Gehirnscan-Unterschiede zwischen Mann und Frau: Eine umfassende Analyse

Die Frage, ob es signifikante Unterschiede in der Gehirnstruktur und -funktion zwischen Männern und Frauen gibt, ist seit langem Gegenstand intensiver Forschung und Debatten. Während Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern offensichtlich sind, ist die Frage, inwieweit diese Unterschiede im Gehirn widergespiegelt werden, komplexer. Jüngste Fortschritte in der Neuroimaging-Technologie und der künstlichen Intelligenz (KI) haben jedoch neue Einblicke in dieses faszinierende Gebiet ermöglicht.

Geschlechtsunterschiede im Gehirn: Eine umstrittene Frage

Die Vorstellung, dass Männer und Frauen unterschiedliche Gehirne haben, ist seit langem ein Thema von Interesse und Kontroversen. Während einige Studien auf signifikante Unterschiede in der Gehirnstruktur und -funktion zwischen den Geschlechtern hindeuten, argumentieren andere, dass diese Unterschiede minimal und oft überbewertet sind.

Eine Studie des Autism Research Centre der Universität Cambridge ergab, dass männliche und weibliche Gehirne bereits kurz nach der Geburt bedeutende strukturelle Differenzen aufweisen. Die Forschenden analysierten MRT-Gehirnscans von über 500 Neugeborenen und stellten dabei signifikante Ungleichheiten zwischen Mädchen und Jungen fest. Während die Gehirne der männlichen Probanden tendenziell ein größeres Gesamtvolumen aufwiesen, zeigten weibliche Säuglinge im Verhältnis deutlich mehr graue Substanz. Die graue Substanz, bestehend aus Nervenzellkörpern und Dendriten, ist maßgeblich für die Verarbeitung und Interpretation von Informationen verantwortlich. Sie spielt eine zentrale Rolle bei Empfindung, Wahrnehmung, Lernen, Sprache und Kognition. Die weiße Substanz setzt sich aus langen Nervenfasern, den Axonen, zusammen. Ihre Aufgabe besteht darin, Neuronen aus verschiedenen Gehirnregionen zu vernetzen und so eine effiziente Kommunikation zu gewährleisten.

Andere Forscher argumentieren jedoch, dass die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen nicht riesengroß seien, führten aber in einigen wenigen Funktionsbereichen zu unterschiedlicher Leistungsfähigkeit. Männer können - im Durchschnitt! - Objekte besser im Geiste rotieren lassen, Frauen können leichter Wörter lernen und abrufen.

KI-gestützte Analyse von Gehirnscans

Ein Forschungsteam der Stanford University hat einen innovativen Ansatz verfolgt, um Geschlechtsunterschiede im Gehirn zu untersuchen. Sie trainierten ein KI-basiertes neuronales Netzwerk darauf, Gehirnscans zu lesen und dabei subtile Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu erkennen. Anschließend wertete die Künstliche Intelligenz Hirnscans von rund 1.500 Probandinnen und Probanden aus. Die waren per funktioneller Magnetresonanztomographie aufgenommen worden, während die Leute ruhten. Diese Hirnregionen sind unter anderem aktiv, wenn wir über unsere Gefühlslage oder vergangene Erlebnisse nachdenken bzw. wenn wir planen und lernen und es um unsere Motivation geht. Die Forschenden sagen, dass ihre Erkenntnisse helfen können, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen in Zukunft besser zu verstehen und neurologische Störungen gezielter zu behandeln.

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Das Ergebnis: Aus den Hirnscans konnte die KI mit etwa 90-prozentiger Treffsicherheit herauslesen, ob sie von einem Mann oder einer Frau stammten. Die Gehirnaktivität von weiblichen und männlichen Testpersonen zeigte demnach subtile Unterschiede, die für ein entsprechend trainiertes KI-System erkennbar waren. Aufgrund der großen Datenmenge und Wiederholungen mit diversen Testgruppen gehen die Forschenden davon aus, dass das Ergebnis - anders als einige frühere Studien - belastbar ist und keine verfälschenden Gruppeneffekte enthält.

Strukturelle und funktionelle Unterschiede

Die KI-Analyse ergab, dass sich Männer- und Frauengehirne in ihrer funktionellen Struktur grundlegend unterscheiden. Die Hirnregionen des Ruhezustandsnetzwerks sind aktiv, wenn wir nichts tun und Informationen über uns selbst verarbeiten, etwa über unsere Gefühlslage oder vergangene Erlebnisse. Die anderen beiden Areale sind unter anderem am Denken, Planen und Lernen, an unserer Motivation und Antrieb sowie an unseren Emotionen und unserm Handeln beteiligt.

Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die Geschlechtsunterschiede in der Gehirngröße und den Aktivitätsmustern festgestellt haben. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Unterschiede im Durchschnitt auftreten und es innerhalb jedes Geschlechts eine große Vielfalt gibt.

Die Rolle von Hormonen

Sexualhormone spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Funktion des Gehirns. Sexualhormonrezeptoren sind sowohl in Neuronen als auch in Gliazellen weit verbreitet, was es ihnen ermöglicht, über verschiedene molekulare Mechanismen mit den wichtigsten Zellgruppen des Gehirns zu interagieren. Diese Mechanismen führten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnstruktur sowie zu hormonbedingter Plastizität im Gehirn - sowohl durch körpereigene und künstliche Sexhormone.

Eine Studie von Svenja Küchenhoff und Sofie Valk untersuchte, inwieweit Sexualhormone die Gehirnstruktur beeinflussen. Sie fanden heraus, dass es geschlechtsspezifische regionale Unterschiede in der Mikrostruktur der Gehirnrinde und des Hippocampus gibt. Allerdings verändern sich diese geschlechtsspezifischen Unterschiede, je nachdem, welches Hormonprofil man bei den Frauen betrachtet - teilweise verschwinden sie sogar ganz oder drehen sich um. Außerdem finden sie diese Effekte vor allem in Hirnregionen, in denen Gene von Östrogenrezeptoren und der Synthese von Sexualsteroiden besonders stark ausgeprägt werden. Zusammengenommen können wir also sagen, dass Sexualhormone eine wichtige Rolle in der Modulierung und Plastizität der Mikrostruktur des Gehirns haben.

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Ein "Mosaik"-Gehirn?

Einige Forscher argumentieren, dass es keine eindeutig männlichen oder weiblichen Gehirne gibt. Stattdessen sei jedes Hirn "ein einzigartiges Mosaik" aus vielen Bausteinen, von denen ein Teil statistisch häufiger bei Männern vorkommt, zum Teil häufiger bei Frauen oder auch gleich häufig bei beiden Geschlechtern.

Eine Studie von Daphna Joel von der Tel Aviv University untersuchte mit einem Magnetresonanz-Tomografen (MRI) insgesamt 1400 weibliche und männliche Gehirne auf anatomische Unterschiede. Dabei analysierten sie jeweils mehrere Regionen, in denen frühere Untersuchungen Geschlechtsunterschiede gefunden hatten. Für jeden dieses Hirnareale wurde nun ermittelt, welche Form und Größe besonders typisch für Männer oder Frauen ist. Es zeigte sich, dass immerhin - je nach untersuchter Gruppe - 23 bis 53 Prozent der Studienteilnehmer irgendwo im Gehirn eine eher weibliche beziehungsweise männliche Struktur versteckt haben.

Doch leider reicht das der vorliegenden Studie zufolge nur selten für eine zweifelsfreie Geschlechtszuordnung. Nur wenige Probanden-Gehirne enthielten ausschließlich charakteristisch weibliche oder männliche Strukturen; je nach Gruppe waren es null bis acht Prozent.

Implikationen für Forschung und Medizin

Die Erkenntnisse über Geschlechtsunterschiede im Gehirn haben wichtige Implikationen für Forschung und Medizin. Sie könnten beispielsweise helfen zu verstehen, warum bestimmte psychiatrische und neurologische Störungen bei Männern und Frauen unterschiedlich häufig auftreten. Depressionen, Angst- und Essstörungen treten häufiger bei Frauen auf, während Autismus, Schizophrenie und ADHS eher bei Männern vorkommen.

Die Identifizierung konsistenter und reproduzierbarer Geschlechtsunterschiede im gesunden erwachsenen Gehirn ist ein entscheidender Schritt zu einem tieferen Verständnis geschlechtsspezifischer Anfälligkeiten bei psychiatrischen und neurologischen Störungen. Mit dem KI-Modell sei es darüber hinaus wahrscheinlich möglich, weitere Verbindungen zwischen bestimmten Gehirnstrukturen und Verhaltensweisen oder geistigen Fähigkeiten aufzudecken - unabhängig vom Geschlecht, so die Neurowissenschaftler. „Unsere KI-Modelle haben eine sehr breite Anwendbarkeit“, sagt Menon. „Ein Forscher könnte unsere Modelle beispielsweise verwenden, um nach Gehirnunterschieden zu suchen, die mit Lernbeeinträchtigungen oder sozialen Störungen zusammenhängen.“ Auch in diesen Bereichen könnte die KI den Weg für eine bessere Behandlung oder Unterstützung eröffnen.

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Vorsicht vor Verallgemeinerungen

Es ist wichtig zu betonen, dass die festgestellten Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen Durchschnittswerte sind. Die beobachteten Unterschiede gelten nicht für jeden Mann oder jede Frau, sondern treten nur bei einem Vergleich von Gruppen auf. Innerhalb jeder Gruppe gibt es eine große Vielfalt und viele Überschneidungen.

Es wäre falsch, aus der anatomischen Ähnlichkeit der Gehirne auf eine allgemeine Gleichheit der Geschlechter auch im Verhalten zu schließen. So ist unbestritten, dass Männer eher zum spontanen Sex neigen als Frauen, auch ohne dass Neuroforscher eine spezielle Hirnwindung dafür verantwortlich machen können.

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