Die unbewusste Suche des Gehirns nach Zusammenhängen

Einführung

Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das ständig Informationen verarbeitet und versucht, Muster und Zusammenhänge zu erkennen. Diese Suche nach Zusammenhängen geschieht oft unbewusst und beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln. In diesem Artikel werden wir untersuchen, wie das Gehirn unbewusst nach Zusammenhängen sucht, welche Auswirkungen dies auf unser Verhalten hat und welche Rolle Aufmerksamkeit, Berührung und Sucht in diesem Prozess spielen.

Unbewusste Verarbeitung von Sehreizen und Aufmerksamkeit

Eine Studie von Bahador Bahrami am University College London hat gezeigt, dass die Aufmerksamkeit die Verarbeitung unbewusst wahrgenommener Sehreize im Gehirn beeinflusst. Die Forscher präsentierten Probanden kontrastarme Skizzen von Haushaltsgegenständen auf einem Auge und maßen die zugehörige Aktivierung im primären visuellen Hirnareal mit funktioneller Magnetresonanz-Tomografie. Ein schnell variierendes Störmuster auf dem anderen Auge verdrängte zwar die bewusste Wahrnehmung der Bilder, aber die entsprechende Hirnaktivität ließ sich weiterhin nachweisen.

Interessanterweise sank diese Hirnaktivität jedoch, wenn die Probanden gleichzeitig auf bestimmte Buchstaben in einer farbigen Zeichenfolge reagieren mussten. Je schwieriger die Aufgabe war, desto stärker wurde die unbewusste Wahrnehmung gehemmt. Die Forscher interpretierten dies so, dass sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf bewusst wahrgenommene, sondern auch auf unterschwellige Reize verteilt. Wenn eine anspruchsvolle Aufgabe die gesamte Aufmerksamkeit absorbiert, wird auch die unterbewusste Wahrnehmung gehemmt.

Dieses Ergebnis widerspricht psychologischen Theorien, die Bewusstsein und Aufmerksamkeit gleichsetzen oder davon ausgehen, dass Aufmerksamkeit nur das Bewusstwerden kontrolliert. Es zeigt, dass unser Gehirn auch unbewusst Informationen verarbeitet und dass diese Verarbeitung von unserer Aufmerksamkeit beeinflusst wird.

Die Bedeutung von Berührung für das Gehirn

Berührung ist ein weiterer wichtiger Faktor, der die unbewusste Suche des Gehirns nach Zusammenhängen beeinflusst. Prof. Dr. Winkelmann, eine Expertin für Haptik in den Gesundheitsfachberufen, erklärt, dass unter Haptik sowohl die aktive Tastsinneswahrnehmung als auch der Berührungssinn verstanden wird. Die aktive Tastsinneswahrnehmung liefert uns Informationen über die äußere Welt, während der Berührungssinn durch Berührung bei einer anderen Person aktiviert wird.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Forschungsergebnisse zeigen, dass der aktive Tastsinn individuell sehr unterschiedlich, aber auch trainierbar ist. Winkelmann hat ein mobiles Haptiklabor eingerichtet, um die aktive Tastsinnesleistung von Studierenden zu prüfen und gezielt zu trainieren. Sie hat auch ein blended learning-Konzept namens PakT entwickelt, um die Tests und Trainings in der Aus- und Weiterbildung zu verankern.

Berührung ist essentiell für unser Leben und vertieft die Bindung zwischen Menschen. Bei Körperkontakt leiten A-taktile Fasern der Haut sofort eine Information zum Schutz ans Gehirn. Berührungen lösen verschiedene Reaktionsmuster aus, von größtem Wohlbefinden bis zu tiefster Abneigung. Sie wirken tief in unserem Inneren, indem sie unser emotionales Gleichgewicht herstellen und gesundheitsfördernde, beruhigende und Immunsystem stärkende Wirkungen haben.

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und exzessiver Nutzung digitaler Medien ist es wichtig, sich der Bedeutung von Berührung bewusst zu werden. Für die fehlende Berührung sucht das Gehirn auch unbewusst einen Ausgleich, beispielsweise durch mehr Essen, Rauchen, Trinken oder digitalen Medienkonsum. Wir können uns selbst helfen, indem wir schwere Decken auflegen oder uns Haustiere zulegen. Auch das Betrachten von Bildern, auf denen beispielsweise eine Umarmung gezeigt wird, kann uns positiv berühren.

Sucht und die Verzerrung der Wahrnehmung

Sucht ist ein Zustand, in dem das Gehirn unbewusst nach Zusammenhängen sucht, die mit dem Konsum von Substanzen oder der Ausübung bestimmter Verhaltensweisen verbunden sind. Diese Suche nach Zusammenhängen kann zu einer Verzerrung der Wahrnehmung und des Denkens führen, die die Realitätssicht des Betroffenen bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Prof. Dr. med. Markus Backmund gibt einen Überblick darüber, welche wichtige Rolle die hausärztliche Versorgung bei Sucht-Prävention und -Aufklärung spielt. Er erklärt, dass Sucht viel mit Verzerrungen, Abwehr und Leugnung zu tun hat. Suchtkranke Menschen zeigen oft Scham- und Schuldgefühle, die sie vor ihrem eigenen Wertesystem abwehren müssen. Diese kognitiven Abwehrmechanismen werden sowohl in der Entstehungs- als auch in der Aufrechterhaltungsphase der Sucht beobachtet und beruhen auf neurobiologischen Prozessen im Frontalhirn und im limbischen System.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Eine der wichtigsten kognitiven Verzerrungen bei Sucht ist die Illusion der Kontrolle. Dabei handelt es sich um die fälschliche Annahme, eine Situation oder ein Verhalten beherrschen und beeinflussen zu können, obwohl die Kontrolle darüber bereits verloren gegangen ist. Diese Illusion wird durch Vertrautheit, Wahlmöglichkeit und eigene Beteiligung begünstigt und kann durch selektive Wahrnehmung illusionsunterstützender Momente verstärkt werden.

Suchtmittel aktivieren verschiedene Botenstoffe im Gehirn, insbesondere Dopamin im limbischen System, was zu einem vom Sucht-Patienten empfundenen Belohnungseffekt führt. Dieser Belohnungseffekt verstärkt das Verhalten, sodass an diesem Zustand dauerhaft festgehalten werden möchte. Ehemals neutrale Reize, die mit dem Drogengebrauch verbunden sind, können unbewusste Reaktionen auslösen und Drogenverlangen erwecken.

Das Suchtgedächtnis lügt, indem es nur Teilwahrheiten über das tatsächliche Suchtgeschehen vermittelt und die negativen Folgen des Suchtverhaltens ausblendet. Es ist nicht zu löschen, kann aber in der Aktivierung von Suchtverhalten gehemmt werden. Suchtgedächtnisimpulse sind zum Teil unbewusst, was sie besonders gefährlich macht.

Um dieser lebenslangen Fixierung entgegenzuwirken, gilt es, dem Suchtgedächtnis etwas entgegenzusetzen und es zu hemmen. Dies kann durch regelmäßige Teilnahme an Selbsthilfegruppen, Reflexion der eigenen Erfahrungen mit der Abstinenz und Auseinandersetzung mit den Erfahrungen anderer geschehen.

Das Konzept von Wanting und Liking

Das Konzept von Wanting (Wollen) und Liking (Mögen) beschreibt die unterschiedlichen Komponenten, die bei der Motivation und dem Belohnungssystem im Gehirn eine Rolle spielen. Verstärkende Stimuli verfügen über eine appetitive Anreizkomponente (Wanting) und eine affektive Komponente (Liking). Je stärker ein Verstärker beide Komponenten auslöst, desto stärker wirkt er.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Tierversuche haben gezeigt, dass Wanting und Liking dissoziieren können und von unterschiedlichen Hirnstrukturen kontrolliert werden. Liking wird über Neurotransmittersysteme vermittelt, indem vorwiegend GABA und Endorphine wirksam sind. Wanting dagegen wird ausschließlich über das mesolimbische dopaminerge System vermittelt.

Bei Süchten ist oft das Wanting-System besonders stark aktiv, während das Liking-System sogar deaktiviert sein kann. Neuere Studien unterscheiden zwischen deklarativem und automatischem Wanting. Während das automatische Wanting durch subkortikale mesolimbische dopaminerge Hirnstrukturen kontrolliert wird, soll die kognitive Variante des Wanting eher durch den Orbitofrontalkortex und insulären Kortex vermittelt werden.

Die Unterscheidung zwischen bewusstem und unbewusstem Wanting wird auch für das Liking und für das Lernen postuliert. Es wird ein enges Miteinander von bewussten und unbewussten Mechanismen angenommen, die in die Motivationskontrolle eingebunden sind.

Mythen über das Gehirn

Es gibt viele Mythen über das Gehirn, die trotz zweifelhafter Grundlage in der Öffentlichkeit kursieren. Einer dieser Mythen ist, dass Hirnjogging schlau macht. Obwohl Hirnjogging unser Können in bestimmten Gebieten verbessern kann, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass es unsere allgemeine Intelligenz steigert.

Ein weiterer Mythos ist, dass Psychopathen außergewöhnliche Gehirne haben. Obwohl Studien gezeigt haben, dass Psychopathen im Durchschnitt weniger Neurone im Frontalhirn und anderen Hirnregionen besitzen, gilt dies nicht für alle Psychopathen.

Auch die Behauptung, dass das Gehirn hauptsächlich aus Nervenzellen besteht, ist ein Mythos. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass es im menschlichen Gehirn etwa genauso viele Neurone wie andere Zellen gibt, darunter Gliazellen.

Die Idee des neurowissenschaftlichen Gedankenlesens ist ebenfalls ein Mythos. Obwohl Forscher in Experimenten Hirnsignale aufzeichnen und daraus Rückschlüsse auf die Gedanken der Probanden ziehen können, ist dies bislang nur in begrenztem Umfang möglich und erfordert die Kooperation der Versuchspersonen.

Die Vorstellung, dass das Gehirn eine Art Computer sei, ist ein weiterer Irrtum. Obwohl es Ähnlichkeiten zwischen dem Gehirn und einem Computer gibt, ist unser Hirn deutlich komplizierter und noch längst nicht vollständig entschlüsselt.

Schließlich gibt es den Mythos, dass es keinen freien Willen gibt. Obwohl unbewusste Gehirnprozesse unser Handeln beeinflussen können, ignorieren Experimente wie das von Benjamin Libet wichtige Kennzeichen freier Willensentschlüsse, wie das langfristige Planen von Handlungen.

Das Ich und das Gehirn

Die Frage, ob das Ich im Gehirn zu finden ist, ist Gegenstand vieler Debatten. Wissenschaftssoziologen haben den Begriff "Neuro-Realismus" geprägt, um die Sichtweise zu beschreiben, dass psychische Phänomene nur dann als real angesehen werden, wenn sie mit einem neurowissenschaftlichen Verfahren belegt werden können.

Neurowissenschaftler haben verschiedene Regionen des Gehirns als Sitz des Ichs vorgeschlagen, darunter den Präfrontalkortex und kortikale und subkortikale Strukturen entlang der Fissura longitudinalis.

tags: #gehirn #sucht #zusammenhange #unterbewusst