Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes und komplexes Organ, das seit Jahrtausenden Gegenstand der Forschung ist. Es steuert nicht nur grundlegende Körperfunktionen, sondern ist auch maßgeblich für unsere Emotionen, unser Verhalten und unsere sozialen Interaktionen verantwortlich. In den letzten Jahren hat die Neurowissenschaft zunehmend erkannt, dass das Gehirn nicht als isoliertes Organ betrachtet werden kann, sondern vielmehr als ein "soziales Organ", das stark von unseren Beziehungen und Erfahrungen geprägt wird.
Die Rolle des Gehirns bei sozialen Interaktionen
Das Gehirn erzeugt ein buntes Spektrum an Emotionen, von Zuneigung und Mitgefühl bis hin zu Ablehnung und Verachtung. Verantwortlich dafür sind Bereiche im Frontalhirn. Diese Emotionen machen den Menschen zu einem sozialen Wesen.
Das soziale Gehirn
Mithilfe bildgebender Verfahren lässt sich untersuchen, welche Regionen im Gehirn bei sozialen Kompetenzen und Emotionen besonders stark durchblutet sind: wenn wir mitfühlen, empathisch sind, wenn wir Pläne und Absichten eines anderen nachvollziehen, also seine oder ihre Perspektive einnehmen, aber auch, wenn wir Scham oder Schuld empfinden. Die beteiligten Areale werden in den Neurowissenschaften als soziales Gehirn bezeichnet.
Spiegelneuronen und Empathie
Eine wichtige Rolle übernehmen dabei die Spiegelneuronen, spezielle Nervenzellen im Gehirn. Sie wurden 1991 von einer Forschergruppe um Giacomo Rizzolatti, Vittorio Gallese und Leonardo Fogassi an der Universität Parma bei Experimenten mit einem Makaken entdeckt. Durch Zufall beobachteten sie, dass im Hirn des Affen bestimmte Neuronen nicht nur aktiviert wurden, wenn er selbst nach einer Nuss griff, sondern auch dann, wenn er einem der Forscher dabei zusah, wie dieser danach griff. Vittorio Gallese erweiterte diese Erkenntnis um eine soziale Dimension und konnte zeigen, dass die Spiegelneuronen auch dann feuern, wenn jemand Emotionen beobachtet.
Für Kai Vogeley, Professor für Psychiatrie an der Uniklinik Köln, ist für unsere Empathie aber noch ein zweites, nachgelagertes System verantwortlich: das Mentalisierungssystem. Mentalisieren bezeichnet die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Ein Beispiel: Eine Person hat in der einen Hand einen Telefonhörer und macht mit der anderen eine Bewegung, die wir dank Spiegelneuronen als abweisend erkennen. Mithilfe unseres Mentalisierungssystems können wir diese Geste so deuten, dass unser Gegenüber nur vorübergehend nicht gestört werden will, nach dem Telefonat aber wieder ansprechbar ist. „Die Spiegelneuronen sind also verantwortlich dafür, dass wir einfache Bewegungen deuten können.
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Soziale Interaktion und das Belohnungssystem
Vogeley und sein Team konnten außerdem zeigen, dass soziale Interaktionen das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren. Untersucht haben sie das am Beispiel des sozialen Blickverhaltens. Den Versuchspersonen wurden virtuelle Charaktere gezeigt, die manchmal den Blick in die gleiche Richtung wendeten wie sie selbst, und manchmal nicht. Vogelay ist überzeugt: Menschen wollen eigentlich kooperieren.
Auch der Neurobiologe und Arzt Joachim Bauer forscht zu menschlichen Grundmotivationen. Er ist überzeugt, dass wir vor allem sozial akzeptiert werden wollen. Die Hirnforschung scheint das zu bestätigen: Mithilfe von Magnetresonanztomografie lässt sich beobachten, wann die im Mittelhirn gelegenen Belohnungssysteme anspringen und Dopamin, Opioide und Oxytozin herstellen - Botenstoffe, die Glücksgefühle in uns auslösen. „Zur Überraschung vieler zeigte sich, dass die Möglichkeit, anderen Schaden zuzufügen, aus Sicht der Motivationssysteme kein ‚lohnendes‘ Verhalten ist“, sagte Bauer in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“. Die Botenstoffe wurden vor allem dann produziert, wenn Versuchspersonen Vertrauen, soziale Wertschätzung und Kooperationsbereitschaft erlebten.
Wenn wir in positiver Interaktion mit anderen sind, springt unser Belohnungssystem im Gehirn an und wir fühlen uns wohl. Das ließ sich in Gehirnscans durch Versuche nachweisen. Der Wohlfühlfaktor ist auch ein wesentlicher Grund dafür, sich einer Gemeinschaft anzuschließen. Und es gibt noch mehr Pluspunkte einer Gruppe anzugehören: Kräfte werden gebündelt, Schutzmechanismen verstärkt und Handlungsmöglichkeiten erweitert.
Die Anzahl der Sozialkontakte und das Frontalhirn
Die Anzahl regelmäßiger Kontakte zu Freunden und Bekannten beeinflusst also die Struktur und die Aktivität des Frontalhirns. Jeder Mensch hat durchschnittlich etwa 150 Kontakte, bei sehr extrovertierten Personen können es auch 1.000 sein. Aber nicht mit allen beschäftigen wir uns gleich intensiv. Untersuchungen zufolge gelingt es uns, mit etwa fünf Menschen täglich in engem Kontakt zu sein, etwa 15 weitere können wir als gute Freunde betrachten und noch einmal 50 als Freunde. Der Rest fällt eher in die Kategorie Bekannte.
Die Zahl der Kontakte hat Auswirkungen auf das Frontalhirn, erklärt Leonhard Schilbach, Facharzt für Psychiatrie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Tatsächlich gibt es Hinweise dafür, dass das Aktivitätsniveau des Frontalhirns in Zusammenhang steht mit der Anzahl der Sozialkontakte.
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Freundschaft und Gehirnaktivität
Freunde verbinden nicht nur ähnliche Interessen oder Hobbys. In Experimenten hat sich herausgestellt, dass die Gehirne von miteinander befreundeten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Wellenlänge liegen. So zeigten Kernspinuntersuchungen hohe Übereinstimmungen in der Hirnaktivität von Freunden als Reaktion auf verschiedene Videoclips. Je enger die Freundschaft war, umso ähnlicher fielen die Reaktionen aus.
Die Schattenseiten des sozialen Lebens
Das Leben in einer Gemeinschaft hat aber nicht nur Vorteile. Eine Gruppe hat Regeln und Hierarchien. Es gibt Konkurrenzdenken, Rangordnungen und weitere Fallstricke.
Nachteile können zum Beispiel darin bestehen, dass es in Gruppen, aber gerade auch über Gruppengrenzen hinweg zu sozialer Ausgrenzung und Konflikten kommen kann. Zudem lässt sich im Kollektiv nicht immer so rasch auf eine Gefahr reagieren wie als Einzelner. Darüber hinaus können sich Krankheiten schneller verbreiten.
Mobbing und seine Auswirkungen auf das Gehirn
Mobbing gehört inzwischen zum Alltag, sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz. Mobbing setzt das Gehirn unter Stress. Dieser Stress lässt sich durch veränderter Hirnaktivität in speziellen Kernspinuntersuchungen darstellen. Und er kann Folgen haben: Menschen, die einem Mobbing ausgesetzt waren, haben ein höheres Risiko dafür, später eine Angststörung oder eine Depression zu entwickeln. Das Gehirn reagiert auf äußere Reize. Was passiert, wenn es jahrelangem Mobbing ausgesetzt wird, zeigt das Beispiel von Melissa.
Einsamkeit und Schmerz
Wie wichtig Gemeinschaft und soziale Interaktion für uns sind, für unsere Lebensfreude und psychische Gesundheit, zeigt sich deutlich in der Corona-Pandemie. Fehlender sozialer Austausch gilt als eine der Hauptursachen für psychische Belastungen durch Corona. Durch Homeoffice, Homeschooling, reduzierte Kontakte, abgesagte Veranstaltungen und Familientreffen werden uns die Möglichkeiten der Kommunikation und des Miteinanders genommen. „Unser soziales Gehirn bekommt dann kein Futter und keine Belohnung“, sagt Kai Vogeley. Beispiel Small Talk: Dabei gehe es ja nicht darum, nur Informationen auszutauschen, sondern in erster Linie um Beziehungspflege. „Wenn alle nur noch zu Hause arbeiten, fehlt der Small Talk in der Teeküche oder auf dem Flur.
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Der Schmerz, den Einsamkeit auslösen kann, ist kein rein seelisches Phänomen. Gehirnforscher fanden heraus, dass beim Erleben von Einsamkeit die gleichen Zentren im Gehirn aktiviert werden wie beim Empfinden von Schmerz. Dasselbe passiert auch bei Zurückweisungen. Das bedeutet, dass unser Alarmsystem nicht nur bei körperlichen Verletzungen anschlägt, sondern auch bei seelischen. Positive Sozialkontakte können dem etwas entgegensetzen. Dafür gebe es Hinweise aus der Hirnforschung, erklärt der Experte. Soziale Kontakte und insbesondere soziale Unterstützung können eine emotionsregulierende und sogar schmerzlindernde Wirkung entfalten. Vermittelt wird der positive Effekt von Sozialkontakten über Opioide und das "Glückshormon" Dopamin im Körper.
Einsamkeit kann geradezu Schmerzen verursachen, auch das konnten die Neurowissenschaften messen. Demnach werden bei Menschen, die Einsamkeit erleben, die gleichen Hirnzentren aktiviert, die auch für das Schmerzempfinden zuständig sind. Je größer der Freundeskreis, desto mehr Endorphine, also körpereigene Glückshormone, werden ausgeschüttet und desto besser lassen sich dadurch Schmerzen aushalten. Untersucht haben die beiden das an mehr als 100 Studierenden, die in einer unangenehmen Körperhaltung gegen eine Wand lehnen mussten.
Die Evolution des sozialen Gehirns
Robin Dunbar stellte bereits in den späten 1980er Jahren die sogenannte Social Brain Hypothesis auf: Je höher die Anzahl der Beziehungen einer Spezies, desto größer der präfrontale Cortex, der für kognitive Prozesse verantwortlich ist. Menschen mit ihrer vergleichsweise hohen Gehirnkapazität unterhalten laut Dunbar Beziehungen zu im Schnitt etwa 150 Personen. Menschenaffen haben Kontakt zu etwa 50 Artgenossen und immer noch einen vergleichsweise großen präfrontalen Cortex. Dagegen schneiden Kühe oder Antilopen, die schnell wechselnde Sexualpartner haben und nicht gut vernetzt sind, bei beidem eher schlecht ab. Der Psychologe Dunbar geht sogar davon aus, dass Menschen und Primaten im Laufe der Evolution gerade deswegen vergleichsweise große Gehirne entwickelt haben, weil sie in großen Sozialverbänden leben und deshalb schneller und effektiver Informationen austauschen müssen. Die Theorie ist umstritten.
In ein soziales Gefüge eingebunden zu sein, ist aber auch für erwachsene Menschen überlebenswichtig - als weder besonders schnelles, noch besonders starkes, noch mit besonders empfindlichen Sinnesorganen ausgestattetes „Tier“ hätte der Mensch auf sich allein gestellt in der „freien Wildbahn“ keine Überlebenschance. Aufgrund all dieser Erfordernisse entwickelte sich das Gehirn in der Evolution zu einem „Sozialorgan“. Das beschreibt Gerald Hüther in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ so: „In all jenen Bereichen, in denen es sich von tierischen Gehirnen unterscheidet, wird das menschliche Gehirn durch Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen geformt und strukturiert. Unser Gehirn ist also ein soziales Produkt und als solches für die Gestaltung von sozialen Beziehungen optimiert.
Das Gehirn als Spiegel der Gesellschaft
Hagner: "Daraus habe ich geschlussfolgert, dass dieses moderne Gehirn in seiner Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert kulturell kontaminiert ist. Und dass das Gehirn ein Organ ist, in das alle möglichen Ansichten hineinprojiziert werden. Und daraus habe ich dann die Schlussfolgerung gezogen, dass eigentlich eine Hirnforschung, die über so fabelhafte Möglichkeiten verfügt wie die Hirnforschung heute, eine besondere Verpflichtung hat, besonders vorsichtig und besonders zurückhaltend zu sein.
Der Band spendet Trost: Nicht ist das Hirn den Forschern ausgeliefert, vielmehr stehen diese fragend vor dem erhabensten Gebilde der Erde, dessen Komplexität auch darauf beruht, dass es ein soziales Organ ist, geschaffen, durch Strukturveränderungen auf die Wechselfälle des Gesellschaftlichen zu reagieren. Gerald Hüther legt dar, wie stark neuronale Schaltmuster von Erfahrungen geformt werden. Gerhard Roth beschreibt die Leistungssteigerung des Gehirns in der Hominiden-Evolution als Effekt der Entstehung von Gruppenverbänden. Wolf Singer vermutet, dass Ich-Gefühl und Bewusstsein "soziale Konstrukte sind, soziale Zuschreibungen, die dem Dialog zwischen Gehirnen erwuchsen und aus der Betrachtung einzelner Gehirne nicht erklärbar sind."
Soziale Kognition und neuronale Prozesse
Kognitive Prozesse, die das Verständnis des Erlebens oder Verhaltens von sich selbst oder anderen zum Zweck der Kommunikation und Interaktion betreffen, werden auch als sozial kognitive Prozesse bezeichnet. Dabei ist die Fähigkeit essentiell, zwischen den eigenen mentalen Prozessen und solchen anderer Personen zu unterscheiden. Sie sind Schlüsselthemen der kognitiven Neurowissenschaft geworden und haben mittlerweile ein eigenes Forschungsfeld der sozialen Neurowissenschaft (social neuroscience) begründet. Neurowissenschaftliche Studien mittels funktioneller Bildgebung zeigen, dass insbesondere die anterior medial präfrontal und temporoparietal gelegenen Hirnregionen maßgeblich an diesen Prozessen beteiligt sind. Interessanterweise sind diese Regionen auch unter Ruhebedingungen, dem sog. Hirnruhezustand (default mode of the brain), aktiv.
Die Plastizität des Gehirns und soziale Erfahrungen
Die eigentliche und wichtigste Bildungsphase für die Struktur der neuronalen Verbindungen beginnt jedoch erst nach der Geburt. Auch wenn die ersten drei Lebensjahre besonders prägend sind, dauert es noch viele weitere Jahre, bis sich die komplexen Gehirnstrukturen herausgebildet haben, die ein Mensch braucht, um in seiner Umwelt zurechtzukommen. Manche Teile des Gehirns sind erst mit ca. Der Überschuss an Nervenzellen, die in keine Verbindungen eingebaut wurden, wird wieder abgebaut. Ab etwa dem zehnten Lebensjahr werden auch die Verbindungen aufgelöst, die nicht durch ihre Nutzung in Lern- und Entwicklungsprozessen stabilisiert wurden. Allerdings können lebenslang wieder neue Verbindungen aufgebaut werden, wenn sie benötigt werden.
Wenn ein Kleinkind erstmals das Bild eines Elefanten sieht, kann es diesen visuellen Input noch nicht richtig verarbeiten. Es hat bisher vielleicht nur den Hund des Nachbarn beobachtet und verbindet mit diesem die Lautfolge „wau, wau“, die ihm auch seine Eltern nahegelegt haben, wenn sie „schau mal, der süße Wauwau“ gesagt haben. Also deutet es im Bilderbuch auf den Elefanten und sagt „wau, wau“ - und man kann ihm nur Eltern (oder andere emotional bedeutsame Bezugspersonen) wünschen, die das Bilderbuch gemeinsam mit ihm anschauen und erklären, dass das hier ein Elefant ist, und was die Unterschiede zu einem Hund sind. Und dann einen Besuch im Zoo unternehmen usw. Die bei den Verarbeitungsprozessen dieser Informationen aktivierten Neuronen vernetzen sich um so stärker, je häufiger und eindrücklicher die entsprechenden Informationen dargeboten und verarbeitet werden - im Gehirn bildet und stabilisiert sich so das neuronale Netzwerk, das den „Elefanten“ repräsentiert. Die Bahnungen werden nochmals verstärkt, wenn das Kind selbst Bilder von Elefanten malt. Auf die gleiche Weise werden die neuronalen Verbindungen und Netzwerke für die Verarbeitung anderer Signale gebahnt - etwa des visuellen Inputs „A B C“ (siehe Abbildung 2 im Blogbeitrag vom 12.02.2021), ganzer Worte (z.B. „Auto“, „Ball“, … „Elefant“, … und entsprechender Bilder) und ganzer Texte (inkl.
Damit neuer Input vom Gehirn aufgenommen werden kann, muss er an bereits vorhandene Strukturen angebunden werden können. Aufgrund der eingangs erwähnten unterschiedlichen genetischen Vorgaben für bestimmte Veranlagungen und Neigungen lassen sich verschiedene Gehirne vom gleichen äußeren Input unterschiedlich prägen: Was bei dem einen „auf fruchtbaren Boden fällt“ (indem entsprechende Bahnungen rasch gestärkt und dauerhaft stabilisiert werden), hinterlässt bei einem anderen vielleicht kaum neuronale Spuren. Nicht nur die Leber wächst also mit ihren Aufgaben - auch das Gehirn (gemessen an den neuronalen Verknüpfungen) wächst und schrumpft damit, wie man es benutzt! Die Verbindungen, die gestärkt und stabilisiert werden, gleichen Trampelpfaden (wie dem in Abbildung 6 gezeigten), die um so breiter werden, je öfter sie genutzt werden. Werden sie nicht mehr benutzt, verschwinden sie allmählich wieder. Worauf es für die Funktionsweise und Leistungsfähigkeit des Gehirns am Ende ankommt, ist nicht die Anzahl der Nervenzellen, sondern die Zahl und Struktur der Verbindungen zwischen den Neuronen. Wie unser Gehirn funktioniert und wofür wir es nutzen können, hängt somit davon ab, wie und wofür wir es bisher genutzt haben.
Veränderungen fallen allerdings um so schwerer, je weiter Pfade zu Autobahnen ausgebaut wurden. Andere Verbindungen werden dann immer weniger in Betracht gezogen. Wenn nur noch betonierte Wege übrigbleiben, entstehen „Betonköpfe“: Überzeugungen erstarren zu Dogmen, hilfreiche Routinen werden zu schematischen Zwängen. In Veränderungsprozessen kommt es daher darauf an, das „Neue“ genügend oft und intensiv zu üben, bis die entsprechenden neuen Verbindungen stabilisiert und die alten gelockert wurden.
Implikationen für das Verständnis von Verhalten und Gesellschaft
Die Erkenntnis, dass das Gehirn ein soziales Organ ist, hat weitreichende Implikationen für unser Verständnis von menschlichem Verhalten und für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Sie unterstreicht die Bedeutung von sozialen Beziehungen, Empathie und Kooperation für unser Wohlbefinden und unsere psychische Gesundheit. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie soziale Ausgrenzung, Mobbing und Einsamkeit negative Auswirkungen auf unser Gehirn und unser Verhalten haben können.
Diese Erkenntnisse können genutzt werden, um soziale Kompetenzen zu fördern, Empathie zu stärken und eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich sozial zu entfalten und positive Beziehungen zu pflegen.