Die Diskussion um das Risiko von Hirnvenenthrombosen im Zusammenhang mit der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff hat in der Bevölkerung große Besorgnis ausgelöst. Dieser Artikel beleuchtet die Thematik umfassend, indem er die verfügbaren Daten und Erkenntnisse analysiert und in einen Kontext setzt.
Hormonelle Kontrazeptiva und Thromboserisiko
Es ist wichtig zu beachten, dass hormonelle Kontrazeptiva generell das Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) erhöhen können, einschließlich tiefer Beinvenenthrombosen, Armvenenthrombosen und Hirnvenenthrombosen. Dieses Risiko variiert jedoch je nach Art des Kontrazeptivums. Gestagen-Monopräparate (Minipille) sind mit keinem signifikant erhöhten Risiko verbunden, während Estrogen-Gestagen-Kombinationspräparate ein höheres Risiko aufweisen, abhängig von der Dosierung und der enthaltenen Gestagen-Komponente.
Ungefähr zwei von 10.000 Frauen, die keine kombinierten hormonalen Kontrazeptiva verwenden und nicht schwanger sind, erleiden pro Jahr eine VTE. Bei Einnahme eines Levonorgestrel-haltigen Kombinationspräparates steigt dieses Risiko auf etwa fünf bis sieben von 10.000 Frauen. Thrombosen treten meistens in den Beinen auf und können zu Lungenembolien führen. Hirnthrombosen sind unter der Einnahme der Pille selten.
AstraZeneca und Hirnvenenthrombosen: Die Fakten
Im Zusammenhang mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff wurden in der Europäischen Union und Großbritannien bei etwa 18 Millionen Impfungen 18 Fälle von zerebralen Sinus- und Venenthrombosen (CVST) und sieben Fälle von disseminierter intravasaler Koagulopathie (DIC) berichtet (Stand 18.03.2021). Dies entspricht etwa einem CVST-Fall pro einer Million Geimpfter.
In Deutschland wurden bis Mitte April 59 Fälle von Hirnvenenthrombosen gemeldet, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung aufgetreten sind. Bei den meisten Fällen waren Frauen betroffen, zwölf dieser Menschen sind verstorben. Bis Mitte April wurden mehr als 4,2 Millionen Erstdosen und über 4.100 Zweitdosen des Impfstoffs in Deutschland verabreicht.
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Was ist eine Hirnvenenthrombose?
Eine Hirnvenenthrombose oder Sinusvenenthrombose ist ein Blutgerinnsel im Gehirn, das Venen verstopft, die für den Blutabfluss sorgen. Dies kann zu einem Schlaganfall führen, da das Hirngewebe anschwillt. Häufige Symptome sind Kopf- und Nackenschmerzen, Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen. Mittels Computertomographie lassen sich Blutgerinnsel erkennen.
Risikofaktoren für Hirnvenenthrombosen
Neben der Impfung mit AstraZeneca gibt es weitere Risikofaktoren für Hirnvenenthrombosen, darunter:
- Schwangerschaft
- Krebserkrankungen
- Stoffwechselstörungen
- Infektionskrankheiten
- Einnahme hormoneller Kontrazeptiva
Ist das Risiko nach einer Astrazeneca-Impfung höher?
Thrombosen im Gehirn treten in der allgemeinen Bevölkerung etwa zwei bis fünf Mal pro einer Million Personen pro Jahr auf. Die gemeldeten Fälle im Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung deuten auf eine überdurchschnittliche Häufigkeit hin. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weltweit bereits Millionen Menschen mit AstraZeneca geimpft wurden und Blutgerinnungsstörungen nur in Einzelfällen nachgewiesen wurden. Im Vergleich dazu treten bei COVID-19-Erkrankten sehr häufig Embolien und Gerinnungsstörungen auf.
Mögliche Auslöser für Thrombosen nach der Impfung
Virologin Sandra Ciesek erläutert mögliche Auslöser für die Thrombosen nach der Impfung:
- Das verwendete Adenovirus (Bestandteil der Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson)
- Das Spike-Protein selbst
- Freie DNA in den Vektorviren, die mit Bestandteilen des Blutes Komplexe bilden könnte
Für wen ist das Risiko der Impfnebenwirkung am größten?
Eine Studie der Universität Cambridge verglich die Risiken und Vorteile einer Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca. Selbst bei jüngeren Menschen ist das Risiko für eine Einweisung in die Intensivstation aufgrund einer COVID-19-Erkrankung höher als das Risiko einer schweren Schädigung durch den Impfstoff. Nur in Niedrig-Inzidenz-Zonen ist das COVID-19-Risiko für Menschen unter 30 Jahren geringfügig niedriger als das impfbedingte Thrombose-Risiko.
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Thrombozytopenie: Eine weitere Impf-Nebenwirkung?
Neben Thrombosen kann es auch zu einer Abnahme der Thrombozyten (Blutplättchen) kommen, da diese bei der Gerinnung verbraucht werden. Dies führt zur Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen).
DGN-Studie bestätigt erhöhtes Risiko bei älteren Frauen
Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zeigte, dass nicht nur jüngere Frauen ein höheres Risiko für zerebrale Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem Vakzin ChAdOx1 (AstraZeneca) hatten, sondern auch ältere Frauen. Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.
Bei Frauen unter 60 Jahren, die eine Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin erhalten hatten, betrug die Ereignisrate für CVT innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung 24,2/100.000 Personenjahre, bei gleichaltrigen Männern 8,9/100.000. Bei unter 60-Jährigen, die den BioNTech-Impfstoff erhalten hatten, betrug die Ereignisrate 3,6/100.000 Personenjahre bei Frauen und 3,5/100.000 bei Männern.
Die Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 60 nach Gabe des AstraZeneca-Impfstoffs betrug 24,2/100.000 Personenjahre, die von Frauen über 60 nach Gabe des gleichen Impfstoffs 20,5/100.000 Personenjahre.
Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT)
Nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Vakzine-induzierten immunogenen thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) kommen. Der Pathomechanismus dieser seltenen Impf-Nebenwirkung ähnelt der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der es zur Antikörperbildung gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin kommt.
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Empfehlungen und Schlussfolgerungen
Angesichts der Erkenntnisse empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland derzeit, den Impfstoff von AstraZeneca nur für Personen ab 60 Jahren einzusetzen. In mehreren Bundesländern ist die Impfpriorisierung für Astrazeneca aufgehoben, sodass sich alle Erwachsenen nach ärztlicher Rücksprache damit impfen lassen können.
Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) betont, dass der Nutzen der Impfung mit AstraZeneca das Risiko überwiegt. Es ist jedoch wichtig, dass alle Personen, insbesondere Frauen, vor der Impfung über das Risiko von Hirnvenenthrombosen aufgeklärt werden und auf mögliche Symptome achten.
Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung mit AstraZeneca sollte nach sorgfältiger Abwägung der individuellen Risiken und Vorteile in Absprache mit einem Arzt getroffen werden. Dabei sollten sowohl das Risiko einer COVID-19-Erkrankung als auch das sehr geringe Risiko für Hirnvenenthrombosen berücksichtigt werden.
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