Musik ist ein integraler Bestandteil des menschlichen Lebens. Sie bewegt, verbindet, reißt mit, heizt auf, beruhigt oder tröstet. Doch was macht Musik so wirkungsvoll? Und warum haben manche Menschen ein ausgeprägteres Rhythmusgefühl oder eine bessere Intonation als andere? Die Wissenschaft versucht, diese Fragen zu beantworten und hat dabei interessante Erkenntnisse über die genetischen und neuronalen Grundlagen unserer Musikalität gewonnen.
Die genetische Veranlagung für Rhythmusgefühl
Eine aktuelle Studie, an der das Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik beteiligt war, hat mehrere Gene identifiziert, die für die Ausprägung des Rhythmusgefühls verantwortlich sind. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Gen, sondern um eine ganze Reihe von Genen, die zusammen als "polygener Score" namens "PGSrhythm" bezeichnet werden.
Der Musikwissenschaftler und Neurologe Eckart Altenmüller bezeichnet diese Analyse als "sehr trickreich" und gut gemacht. Er betont, dass das Ergebnis, dass musikalische Grundeigenschaften genetisch stark mitgeprägt sind, nicht wirklich neu sei. Die Studie zeige jedoch "ein Muster an Genen", das bestimmt, wie gut eine Person den Rhythmus halten kann und somit besonders gut für Kammermusik oder das Spielen in Bands geeignet ist.
Etwa 50 Prozent der musikalischen Leistung werden durch die Genetik erklärt. Altenmüller vermutet dies seit den 1980er-Jahren, aber diese Studie mit 5648 Probanden hat diesen Umstand nun wissenschaftlich untermauert. Auch die Intonation, also die Fähigkeit, Tonhöhen zu treffen und zu halten, wurde auf ähnliche Weise getestet.
Für die musikalische Erziehung sieht Altenmüller in diesen neuen Erkenntnissen jedoch keine großen Auswirkungen. Der genetische Beweis für Musikalität erklärt zwar, warum eine Person nach zwei Jahren Klavierunterricht schon schwierige Chopin-Stücke spielen kann, während eine andere nach zehn Jahren Unterricht noch Schwierigkeiten mit "Für Elise" hat. Aber: "Musik ist ja unglaublich reichhaltig, da gehört auch Kommunikationsfähigkeit dazu", sagt Altenmüller. In der Klassik ist natürlich Perfektion gefragt. Doch da geht es auch zum großen Teil um motorische Perfektion, die schlicht trainiert werden muss, und zwar vor dem Alter von sieben Jahren, danach schließt sich das Fenster, in dem das Gehirn noch so anpassbar ist, um artistische Höchstleistungen zu lernen.
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Die neuronale Verarbeitung von Musik
Musik besteht aus Schallwellen, die über die Luft an die Ohrmuschel und dann in den Gehörgang geleitet werden. Von dort gelangen die Schwingungen ins Innenohr mit der Cochlea (Hörschnecke), wo winzige Haarzellen sitzen. Unterschiedliche Haarzellen reagieren auf unterschiedliche Tonhöhen und -frequenzen und wandeln die entsprechenden mechanischen Schwingungen in elektrische Signale um.
Der auditorische Kortex (Hörkortex) ist dafür verantwortlich, die grundlegenden Musik- oder Tonmerkmale zu erkennen - also wie laut und wie lang ein Ton ist und in welcher Frequenz er klingt. Zum Musikhören sind aber noch eine Menge weiterer Aspekte relevant, weshalb über das ganze Gehirn verteilte Regionen wichtige Rollen spielen. Es gibt Bereiche, die Harmonie, Rhythmus und Intervalle wahrnehmen. Das episodische Gedächtnis kann Musikstücke wiedererkennen und Erinnerungen abrufen, die bereits mit dieser Tonfolge verknüpft sind. Zudem kommen motorische Funktionen zum Zuge, wenn wir uns zur Musik bewegen, singen oder ein Instrument spielen.
An der Verarbeitung von Musik sind also verschiedenste Bereiche im Gehirn beteiligt. "Es gibt nicht 'ein' Musikzentrum", sagt der Psychologe, Neuro- und Musikwissenschaftler Prof. Stefan Kölsch von der University of Bergen (Norwegen).
Dank bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) lässt sich mittlerweile gut untersuchen, was beim Hören von Musik im Hirn passiert. So hat sich etwa gezeigt, dass Regionen zur Emotionsverarbeitung durch Musik aktiviert werden. Das bedeutet letztendlich: Wir hören Musik nicht einfach nur, sie macht auch etwas mit uns, indem sie Funktionen im Gehirn anregt und stärkt, die nichts mit dem eigentlichen Verarbeiten von Tönen zu tun haben.
Die Synchronisation von Gehirnen durch Musik
Musik verbindet, das wissen wir seit Urzeiten. Wir nicken zusammen zum Beat, klatschen gemeinsam im Takt und singen Refrains mit. Doch die Verbindung geht offenbar noch tiefer, wie eine aktuelle Studie zeigt.
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Ein Team von chinesischen Forschern hat in einer aktuellen Studie die Hirnaktivität eines Violinisten gemessen, während er 100-sekündige Musikvideos aufnahm. Die Clips wurden 16 Versuchspersonen vorgespielt, deren Hirnaktivität ebenfalls mittels sogenannter Nah-Infrarotspektroskopie aufgezeichnet wurde.
Eine Analyse zeigte, dass während der Performance beim Musiker und bei seinem Publikum die gleichen Hirnregionen besonders aktiv waren. Dazu gehören der linke Temporallappen, der mit der Verarbeitung von Rhythmus assoziiert wird, und zwei Areale, die mit der Gestaltung von sozialen Interaktionen zu tun haben.
Zudem gefielen jene Clips den Versuchspersonen besser, bei denen ihr Gehirn besonders stark auf gleicher Welle funkte wie das Gehirn des Violinisten. Dieser Zusammenhang trat erst in der zweiten Hälfte der Lieder auf.
Diese Ergebnisse legen nahe, dass neuronale Synchronisation zwischen Publikum und Performer der positiven Rezeption einer musikalischen Darbietung zugrunde liegt.
Die emotionale Wirkung von Musik
Wohl kaum ein äußerer Reiz kann unsere Stimmung so stark und unmittelbar beeinflussen wie die Musik: Sie bringt uns zum Weinen, weckt Erinnerungen - oder verursacht regelrechte Hochgefühle. Diese Wirkung ist so angenehm, dass wir im Alltag immer wieder danach streben. Wir drehen das Radio auf, wenn unser Lieblingslied läuft, singen gemeinsam im Chor oder gehen ins Konzert.
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Aus Experimenten geht hervor: Für die Hochgefühle ist in erster Linie der Botenstoff Dopamin verantwortlich. Seine Ausschüttung im Gehirn führt nicht nur dazu, dass uns Musikhören glücklich macht, sondern motiviert uns auch, die Musik noch einmal zu hören.
Die Forscher Laura Ferreri von der Universität Barcelona und ihre Kollegen konnten einen direkten Zusammenhang zwischen Dopamin, durch Musik ausgelöste Freude und Motivation belegen. Sie verabreichten Probanden die Dopamin-Vorstufe Levodopa, ein Placebo und den Dopaminblocker Risperidon und spielten ihnen anschließend Musik vor. Die Ergebnisse zeigten, dass die Wirkung des Dopamins im Gehirn durch Risperidon blockiert wurde, veränderte sich das Musikerlebnis für die Teilnehmer deutlich. So empfanden sie die Musik als weniger angenehm und waren auch nicht motiviert, besonders viel Geld für den Erwerb der gehörten Stücke auszugeben. Ganz anders sah dies bei der Gabe von Levodopa aus. Wurde die Dopamin-Verfügbarkeit durch dieses Mittel künstlich erhöht, entfaltete die Musik eine noch stärkere Wirkung als normalerweise. Die Probanden verspürten mehr Hochgefühle und gaben großzügig Geld aus.
Musik als soziale Funktion
Musik hat außerdem eine ganze Reihe von psychologischen Wirkungen, erklärt Stefan Kölsch: "Die Menschen haben ein tiefes Bedürfnis danach, dazuzugehören, Gemeinschaft zu erleben - und Musik ermöglicht das unmittelbar." Schon durch die grundlegenden Elemente wie Takt oder Tonleiter, die dafür sorgen, dass alle an der Musik teilhaben können. "Wenn sich Melodien wiederholen, können wir schnell einstimmen", so der Forscher.
Doch selbst, wenn man die Musik für sich allein hört, kann sie wunderbare Wirkungen haben. "Wir nutzen die Musik, um unsere Emotionen zu regulieren", sagt Stefan Kölsch. So können sie beispielsweise autonome Reaktionen wie den Herzschlag und den Hormonhaushalt verändern und motorische Impulse auslösen: Bei Musik, die wir als schön empfinden, lächeln wir eher, singen mit, klatschen oder tanzen - so wird der ganze Mensch involviert. "Diese Effekte kann man nutzen, um Gefühle zu regulieren“, so der Forscher.
Interessant dabei ist, dass die Grundemotionen Freude, Trauer und Angst in der Musik offenbar von allen Menschen gleichermaßen transportiert werden können. Forschende besuchten einen afrikanischen Stamm, der vorher noch nie in Kontakt mit der westlichen Welt gekommen war, und spielten den Bewohnerinnen und Bewohnern Klavierstücke vor.
Musiktherapie
Dass Musik vermutlich einige Fähigkeiten schult und entsprechend für die Leistungsfähigkeit des Gehirns gut ist, scheint klar. Tatsächlich wird sie aber auch bei konkreten Erkrankungen genutzt, und zwar als Musiktherapie. Dabei gibt es Formen, bei denen die Teilnehmenden selbst Musik machen oder sich zumindest aktiv mit ihr beschäftigen, und das passive Zuhören.
Solche Musiktherapien kommen in den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz und werden zunehmend in klinischen Studien untersucht. Ein Anwendungsgebiet ist beispielsweise die Demenz: Gerade Betroffene, die unter Ängsten oder Aggressionen leiden, können davon profitieren.
Es muss nicht mal unbedingt eine Erkrankung sein: Schon in einer Untersuchung zeigte sich, dass eine musikalische Gruppentherapie gut für Kinder ist, die ihre Aggressionen nicht gut kontrollieren können.
Die Evolution der Musikalität
Die Musik hat Evolutionspsychologen ratlos gemacht: Unser Gehirn ist offenbar darauf angelegt, Musik zu genießen oder gar hervorzubringen. Diese Fähigkeit scheint genetisch angelegt zu sein. Doch wozu brauchen wir sie? In der Natur bietet das Musizieren keinen offensichtlichen Überlebensvorteil.
Vieles spricht dafür, dass Musik eine Art "Schwester" der Sprache ist. Früher galt die gängige Lehrmeinung: Aus der stimmlichen Kommunikation der Affen hat sich im Laufe der Jahrmillionen irgendwann die menschliche Sprache entwickelt - begünstigt durch das enge Zusammenleben in der Savanne. Die Musik sei dann aus der Fähigkeit der Sprache entstanden - sozusagen als Nebenprodukt. Denn beide Fähigkeiten benötigen ein Gefühl für Rhythmus und eine Kontrolle des Tonfalls.
Mittlerweile rückt die Wissenschaft von der Annahme ab, die Musik sei ein Nebenprodukt der Sprachentwicklung. Sprache dient vor allem der Information. Ein Sender teilt einem Empfänger etwas mit. Beim gemeinsamen Musizieren dagegen ist der Unterschied zwischen Sender und Empfänger kaum auszumachen: Musik teilt man nicht mit.