Tanzen und Gehirn: Eine Reise in die Welt der Bewegung und Emotion

Tanzen ist mehr als nur eine Abfolge von Schritten; es ist eine universelle Sprache, die Emotionen ausdrückt und Menschen verbindet. Von den ältesten Zivilisationen bis hin zu modernen Tanzflächen hat der Tanz eine zentrale Rolle in der menschlichen Kultur gespielt. Dieser Artikel beleuchtet, was im Gehirn passiert, wenn wir tanzen, und wie Tanz unsere körperliche und geistige Gesundheit beeinflusst.

Die Ursprünge des Tanzes

Die Wurzeln des Tanzes reichen tief in die Menschheitsgeschichte zurück. Archäologische Funde und anthropologische Studien deuten darauf hin, dass Tanz seit Jahrtausenden ein integraler Bestandteil menschlicher Kulturen ist. Ob in rituellen Zeremonien, festlichen Anlässen oder einfach zur Freude an der Bewegung - der Tanz hat immer eine wichtige Rolle gespielt.

Conscious Dance: Freiheit und Ausdruck

In der modernen Welt hat sich eine neue Form des Tanzes entwickelt: der "Conscious Dance" oder "Freies Tanzen". Diese Bewegung betont die freie Entfaltung des Körpers ohne vorgegebene Schritte oder Bewertungen. In einer Umgebung ohne Zwang und Urteil kann jeder intuitiv seinen eigenen Rhythmus finden und sich von seinen Emotionen leiten lassen. Es geht darum, loszulassen, sich selbst auszudrücken und möglicherweise sogar einen Zustand des "High"-Seins zu erreichen.

Die Wissenschaft des Tanzens: Was passiert im Gehirn?

Yu Takagi von der Universität Tokio hat untersucht, wie das Gehirn beim Tanzen arbeitet. In einer Studie wurden Probanden, sowohl professionelle Tänzer als auch Amateure, in einen Kernspintomografen gebeten, während sie Tanzvideos verschiedener Genres ansahen. Dabei wurde ihre Gehirnaktivität aufgezeichnet.

Die Ergebnisse zeigten, dass Tanzen eine komplexe Fähigkeit ist, die sowohl das Verständnis von Bewegung als auch von Musik erfordert. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, diese "multimodalen Daten" zu verarbeiten, was für Computer und künstliche Intelligenz oft eine Herausforderung darstellt.

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Tanzen als Sprache der Emotionen

Tanzen ist eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und zu kommunizieren, die über Worte hinausgeht. Wie der Kinderlied-Klassiker sagt: "Wenn du fröhlich bist, dann klatsche in die Hand." Emotionen sind dazu da, herausgelassen zu werden, und Tanz bietet eine Möglichkeit, dies auf körperliche und kreative Weise zu tun.

Tanzen als Gesundheitssport

Tanzen ist nicht nur eine Kunstform, sondern auch ein effektiver Gesundheitssport. Es verbessert die körperliche Fitness, die Koordination und das Gleichgewicht. Studien haben gezeigt, dass Tanzen auch positive Auswirkungen auf die geistige Gesundheit haben kann, indem es Stress reduziert, die Stimmung verbessert und das Selbstbewusstsein stärkt.

Tanzen für Senioren: Ein Jungbrunnen für Körper und Geist

Patricia McKinley, Assistenzprofessorin an der McGill Universität in Montreal, hat die Auswirkungen von Tangounterricht auf die körperliche und geistige Fitness von Senioren untersucht. Die Ergebnisse waren vielversprechend:

  • Verbesserte Balance und Körperhaltung: Die Tänzer verbesserten ihre Balance und Körperhaltung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die spazieren ging.
  • Neues Selbstvertrauen: Die Angst vor Stürzen wurde durch ein gesteigertes Selbstvertrauen ersetzt.
  • Gedächtnisleistung: Die Tänzer schnitten auch bei Gedächtnistests besser ab, obwohl der Unterschied nicht signifikant war.

McKinley kam zu dem Schluss, dass Tangotanz eine unterhaltsame und effektive Möglichkeit ist, die körperliche und geistige Gesundheit von Senioren zu fördern.

Computerspiele für das Gehirn: Eine weitere Möglichkeit, den geistigen Zerfall zu bremsen

Michael Merzenich von der Universität Kalifornien in San Francisco hat ein Computerspiel entwickelt, das ältere Menschen darauf trainiert, vorgesprochenen Worten genau zuzuhören. Das Programm passt sich dem Nutzer an und betont zunächst die Unterschiede zwischen verschiedenen Lauten, bis sie erkannt werden. Mit zunehmender Lernleistung verringert das Programm die Unterschiede stufenweise.

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Eine Pilotstudie mit Bewohnern eines Seniorenheims zeigte, dass diejenigen, die mit dem Lernprogramm trainierten, deutlich verbesserte Gedächtnisleistungen und Messwerte für Aufmerksamkeit aufwiesen. Merzenich schätzt den Verjüngungseffekt auf das Denkvermögen auf "durchschnittlich zehn Jahre oder mehr".

Die Verbindung zwischen Bienentanz und Ballett

Der Neurobiologe Randolf Menzel und die stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, Christiane Theobald, haben ein gemeinsames Interesse: den Tanz. Sie diskutieren die Verbindung zwischen dem "Schwänzeltanz" der Bienen und dem klassischen Ballett.

Menzel erklärt, dass der Bienentanz Informationen über die Entfernung und Richtung zu einer ergiebigen Blütenpracht vermittelt. Theobald ergänzt, dass klassisches Ballett Geschichten erzählen oder Emotionen ausdrücken kann. Beide Formen der Kommunikation sind universell verständlich.

Spiegelneurone: Die Grundlage des Verstehens

Menzel erklärt, dass das Verstehen von Tanz auf der Aktivierung von Spiegelneuronen im Gehirn beruht. Wenn wir eine Bewegung sehen, die wir selbst ausführen können, werden die gleichen Neurone aktiv, die auch bei der Ausführung der Bewegung aktiv sind. Dies ermöglicht uns, die Bewegung zu verstehen und nachzuvollziehen.

Theobald berichtet über das "DANAMOS - dance native motion system", das auf dieser Erkenntnis basiert. Dabei wird einem Tänzer zunächst eine Choreografie gezeigt, die er mental durchgeht. Anschließend kann er die Choreografie in der Regel problemlos ausführen, da die gespeicherten Bewegungs-Cluster aktiviert wurden.

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Die Motivationsbremse im Gehirn

Forscher haben einen speziellen Signalkreislauf im Gehirn entdeckt, der die Motivation bremsen kann. Dieser Schaltkreis bewertet, wie viel Aufwand eine Aufgabe erfordern könnte. Wenn der Aufwand zu hoch erscheint, sinkt die Motivation.

Die Forscher fanden heraus, dass die Hemmung einer bestimmten Gehirnverbindung zwischen dem ventralen Striatum (VS) und dem ventralen Pallidum (VP) die mentale Hemmschwelle zum Loslegen verringern kann. Der VS-zu-VP-Pfad wirkt als Motivationsbremse, die den inneren Startknopf insbesondere bei stressigen oder unangenehmen Aufgaben unterdrückt.

Die Forschenden betonen jedoch, dass diese Bremse aus gutem Grund existiert. Eine zu schwache Bremse könnte es schwieriger machen, sich selbst in zu stressigen Situationen rechtzeitig zu stoppen, was zu einem Burnout führen könnte.

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