Ohrwürmer in der Nacht: Ursachen und Auswirkungen auf den Schlaf

Einführung

Ein Ohrwurm, dieses Phänomen, bei dem sich ein Musikstück hartnäckig im Kopf festsetzt, ist den meisten Menschen vertraut. Besonders lästig wird es, wenn er uns nachts den Schlaf raubt. Eine aktuelle Studie der Baylor University in Texas hat sich mit den Ursachen und Auswirkungen von Ohrwürmern auf den Schlaf beschäftigt und interessante Ergebnisse geliefert.

Was sind Ohrwürmer?

Ohrwürmer sind Melodien oder Songfragmente, die sich unaufhaltsam im Kopf wiederholen. Sie können angenehm sein, aber auch als störend empfunden werden, besonders wenn sie die Konzentration oder das Wohlbefinden beeinträchtigen. Ohrwürmer treten gehäuft in Ruhephasen auf, da das Gehirn dann anfälliger für wiederkehrende Gedankenschleifen ist.

Ursachen für Ohrwürmer

Es gibt keine allgemeingültige Formel für die Entstehung von Ohrwürmern. Schätzungsweise 10 % der Menschen sind sogar immun gegen sie. Studien haben jedoch Faktoren identifiziert, die die Entstehung von Ohrwürmern begünstigen:

  • Entspannung und Müdigkeit: In entspannten oder müden Zuständen hat das Gehirn mehr "Leerraum", der von Musik gefüllt werden kann.
  • Einfache und repetitive Melodien: Gängige Melodien mit häufigen Wiederholungen eignen sich gut als Ohrwürmer. Ein Beispiel hierfür ist "Last Christmas" von Wham!.
  • Emotionale Verbindung: Musik, die uns emotional berührt, verstärkt die Verbindung zum Gehirn und fördert die Entstehung von Ohrwürmern.
  • Häufiges Hören: Je öfter man ein Lied hört, desto wahrscheinlicher wird es zum Ohrwurm.
  • Unvollständige Melodien: Ohrwürmer bestehen oft aus unvollständigen Fragmenten, die das Gehirn vervollständigen möchte. Der sogenannte Zeigarnik-Effekt bewirkt, dass wir die Melodie immer wieder von vorne beginnen, um sie unterbewusst abzuschließen.

Studie belegt Schlafstörungen durch Ohrwürmer

Die Studie von Prof. Michael Scullin und seinem Team an der Baylor University untersuchte den Zusammenhang zwischen Musikhörgewohnheiten, Ohrwürmern und Schlafqualität. Die Studie umfasste eine Umfrage unter 209 Personen und einen experimentellen Teil mit 50 Teilnehmern im Schlaflabor.

Ergebnisse der Umfrage

Die Teilnehmer wurden nach ihren Musikhörgewohnheiten, ihrer Schlafqualität und der Häufigkeit von Ohrwürmern befragt. Dabei wurde erfasst, wie oft sie beim Einschlafen, beim Aufwachen mitten in der Nacht oder unmittelbar nach dem morgendlichen Erwachen einen Ohrwurm hatten.

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Experimentelle Untersuchung im Schlaflabor

Im Schlaflabor wurden den Teilnehmern vor dem Schlafengehen drei Songs vorgespielt: Taylor Swifts „Shake It Off“, Carly Rae Jepsens „Call Me Maybe“ und Journeys „Don't Stop Believin'“. Eine Gruppe hörte die Originalversionen der Lieder, die andere Gruppe Instrumentalversionen. Anschließend wurden Hirnströme (per EEG), Herzfrequenz und Atmung während des Schlafs gemessen, um die Auswirkungen der Musik auf die Schlafqualität zu untersuchen.

Haupterkenntnisse der Studie

  • Schlechte Schlafqualität durch Ohrwürmer: Die Schlafqualität von Menschen, die nachts regelmäßig Ohrwürmer haben, ist sechsmal schlechter als bei anderen Personen.
  • Instrumentalmusik fördert Ohrwürmer: Überraschenderweise führte Instrumentalmusik zu doppelt so vielen Ohrwürmern und einer schlechteren Schlafqualität als Musik mit Text.
  • Gehirn verarbeitet Musik im Schlaf: Das Gehirn verarbeitet weiterhin Musik, auch wenn keine Musik abgespielt wird, selbst im Schlaf.
  • Ohrwürmer stören den Tiefschlaf: Probanden mit Ohrwürmern zeigten mehr langsame Oszillationen im Gehirn, besonders im auditorischen Cortex, was darauf hindeutet, dass das Gedächtnis temporäre Erinnerungen abruft und in dauerhaftere umwandelt. Sie hatten auch größere Schwierigkeiten beim Einschlafen, mehr nächtliches Erwachen und verbrachten mehr Zeit in leichten Schlafstadien.

Interpretation der Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Musikhören vor dem Schlafengehen negative Auswirkungen auf die Schlafqualität haben kann, insbesondere wenn es zu Ohrwürmern führt. Die Forscher waren überrascht, dass Instrumentalmusik hartnäckiger zu sein scheint als Musik mit Gesang. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Gehirn versucht, die fehlenden Texte zu ergänzen, was die Melodie noch stärker verankert.

Was tun gegen Ohrwürmer?

Es gibt verschiedene Strategien, um Ohrwürmer loszuwerden oder ihre Entstehung zu verhindern:

  • Musikpausen: Vor dem Schlafengehen keine Musik hören und auch tagsüber längere Musikpausen einlegen.
  • Ablenkung: Sich kognitiv beschäftigen, z.B. eine To-do-Liste für den nächsten Tag schreiben, Sorgen und Erlebnisse notieren oder Kopfrechenaufgaben lösen.
  • Ersatz-Song wählen: Einen "Ablöser-Song" wählen, der einfach und vertraut ist, aber nicht im Kopf kleben bleibt.
  • Song bewusst bis zum Ende hören: Das Lied, das zum Ohrwurm geworden ist, einmal komplett hören oder innerlich zu Ende singen, um ein "Abschlussgefühl" zu erzeugen.
  • Kaugummi kauen: Kaugummikauen blockiert die motorischen Prozesse, die für das innere Mitsingen nötig sind.
  • Akzeptieren statt bekämpfen: Manchmal verschwindet ein Ohrwurm am schnellsten, wenn man ihn nicht aktiv bekämpft, sondern laufen lässt.

Der Ohrwurm im weiteren Sinne

Der Begriff "Ohrwurm" hat nicht nur mit Musik zu tun. Er bezeichnet auch ein Insekt, den Gemeinen Ohrwurm (Forficula auricularia). Dieses nachtaktive Insekt ist ein Allesfresser und dient in der Natur als Nützling, da er Blattläuse und andere Schädlinge vertilgt. Der Name "Ohrwurm" entstand vermutlich aufgrund eines Wortspiels, da die nach innen gebogenen Zangen am Hinterleib an ein "O" erinnern.

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