift sind. Auch hier zeigt sich eine deutliche Überlappung mit den Bereichen, die im Alter schneller verlorengehen. Das ergibt auch Sinn, wenn man überlegt, dass Menschen visuelle, auditorische oder motorische Informationen früh in ihrer Entwicklung verarbeiten können - lange bevor sie zu höheren kognitiven Leistungen fähig sind. Wie gesagt: Die Gehirnbereiche, die sich später entwickeln und die, die im Alter früher schrumpfen, stimmen teilweise überein. Es gibt dabei ein verdächtig ähnliches Muster, wobei es nicht deckungsgleich. Der Name für diese Hypothese lautet „Last in - First out“, sie lässt sich aber nicht für alle Regionen im Gehirn bestätigen. Zusammenfassend kann man daher festhalten, dass es Gehirnbereiche gibt, die etwas stärker veränderbar sind als andere. Dies gilt in der Evolution, in der persönlichen Entwicklung zum Erwachsenenalter und auch im Altern.

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Veränderungen in der Genaktivität

Wenn wir altern, altert auch unser Gehirn. Jede einzelne Zelle unterliegt diesem Prozess, der unter anderem mit Veränderungen in der Genaktivität einhergeht. Forschende vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben herausgefunden, dass sich dabei die Aktivität von Genen in verschiedenen Zelltypen des Gehirns verändert. Ein bestimmter Typ von Nervenzellen ist besonders betroffen. Unser Gehirn besteht aus verschiedenen Zelltypen mit jeweils spezifischen Eigenschaften, Funktionen und Verknüpfungen, die zusammen die komplexen Berechnungen des Gehirns durchführen. Forschende vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie wollten wissen, wie sich die Aktivität von Genen in den verschiedenen Zelltypen des Gehirns im Laufe des Alterns verändert. Hierfür untersuchten sie Gewebeproben aus 90 Gehirnen von Menschen im Alter zwischen 25 und 85 Jahren, die diese nach ihrem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellten. Sie konzentrierten sich dabei auf Zellen aus dem präfrontalen Kortex, einer Region im Gehirn, die für kognitive Prozesse wie das Denken, Planen und Problemlösen maßgeblich ist.

Die Forschenden konnten erstmals die Veränderung der Genaktivität einzelner Zelltypen im Laufe des Alterns untersuchen. „Wir konnten nachweisen, dass sich die Aktivität in allen Zelltypen im Laufe des Alterns verändert, aber nicht unbedingt in den gleichen Genen“, fasst Studienleiterin Anna Fröhlich das Ergebnis zusammen. In allen Zelltypen verändert sich die Aktivität von Genen, die wichtig für die synaptische Übertragung, also die Kommunikation zwischen den Neuronen sind, mit dem Altern. Genauso wandelt sich die Aktivität in Genen, die an der sogenannten mRNA-Prozessierung, also bei der Herstellung von Proteinen, beteiligt sind, im Laufe des Alterungsprozesses.

Da das Alter der größte Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie eine Alzheimer-Demenz ist, verglichen die Forschenden die altersbedingten Veränderungen in der Genexpression mit Veränderungen bei der Alzheimer-Erkrankung. Sie fanden weitreichende Überlappungen in bestimmten Zelltypen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass kontinuierliche, nicht-krankhafte Veränderungen ab einem gewissen Zeitpunkt eine Schwelle überschreiten und sozusagen ins Pathologische umschlagen. Besonders interessant ist, dass ein bestimmter Zelltyp von hemmenden Neuronen sowohl durch Altern also auch bei der Alzheimer-Demenz besonders stark betroffen zu sein scheint.

Die untersuchten Gewebeproben stammten von Menschen mit und ohne psychiatrische Erkrankung. Ein Vergleich dieser zwei Gruppen zeigte Unterschiede in der biologischen Alterung: Das Genexpressions-Alter von Menschen mit psychiatrischer Erkrankung war beschleunigt, das heißt, dass sie „biologisch gesehen“ älter waren. Dies könnte daran liegen, dass sich die Aktivität mancher Gene nicht nur im Alter verändert, sondern auch durch psychiatrische Erkrankungen beeinflusst wird, wie die WissenschaftlerInnen zeigen konnten.

Die Rolle der Proteostase

Der Verlust dieser Proteostase - also der Abbau dieses Gleichgewichts - wird als ein Kennzeichen des Alterns angesehen und tritt auch bei altersbedingten neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson auf. Dieser Verlust sei ein interessanter Prozess, denn an ihm laufen Alterung und Krankheit zusammen. In der jetzt im renommierten Journal "Science" veröffentlichten Studie untersuchten die Wissenschaftler keine menschlichen Gehirne, sondern die eines besonderen Wirbeltiers - des Killifischs (Türkise Prachtgrundkärpfling oder Nothobranchius furzeri). "Die Veränderungen, die wir im Killifisch-Gehirn sehen, entsprechen in vielen Punkten denen im Alzheimer-Gehirn", so Ori. Das Team analysierte umfassend, wie während des Alterns die Genexpression in den Killifischen reguliert wurde - vom Ablesen der Erbinformation (Transkriptom), über die Proteinherstellung durch Ribosomen (Translatom), bis hin zur tatsächlichen Zusammensetzung der gebildeten Proteine (Proteom).

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"Interessant wurde es, als wir Proteomdaten mit Transkriptomdaten verglichen - also den mRNA-Molekülen, die als Bauplan für die Proteinsynthese dienen. Theoretisch gilt: eine mRNA liefert ein Protein", sagt Alessandro Ori. Doch es mangelte häufig an Proteinen mit vielen basischen Aminosäuren wie Arginin und Lysin - wichtig etwa für DNA-Reparatur oder RNA-Verarbeitung. Daher richteten die Wissenschaftler ihren Blick auf die "Proteinfabriken" der Zellen: die Ribosomen. "Und als wir uns das angesehen haben, ergab plötzlich alles einen Sinn", so Ori. "Warum? Die Fehlfunktion hat weitreichende Konsequenzen: Bestimmte Proteine werden kaum noch hergestellt, andere dagegen vermehrt, weil weniger Konkurrenz im Translationsprozess besteht.

Neuronale Netzwerke und ihre Bedeutung für die Gehirnalterung

Ein weiterer Aspekt der Gehirnalterung, der aktuell in den Fokus der Forschung rückt, ist die Vaskularisierung, also die Versorgung mit Blutgefäßen. Dabei wird der Einfluss der Durchblutung auf das Altern untersucht. Das ist durch die verbesserten bildgebenden Verfahren bei lebenden Menschen möglich. Große vaskuläre Ereignisse, wie einen Schlaganfall, lassen sich schon seit langer Zeit durch diese Verfahren optisch darstellen. Die immer höheren Auflösung der MRT-GEräte erlaubt mittlerweile auch mikrovaskuläre Strukturen darzustellen und zu analysieren. Das Gefäßsystem des Gehirns erinnert an ein immer feiner werdendes Wurzelnetz eines Baums: von großen Blutgefäßen bis hin zu ganz feinen. Die feinsten Äderchen lassen sich auch heute noch nicht in MRT-Aufnahmen darstellen. Was Forschende aber im Millimeterbereich sehen sind Mini-Schlaganfälle, die zu Mikro-Läsionen führen, also winzige geschädigte Bereiche. Dabei handelt es sich um ein sehr weit verbreitetes Phänomen, das weit mehr als die Hälfte der über 60-jährigen Menschen betrifft. Mini-Schlaganfälle können ausschlaggebend sein für einen darauffolgenden Volumenverlust, weil die Nährstoffzufuhr dadurch abgeschnitten wird. Es gibt eine starke Hypothese, dass Alterserscheinungen, wie Schwierigkeiten mit der Balance oder auch Konzentration, mit diesen mikrovaskulären Verletzungen zusammenhängen.

Unterschiede in der Alterung verschiedener Hirnrindenschichten

Vergesslichkeit, schlechtere Wahrnehmung, nachlassende Konzentrationsfähigkeit: Diese Begriffe werden häufig mit dem Alterungsprozess in Verbindung gebracht. Der Grund: Die Hirnrinde wird dünner - ein charakteristisches Merkmal des menschlichen Alterns. Erstmals ist es nun Tübinger Forschenden gelungen, mittels innovativen Bildgebungs- und Berechnungsmethoden die verschiedenen Schichten der Hirnrinde separat voneinander zu untersuchen und die Veränderungen der Hirnrindenschichten im Laufe des Alters zu messen. Das Ergebnis: Nicht alle Schichten altern gleich stark. Wenn vom Altern die Rede ist, dann ist meistens die allmähliche Beeinträchtigung der sogenannten kortikalen Hirnregion gemeint. Diese zeigt sich typischerweise in zunehmender Vergesslichkeit, einer schlechteren Wahrnehmung und einer nachlassenden Verarbeitung von äußeren Reizen, wie etwa von Geräuschen oder Sprache. Charakteristisch dafür ist eine ausgedünnte Hirnrinde, die über die Jahrzehnte immer weiter an Volumen verliert. Die Hirnrinde oder auch Neokortex genannt, ist auch für höhere kognitive Funktionen wie Denken, Planen und Entscheidungsfindung verantwortlich und enthält hauptsächlich die grauen Nervenzellen.

Häufig wird in der Alterungsforschung jedoch außer Acht gelassen, dass die Hirnrinde selbst aus sechs verschiedenen Schichten besteht, die jeweils eigene Funktionalitäten und eine eigene Anatomie aufweisen. So werden hereinkommende Signale zunächst in den mittleren Schichten verarbeitet und zur Weiterleitung dann in die oberen Schichten integriert. Die tieferen Schichten spielen insbesondere für die Filterung von Informationen eine Rolle, notwendig bei Konzentration oder Multitasking. Bislang konnte nur schwer untersucht werden, wie die altersbedingte Degeneration sich auf die einzelnen Schichten auswirkt - und wie die Degeneration ältere Menschen konkret im Alltag beeinträchtigt. Unter Leitung von Prof. Dr. Esther Kühn, Professorin an der Medizinischen Fakultät Tübingen und Forschungsgruppenleiterin am Hertie Institut für klinische Hirnforschung, ist es Tübinger Forschenden gelungen, die Dicke verschiedener Hirnschichten separat am lebenden Menschen zu messen.

Mittels des Einsatzes von Ultrahochfeld Magnetresonanztherapie (MRT) und der Kombination mit neuen Berechnungsmethoden zur Bestimmung der Hirnrindenschichten entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstaunliches: Nur die tieferen Schichten der Hirnrinde nehmen mit dem Altern ab, nicht aber die mittleren und oberflächlichen Schichten. „Obwohl das Gehirn insgesamt mit dem Alter an Volumen abnimmt, bleiben große Teile der Hirnrinde von diesem Prozess verschont. Dies erklärt möglicherweise die oft bemerkenswerten Fähigkeiten älterer Menschen, die Umgebung um sich herum präzise wahrzunehmen und komplexe kognitive Aufgaben zu lösen“, erläutert Prof. Dr. Esther Kühn. „Weil die tieferen Hirnschichten, die für Signalverarbeitung und Filterfunktionen zuständig sind, im Alter dünner werden, fällt es älteren Menschen hingegen oft schwerer, störende Umgebungsgeräusche auszublenden oder sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren.“, ergänzt sie. Die Daten weisen darüber hinaus darauf hin, dass das Gehirn die Teile der Hirnrinde vor dem Verfall bewahrt, die es auch häufig nutzt. So gaben die mittleren Schichten, wo hereinkommende Signale verarbeitet werden, an einer Person, die nur mit einem Arm geboren wurde, Anzeichen einer nutzungsabhängigen Plastizität des Gehirns. Also der Fähigkeit, sich strukturell zu verändern, wenn das bestimmte Gehirnareal kontinuierlich genutzt wird.

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Es wurden zwei Kohorten von Probanden untersucht, die jeweils in zwei Gruppen eingeteilt wurden: Die erste Kohorte bestand aus insgesamt 40 Probanden, davon jeweils 20 Jüngere (Altersschnitt 28 Jahre) und 20 Ältere (Altersschnitt 68 Jahre), genau wie die zweite Kohorte. Unter Einsatz von Tiermodellen an Mäusen konnten die Befunde ebenfalls reproduziert werden und so die zu Grunde liegenden Mechanismen aufzeigen.

Genetische Faktoren und Lebensstil

Warum altern manche Gehirne schneller als andere - und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Angesichts der weltweit steigenden Lebenserwartung und der Zunahme altersbedingter Erkrankungen wie Demenz ist die Beantwortung dieser Frage von herausragender Relevanz. Um dieser Frage nachzugehen, haben Forschende der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Dr. Philippe Jawinski und Prof. Dr. Sebastian Markett die genetischen Grundlagen des sogenannten Brain Age Gap (BAG) untersucht - also die Differenz zwischen dem biologischen Alter des Gehirns, das anhand von MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) ermittelt werden kann, und dem tatsächlichen Lebensalter eines Menschen. Grundlage der Analyse waren Daten der britischen UK Biobank, einer der größten Forschungsdatenbanken weltweit. Für die Studie werteten die Forschenden genetische Daten sowie MRT-Aufnahmen von mehr als 56.000 Personen aus. Dabei identifizierten sie 59 Regionen im Genom, die das Tempo der Gehirnalterung beeinflussen. Darunter waren 39 Regionen, die erstmals mit der Gehirnalterung in Verbindung gebracht wurden und darüber hinaus bekannte Gene wie MAPT und APOE, die im Zentrum der Alzheimer-Forschung stehen.

Die Analysen legen nahe, dass beeinflussbare Faktoren wie Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes - die erworbene Form der „Zuckerkrankheit“ - ursächlich mit einer beschleunigten Gehirnalterung zusammenhängen. Das bedeutet: Ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes ist genetisch verknüpft mit einem erhöhten Risiko für eine vorzeitige Alterung des Gehirns. Darüber hinaus fanden die Forschenden genetische Korrelationen mit Eigenschaften wie psychischer und körperlicher Gesundheit, mit sozioökonomischen Faktoren oder der Angewohnheit zu rauchen oder Alkohol zu trinken.

Resilienz im Alter

In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist die Frage, wie wir gesund und vital bis ins hohe Lebensalter bleiben, von zentraler Bedeutung. Gesundes Altern, das heißt tatsächlich bis ins hohe Alter den üblichen gesundheitlichen Alterseinschränkungen wie beispielsweise einer Abnahme kognitiver Fähigkeiten zu entgehen, gelingt in der Regel nur einem kleineren Teil alternder Menschen. Folglich hat sich die Forschung bislang weitgehend auf häufige Alterserscheinungen wie der Gebrechlichkeit und den typischen Alterserkrankungen wie zum Beispiel der Alzheimer-Krankheit konzentriert. Die Frage, welche biologischen Mechanismen gesund alternde Menschen schützen, wird erst seit wenigen Jahren intensiv erforscht. Diese Mechanismen zu verstehen, ist ein wesentliches Ziel des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR), aber auch der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Es gibt ein sehr komplexes Zusammenspiel von Faktoren, die dazu führen, dass die Mehrzahl der Menschen im Alter Funktionsverluste erleiden. In unserer Forschung wollten wir herausfinden: Was sind Schutzsysteme, die diese Funktionsverluste vermeiden oder verlangsamen? Dafür analysieren wir ältere Menschen, die im Gegensatz zur großen Mehrheit kognitiv gesund bleiben. Ein paar Faktoren für deren Resilienz haben wir bereits auf der Ebene des Gehirns identifiziert. Wir sehen zum Beispiel, dass die Gehirne von kognitiv gesunden, resilienten älteren Menschen besser intern vernetzt sind als die Gehirne von älteren Menschen mit Funktionsverlusten.

Was die Resilienz von älteren Menschen angeht, gibt es sehr interessante Entwicklungen in der Corona-Pandemie: Die COSMO-Studie zum Beispiel zeigt, dass die Resilienz bei Älteren in dieser Zeit angestiegen, während sie bei Jüngeren zurückgegangen ist. Das ist schon sehr erstaunlich, zählen doch gerade ältere Menschen zur Risikogruppe. Vermutlich hat das mit Stressregulation zu tun: Je älter ein Mensch ist, desto besser weiß er mit Krisen umzugehen.

Drei Faktoren können wertvolle Anregungen für die Pflegepraxis geben. Erstens haben wir gesehen, dass ältere Menschen, die körperlich hochaktiv sind, bei kognitiven Tests besser abschneiden. Ihre physische Aktivität fördert die Konnektivität zwischen den verschiedenen Hirnbereichen und auch über die Gehirnhälften hinweg. Das zeigt, wie wichtig es vor allem auch für die Gehirngesundheit ist, sich regelmäßig zu bewegen - je mehr desto besser. Kürzlich hat eine Studie zudem erstmals auch biologisch nachgewiesen, dass mediterrane Diät die Gehirngesundheit und kognitive Fähigkeiten positiv beeinflusst. Das, was man vorher also immer wieder epidemiologisch gesehen hat, kann man jetzt auch mechanistisch eindeutig zeigen. Ein dritter wichtiger Faktor, den wir identifizieren können, ist die soziale Interaktion: Die sozial Aktiven sind länger kognitiv gesund.

Prävention und Intervention

Dass die Bildung von Proteinen in den Ribosomen nicht mehr rund läuft, ist nicht zweifelsfrei die Hauptursache für die Alterungsprozesse im Gehirn. Alessandro Ori sieht aber eine Chance: "Wahrscheinlich wirken mehrere Mechanismen zusammen. Sobald wir die Hauptursache kennen, können wir gezielt eingreifen und prüfen, ob sich dadurch Alterungsprozesse oder Demenz verlangsamen lassen. Die Grundidee für eine spätere Intervention, um Alzheimer oder andere neurodegenerative Krankheiten aufzuhalten, wäre, die gestörte Funktion der Ribosomen zu reparieren.

Insgesamt passen unsere Befunde zur allgemeinen Sichtweise, dass wir unserem Gehirn durch geeignete Stimulation etwas Gutes tun. Ich finde es eine optimistische Vorstellung, dass wir unseren Alterungsprozess ein Stück weit selbst in der Hand haben“, meint Kühn.

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