Der Künstler Wolfgang Schmidt plant zum Kulturhauptstadtjahr eine Skulptur, die aus rund 100 einzelnen, 2,50 m hohen Edelstahlfiguren besteht. Ihre Aufstellung erstreckt sich über 50 km von Duisburg bis Dortmund quer durch das einstige Kohlerevier. Aus der Vogelperspektive betrachtet ergeben diese Einzelstücke zusammen eine liegende Figur mit dem Kopf in Dortmund und den Füßen in Duisburg. Jede der 100 Figuren kostet 5.000 Euro. Doch die Kunstszene ist vielfältig und reicht weit über solche ambitionierten Projekte hinaus. Ein Blick auf das Werk von Matthias Schamp und andere Initiativen offenbart ein breites Spektrum künstlerischer Auseinandersetzung mit Raum, Identität und der Beschaffenheit der Realität selbst.
Urbanismus und temporäre Projekte
Zum elften Mal findet in Köln ein Architekturfestival statt. „Plan 09“ lädt vom 25. September bis zum 2. Oktober 2009 zum Abwandern eines Parcours in der Innenstadt ein, der verschiedene Ausstellungsräume, Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen miteinander verbindet. Das zentrale Thema ist wie bereits in den vergangenen Jahren „Urbanismus“. Bis Ende August wird unter dem Titel „White Head“ in der Stuttgarter Innenstadt ein temporäres Projekt mit Ausstellungen, Performances, Diskussionen, Musik und Filmen durchgeführt. Initiator ist der Self Service Open Art Space, zusammen mit dem Künstlerhaus Stuttgart, Hermes und der Pfau sowie Katrin Mundt und Jan Löchte.
Diese Beispiele zeigen, wie Kunst und Architektur in den urbanen Raum eingreifen, ihn hinterfragen und neu interpretieren. Sie schaffen temporäre Erlebnisräume und regen zur Auseinandersetzung mit der Stadt und ihrer Geschichte an.
Matthias Schamp und das "Hirntreiben"
Matthias Schamp, der laut Klappentext auch als Konzeptkünstler im Ruhrpott aktiv ist, hat mit seinem Roman "Hirntreiben" ein Werk geschaffen, das die Grenzen zwischen Realität und Virtualität auf spielerische Weise verwischt. Der Roman entwirft ein Szenario, in dem einfache Hilfsprogramme, die "Brainboys", mit einem Ich-Bewusstsein ausgestattet sind und an der "Wirklichkeit" verzweifeln.
Die Brainboys und ihre Suche nach der Realität
Sam, Bill, Jim, Joe, Mack, Fred, Scotty und Kid sind stolze "Brainboys". „Und es gab Tamtamhirne. Und es gab Gagahirne. Und es gab Egalhirne. Und es gab fanatische Hirne. Es gab Hirne über Hirne, tausend verschiedene Arten von Hirnen - so weit das Auge reichte. Das ganze Tal war grau von Hirnen. Auf ihren gezähmten Reithirnen galoppieren die Brainboys durch das Datengras der Prärie, den Colt in der einen, das Synapsenlasso in der anderen Hand; harte, raue Burschen, die abends am Leuchtdioden-Lagerfeuer sitzen, im Informationsfluss angeln und erledigen, was die Programmierung ihnen aufgetragen hat. Für die Brainboys, einfache Hilfsprogramme, doch vom System mit einem Ich-Bewusstsein ausgestattet, existiert keine Welt, keine Realität mehr außerhalb des Rechners.
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Schamp dreht die große Frage nach der Virtualität des Daseins einfach um. In „Hirntreiben“ sind es die auf 0 und 1 basierenden Hilfsprogramme, die an der „Wirklichkeit“ verzweifeln. Der Leser erfährt ebenso wie die Brainboys nie, warum die Hirne eigentlich gen Osten getrieben werden, was dort mit ihnen passieren soll. Dass man sie essen kann, dass sie gut schmecken, legt eine Schlachtung nahe. Doch als Kid, ich greife voraus, als letzter Überlebender nach einer langen Reise ans Ende der Festplatte gerät - die Welt ist also doch eine Scheibe - stürzen sich die Hirne über die Kante ins Nichts, als ob das von jeher ihre Bestimmung gewesen wäre: die Flucht aus der Virtualität.
Literarische Anspielungen und philosophische Fragen
Schamps Roman ist reich an literarischen Anspielungen und philosophischen Fragen. Er zitiert Werke wie "Red River", "Die Unendliche Geschichte", "Alice im Wunderland", "1984" und bezieht sich auf Denker wie Niklas Luhmann. Literarisch geerdet ist Schamps Roman an Groschenheft-Western aus dem Bahnhofskiosk und der Marlboro-Werbung, die man mythologisch zugeteert als Vorfilm im Kino zu sehen bekommt.
Brainboy Fred ist es, den auf ihrem Ritt gen Osten die Zweifel überkommen. Er liest die Texte auf den Datenhalmen, die angeblich von Menschen erdacht worden sind. Gedichte von Rilke, wissenschaftliche Abhandlungen über Kybernetik, technische Fachliteratur. Vielleicht sind diese Hirne, die wir hier - warum überhaupt? - über die Festplatte treiben, gar nicht so dumm, wie wir annehmen. Freds Gedanken. Fred stellt die Vermutung auf, dass der Horizont nur so weit reicht, wie sie sehen. Sprich: Dahinter kommt nichts. Hinter ihnen verschwindet alles, sobald es aus dem Blickwinkel gerät. Alle Büsche, fällt Fred auf, haben immer exakt denselben Abstand voneinander. Das System gibt ihnen eine Landschaft vor. Sie könnten unendlich lange so weitergehen. Jeder, der einmal das Computerspiel „Siedler“ oder ähnliches gespielt hat, kennt diese Situation. Fred, das skeptische Hilfsprogramm, beginnt das „Scheißsystem“ zu hassen. Das System mache zu viele Fehler, argumentiert er. „Versündige dich nicht gegen die Programmierung“, entgegnet darauf der sehr religiöse Bill. Programme, die zuviel grübeln, werden vom allmächtigen System ohne jede Vorwarnung gelöscht. Verschwinden einfach. Fred ist der erste, der sich „weggrübelt“. Es passiert kurz nachdem der Trupp an einer Schnittstelle vorbei kommt. Fred träumt von einem Leben außerhalb des Rechners, er spricht aus, wovon seine Kollegen nicht einmal zu träumen wagen: Es könnten Ausgabemedien, sprich Drucker, existieren. Es könnte tatsächlich eine „reale“ Welt existieren, irgendwo da draußen. Seine Kumpels zucken verstört mit den virtuellen Schultern. Wir sind doch reell, entgegnen sie. Wir sind die nächst höhere Stufe der Evolution. Fred der Skeptiker ist das virtuelle Pendant zu den Zweifelnden aus Aldous Huxleys schöner, neuer Somawelt. „Mensch, Kid, stell dir vor: Realität! […] Zugegeben, dort draußen muß es jetzt reichlich wüst aussehen. Aber es muß trotzdem ein herrliches Gefühl sein, den heiligen Boden zu berühren. Stell dir vor: Atompilze. […] Wenn die knatschgrüne Sonne über den grellorangen kontaminierten Ebenen aufgeht. Oder wenn fluoreszierende Bakterienstämme über geborstene Büroeinrichtungen wabern. Atemberaubend. Die Schwelbrände, der Fallout, die Gerippewälder, Goofy und Micky-Maus…
Schamps Roman als Spiegel der Gesellschaft
Schamps Roman hat eine distanzierte Betriebsebene, die zwar klug, stellenweise verdammt originell und schlicht und einfach anders als das sonst übliche sich präsentiert. Er wirft Fragen nach der Beschaffenheit der Realität auf, nach der Rolle des Individuums in einer zunehmend digitalisierten Welt und nach den Konsequenzen des Fortschritts. Auch wenn Computerprogramme nicht leiden, so treiben sie doch dieselben Fragen herum, die auch die Menschheit in den Untergang getrieben haben könnten.
Kunst im öffentlichen Raum: Interventionen und Aktionen
Neben der literarischen Auseinandersetzung mit Raum und Realität gibt es zahlreiche künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum, die zum Nachdenken anregen.
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Das Situative Brachland Museum und der Kunstraub
Das Situative Brachland Museum an den Riff-Hallen ist Opfer eines groß angelegten Kunstraubs geworden. Unbekannte haben einen Großteil der über 40 Werke entwendet, die KünstlerInnen aus dem In- und Ausland für die Aktion des Bochumer Konzeptkünstlers Matthias Schamp zur Verfügung gestellt hatten. Obwohl es sich um eine ungenehmigte Kunstaktion handelte, beteuern VertreterInnen aus Politik und Verwaltung, dass sie mit dem Verschwinden der Werke nichts zu tun haben. Unter dem Diebesgut ist auch das überdimensionale Gehirn der Hildesheimer Künstlerin Christine Biehler (Foto). Inzwischen hat Schamp Anzeige bei der Polizei erstattet.
Dieser Vorfall wirft Fragen nach dem Wert von Kunst im öffentlichen Raum auf, nach der Verantwortung der Gesellschaft für den Schutz von Kunstwerken und nach der Rolle von Kunst als Mittel der Infragestellung und Provokation.
Christine Biehlers Hirnskulptur: Eine Odyssee
Die Hirnskulptur von Christine Biehler war ein Beitrag zur Ausstellung KUNSTWERKE-WERFEN / Informelle Inbesitznahme des Situativen Brachland Museums. Kunstwerke wurden „einfach so“ (d.h. ohne offizielle Genehmigung etc.) auf ein von der Stadt Bochum eingezäuntes Brachgrundstück geworfen.
Anders als der weitaus größte Teil der Exponate der Ausstellung lässt sich ein derart großes Hirn nicht so einfach werfen. Am 13. September 2011, neun Tage nach der Eröffnung, wird ein Großteil der Exponate der Ausstellung KUNSTWERKE-WERFEN aus dem Situativen Brachland-Museum gestohlen. Darunter auch das Hirn. Was in den Jahre danach mit dem Hirn geschehen ist, wissen wir nicht. Die neuerliche Ausstellung des Kunstwerks verbinden wir auch mit der Hoffnung, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen. Wer kann uns etwas über das Schicksal des Hirns in der Zeit von 2011-2017 verraten? Was sind die Stationen seines Wegs bis zu seinem Wiederauftauchen auf dem Brachgelände zwischen Springorum Radweg (ungefähr Höhe Zeche) und A448? Offenbar diente es dort als Dekoration einer illegalen Party-Area, die in der Szene unter dem Namen „Wilde Weide“ firmierte.
Ein Riesen-Dankeschön an Henning Brod!!! Henning, der auch das KUNSTWERKE-WERFEN-Werfen gefilmt hat (siehe Film auf YouTube), Kameramann und begeisterter Radfahrer, ist im Oktober 2017 auf dem Springorum-Radweg unterwegs, als er auf dem der Zeche gegenüber liegenden Gelände Relikte der Party-Area entdeckt und - neugierig geworden - diese inspiziert. Großes Glück! Denn die Area soll offenbar demontiert werden. Ein Teil der Bauten und Einrichtungen ist schon abgerissen. Auch Müll bereits vorsortiert. Das Hirn liegt mit anderen Kunststoff-Materialien auf einem Haufen. An einer Stelle haben sich die Zähne einer Baggerschaufel in es eingedrückt.
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Die Geschichte der Hirnskulptur ist eine Geschichte von Aneignung, Diebstahl, Wiederentdeckung und Transformation. Sie zeigt, wie Kunstwerke im öffentlichen Raum eine eigene Dynamik entwickeln und zu Trägern von Bedeutung und Erinnerung werden können.
TRANSFORMATIVE AUSSTELLUNG - Zustand I
Nicht nur die Ausstellung selber ist einem ständigen Wandel unterzogen. Sondern auch das Gebäude als Ganzes wird transformiert. Seine Wände sollen mit neuen Bedeutungen getränkt werden. Es werden keine autonomen Werke in neutralen Räumen gezeigt. Sondern die Kunstwerke gehen eine Verbindung mit dem Ort ein, so dass sich SCHWANENMARKT 1 auch insgesamt in eine begehbare Installation verwandelt. Das Gebäude ist zwar in einem ruinösen Zustand. Aber das macht es gerade auch spannend.
Das phosphoreszierende Hirn von Christine Biehler kann in Bochum bereits auf eine Geschichte zurück blicken. Mit Aufs und Abs. Die Stadt hat sich gewissermaßen in seine Windungen eingegraben.
Die transformative Ausstellung ist ein Beispiel dafür, wie Kunst und Raum miteinander verschmelzen können, um neue Erfahrungen und Perspektiven zu ermöglichen. Sie lädt dazu ein, die Umgebung bewusst wahrzunehmen und die verborgenen Geschichten der Orte zu entdecken.