Psychiatrie, Neurologie, Psychologie und Psychosomatik: Ein umfassender Überblick

Die Behandlung psychischer Erkrankungen ist ein komplexes Feld, in dem verschiedene Berufsgruppen und medizinische Fachrichtungen zusammenarbeiten. Oftmals herrscht Unklarheit über die Zuständigkeiten und Unterschiede zwischen Psychologen, Psychiatern, Neurologen und Psychotherapeuten. Dieser Artikel soll Licht ins Dunkel bringen und die jeweiligen Aufgabenbereiche, Therapieansätze und Abgrenzungen aufzeigen.

Die Rolle des Gehirns in der Psychiatrie

Früher wurden psychische Erkrankungen als Störungen des Seelenlebens betrachtet. Heutzutage konzentriert sich die Psychiatrie vermehrt auf das Gehirn als Ursprung psychischer Probleme. Fehlregulationen im Gehirn, wie etwa ein chemisches Ungleichgewicht, werden oft als Hauptursache angesehen. Allerdings hat die Forschung gezeigt, dass diese Sichtweise oft zu einfach ist. Zwar gibt es bei psychischen Störungen Entsprechungen im Gehirn, aber es ist nicht immer klar, was diese Auffälligkeiten bedeuten.

Neurobiologische Marker und Diagnose

Das amerikanische Handbuch DSM sollte in seiner fünften Auflage eigentlich Hinweise auf Biomarker enthalten, also Hirnveränderungen, Genvarianten oder die Konzentration bestimmter Botenstoffe, die mit psychischen Erkrankungen einhergehen. Doch solche Marker sind schwer zu finden. Bei der Alzheimer-Erkrankung können Ärzte Hinweise auf verdächtige Proteine im Nervenwasser finden, um den Verdacht auf Demenz zu untermauern. Solch klare neurobiologische Indizien sind von Patienten mit anderen psychischen Störungen nicht bekannt.

Ursache und Wirkung im Gehirn

Selbst wenn Auffälligkeiten im Gehirn von psychisch kranken Menschen gefunden werden, ist es keineswegs klar, was sie bedeuten. Bei neurologischen Störungen wie einem Schlaganfall lassen sich eindeutige Schädigungen im Gehirn feststellen, bei psychischen Erkrankungen findet man keine klaren ursächlichen Veränderungen. Hirnveränderungen müssen nicht die Ursache einer psychischen Störung sein, sondern können auch eine Begleiterscheinung sein.

Das chemische Ungleichgewicht als vereinfachte Erklärung

Es hat sich eine einfache Erklärung für komplexe Leiden durchgesetzt: ADHS, Depressionen oder Angststörungen basieren auf einem chemischen Ungleichgewicht. Medikamente wie Antidepressiva oder Ritalin könnten dieses Ungleichgewicht wieder beheben. Doch Forscher zweifeln an dieser Annahme. Die Serotoninhypothese der Depression ist falsch, weil unterschiedliche Antidepressiva zum gleichen Ergebnis führen, auch wenn sie den Serotoninlevel gar nicht beeinflussen oder den Level sogar senken.

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Psychiatrie: Die medizinische Perspektive auf psychische Erkrankungen

Die Psychiatrie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose, Behandlung, Prävention und Rehabilitation psychischer und psychosomatischen Erkrankungen befasst. Psychiater sind Ärzte, die ein Medizinstudium abgeschlossen und sich anschließend in Psychiatrie und Psychotherapie spezialisiert haben. Sie betrachten den Menschen in seiner Gesamtheit, unter Berücksichtigung psychischer, körperlicher und sozialer Faktoren.

Aufgaben und Behandlungsspektrum des Psychiaters

Ein Psychiater untersucht und behandelt krankhafte Veränderungen und Störungen der Gefühle, des Denkens, der Stimmungen, des Antriebs, des Gedächtnisses sowie des Erlebens und Verhaltens. Dabei berücksichtigt er sowohl psychologische als auch somatische Aspekte.

Typische seelische Erkrankungen, die von Psychiatern behandelt werden, sind:

  • Depressionen
  • Bipolare Erkrankungen
  • Suizidalität
  • Panikstörungen
  • Schizophrenie
  • Suchterkrankungen
  • Essstörungen
  • Borderline
  • Burnout
  • Demenzerkrankungen
  • Somatoforme Störungen (Beschwerden, die sich nicht auf körperliche Ursachen zurückführen lassen wie Reizdarm, Herzangst)

Therapieansätze in der Psychiatrie

Psychiater können Patienten medikamentös, psychotherapeutisch oder durch eine Kombination beider Verfahren behandeln. Die Wahl der Therapie hängt von der jeweiligen Erkrankung, dem Schweregrad und den Präferenzen des Patienten ab.

  • Medikamentöse Behandlung: Psychiater dürfen Medikamente verschreiben, um psychische Symptome zu lindern und das Gleichgewicht im Gehirn wiederherzustellen.
  • Psychotherapie: Psychiater sind in der Psychotherapie ausgebildet und können verschiedene Therapieformen anwenden, wie Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Therapie, Gruppen- und Familientherapie.
  • Weitere Therapieangebote: Ergänzend können Kunsttherapie, Musiktherapie, Körpertherapie, Entspannungstechniken oder Ergotherapie eingesetzt werden.

Konsiliarpsychiatrie

Konsiliarpsychiater kümmern sich um die psychiatrische Versorgung von körperlich erkrankten Patienten. Viele Menschen mit einem körperlichen Leiden haben nämlich zusätzlich auch psychische Probleme, zum Beispiel Angstzustände oder Depressionen (oftmals als Folge der körperlichen Erkrankung).

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Neurologie: Fokus auf das Nervensystem

Die Neurologie ist ein weiteres medizinisches Fachgebiet, das sich mit Erkrankungen des Nervensystems befasst. Neurologen behandeln körperliche Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks und der peripheren Nerven, wie beispielsweise Epilepsie, Hirnhautentzündung oder Migräne. Während eine Psychiaterin aber eher psychische Erkrankungen wie Depression, Panikattacken oder Schizophrenien behandelt, beschäftigt sich der Neurologe oder die Neurologin eher mit den körperlichen Erkrankungen des Nervensystems.

Neurologische Untersuchung bei psychischen Erkrankungen

Eine neurologische Untersuchung sollte nicht nur bei neurologisch kranken, sondern auch bei psychisch erkrankten Patienten erfolgen. Ergänzend zu der Verhaltensbeobachtung und dem ärztlich/psychiatrischen Gespräch sollten insbesondere eine Bildgebung, elektrophysiologische Untersuchungen und ausführliche Laboruntersuchungen erfolgen.

Psychologie: Das Verständnis von Erleben und Verhalten

Psychologen haben ein Master- oder Diplomstudium in Psychologie abgeschlossen. Die Fachrichtung Psychologie beschäftigt sich damit, menschliches Erleben - also Gedanken und Gefühle - und das Verhalten zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen. Psychologinnen erhalten nach dem Studium nicht direkt eine Approbation. Das heißt, sie dürfen nach dem Studium noch keine Menschen mit psychischen Erkrankungen behandeln. Psychologinnen arbeiten häufig in der Forschung, im pädagogischen Bereich, in der Beratung oder in der Wirtschaft (z. B. im Personalwesen).

Psychologische Psychotherapeuten

Sowohl mit einem abgeschlossenen Medizinstudium als auch mit einem abgeschlossenen Master- oder Diplomstudium in Psychologie kann man eine Ausbildung zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten beginnen. Dadurch kann man sich nach dem Abschluss entweder ärztlicher Psychotherapeut oder psychologische Psychotherapeutin nennen. Der psychologische Psychotherapeut erhält nach dem Abschluss der Ausbildung ebenfalls eine Approbation - also die Berufserlaubnis, nun auch eigenständig Patientinnen und Patienten behandeln zu dürfen. Ein psychologischer Psychotherapeut darf im Gegensatz zu den ärztlichen Kollegen keine Medikamente verschreiben.

Therapieansätze in der Psychologie

Psychologen wenden verschiedene psychotherapeutische Verfahren an, um psychische Probleme zu behandeln. Dazu gehören beispielsweise:

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  • Verhaltenstherapie
  • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
  • Systemische Therapie: Hierbei wird ein großer Fokus darauf gelegt, deine Probleme vor dem Kontext deiner sozialen Beziehungen und deiner Umwelt zu betrachten.

Psychosomatik: Die Wechselwirkung von Körper und Seele

Unter Psychosomatik wird eine Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit in der Medizin verstanden, die den Menschen als eine einzigartige geistig-seelisch-sozial-körperliche Einheit versteht. Sie betont beim Vorliegen von körperlichen Störungen die Berücksichtigung von geistig-seelischen und sozialen Faktoren für das Verständnis von Krankheitsentwicklung und Heilung und geht bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten von einem biopsychosozialen Krankheitsmodell aus.

Psychosomatische Erkrankungen

Unter psychosomatischen Erkrankungen wurden viele Jahre körperliche (somatische) Krankheiten und Beschwerden verstanden, die durch psychische und psychosoziale Belastungen hervorgerufen, verstärkt oder aufrechterhalten werden. Solche somatoformen Störungen können sich beispielsweise als Tinnitus, Magen-Darm-Beschwerden, Herzproblemen oder Schmerzen äußern.

Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie

Die Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie ist die Mitbehandlung von Patienten auf allgemeinen (nichtpsychiatrischen) Stationen eines Krankenhauses bzw. Spitals durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Während in der Koniliarpsychiatrie ein externer Psychiater in den Behandlungsprozess eines Patienten mit einbezogen wird, versteht man unter Liaisonpsychatrie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb eines Teams aus verschiedenen Ärzten, u.a. eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie.

Neuropsychologie in der Psychiatrie

Die klinische Neuropsychologie in der Psychiatrie befasst sich mit Hirnfunktionsstörungen im Sinne von Veränderungen von Konnektivitäten kortikaler und subkortikaler Netzwerke und deren Auswirkungen auf kognitive, motivationale und emotionale Funktionen. Eine zentrale Aufgabe der Neuropsychologie ist die Objektivierung und Beschreibung kognitiver, motivationaler und affektiver Funktionsstörungen als Folge struktureller und/oder funktioneller Hirnschädigungen.

Kognitive Funktionssysteme und anatomische Netzwerke

Im Folgenden werden Kernbereiche kognitiver Funktionssysteme mit den entsprechenden anatomischen Netzwerken näher beschrieben. Es darf hierbei nicht übersehen werden, dass der Erklärungsabstand zwischen psychologischen Funktionen und anatomisch/funktionellen Strukturen teilweise noch groß ist.

  • Aufmerksamkeit: Defizite im Aufmerksamkeitsbereich sind häufige Begleiterscheinungen bei psychischen Erkrankungen unterschiedlicher Genese, die bei den Betroffenen Einschränkungen in weiten Lebensbereichen zur Folge haben.
  • Gedächtnis: Störungen der Lern- und Merkfähigkeit stellen somit Beeinträchtigungen bei zahlreichen Aktivitäten des alltäglichen Lebens dar.
  • Exekutive Funktionen: Kommt es zu Störungen im exekutiven Funktionssystem, wird das Verhalten unkontrolliert, enthemmt und unzusammenhängend.

Emotionen und neuronale Netzwerke

Es besteht eine Vielzahl reziproker neuronaler Verbindungen zwischen dem hypothalamolimbischen System und höheren kortikalen Zentren mit einer wechselseitigen Beeinflussung. Untersuchungen mit modernen bildgebenden Verfahren und tierexperimentelle Untersuchungen weisen auf neuronale Strukturen hin, die zu einem gewissen Grad eine Spezialisierung für verschiedene emotionale Prozesse aufweisen. Anhand einer Metaanalyse von mehr als 55 Aktivierungsstudien an gesunden Probanden nahmen Phan et al. (2004) eine Differenzierung neuroanatomischer Strukturen vor, die bei der Verarbeitung emotionaler Prozesse beteiligt sind.

Die Rolle der Geschlechter in der psychischen Gesundheit

Bei psychischen Erkrankungen unterscheiden sich die Geschlechter im Grad der transkriptomischen Dysfunktion. Viele psychische Erkrankungen weisen Geschlechtsunterschiede auf, die zugrunde liegenden Mechanismen sind aber bisher ungeklärt. Eine Studie analysierte die Transkriptomikdaten von 2160 postmortalen Gehirnproben des präfrontalen Kortex Erwachsener des PsychENCODE-Konsortiums. Die Forschungsgruppe verglich die Transkriptomdaten postmortaler Gehirnproben von Patienten mit Schizophrenie, bipolarer Störung und Autismus-Spektrum-Störung (ASD) mit den Daten von postmortalen Gehirnen gesunder Kontrollpersonen ohne bekannte psychiatrische Erkrankung in der Vorgeschichte. Die Beobachtung kam durch eine größere Anzahl differenziell exprimierter Gene (DEGs) und ein größeres Ausmaß an Veränderungen bei der Genexpression zustande.

Wer kann mir helfen?

Bei der Vielzahl an verschiedenen Behandlern ist es als Laie manchmal gar nicht so einfach durchzublicken. Schließlich ist der Unterschied zwischen Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut alles andere als leicht zu verstehen. Du kannst deine Probleme zuallererst mit deinem Hausarzt oder deiner Hausärztin besprechen und gemeinsam eine Entscheidung über die Behandlung treffen.

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