Gehirn Überfordert: Ursachen und Mechanismen der Migräne

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das tägliche Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Die Migräneforschung arbeitet seit vielen Jahrzehnten auf Hochtouren, um die Erkrankung besser zu verstehen und zu behandeln. Obwohl bereits bahnbrechende Erkenntnisse gemacht wurden, bleiben viele Fragen zu den genauen Ursachen und Vorgängen, die der Migräne zugrunde liegen, offen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen und Mechanismen der Migräne, von genetischen Einflüssen bis hin zu mitochondrialen Dysfunktionen, und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsansätze und Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine chronische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können von verschiedenen Symptomen begleitet sein, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Die Schmerzen sind meist pulsierend, pochend oder stechend und treten häufig auf einer Seite des Kopfes auf. Eine Migräneattacke kann zwischen 4 und 72 Stunden dauern und die Betroffenen für einige Tage außer Gefecht setzen.

Symptome der Migräne

Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und von Person zu Person variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Starke, meist einseitige Kopfschmerzen
  • Pulsierende, pochende oder stechende Schmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Licht- und Lärmempfindlichkeit
  • Geruchsempfindlichkeit
  • Schwindel
  • Sehstörungen (Aura)
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Müdigkeit

Bei etwa 30 Prozent der Migränepatienten kündigt sich eine Kopfschmerzattacke im Vorfeld mit verschiedenen Symptomen an. Diese sogenannte Prodromalphase kann wenige Stunden vor der Migräneattacke eintreten, aber auch bis zu zwei Tage vorher einsetzen. „Während der Vorbotenphase können unterschiedliche psychische und körperliche Symptome auftreten. Einerseits kann es zu depressiver Verstimmung, vermehrter Gereiztheit und Unruhe kommen, andererseits aber auch zu Hochstimmung und einem Gefühl besonderer Leistungsfähigkeit. Manche Betroffene entwickeln einen Heißhunger auf Süßigkeiten oder fettige Speisen und sind ungewöhnlich durstig oder haben keinen Appetit, leiden unter Verstopfungen, Müdigkeit oder Benommenheit“, berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) mit Sitz in Krefeld. „Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Migränepatienten kann im Anschluss dann eine Auraphase auftreten, die mit vorübergehenden neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen verbunden ist. Sie besteht häufig aus Sehstörungen oder auch Schwäche, Taubheit oder einem Kribbeln im Gesicht oder den Extremitäten einer Seite. Einige Patienten leiden unter Sprachstörungen, Schwindel oder Gangunsicherheit.“ Die Phase der Aura setzt langsam ein und geht langsam zurück und dauert meist 15 bis 60 Minuten. In der Schmerzphase setzt der eigentliche Kopfschmerz ein, der mit den typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit einhergeht. „Der mittlere bis starke, pulsierende, pochende oder stechende Kopfschmerz beginnt in der Regel auf einer Seite und breitet sich auf Stirn, Schläfe und Augenbereich aus. Später kann er sich auch auf die andere Kopfseite ausdehnen. Es kann zu einem allgemeinen Krankheitsgefühl kommen und jegliche körperliche Anstrengung oder auch Stress verstärken die Beschwerden“, schildert der Neurologe. Die Schmerzphase dauert bei erwachsenen Menschen zwischen 4 und 72 Stunden, bei Kindern ist sie meist kürzer und oft bereits nach 1 Stunde beendet. Neben Kopfschmerzen können bei der Migräne auch Schmerzen im Gesicht, am Nacken, in den Augen oder den Zähnen auftreten. Am Ende der Schmerzphase wechselt der pulsierende Schmerzcharakter oft zu einem gleichbleibenden Schmerz. Es folgt häufig eine Erholungsphase oder auch Schlafphase, mit der die Migräneattacke langsam abklingt.

Migräne mit und ohne Aura

Migräne wird in zwei Hauptformen unterteilt: Migräne mit Aura und Migräne ohne Aura. Bei der Migräne mit Aura treten vor oder während der Kopfschmerzattacke neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese Symptome können visuelle Störungen (z. B. Lichtblitze, Zickzacklinien), sensorische Störungen (z. B. Kribbeln, Taubheitsgefühle) oder Sprachstörungen umfassen. Die Aura-Symptome dauern in der Regel zwischen 5 und 60 Minuten an und verschwinden dann wieder vollständig.

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Ursachen der Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen und umweltbedingten Faktoren eine Rolle spielt.

Genetische Einflüsse

Wissenschaftler glauben, dass bei vielen Menschen eine genetische Neigung zu Migräne besteht. Dies bedeutet, dass Veränderungen in mehreren Genen das Risiko für Migräne erhöhen können. Einige dieser Gene sind für die Regulierung von neurologischen Prozessen (Nervenfunktionen im Gehirn) verantwortlich. Andere könnten mit oxidativem Stress zu tun haben - einer Situation, in der schädliche Sauerstoffmoleküle die Zellen beschädigen. Wie genau diese Gene Migräne auslösen, ist jedoch noch ein Rätsel für die Wissenschaft.

Eine seltene Form der Migräne, die familiäre hemiplegische Migräne, wird durch Veränderungen in nur einem Gen verursacht. Es gibt verschiedene Arten davon, basierend auf dem betroffenen Gen. Diese Gene steuern, wie Ionen (geladene Moleküle) durch Zellmembranen fließen. Ob solche Mutationen zum Schnellstart an der Ampel befähigen, bleibt vorerst offen. Sicher ist, dass sie die Zellmembran der Nervenzellen verändern. In dieser „Haut“ der einzelnen Zellen befinden sich kleine Poren, durch die Ionen ein- und auswandern können, die so genannten Ionenkanäle. Sie steuern den Weg der elektrisch geladenen Teilchen in die Zelle und aus der Zelle heraus. „Das bei der hemiplegischen Migräne veränderte Gen kontrolliert einen speziellen Ionenkanal, durch den Kalzium-Ionen die Zellmembran passieren“, sagt Evers. Kalzium-Ionen regulieren maßgeblich die Erregbarkeit der Zellen - und damit schließt sich der Kreis. Sie haben ein zweites mit der hemiplegischen Migräne assoziiertes Gen auf Chromosom 1 identifiziert. „Damit wird immer deutlicher, dass die Migräne eine Erkrankung ist, die auf einer Störung der Elektrolyt-Kanäle in den Membranen von Nervenzellen beruht“, ist die Schlussfolgerung von Evers beim Deutschen Schmerzkongress in Münster. „Überrascht sind wir darüber nicht. Denn auch andere neurologische Erkrankungen - wie die Epilepsie -, die ebenfalls durch anfallartig auftretende Symptome charakterisiert sind, beruhen auf Störungen in solchen Ionenkanälen.“

Allerdings sind solche komplexen Ursachen schwerer zu entdecken als Fehler in nur einem Gen. Hier helfen Familienstudien weiter: In einem Projekt, das von der Deutschen Forschungsge- meinschaft und im Rahmen des Genomprojekts des Bundesforschungsministeriums gefördert wird, werden gezielt Familien untersucht, in denen mehrere Mitglieder an einer Migräne mit Aura leiden. So zeigen frühere Erhebungen, dass diejenigen gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt ein doppelt so hohes Migränerisiko tragen, bei denen Verwandte ersten Grades an einer Migräne ohne Aura leiden. Das Kiel-Bonner Team hat inzwischen bei 600 Migränikern aus mehr als 100 Familien mit mindestens einem betroffenen Geschwister- oder Elternteil gezielt nach genetischen Markern der Erkrankung gefahndet. Die Chromosomen 1 und 19, die Gene für die hemiplegische Migräne tragen, scheinen nicht für die Migräne mit Aura verantwortlich zu sein, dafür aber Chromosom 4. Hier steht ein Gen unter Verdacht, das für die Ausbildung von Glutamat-Rezeptoren auf Nervenzellen verantwortlich ist - die „ Antennen“ auf der Zelloberfläche, die den Botenstoff Glutamat erkennen und seine Botschaft in die Zelle weiterleiten. Auffälligkeiten fanden die Schmerzforscher auch in einem Gen, das die Freisetzung von Tachykininen fördert.

Umweltbedingte Faktoren und Auslöser

Neben genetischen Faktoren können auch verschiedene Umweltfaktoren und Auslöser (Trigger) eine Migräneattacke auslösen. Zu den häufigsten Auslösern gehören:

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  • Stress: Stress ist ein unbestrittener Faktor beim Entstehen von Kopfschmerzen und Migräne.
  • Schlafmangel: Medizinische Praxis und Forschung sind sich einig: Zwischen Schlaf und Kopfschmerz gibt es einen Zusammenhang.
  • Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können Veränderungen im Hormonspiegel, insbesondere Östrogen, Migräneattacken auslösen.
  • Bestimmte Nahrungsmittel: Das in bestimmten Lebensmitteln enthaltene Tyramin (ein Abbauprodukt von Eiweißbausteinen) könnte hierbei eine Rolle spielen. Der Einfluss der Ernährung auf Kopfschmerzen ist eines der am heißesten diskutierten Themen unter Betroffenen und Expert*innen. Eine bewusste Ernährung kann der Entstehung von Kopfschmerzen vorbeugen. Wer sich bewusst ernährt, sollte aber nicht allein auf die Auswahl der Speisen achten, sondern auch seinen Tagesablauf.
  • Wetterveränderungen: Kaum ein Thema wird so häufig als Auslöser von Migräne und Kopfschmerzen genannt wie das Wetter. Stellt sich die Frage: Ist da was dran?
  • Lärm: Jeder Mensch empfindet Lärm anders. Was den einen kaum stört, bringt andere an den Rand des Erträglichen.
  • Gerüche: Die Wahrnehmung von Gerüchen hat einen Einfluss auf unser Schmerzempfinden.
  • Koffein: Wie Koffein und Kopfschmerzen zusammenhängen, ist eine der häufigsten Fragen von Kopfschmerzbetroffenen.
  • Alkohol:
  • Flackerndes Licht: Viele Menschen mit Migräne kennen es aus eigener Erfahrung: Licht kann Schmerzen verstärken.

Das "Migränegehirn" und seine Übererregbarkeit

Das Gehirn eines Menschen, der unter Migräne leidet, ist reaktionsbereiter als das anderer Menschen. Es ist quasi immer auf dem Sprung. Doch irgendwann nimmt das Gehirn sich eine qualvolle Auszeit. Die Ampel zeigt rot. Zwei Pkw warten auf freie Fahrt. Beim Umspringen auf grün zieht der linke Wagen um Bruchteile von Sekunden früher los. Was hat das mit Migräne zu tun? Eine ganze Menge, sagen Experten. Erstens sind die meisten Migräniker Frauen und zweitens sind Migräne-Kranke offenbar besonders reaktionsschnell. Ihr Gehirn nimmt Reize ungewöhnlich rasch wahr und verarbeitet sie auch sehr schnell. Das geschieht in aller Regel unbewusst, ohne dass die Betroffenen es merken. Doch das Gehirn von Migränikern ist stets aktiv. Es läuft ständig auf Hochtouren und saugt Reize auf wie ein Schwamm das Wasser. „Der Migräne liegt eine Übererregbarkeit des Gehirns zugrunde“, erklärt der Kopfschmerzexperte Dr. Diese Übererregbarkeit sichert Migränikern möglicherweise in ihrem Alltag so manchen Vorteil. Doch sie hat auch unangenehme Konsequenzen: Die Nervenzellen, die Neuronen, stehen bei Migräne-Kranken unter Dauerstress. In kürzester Zeit erhalten sie unzählige elektrische Impulse, bilden Botenstoffe, die so genannten Neurotransmitter, und stimulieren damit Nachbar-Neuronen. Sie feuern ihre Signale durch das Gehirn und steuern so die Reaktionen unseres Körpers. Das kostet Kraft. Wird eine Schwelle der Erregbarkeit überschritten, so sind die Neuronen erschöpft, regelrecht ausgebrannt. „Die Energiespeicher sind leer, das Gehirn braucht Erholung“, sagt Evers, Präsident des Deutschen Schmerzkongresses in Münster.

Die Basis dafür, dass Migräneattacken entstehen, ist eine Besonderheit in deinem Gehirn, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Expertinnen und Experten nennen diese Besonderheit das „Migränegehirn“. Dahinter steckt, dass das Gehirn von Menschen mit Migräne ständig auf hohem Niveau arbeitet und dadurch immer unter „Hochspannung“ steht. Bei einer Migräneattacke werden bestimmte Nervenbahnen im Kopf und im Hirnstamm übermäßig aktiv. Dabei wird der Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) freigesetzt, der Blutgefäße in den Hirnhäuten erweitert und dort eine Art entzündliche Reaktion auslöst. Dadurch werden Schmerzfasern empfindlicher, und die pulsierende Durchblutung der Gefäße wird als pochender Kopfschmerz wahrgenommen, der sich bei körperlicher Aktivität verstärkt. Gleichzeitig werden Hirnregionen aktiviert, die für Übelkeit, Erbrechen und Licht‑ oder Lärmempfindlichkeit zuständig sind, weshalb diese Beschwerden häufig zusammen mit der Migräne auftreten.

Wenn zu der Hochspannung in deinem Migränegehirn noch zusätzliche Triggerfaktoren hinzukommen, läuft das Fass über: Alles zusammen führt bei Menschen mit Migräne dazu, dass viel zu viele Botenstoffe (Neurotransmitter) freigesetzt werden und im Gehirn wirken. Die bekanntesten Botenstoffe bei Migräne hast du vielleicht schon mal gehört: Serotonin (bekannt als das „Glückshormon“) und das oben erwähnte CGRP. Das Gehirn von Menschen mit Migräne interpretiert die Freisetzung dieser Stoffe fälschlicherweise als Vergiftung und reagiert daher mit Übelkeit und Erbrechen. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um eine Vergiftung. Stattdessen ist es die Art und Weise, wie das Gehirn auf die ungewohnt hohe Konzentration dieser Botenstoffe reagiert. Diese körperlichen Reaktionen ähneln zwar denen einer Vergiftung, sind jedoch das Ergebnis einer kompletten Fehlregulation innerhalb des Nervensystems, die bei Migräne auftritt. Die übermäßig freigesetzten Botenstoffe können eine Art Dämpfung von manchen Nervenzellen im Gehirn auslösen. Das bewirkt eine lokale schlechtere Durchblutung, die Nervenzellen im Gehirn können nicht mehr richtig arbeiten. Die Folgen davon sind die typischen Aura-Symptome, die du vielleicht kennst. (z. B. Kribbeln in den Fingerspitzen). Durch die Dämpfung der Nervenzellen kommt es zu einer Störung im Gehirn. Schmerzzellen werden angeregt und es entsteht eine Art Entzündungsreaktion in den Blutgefäßen der Hirnhaut. Diese Entzündungsreaktion ruft den Kopfschmerz hervor, der sich über den ganzen Kopf ausbreiten kann.

Mitochondriale Dysfunktion und Energiemangel im Gehirn

Was unter den Forschenden schon länger als herrschende Meinung gilt, ist, dass die Energieversorgung des Gehirns eine große Bedeutung bei der Entstehung von Migräneattacken hat. Darum können auch präventive Maßnahmen, die an diesem Punkt ansetzen, oft merkliche Verbesserungen bewirken.

Im menschlichen Körper spielen beim Thema Energie die sogenannten Mitochondrien eine zentrale Rolle. Mitochondrien sind diejenigen Bausteine unserer Zellen, die für die Herstellung von ATP (Adenosin-Triphosphat) zuständig sind. ATP ist der universelle Träger von Energie im menschlichen Organismus, sozusagen die ‚Energiewährung‘, mit der alle Lebensvorgänge angetrieben werden. Der Körper strebt an, dass seine Energiebilanz stimmt, d.h. dass nicht über eine längere Zeit mehr ATP verbraucht wird als neu gebildet werden kann. Tritt diese Situation aber ein und es kommt zu einem Energiedefizit, ist das für das Gehirn gefährlich. Entsteht im Gehirn eine Energieversorgungs-Stresssituation, kann es zu einer Migräneattacke kommen. Die Attacke ist nach heutigem Kenntnisstand eine Art Schutzmechanismus. Ist das Gehirn durch den Energie-Engpass überlastet, entwickelt sich in der Folge ein sogenannter oxidativer Stress: Die Entgiftungsfunktionen der Zellen werden überfordert, was zur Schädigung der Zellfunktion führen kann. Die Migräneattacke ist dann die „ultima ratio“, eine Art Notbremse unseres Gehirns, mit der der gesamte Organismus zur Ruhe gezwungen wird.

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Die Mitochondrien sind neben dem Zellkern die einzigen Bestandteile unserer Zellen, die eigenes Erbmaterial in Form von DNA besitzen. Wie bei dem Erbgut im Kern der Zellen können sich auch in der DNA in den Mitochondrien kleinste Veränderungen herausbilden, sogenannte Mutationen. Man hat inzwischen Dutzende Gene in den Mitochondrien und Hunderte Gene im Zellkern gefunden, die Mutationen enthalten, die sich krankmachend auswirken können. Bei den Kraftwerken der Zelle kann eine Folge die sogenannte mitochondriale Erkrankung sein, eine Fehlfunktion der Mitochondrien, die dazu führt, dass diese nicht mehr im gewohnten Umfang den Energieträger ATP bereitstellen können. Die Symptome, die dadurch entstehen können, sind sehr vielfältig. Typischerweise betroffen sind Organe, die einen besonders hohen Energieverbrauch haben, also vor allem das Gehirn oder das Herz, aber auch die Skelettmuskulatur. Um festzustellen, ob eine mitochondriale Erkrankung vorliegt, wird zunächst - wie bei vielen anderen Erkrankungen, die eine ererbte Komponente haben - eine sorgfältige familiäre Anamnese durchgeführt. So erhält man Hinweise darauf, ob mit vererbten Risikofaktoren zu rechnen ist. Anschließend werden spezielle Laboruntersuchungen mit Fokus auf den Energiestoffwechsel gemacht sowie Belastungstests und neurologische Untersuchungen. Wenn sich hieraus Verdachtsmomente ergeben, wendet man neuere molekularbiologische/molekulargenetische Methoden an. Man sequenziert z.B. das Erbgut (zur Bestimmung der genauen Zusammensetzung der DNA von Mitochondrien und Muskeln) und untersucht die DNA mithilfe der PCR (Polymerase-Kettenreaktion, die in der Diagnostik von Covid-19 Bekanntheit erlangte).

In den vergangenen Jahren konnte die Forschung gut herausarbeiten, dass eine Beeinträchtigung des Energiestoffwechsels durch die Fehlfunktion von Mitochondrien wesentlich mit der Entstehung von Migräne zusammenhängen kann. Wenn das Niveau von oxidativem Stress immer häufiger die Kapazitäten der Nervenzellen übersteigt, diesem Stress anti-oxidativ entgegenzuwirken, bricht das energetische Gleichgewicht zusammen und es kommt zur Migräneattacke. Wissenschaftliche Arbeiten haben gezeigt, dass Patient:innen mit einer mitochondrialen Erkrankung überdurchschnittlich häufig eine Migräne entwickeln. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil der Migränebetroffenen je nach Studie bei 11-14%, bei Patient:innen mit mitochondrialer Erkrankung steigt er auf das Doppelte. Bei bestimmten genetischen Konstellationen des mitochondrialen Energiestoffwechsels kann der Anteil in dieser Gruppe sogar mehr als 50% betragen.

Diagnose der Migräne

Die Diagnose der Migräne basiert in erster Linie auf den Angaben des Patienten zu seinen Symptomen. Der Arzt wird eine ausführliche Anamnese erheben und nach den typischen Merkmalen der Migräne fragen. In manchen Fällen können auch neurologische Untersuchungen oder bildgebende Verfahren (z. B. MRT) durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.

Migräne-Tagebuch: Ihre persönliche Triggeranalyse

Migräneattacken können oft unerwartet auftreten, und ihre Auslöser sind von Person zu Person unterschiedlich. Ein hilfreiches Instrument zur Identifizierung Ihrer spezifischen Migräne-Auslöser ist das Führen eines Migräne-Tagebuchs. Was sollten Sie in diesem Tagebuch festhalten?

  • Zeitpunkt und Intensität der Migräneanfälle
  • Das Auftreten von Aura-Symptomen
  • Alle weiteren Begleiterscheinungen
  • Die Nahrung und Getränke, die Sie vor dem Beginn der Attacke zu sich genommen haben
  • Jegliche physische Belastungen oder stressige Situationen
  • Besondere Vorkommnisse, wie eine ausgedehnte Flugreise oder ein Saunabesuch
  • Menstruationszyklus - Beginn und Ende Ihrer Periode.
  • Eingenommene Hormone
  • Verabreichte Medikamente gegen Migräne (inkl.

Behandlung der Migräne

Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist. Sie ist aber gut behandelbar, so dass die Lebensqualität der Betroffenen weniger eingeschränkt wird. Es stehen verschiedene Medikamente gegen den Kopfschmerz und die Begleiterscheinungen einer Migräneattacke wie Übelkeit, Erbrechen etc. zur Verfügung.

Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren und die Symptome während einer Attacke zu lindern. Die Behandlung kann medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen umfassen.

Medikamentöse Behandlung

Es gibt zwei Hauptarten von Medikamenten zur Behandlung von Migräne:

  • Akutmedikation: Diese Medikamente werden während einer Migräneattacke eingenommen, um die Schmerzen und andere Symptome zu lindern. Zu den Akutmedikamenten gehören Schmerzmittel (z. B. Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen) und Triptane. „Eine Migräneattacke mit leichten bis mittelgradigen Schmerzen kann mit rezeptfreien Wirkstoffen behandelt werden, wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Bei schweren Attacken können so genannte Triptane angewandt werden. Sie sollten nach der Aura, zu Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Triptan können aber auch noch während einer Migräneattacke erfolgreich angewendet werden“, meint Dr. Beil.
  • Prophylaktische Medikamente: Diese Medikamente werden regelmäßig eingenommen, um die Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken zu reduzieren. Zu den prophylaktischen Medikamenten gehören Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika und CGRP-Antikörper.

Tripatane und auch freiverkäufliche Schmerzmittel dürfen nicht zu häufig eingenommen werden, da es sonst zu einem Dauerkopfschmerz kommen kann.

Nicht-medikamentöse Behandlung

Neben Medikamenten können auch verschiedene nicht-medikamentöse Maßnahmen helfen, Migräneattacken vorzubeugen oder zu lindern. Zu diesen Maßnahmen gehören:

  • Vermeidung von Auslösern: Wenn Patienten und Patientinnen lernen, solche Trigger zu erkennen, können sie einige Anfälle vermeiden. Persönliche Auslöser (wie zum Beispiel Stress) vermeiden.
  • Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßige Bewegung und Ausdauersport. Eine regelmäßige Nahrungsaufnahme, die eine gleichmäßige Kohlenhydratzufuhr bereitstellt, inklusive einer ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme sind für Betroffene zentral.
  • Entspannungstechniken: Lernen Sie sich zu entspannen, vielleicht durch spezielle Entspannungstechniken. Techniken wie Biofeedback nutzen. Die sog. Progressive Muskelrelaxation nach Edmund Jacobson ist ein wichtiges Tool für Kopfschmerzbetroffene.
  • Sport: Unser aktueller Artikel richtet sich an alle Kopfschmerzgeplagten, die besonders gerne sportlich aktiv sind. Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken und wird auch oft betrieben in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist sportliche Betätigung nicht möglich.
  • Psychologische Ansätze: Psychologische Ansätze zur Schmerzkontrolle - zum Beispiel, wie man mit Schmerz umgeht oder wie man Stress bewältigt. Kognitive Verhaltenstherapie in Erwägung ziehen.
  • Ernährung: In Fällen, in denen der Migräne eine mitochondriale Erkrankung (mit) zugrunde liegt, ist es für Betroffene wichtig, sich über präventive Möglichkeiten zu informieren und zu versuchen, entsprechende Verhaltensweisen im Alltag umzusetzen. Ansatzpunkt ist hier besonders die Vermeidung von Energiedefiziten im Gehirn, die man vor allem durch eine geeignete Ernährung erreicht. Geforscht wird außerdem zur Wirkung spezifischer Mikronährstoffe auf die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien. Studien zeigen, dass eine gute Versorgung mit Vitamin B2 (Riboflavin) und dem sogenannten Coenzym Q10 (Ubichinon) sowie mit Magnesium die Arbeit der Mitochondrien unterstützen und stabilisieren kann.

Spezielle Therapie von Migräne in der Schmerzklinik Kiel

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr.med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.

Leben mit Migräne

Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, die Erkrankung ernst zu nehmen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Mit der richtigen Behandlung und einem gesunden Lebensstil können die Symptome gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.

Umgang mit Vorurteilen und Mythen

Migräne wird oft als „Frauenkrankheit“ wahrgenommen, obwohl auch Männer betroffen sein können. Es gibt viele Mythen über Kopfschmerzen. Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, die nicht durch Allergien bedingt ist. Auch besteht keine Vergiftung im Körper, nichts muss ausgeleitet, entschlackt oder entsäuert werden. Diäten sind wirkungslos. Wichtig ist vielmehr eine vollwertige Mischkost, die ausreichend Kohlenhydrate enthalten sollte. Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit. Es ist wichtig, sich von solchen Vorurteilen nicht entmutigen zu lassen und sich auf die Behandlung und Bewältigung der Erkrankung zu konzentrieren.

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