Taubheit nach Spinalkanal-OP: Ursachen, Behandlung und Prävention

Jährlich leiden in Deutschland über 100.000 Menschen an Bandscheibenschäden. Doch was sind eigentlich Bandscheiben und warum verursachen sie Beschwerden wie starke Schmerzen, Taubheit und Kribbelgefühl? Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Taubheit nach einer Spinalkanal-OP, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und gibt Einblicke in präventive Maßnahmen.

Aufbau und Funktion der Wirbelsäule und Bandscheiben

Die menschliche Wirbelsäule besteht aus über 30 einzelnen Knochenelementen, den sogenannten Wirbeln. An die Wirbelsäule sind über den Schultergürtel die Arme und über das Becken die Beine angeschlossen. Die Wirbel umschließen den Wirbelkanal, in dem das Rückenmark liegt. Zwischen den Wirbelkörpern befindet sich jeweils eine Bandscheibe.

Die Bandscheibe besteht aus einem straffen Faserring (Anulus fibrosus), der den innen gelegenen Bandscheibenkern (Nucleus pulposus) umschließt. Der Bandscheibenkern hat eine geleeartige, weiche Konsistenz und fungiert als eine Art Kissen zwischen den Wirbelscheiben. Er federt Druck und Stöße ab und ermöglicht eine gewisse Beweglichkeit der Wirbelkörper.

Degeneration und Bandscheibenvorfall

Mit zunehmendem Alter und Belastung degenerieren die Bandscheiben. Es treten Abnutzungserscheinungen auf: Der Faserring bildet Risse und die geleeartige Flüssigkeit wird weniger. Wenn der Faserring zu stark beschädigt ist und einreißt, kann der weich-flüssige Bandscheibenkern austreten. Abhängig davon, ob sich der Riss innen oder außen befindet, kann der Bandscheibenkern auf das Rückenmark oder auf die außen liegenden Nerven drücken und so Beschwerden verursachen.

Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule (HWS) betrifft hauptsächlich die Bandscheiben zwischen dem fünften und sechsten Halswirbelkörper (HWK 5/6) oder dem sechsten und siebten Halswirbelkörper (HWK 6/7). Ein zervikaler Bandscheibenvorfall verursacht Symptome wie Nacken- oder Schulterschmerzen. Da im Nackenbereich Nerven zu den Armen ziehen, können diese Schmerzen in den Arm ausstrahlen. Außerdem können Muskelschwäche, Taubheits- und Kribbelgefühl im Nacken, in den Schultern und Armen auftreten.

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Ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule (LWS) ist am häufigsten. Das liegt daran, dass hier das Körpergewicht besonders stark verlagert wird und als zusätzliche Belastung auf die Wirbel drückt. Wenn der herausfließende Bandscheibenkern auf die Nervenwurzel im Lendenbereich drückt, können starke Schmerzen im unteren Rückenbereich auftreten. Manche Patienten klagen über Schmerzen in den Beinen, Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Taubheit und neurologische Ausfälle bei der Blasen- und Darmfunktion.

Ursachen von Taubheit nach einer Spinalkanal-OP

Taubheitsgefühle nach einer Spinalkanal-OP sind nicht ungewöhnlich und können verschiedene Ursachen haben:

  • Nervenirritation oder -schädigung: Während der Operation kann es zu einer Irritation oder Schädigung der Nervenwurzeln kommen, die für die Sensibilität in bestimmten Bereichen des Körpers zuständig sind. Dies kann durch direkten Kontakt mit chirurgischen Instrumenten, durch Zug oder Druck auf die Nerven entstehen.
  • Narbenbildung: Nach der Operation kann es im Bereich der Wirbelsäule zu Narbenbildung kommen. Diese Narben können auf die Nerven drücken und so Taubheitsgefühle verursachen.
  • Entzündung: Eine Entzündung im Operationsgebiet kann ebenfalls zu Taubheitsgefühlen führen, da sie die Nerven reizen kann.
  • Hämatom: Ein Bluterguss (Hämatom) im Operationsgebiet kann auf die Nerven drücken und Taubheitsgefühle verursachen.
  • Veränderte Nervenfunktion: Selbst wenn die Nerven während der Operation nicht direkt geschädigt wurden, kann es zu einer veränderten Nervenfunktion kommen, die sich in Taubheitsgefühlen äußert.
  • Vorherige Nervenschädigung: Wenn bereits vor der Operation eine Nervenschädigung durch den Bandscheibenvorfall oder andere Ursachen vorlag, kann sich diese nach der Operation in Form von Taubheit äußern oder verstärken.
  • Druckentlastung: Paradoxerweise kann die Entlastung des Nervs nach der Operation vorerst zu einer veränderten Wahrnehmung führen, die sich als Taubheit äußert. Der Nerv muss sich erst an die neue Situation anpassen.

Ein Patient berichtete von einem Taubheitsgefühl im Fuß und Wade direkt nach einer Bandscheiben-OP im Lendenwirbelbereich L5/S1. Trotz Krankengymnastik und Muskelaufbau blieb dieses Gefühl bestehen. Dies zeigt, dass Taubheit eine hartnäckige Folgeerscheinung sein kann.

Diagnose und Abklärung

Wenn nach einer Spinalkanal-OP Taubheitsgefühle auftreten, ist eine sorgfältige Diagnose wichtig, um die Ursache zu ermitteln und die geeignete Behandlung einzuleiten. Folgende Untersuchungen können durchgeführt werden:

  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Sensibilität, Motorik und Reflexe, um festzustellen, welche Nerven betroffen sind.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen (NLG/EMG): Diese Untersuchungen messen die Nervenleitgeschwindigkeit und die Muskelaktivität, um festzustellen, ob eine Nervenschädigung vorliegt und wie stark diese ist.
  • Bildgebende Verfahren (MRT, CT): Diese Verfahren können helfen, Narbenbildung, Hämatome oder andere Ursachen für die Taubheit zu identifizieren.

Konservative Behandlungsansätze

Ziel der konservativen Behandlung ist es, die Beschwerden zu lindern und die Nervenfunktion zu verbessern. Folgende Maßnahmen können eingesetzt werden:

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  • Physiotherapie: Gezielte Übungen können helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nerven zu mobilisieren.
  • Schmerztherapie: Schmerzmittel können helfen, die Schmerzen zu lindern und die Entzündung zu reduzieren. In manchen Fällen können auch Opioide eingesetzt werden.
  • Manuelle Therapie: Massagen und andere manuelle Techniken können helfen, Verspannungen zu lösen und die Durchblutung zu fördern.
  • Akupunktur: Akupunktur kann helfen, Schmerzen zu lindern und die Nervenfunktion zu verbessern.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei TENS werden Elektroden auf die Haut platziert, um die Nerven zu stimulieren und Schmerzen zu lindern.
  • Wärme- und Kälteanwendungen: Wärme kann helfen, Muskelverspannungen zu lösen, während Kälte Entzündungen reduzieren kann.
  • Nervengleitübungen: Diese speziellen Übungen helfen, die Beweglichkeit der Nerven zu verbessern und Verklebungen zu lösen.

Operative Behandlungsansätze

Wenn die konservativen Maßnahmen nicht ausreichend helfen, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, die Ursache der Taubheit zu beseitigen, z.B. Narben zu entfernen oder den Nerv zu dekomprimieren.

  • Neurolyse: Bei einer Neurolyse wird der Nerv von Narbengewebe oder anderen Strukturen befreit, die auf ihn drücken.
  • Dekompression: Wenn ein Knochen oder eine andere Struktur auf den Nerv drückt, kann diese durch eine Operation entfernt werden.
  • Nerventransplantation: In seltenen Fällen, wenn der Nerv stark geschädigt ist, kann eine Nerventransplantation in Erwägung gezogen werden.

Präventive Maßnahmen

Es gibt einige Maßnahmen, die helfen können, Taubheitsgefühle nach einer Spinalkanal-OP vorzubeugen:

  • Sorgfältige Operationsplanung: Eine sorgfältige Planung der Operation kann helfen, das Risiko einer Nervenschädigung zu minimieren.
  • Schonende Operationstechnik: Eine schonende Operationstechnik kann helfen, die Nerven zu schonen und das Risiko einer Narbenbildung zu reduzieren.
  • Frühzeitige Mobilisation: Eine frühzeitige Mobilisation nach der Operation kann helfen, die Durchblutung zu fördern und das Risiko von Verklebungen zu reduzieren.
  • Physiotherapie: Eine frühzeitige Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nerven zu mobilisieren.
  • Ergonomisches Verhalten: Achten Sie auf eine gute Körperhaltung und vermeiden Sie einseitige Belastungen, um die Wirbelsäule zu entlasten.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Sport können helfen, die Muskulatur zu stärken und die Wirbelsäule beweglich zu halten. Zu den empfohlenen Sportarten zählen Laufen, Aerobic, Schwimmen oder Tanzen. Sportarten, die die Wirbelsäule mit ruckartigen Stößen belasten, sollten gemieden werden. Zu diesen Sportarten gehören Tennis, Handball, Turnen, Kampfsport oder Volleyball.
  • Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, Entzündungen zu reduzieren und die Nervenfunktion zu unterstützen.
  • Stressmanagement: Stress kann zu Muskelverspannungen führen und die Beschwerden verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.

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