Der Zusammenhang zwischen Gehirn und Hörvermögen: Wie gutes Hören das Gehirn schützt

Das Zusammenspiel von Gehirn und Hörvermögen ist komplex und beeinflusst unsere kognitive Gesundheit maßgeblich. Das Ohr nimmt Geräusche auf, aber das eigentliche Verstehen passiert im Gehirn. Sprache, Musik und Alltagsgeräusche regen die Nervenzellen an und halten das Gedächtnis aktiv. Wenn diese Reize fehlen, weil das Gehör nachlässt, sinkt die Aktivität im Hörbereich des Gehirns. Dieser Artikel beleuchtet, wie Hörverlust das Gehirn beeinflusst, welche Risiken damit verbunden sind und wie man dem entgegenwirken kann.

Die Bedeutung des Hörens für das Gehirn

Das Hören ist nicht nur ein passiver Prozess der Schallwahrnehmung. Es ist ein aktiver Vorgang, der das Gehirn stimuliert und trainiert. Die Ohren nehmen akustische Signale aus der Umwelt auf und wandeln diese in eine Form um, die das Gehirn verarbeiten kann. Im Hörzentrum des Gehirns angekommen, wecken die Kommunikationssignale in logischen Verknüpfungen unterschiedliche Erinnerungen und Erfahrungen, die sich seit Kindesalter bzw. bereits im Mutterleib angesammelt haben. Das Gehörte mit Erinnerungen zu verbinden, beschreibt den Prozess des Verstehens.

Ein abwechslungsreiches Spektrum akustischer Anforderungen an das Gehör unterstützt den Erhalt der vernetzten Nervenbahnen im Hörzentrum des menschlichen Gehirns, wo das Gehörte entschlüsselt und verarbeitet wird. Je größer und vielfältiger die Bandbreite der akustischen Signale ist, desto leistungsfähiger bleiben die entsprechenden Vernetzungen im Gehirn. Umgekehrt gehen diese neuronalen Strukturen verloren, wenn vergleichsweise wenige oder nur bruchstückhafte Signale aufgenommen werden. Allzu viel Routine bei den Hörgewohnheiten ist deshalb nicht unbedingt hilfreich.

Die Folgen von Hörverlust für das Gehirn

Ein unbehandelter Hörverlust hat weitreichendere Folgen, als viele denken. Er betrifft nicht nur das Ohr, sondern fordert das Gehirn jeden Tag aufs Neue heraus. Menschen mit Schwerhörigkeit müssen ihr Gehirn deutlich stärker einsetzen, um Sprache richtig zu entschlüsseln. Während das Gehirn normalerweise automatisch zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen unterscheidet, ist diese Fähigkeit bei Hörverlust eingeschränkt. Diese zusätzliche geistige Belastung raubt Energie, die eigentlich für andere Denkprozesse, wie Erinnern oder Planen, nötig wäre.

  • Das Gehirn wird anfälliger für Schädigungen: Unser Gehirn kann ein Leben lang dazulernen. Je aktiver wir es nutzen, desto größer wird die sogenannte kognitive Reserve. Sie hilft uns, Neues zu verstehen, Dinge zu behalten und sogar kleine Schäden im Gehirn auszugleichen.
  • Soziale Kontakte gehen verloren: Hörverlust kann einsam machen. Wer Gesprächen kaum folgen kann, geht seltener unter Leute - und wenn doch, redet man oft weniger mit. Soziale Isolation, Einsamkeit und sogar Depressionen können die Folge sein. All dies sind Faktoren, die das Risiko für eine Demenz erhöhen.

Hörverlust und Demenzrisiko: Ein komplexer Zusammenhang

Laut dem Bericht der Lancet-Kommission zur Vorbeugung und Behandlung von Demenz aus dem Jahre 2024 haben Menschen mit unbehandeltem Hörverlust ein um rund 37 Prozent höheres Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Dabei gilt: Je stärker der Hörverlust, desto größer ist auch das Risiko. Ob Hörverlust selbst oder seine Folgen wie Einsamkeit das Demenzrisiko erhöhen, ist noch nicht eindeutig geklärt. Sicher ist aber: Hörprobleme verschlimmern sich mit der Zeit und setzen eine Spirale in Gang.

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Zahlreiche Untersuchungen widmen sich in jüngerer Zeit dem Zusammenhang zwischen unversorgter Schwerhörigkeit und dem Abbau kognitiver Leistungen, insbesondere Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung sowie Lern- und Problemlösefähigkeit. Im Januar 2023 berichtete das Deutsche Ärzteblatt, dass „eine ausgeprägte Schwerhörigkeit (…) einer US-Studie zufolge mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert“ sein könnte. Bezug genommen wird auf eine Studie des Cochlear Center for Hearing and Public Health an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, USA, (2023; DOI: 10.1001/jama.2022.20954).

Wie Hörverlust die kognitiven Fähigkeiten beeinflusst

Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko für Demenzerkrankungen und kognitiven Verfall. Warum das so ist, war bisher unklar. Ein Team aus der Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat nun mit Untersuchungen an Mäusen herausgefunden, was im Gehirn passiert, wenn das Hörvermögen nach und nach schlechter wird: Hirnbereiche werden umorganisiert, worunter das Gedächtnis leidet.

Die Studie zeigte, dass die synaptische Plastizität im Hippocampus durch den graduellen Verlust des Hörvermögens beeinträchtigt ist. Die synaptische Plastizität wiederum ermöglicht die langfristige Speicherung von Erlebnissen, dadurch werden Erinnerungen gebildet und festgehalten. Die Verteilung und Dichte von Botenstoffrezeptoren änderte sich stetig. Mit Fortschreiten der Schwerhörigkeit verstärkten sich auch die Effekte im Gehirn.

Kompensationsmechanismen des Gehirns bei Hörverlust

Zum einen können bestimmte, für das Hörverständnis relevante Bereiche im Gehirn nicht mehr mit Informationen versorgt werden. Zum anderen kann das Gehirn aufgrund seiner Plastizität die Funktion des Sprachverstehens in andere Areale verlagern. Das kann bei unversorgten Schwerhörigen unter anderem daran deutlich werden, dass sie nach einiger Zeit in der Lage sind, Worte von den Lippen ihrer Gesprächspartner abzulesen. Auch kann das Gehirn lernen, Lücken unvollständig gehörter Sprachinformationen zu füllen, um sich Inhalte zu erschließen, die akustisch nicht wahrgenommen wurden. Der inhaltliche oder nonverbale Kontext einer Unterhaltung wird dann bemüht, um z.B.

Zum einen können sie dafür sorgen, dass eine Hörminderung lange Zeit (mitunter über mehrere Jahre) unentdeckt bleibt, weil die unversorgten Schwerhörigen neue Techniken (wie das Lippenlesen oder das „Lücken-Füllen“) erlernen und perfektionieren, um ihre Schwerhörigkeit - bewusst oder unbewusst - zu kaschieren. Unter Umständen täuscht das ihnen selbst und ihrer Umgebung vor, noch gut zu hören. Die Akzeptanz einer eigenen Schwerhörigkeit kann - ebenso wie die spätere Umgewöhnung an das „richtige Hören“ mit Hörsystemen - erschwert werden, je länger das akustische Hören kompensiert wird. Eine weitere Folge könnte sein, dass die ersatzweise zur Hör-Kompensation aktivierten und dafür „umprogrammierten“ Hirnareale die zuvor wahrgenommenen Aufgaben nicht mehr auszuüben vermögen. Darunter könnten andere wahrnehmende und erkennende (sogenannte kognitive) Funktionen leiden.

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Vorbeugung und Behandlung von Hörverlust

Ein Hörverlust entwickelt sich oft schleichend. Anders als bei einer Sehschwäche merken Betroffene es jedoch meist nicht sofort oder schieben die Ursache auf die Umgebung. Darum empfehlen Fachleute, ab dem 50. Geburtstag regelmäßig einen Hörtest zu machen. Wird ein Hörverlust festgestellt, sollte er zeitnah behandelt werde.

Rechtzeitige Hörtests und Intervention

Gerade Partnerinnen und Partner leiden darunter - viele berichten von Missverständnissen, Frust und Rückzug. Wer Gespräche nicht mehr versteht, sitzt am Tisch oft still daneben oder geben ausweichende Antworten, um Verständigungslücken zu überspielen. Fernseher und Radio werden lauter gestellt, Telefonanrufe überhört, gemeinsame Unternehmungen machen weniger Spaß.

Da man eine abnehmende Hörfähigkeit häufig nicht unmittelbar spürt, sollte man sie regelmäßig testen lassen, etwa beim Hals-Nasen-Ohrenarzt oder bei einem Akustiker. Der Welttag des Hörens findet alljährlich am 3. März statt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wirbt mit der Kampagne für regelmäßige Hörtests und frühzeitige Intervention im Falle einer Hörminderung. Spätestens wenn Sie derartige Einschränkungen bemerken, sollten Sie einen HNO-Arzt aufsuchen. Denn: Ein frühes Erkennen des nachlassenden Hörvermögens lässt Behandlungen zu, um auch weiterhin eine Chance auf gutes Hören zu ermöglichen.

Moderne Hörgeräte und ihre Vorteile

Moderne Hörgeräte sind heute winzig, kaum sichtbar und werden von der Krankenkasse übernommen. Reicht dies nicht mehr aus, gibt es mit implantierbaren Systemen oder sogar einem Cochlea-Implantat weitere Möglichkeiten, das Hören zu verbessern. Gutes Hören ist auch für Menschen mit Demenz ein Plus für die Lebensqualität. Gerade weil eine Demenz die Wahrnehmung stark verändern kann, sollte man immer auch an das Gehör denken. Nicht alles, was wie ein Symptom der Krankheit aussieht, hat seinen Ursprung im Gehirn. Manchmal steckt schlicht ein zusätzliches Hörproblem dahinter - etwas, das behandelbar ist.

Hörgeräte sind heute weit mehr als reine Hörhilfen, sie sind kleine technische Wunder, die das Gehirn entlasten und die geistige Fitness stärken. Eine unbehandelte Schwerhörigkeit führt oft dazu, dass das Gehirn dauerhaft überfordert ist, weil es versucht, fehlende akustische Informationen zu ergänzen. Das kann auf Dauer zu geistiger Ermüdung und Vergesslichkeit führen. Wenn Sprache klar und deutlich wahrgenommen wird, muss das Gehirn nicht mehr mühsam rekonstruieren, was gesagt wurde. So kann sich das Gehirn wieder auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist: das Verstehen und Merken von Inhalten. Aktuelle Hörgeräte sind kleine Hochleistungscomputer. Sie analysieren die Umgebung in Echtzeit, blenden störende Nebengeräusche aus und heben Sprache gezielt hervor. Dank Bluetooth-Funktion, automatischer Lautstärkeregelung und individueller Anpassung wird das Hören wieder natürlich und angenehm.

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Weitere Maßnahmen zur Förderung der Hörgesundheit

  • Schutz vor Lärm: Laute Musik kann das Gehör schädigen. Lärmschutz-Stöpsel mit speziellen Filtern machen alles leiser ohne dumpf zu klingen.
  • Gesunder Lebensstil: Alles, was zu einem gesunden Leben gehört, dient auch dem Gehörsinn. Bewegung und Sport fördern die Durchblutung, auch in den feinsten Kapillaren des Innenohres. Ausreichend Schlaf benötigt der Körper für seine Reparaturvorgänge, und auch das Ohr kann sich dabei erholen. Eine gesunde Ernährung versorgt auch Ohr und Nerven mit den erforderlichen Mikronährstoffen.
  • Kognitives Training: Forscher der University of Cambridge und des MRC Institute of Hearing in Nottingham empfehlen, dass ältere Menschen grundsätzlich ihre kognitiven Fähigkeiten nutzen und trainieren sollten, um so auch ihr Sprachverstehen zu verbessern. Im Rahmen der Hörsystemversorgung gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Kognition zu trainieren und die Höranstrengung gering zu halten. Zum Beispiel das Hörtraining. Auch eine Audiotherapie, die von Hörakustikern mit einer speziellen Zusatzausbildung angeboten wird, kann helfen, den Alltag mit Hörverlust besser zu gestalten.

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