Sucht ist ein komplexes Thema, das sowohl den Körper als auch den Geist betrifft. Sie wird als krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel definiert. Diese Abhängigkeit kann sich in verschiedenen Formen äußern, von Substanzmissbrauch bis hin zu Verhaltenssüchten. Ungeachtet der Form liegt der Sucht jedoch ein ähnlicher Mechanismus zugrunde: die Suche nach Schmerzstillung, Belohnung und Kontrolle.
Was ist Sucht?
Sucht wird als krankhafte Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol definiert. Zu den Kriterien einer Abhängigkeit zählen unüberwindbares Verlangen, Kontrollverlust, Entzugssymptome, Substanzgewöhnung, die Vernachlässigung anderer Interessen und die Unfähigkeit, die Droge trotz besseren Wissens aufzugeben.Das Wort Sucht stammt vom althochdeutschen Begriff „Suht“ ab, was krank oder siech sein bedeutete. Das medizinische Klassifikationssystem ICD-10 beschreibt das Abhängigkeitssyndrom als „eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben.
Um als süchtig zu gelten, müssen nach der medizinischen Definition mindestens drei von sechs Kriterien zutreffen:
- Das starke, oft unüberwindbare Verlangen nach der Substanz (auch als „Craving“ oder „Suchtdruck“ bezeichnet)
- Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren
- Körperliche Entzugssymptome
- Eine zunehmende Gewöhnung an die Substanz, sodass es immer größerer Mengen bedarf, damit die gewünschte Wirkung eintritt
- Eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnügen oder Interessen
- Die Unfähigkeit, die Droge aufzugeben, selbst wenn man sich der Risiken voll bewusst ist oder bereits unter schädlichen Folgen leidet
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für eine Suchterkrankung erhöhen. Dazu gehören:
- Genetische Veranlagung
- Psychische Erkrankungen
- Belastende Kindheitserfahrungen
- Soziale Isolation
- Mangelnde Selbstkontrolle
Die Rolle des Gehirns bei der Sucht
Die neuere Forschung betrachtet Sucht auch als körperliche Erkrankung, bei der das menschliche Gehirn im Zentrum steht. Fortschritte in den Neurowissenschaften identifizierten Sucht als eine chronische Gehirnerkrankung mit starken genetischen, neuronalen und soziokulturellen Komponenten. Bis heute wird weiter erforscht, warum verschiedene Substanzen oder Verhaltensweisen unterschiedlich schnell süchtig machen oder warum manche Menschen schneller abhängig werden als andere. Andere Sichtweisen gewichten die Vielzahl psychischer, biografischer und gesellschaftlicher Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung stärker.
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Das Belohnungssystem
Im Fokus steht das sogenannte Belohnungssystem, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen, die wie in einem Schaltkreis zusammenwirken. Eigentlich dient das Belohnungssystem der Selbsterhaltung. Doch bisweilen bringt es uns dazu, dass wir von manchen Dingen nicht genug bekommen können.
Wichtigster Mitspieler im Belohnungssystem ist Dopamin. Hier einige Fakten:
- Dopamin ist ein sogenannter Neurotransmitter.
- Es wird für eine Vielzahl von lebensnotwendigen Steuerungs- und Regelungsvorgängen benötigt. Zum Beispiel verursacht Dopamin Motivation.
- Drogen und Suchtmittel aktivieren das Belohnungssystem durch Dopamin deutlich stärker als natürliche Belohnungen, wie ein Lob oder ein Erfolgserlebnis.
- Dopamin spielt nach Erkenntnissen der Neurophysiologie auch beim Lernen eine wichtige Rolle.
Das Suchtgedächtnis
Unser Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten. Leider merkt sich das Gehirn auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert. Das enge Zusammenspiel von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion führen - etwa bei einer Drogenabhängigkeit - zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird. Schließlich kann es in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster münden.
Auswirkungen von Drogen auf das Gehirn
Psychoaktive Substanzen greifen direkt und besonders durchschlagend in den Gehirnstoffwechsel ein. Sie stimulieren das Belohnungszentrum auf unterschiedliche Weise, aber stets besonders intensiv. Die Transmitteraktivitäten passen sich der Zufuhr des Wirkstoffs an, es entsteht eine Art „schiefes“ Gleichgewicht, das nur durch wiederholten Drogenkonsum aufrecht erhalten werden kann. Zudem führt die konstante Überstimulation der Transmittersysteme dazu, dass sich Rezeptorstrukturen im Gehirn verändern, es zum Beispiel weniger hemmende Rezeptoren gibt - eine Gewöhnung tritt ein. Die Dosis muss deshalb bei vielen Drogen bald erhöht werden - der Teufelskreis hat begonnen.
Die Fixierung des Belohnungssystems auf die Droge führen auch in anderen Gehirnregionen wie dem präfrontalen Cortex und der Amygdala zu dauerhaften Veränderungen; das so genannte Suchtgedächtnis bildet sich aus. Sämtliche mit der Droge verknüpften Reize erhalten fortan so viel Bedeutung, dass sie selbst nach einem körperlichen Entzug schnell wieder unbezähmbares Verlangen nach dem Stoff heraufbeschwören.
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Ursachen und Bedingungen von Sucht
Sucht tritt in vielen Formen auf - von Substanzmissbrauch bis hin zu Verhaltenssüchten. Doch hinter jeder Sucht steckt derselbe grundlegende Mechanismus: die Suche nach Schmerzstillung, Belohnung und Kontrolle. Ebenso sind Scham, Verleugnung und zerstörerische Verhaltensmuster universelle Begleiterscheinungen. Die Studie von Vincent J. Felitti (2013) basiert auf einer umfassenden Untersuchung mit über 17.000 Erwachsenen und zeigt, dass Suchtverhalten stark mit belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACE) zusammenhängt. Die Studie zeigt eine dosisabhängige Beziehung zwischen negativen Kindheitserfahrungen und späterem Suchtverhalten. Je mehr belastende Kindheitserlebnisse eine Person hatte, desto höher war das Risiko für Rauchen, Alkoholismus und den Konsum injizierter Drogen. Sucht wird daher als unbewusster Versuch verstanden, mit emotionalen Langzeitfolgen früherer Traumata umzugehen. Neben Sucht treten oft auch psychische Erkrankungen, soziale Probleme und chronische Krankheiten auf. Die Auswirkungen von ACE bleiben oft jahrzehntelang verborgen und äußern sich später in organischen Krankheiten oder sozialen Fehlanpassungen.
Die Gehirnentwicklung wird nicht nur durch negative Erfahrungen beeinträchtigt, sondern auch durch das Fehlen positiver emotionaler Zuwendung. Gestresste oder emotional abwesende Eltern können die Entwicklung der Selbstregulation ihres Kindes stören. Kinder, die keine emotionale Abstimmung erfahren, entwickeln oft eine schwache Stressregulation. Fehlende emotionale Präsenz der Eltern kann ebenso schädlich sein wie physische Abwesenheit. Studien zeigen, dass vernachlässigte Kinder später ein erhöhtes Risiko für Sucht und andere psychische Störungen haben.
Im Kern jeder Sucht liegt eine tiefe innere Leere, die aus Angst entspringt. Diese innere Leere betrifft nicht nur Menschen mit Substanzabhängigkeit. Viele von uns versuchen vergeblich, eine spirituelle Leere zu füllen - den Verlust der Verbindung zu sich selbst, zu Sinn und echten Werten. Isolation ist ein zentrales Merkmal der Sucht. Sie entsteht nicht nur als Folge der Sucht, sondern oft bereits davor. Das Verlangen ist stärker als der Genuss. Süchtige finden das größte Vergnügen nicht in der eigentlichen Handlung, sondern im Verlangen und der Jagd nach dem gewünschten Objekt. Langeweile und innere Unruhe sind schwer auszuhalten. Wenn der Geist nicht beschäftigt ist, tauchen schmerzhafte Erinnerungen, Ängste oder eine existenzielle Leere auf.
Es gibt kein spezifisches „Suchtzentrum“ im Gehirn. Stattdessen sind mehrere Netzwerke beteiligt, die unsere Emotionen, Motivation und Impulskontrolle steuern.
- Opioid-Bindungs- und Belohnungssystem: Dieses System reguliert Vergnügen, Schmerz und soziale Bindung. Endorphine und externe Opioide lösen Wohlgefühl aus und verstärken emotionale Nähe. Bereits in der frühen Kindheit fördert eine sichere emotionale Bindung die gesunde Entwicklung dieses Systems.
- Dopamin-Motivationssystem: Dopamin steuert Antrieb, Verlangen und Belohnung. Es spielt eine Schlüsselrolle beim Lernen und verstärkt Verhaltensweisen, die als lohnend empfunden werden. Suchtmittel wie Alkohol, Nikotin und Opiate aktivieren dieses System besonders stark. Doch auch nicht-substanzgebundene Süchte wie Glücksspiel oder exzessives Essen nutzen diese Mechanismen.
- Präfrontaler Cortex - Zentrum der Selbstkontrolle: Der präfrontale Cortex bewertet Impulse und hemmt unangemessene Reaktionen. Bei Süchtigen ist diese Kontrollfunktion geschwächt: Die Droge oder das süchtige Verhalten wird überbewertet und dominiert das Denken. Gesunde Ziele wie Ernährung, Beziehungen oder langfristiges Wohlbefinden werden vernachlässigt. Bereits der Gedanke an das Suchtmittel kann starke Cravings (Verlangen) auslösen. Durch wiederholten Konsum oder stressbedingte Überlastung verliert der präfrontale Cortex zunehmend seine hemmende Funktion.
- Stressreaktionssystem: Stress ist einer der stärksten Risikofaktoren für Sucht. Frühe emotionale Verletzungen sind der Kern jeder Sucht - sei es bei Spielsucht, Online-Abhängigkeit, Kaufsucht oder Workaholismus. Die Wunde mag verborgen oder subtil sein, doch sie existiert. Viele Süchtige fühlen sich unruhig, innerlich getrieben und haben eine tiefe Abneigung gegen das eigene Empfinden.
Was sind die Folgen für Betroffene?
Je häufiger zum Beispiel Alkohol, illegale Drogen, oder auch Glücksspiel als Problemlöser dienen, desto stärker verfestigen sich diese Verhaltensmuster. Gleichzeitig wird die suchterkrankte Person immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme bestimmter Suchtstoffe in Verbindung stehen. Diese Reize werden auch Trigger genannt. Zum Beispiel genügt dann schon der Anblick eines Bierglases, um das Gefühl der Feierabendstimmung auszulösen. Durch diese Trigger werden Suchterkrankte an das schöne Gefühl beim Konsum der Droge oder der Verhaltensweise erinnert und möchten dem Verlangen nachgeben. Nur: Die letztmalige Dosis reicht oft nicht mehr - also wird sie erhöht. Beim Verzicht auf das Suchtmittel kann es zu Entzugserscheinungen kommen, körperlicher Art wie Zittern oder Schwitzen oder psychischer Art wie Angstzuständen etwa oder Verstimmungen.
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Behandlung von Suchterkrankungen
Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen. Fällt das Ziel einer Abstinenz dem oder der Betroffenen dennoch zu schwer, wird zumindest versucht, den Konsum im Sinne einer Schadensminimierung zu verringern, beziehungsweise zu begrenzen. Bei der medizinischen Behandlung einer Drogenabhängigkeit kommen unter Umständen für einige Substanzen Ersatzstoffe, wie etwa Methadon für Heroin in Frage, was den Beginn einer Therapie erleichtern kann. Das detaillierte, gestufte Vorgehen bei Verhaltenssüchten ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Ein wichtiges Ziel der Behandlung ist, neuen Lebensmut zu bekommen und dank neuer Strategien und Verhaltensmustern abstinent zu bleiben. Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:
- Beratung: Das können motivierende Gespräche sein, mit dem Ziel, für das Thema Sucht zu sensibilisieren, zur Änderung des Verhaltens anzuregen und Zugang zu einem Behandlungsangebot zu verschaffen.
- Entgiftung: Meistens spricht man in diesem Zusammenhang von einem Entzug.
- Entwöhnung: medizinische Reha-Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
- Psychotherapie: zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie.
- Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
- Medikamente: Das starke Verlangen („Craving“) lässt sich in manchen Fällen medikamentös lindern.
- Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung: zum Beispiel Therapie einer Depression, Angststörung oder Schizophrenie
Was tun bei einem Rückfall?
Eine Suchterkrankung, ob als Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen, ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht. Wichtig ist, jeden Rückfall zu bewerten und therapeutisch aufzuarbeiten. Das kann vor weiteren „Ausrutschern“ schützen und dabei helfen, die Abstinenz langfristig zu stabilisieren.
Prävention von Sucht
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für eine Suchterkrankung erhöhen. Dazu gehören:
- Mangelndes Selbstvertrauen und ein geringes Selbstwertgefühl
- Eltern oder Erziehungsberechtigte, die keinen verantwortungsbewussten Umgang mit bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen vorleben
- Mangelnde Aufklärung über das Thema Sucht und der damit verbundenen Gefahren
- Ein Umfeld, das nicht als unterstützend wahrgenommen wird
- Schwierigkeiten, Probleme und Konflikte zu bewältigen oder zu lösen
- Mangelnde Kommunikationsfähigkeiten und ein ungesundes Maß an Frustrationstoleranz
- Eine unbefriedigende Freizeitgestaltung
- Mangelnde Unterstützung im Umgang mit Gruppendruck oder -zwang
Eine effektive Suchtprävention sollte daher frühzeitig belastende Kindheitserfahrungen erkennen und gezielt psychologische Unterstützung bieten. Sie sollte auch darauf abzielen, die oben genannten Risikofaktoren zu minimieren und die Schutzfaktoren zu stärken.