Gehirn Overload: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

In unserer modernen Welt sind wir ständig einer Flut von Reizen ausgesetzt. Lichter, Töne, Farben, Gerüche und Aromen umgeben uns, insbesondere in der Werbung werden diese oft als "Explosion der Sinne" beworben. Während viele Menschen diese Vielfalt genießen, kann sie für hochsensible Menschen zu einem unangenehmen Zustand der Überforderung führen.

Einführung in die Reizüberflutung

Der Begriff "Reizüberflutung" ist keine medizinische Diagnose, sondern eine umgangssprachliche Metapher für die Überforderung der Sinne. Er hat jedoch Einzug in die psychosoziale Therapie gefunden und gewinnt im Alltag zunehmend an Bedeutung. Reizüberflutung beschreibt den Zustand, in dem zu viele Eindrücke gleichzeitig auf das Gehirn einströmen und die Wahrnehmungsgrenzen überschreiten.

Hochsensibilität und Wahrnehmung

Hochsensible Menschen verfügen nicht unbedingt über eine gesteigerte Wahrnehmung im Hinblick auf die einzelnen Sinnesorgane. Es ist nicht so, dass sie besser sehen, feiner hören oder mehr riechen. Das Problem liegt vielmehr in der Koordination der sinnlichen Eindrücke im Gehirn. Die empfangenen Reize können nicht mehr richtig erfasst und verarbeitet werden, was zu einer Überforderung führt. Das Gehirn ist überlastet und signalisiert diese vermeintliche Gefahr durch typische Symptome.

Die ständige Reizbelastung im Alltag

Unser Gehirn muss täglich unzählige akustische und optische Reize verarbeiten, besonders in der Großstadt, wo Lärm allgegenwärtig ist. Verkehrslärm und andere Geräusche werden oft unbewusst wahrgenommen, belasten das Gehirn aber dennoch.

Die Funktion des Gehirns

Das Gehirn ist das lenkende Zentrum unseres Organismus. Es ist bereits als Kind beachtlich entwickelt, erreicht seine volle Ausprägung aber erst mit etwa 20 Jahren. Hier werden alle wichtigen Informationen verarbeitet und die Körperfunktionen gesteuert und koordiniert. Viele Mechanismen laufen automatisch ab, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Dazu gehört auch das automatische Erkennen, Einstufen und Dämpfen sinnlicher Reize. Alltagsgeräusche werden oft herausgefiltert, sodass wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen.

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Ursachen von Reizüberflutung

Grundsätzlich gilt: Wenn zu viele Reize und Eindrücke gleichzeitig verarbeitet werden müssen, löst das Stress im Körper aus. Stress ist eine häufige Ursache für psychische und physische Erkrankungen und sollte möglichst vermieden werden. Die Grenze zur Überforderung ist jedoch individuell verschieden. Bei Hochsensibilität ist diese Grenze besonders niedrig und schnell erreicht oder überschritten.

Mental Load als zusätzliche Belastung

Eine zusätzliche Belastung, insbesondere für Frauen und Mütter, stellt der sogenannte "Mental Load" dar. Dieser Begriff beschreibt die Last der ständigen, unsichtbaren Planungs- und Koordinierungsaufgaben, die im Alltag anfallen. Es geht um die Denkarbeit, die notwendig ist, damit sichtbare Aufgaben erledigt werden können und der Alltag funktioniert. Dazu gehören planen, koordinieren, Optionen abwägen, Bedürfnisse antizipieren und Entscheidungen treffen. Frauen übernehmen laut Studien oft den größten Teil dieser Arbeit, was zu zusätzlicher mentaler Belastung führt.

Reizfilterschwäche

Eine weitere Ursache für Reizüberflutung kann eine Reizfilterschwäche sein. Diese beschreibt die Schwierigkeit, Reize aus der Umwelt zu filtern und zu priorisieren. Statt automatisch Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, dringt bei einer Reizfilterschwäche alles gleichzeitig durch: Geräusche, Gerüche, Licht, Bewegungen, Gedanken, Emotionen anderer Menschen. Das Gehirn versucht dann, alles zu verarbeiten - und läuft dabei schnell auf Anschlag. Eine Reizfilterschwäche tritt häufig bei ADHS, Autismus und verwandten neurologischen Profilen auf, kann aber auch bei Menschen vorkommen, die sich als hochsensibel beschreiben.

Symptome von Reizüberflutung

Die Symptome einer Reizüberflutung sind sehr individuell und vielfältig. Es gibt keine allgemeingültigen Anzeichen, an denen man die Überforderung des Gehirns eindeutig festmachen könnte.

Typische Anzeichen

Häufige Symptome sind:

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  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schlafstörungen
  • Ängste
  • Aggressionen
  • Erschöpfung
  • Vergesslichkeit
  • Müdigkeit
  • Antriebslosigkeit
  • Wortfindungsstörungen
  • Langsames Denken
  • Orientierungsprobleme
  • Stimmungsschwankungen
  • Kopfschmerzen
  • Muskelverspannungen
  • Rückenschmerzen
  • Innere Unruhe und "Getriebensein"
  • Nervosität
  • Körperliche und seelische Anspannung
  • Magen-Darm-Probleme
  • Sodbrennen
  • Häufige Infekte
  • Gewichtsveränderungen
  • Tinnitus
  • Migräne
  • Hohe Reizbarkeit
  • Hoher Bluthochdruck
  • Herzrhythmusstörungen

Im Extremfall kann es zu Depressionen, chronischen Schmerzzuständen, Migräne und sogar einem Burnout-Syndrom kommen.

Geschlechtsspezifische Besonderheiten

Grundsätzlich können beide Geschlechter von Reizüberflutung betroffen sein. Bei Frauen gibt es mit der Schwangerschaft und den Wechseljahren jedoch zwei Phasen besonderer Gefährdung.

Reizüberflutung bei Kindern

Auch bei Kindern ist Reizüberflutung ein wichtiges Thema, da sie heute besonders vielen Reizen ausgesetzt sind, vor allem durch elektronische Medien wie Internet und Fernsehen. Bei hochsensiblen Kindern kann die Überforderung der Sinne zu Verhaltensstörungen, Schwierigkeiten in der Schule und schlechteren Noten führen.

Dissoziative Anfälle

Typische Anzeichen sind plötzliche Bewegungsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen ohne organische Ursache im Gehirn. Bei Dissoziativen Anfällen verlieren Betroffene vorübergehend die Kontrolle über ihren Körper - mit Zuckungen, Ohnmachtsanfällen oder Verkrampfungen. Hierbei handelt es sich um das Gefühl, sich als fremd oder unwirklich zu erleben. Es kann sich anfühlen, als würde man sich von seinem eigenen Körper oder seinen eigenen Emotionen entfernt selbst beobachten.

Umgang mit Reizüberflutung und Behandlungsmöglichkeiten

Der richtige Umgang mit Reizüberflutung ist schwierig, da sich die Auslöser in unserer modernen Welt kaum vermeiden lassen. Da sich die Auslöser also nicht vermeiden lassen, ist der richtige Umgang mit ihnen umso wichtiger. Es gibt jedoch verschiedene Strategien, um die Symptome zu lindern und das Gehirn zu entlasten.

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Sofortmaßnahmen bei akutem Stress

  • Die 5-4-3-2-1 Grounding-Methode: Diese Technik bringt dich zurück ins Hier und Jetzt. Nenne 5 Dinge, die du sehen kannst, 4 Dinge, die du berühren kannst, 3 Dinge, die du hören kannst, 2 Dinge, die du riechen kannst und 1 Ding, das du schmecken kannst.
  • Die 4-7-8 Atmung: Diese wissenschaftlich belegte Atemtechnik aktiviert den Parasympathikus und hilft dem Körper, in den Entspannungsmodus zurückzukehren. Atme 4 Sekunden lang ein, halte den Atem 7 Sekunden lang an und atme 8 Sekunden lang aus.
  • Gedankenstrom aufschreiben: Schreibe ungefiltert alles auf, was dir durch den Kopf geht, um das Arbeitsgedächtnis zu entlasten und mentale Klarheit zu schaffen.

Langfristige Strategien

  • Ruhephasen schaffen: Gönnen Sie Ihrem Gehirn regelmäßig Ruhephasen, in denen jeder mögliche Reiz von außen ausgeschlossen wird. Kein Handy, kein Fernseher, kein Laptop und vor allem kein Multi-Tasking.
  • Innere Stimme nutzen: Summen Sie innerlich, um Geräusche von außen zu übertönen oder leiser werden zu lassen.
  • Achtsamkeit praktizieren: Üben Sie bewusste Wahrnehmung, um Ihre Gedanken zu fokussieren und Stress abzubauen.
  • Routinen schaffen: Routinen schaffen, um das Gehirn zu entlasten
  • Reizarme Umgebung gestalten: Weniger visuelles Chaos, Noise-Cancelling-Kopfhörer oder Sonnenbrillen nutzen
  • Sensorische Pausen einplanen: Ruhezeiten ohne Input - oder mit regulierenden Aktivitäten
  • Stimming und Bewegung zur Selbstregulation zulassen
  • Regulation des Nevernsystems durch Spezialinteressen und kreative Ausdrucksformen (z.B. Zeichnen oder Schreiben)
  • Grenzen setzen: Lernen Sie, "nein" zu sagen und Aufgaben abzugeben.
  • Kraftquellen pflegen: Nehmen Sie sich Zeit für Hobbys, soziale Kontakte und Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten.
  • Aufgaben clustern: Versuchen Sie, Aufgaben zu kategorisieren. Ihre Partnerin übernimmt beispielsweise den Bereich Arztbesuche und kümmert sich um die Gesundheit Ihrer Kinder. Sie sind verantwortlich für den Bereich Geburtstage und organisieren die Feiern und Geschenke. Das Thema Haushalt lässt sich gut in mehrere Bereiche aufteilen: Wer erledigt die Wäsche? Wer hat welche Putz- oder Kochtage? Ein Familienkalender hilft.
  • Kinder einbeziehen: Damit der Mental Overload nicht in der nächsten Generation auch wieder nur weiblich ist, sollten Eltern von Anfang an Stereotype vermeiden.
  • Belastung offen ansprechen: Scheuen Sie sich nicht, offen auszusprechen, dass Ihr Maß an Verantwortung zu groß geworden ist und Sie Entlastung brauchen. Familienmitglieder oder Kolleg*innen machen sich oft gar keine Gedanken darüber, ob andere Menschen Unterstützung gebrauchen könnten. Ist die Botschaft angekommen, finden sich auch Lösungen.
  • Aufschreiben hilft: Eine To-do-Liste macht Ihre Arbeit sichtbar - auch für andere. Was notiert ist, kann abgehakt werden. Und auch gegen die Angst, etwas zu vergessen, hilft das Aufschreiben.
  • Ade, Perfektion: Fordern Sie von anderen Menschen immer wieder Hilfe ein, und nehmen Sie diese dann unbedingt auch an. Sie haben Angst, dadurch die Kontrolle zu verlieren? Oder Sorge, dass Fehler gemacht werden? Vielleicht müssen Sie sich von bestimmten Standards trennen oder Ihre Erwartung klar formulieren. Geben Sie nicht so schnell auf, wenn's anfangs nicht so klappt wie gewünscht. Wer Sie gerne unterstützt, entwickelt mit der Zeit auch ein Gespür dafür, was Ihnen wichtig ist.

Professionelle Hilfe

Wenn Sie feststellen, dass Sie oder Ihr Kind übermäßig stark auf Reize reagieren und Ihnen die genannten Tipps keine Erleichterung verschaffen, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

  • Ärztliche Abklärung: Ein Arzt kann körperliche Ursachen ausschließen und gegebenenfalls Medikamente zur Entspannung oder zum Schlafen verschreiben.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, Stressmuster zu durchbrechen und den Umgang mit Reizen zu verbessern. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie und EMDR haben sich bewährt.
  • Alternative Therapien: Akupunktur und Akupressur können als wirksame Erholungsmaßnahmen dienen.

Medikamentöse Unterstützung

Bei ADHS kann eine medikamentöse Therapie helfen, den Reizfilter zu stabilisieren, da der präfrontale Kortex durch Dopamin- und Noradrenalinregulation wieder „online“ geht.

Spezifische Maßnahmen bei Autismus

  • Verständnis für die individuellen Bedarfe der AutistInnen
  • Unterstützung in der Kommunikation, die eigenen Bedürfnisse zu verbalisieren
  • Unterstützung bei der Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse
  • Ein reizarmes Umfeld schaffen z.B. separaten Raum in der Arbeit und Ruheraum in Schule, Sichtschutz, Trennwände
  • Alle Sinne abfragen z.B. zu laut? Lüften wegen Geruch oder Temperatur? Heizung rauf/runter? Licht dämpfen oder ausschalten? Rollos/Vorhänge zuziehen? Störende Geräusche?
  • Sicherheitsatmosphäre schaffen, z.B. Triggermöglichkeiten kurz abfragen wie: stört etwas im Raum? Wo möchte der Betroffene sitzen?
  • Korkfußboden zur Schalldämmung
  • Planbarkeit, Vorhersehbarkeit sicherstellen (W-Fragen, Wer? Wo? Was? Warum?)
  • Berechenbares Verhalten
  • Strukturierung z.B. TEACCH-Ansatz
  • Atemübungen, Entspannungstechniken und Meditation
  • Eltern als Experten und Anwälte für das eigene Kind anerkennen, wenn sie sich in dieser Rolle sehen
  • Kommunikation: klar, wahr, rar
  • Hintergrundgeräusche vermeiden, kein paralleles sprechen mehrerer Personen gleichzeitig, zu schnellen Sprecherwechsel vermeiden
  • Hilfsmittel nutzen bzw. zur Verfügung stellen z.B. Lärmschutz-Kopfhörer, Sonnenbrille
  • Genügend Zeit einräumen
  • Bei Bedarf Körperführung als Ersatz für eingeschränkte Imitation

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