Einleitung
Die Frage nach der Beziehung zwischen Gehirn und Materie beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Wie interagieren unsere Gedanken, Gefühle und unser Bewusstsein mit der physischen Struktur unseres Gehirns? Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt, um diese Frage zu beantworten, aber viele Geheimnisse bleiben weiterhin bestehen. Dieser Artikel untersucht einige der neuesten Erkenntnisse und Theorien über die Verbindung zwischen Gehirn und Materie und beleuchtet die komplexen Wechselwirkungen, die unser mentales Leben bestimmen.
Anti-Erinnerungen: Ein Gegensystem im Gehirn?
Ein Team von Wissenschaftlern hat eine interessante Hypothese aufgestellt, die das neurologische Äquivalent von Antimaterie betrifft: Sogenannte Anti-Erinnerungen könnten dafür verantwortlich sein, dass das empfindliche elektrische Gleichgewicht im Gehirn erhalten bleibt. Erinnerungen sind im Wesentlichen elektrische Verbindungen zwischen Neuronen. Wenn eine neue Erinnerung entsteht, wird die Verbindung zwischen zwei Neuronen gestärkt, wodurch das mentale Bild eines Objekts oder einer bestimmten Situation im Gehirn verankert wird.
Die Forscher der Universität Oxford vermuten, dass ein Gegensystem existiert, das für ein elektrisches Gleichgewicht im Gehirn sorgt: die Anti-Erinnerungen. Diese neuronalen Verbindungen entwickeln ein entgegengesetztes Muster der elektrischen Impulse von Erinnerungen. Die Erinnerungen selbst, also die Verbindung zwischen den Neuronen, sollen durch diese Anti-Erinnerungen nicht angegriffen werden. Vielmehr wird die durch diese Verbindungen verursachte elektrische Aktivität neutralisiert.
Die Entdeckung von Anti-Erinnerungen könnte auch für das Verständnis und die Behandlung psychischer Erkrankungen von Bedeutung sein. Es wird angenommen, dass psychische Erkrankungen zum Teil durch ein Ungleichgewicht der elektrischen Aktivitäten im Hirn ausgelöst werden. Anti-Erinnerungen könnten also neue Möglichkeiten für die Forschung und Behandlung bedeuten. Die bisherigen Erkenntnisse stützen sich jedoch auf Experimente mit Mäusen und theoretische Modelle.
Elektrische Synapsen: Die dunkle Materie des Gehirns
Nervenzellen kommunizieren über Synapsen, kleine Kontaktpunkte, an denen über chemische Botenstoffe ein Signal von einer Zelle zur nächsten weitergegeben wird. Neben den bekannten chemischen Synapsen gibt es noch einen zweiten, kaum bekannten Synapsentyp: die elektrische Synapse. Elektrische Synapsen sind deutlich seltener und mit den gängigen Methoden schwer zu erkennen. Daher sind sie bisher wenig erforscht.
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Eine elektrische Synapse verbindet zwei Nervenzellen direkt miteinander, sodass das elektrische Signal ohne Umweg von einer Zelle zur nächsten fließen kann. Außer bei Stachelhäutern kommt diese besondere Synapsenart im Gehirn jeder darauf untersuchten Tierart vor. Um den Funktionen der elektrischen Synapsen auf die Spur zu kommen, haben Forscher einen wichtigen Protein-Baustein elektrischer Synapsen markiert. So konnten sie im Gehirn von Fruchtfliegen zeigen, dass elektrische Synapsen nicht in allen Nervenzellen vorkommen, dafür aber in fast allen Bereichen des Gehirns.
Durch das gezielte Ausschalten elektrischer Synapsen im Areal der visuellen Verarbeitung konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die betroffenen Nervenzellen auf bestimmte Reize stark abgeschwächt reagieren. Auch wurden einzelne Nervenzelltypen ohne elektrische Synapsen instabil und fingen an, spontan zu oszillieren. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass elektrische Synapsen für sehr viele verschiedene Hirnfunktionen wichtig sind und je nach Nervenzelltyp ganz unterschiedliche Aufgaben haben können.
Intelligenz, Kraft und Materie: Die chiropraktische Sichtweise
Im Zentrum der chiropraktischen Philosophie stehen die Prinzipien von Intelligenz, Kraft und Materie. Die Chiropraktik basiert auf dieser tief verwurzelten Philosophie, die das Leben und die Gesundheit des Menschen auf ganzheitliche Weise betrachtet. Leben ist die Verbindung von Intelligenz und Materie. Dabei steht „Intelligenz“ für eine angeborene, organisierende Weisheit, die alle Funktionen im Körper koordiniert und das Leben selbst ermöglicht. Mit der „Materie“ ist der physische Körper gemeint, durch den diese Intelligenz wirkt.
Laut chiropraktischer Philosophie besteht das Leben aus einer untrennbaren Dreiheit: Intelligenz, Kraft und Materie. Kraft ist die Energie, durch die die Intelligenz mit der Materie kommuniziert. Alle drei sind untrennbar miteinander verbunden. Eine Störung in einem der Elemente kann sich negativ auf die anderen auswirken. Chiropraktiker korrigieren Subluxationen, um die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper wiederherzustellen. Dadurch wird der Fluss von Nervenimpulsen optimiert und das Gleichgewicht der drei Elemente wiederhergestellt. Chiropraktiker gehen davon aus, dass der menschliche Körper eine angeborene Fähigkeit zur Selbstheilung hat, vorausgesetzt, Intelligenz, Kraft und Materie sind im Gleichgewicht.
Das harte Problem des Bewusstseins und der Materie
Seit zwei Jahrzehnten ist in der Philosophie ein verstärktes Interesse am sogenannten Panpsychismus zu beobachten - der Annahme, dass es keine Materie ohne geistige Aspekte gibt. Das Bewusstsein entzieht sich bis heute einer überzeugenden wissenschaftlichen Erklärung. Wir verstehen zwar, wie das Gehirn in seinem neuronalen Netzwerk Informationen verarbeitet, aber warum es dabei etwas erlebt, warum das „Licht“ des Bewusstseins innerlich „leuchtet“, das bleibt mysteriös.
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Wir können neuronale Bedingungen angeben, unter denen das normale Wachbewusstsein auftritt oder verschwindet, aber wir verstehen nicht den notwendigen Zusammenhang zwischen einer bestimmten materiellen Konfiguration und dem Auftreten des Bewusstseins. Philosophen sprechen hier oft von dem „harten Problem des Bewusstseins“.
Es gibt jedoch noch einen anderen vergleichbaren Bereich von sehr grundlegender Unwissenheit: das harte Problem der Materie. Für René Descartes war Materie reine Ausdehnung, und die Naturwissenschaft war für ihn die mathematische, geometrische Beschreibung von Relationen im Raum. Gottfried Wilhelm Leibniz fragte jedoch: Wenn Materie reine Ausdehnung ist, was ist es, das da ausgedehnt ist? Die Physik beschreibt mit höchster Präzision ein Netzwerk von Beziehungen und Wechselwirkungen, beantwortet aber nicht die Frage, was da miteinander in Beziehung steht.
Das harte Problem des Bewusstseins und das harte Problem der Materie sind jeweils der Ausgangspunkt eines Arguments für den Panpsychismus. Das harte Problem des Bewusstseins führt zum „genetischen Argument“ für den Panpsychismus, das auf der Alltagsintuition „von nichts kommt nichts“ beruht. Geist kann nicht aus geistloser Materie auftauchen. Das harte Problem der Materie führt zu dem „Argument aus den intrinsischen Naturen“. Die Physik beschreibt Gegenstände relational, also fragt, welche Tendenzen zu Wechselwirkungen sie haben. Was ist die intrinsische Natur, welche die Grundlage aller physikalischen Wechselwirkungen ist? Das einzige rein intrinsische Phänomen, das wir kennen, ist das Bewusstsein.
Panpsychismus: Geist und Materie als zwei Seiten einer Medaille
Der Panpsychismus ist eine Strömung, die sich seit der Antike immer wieder zu Wort meldet. Die Grundidee besagt, dass Materie und Geist bloß zwei Seiten einer Medaille sind. Das griechische pan (alles) im Wort „Panpsychismus“ bedeutet also nicht, dass alles geistig ist, sondern dass alle Entitäten zumindest einen geistigen Aspekt, vielleicht sogar eine geistige intrinsische Natur haben. Wenn aber Materie und Geist so eng miteinander verbunden sind, dann ist überall da, wo Materie ist, auch Geist.
Christof Koch, einer der weltweit führenden Hirnforscher, hält den Panpsychismus für die eleganteste und einfachste Erklärung des Universums. Henry Stapp, ein renommierter Physiker, behauptet, dass die physischen Strukturen des Universums nicht in sich ruhen, sondern dass Erfahrungen in die Fundamente der physikalischen Welt eingebaut sind.
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Die Frage nach der Bewusstseinserzeugung
Die Neurowissenschaft steht vor der allesentscheidenden Frage: Wieso ist sich ein materielles Gehirn der Welt bewusst? Wissenschaftler versuchen seit Jahrhunderten, diese Frage zu beantworten, aber alle scheitern an dem sogenannten harten Problem des Bewusstseins. Die physikalische Erkenntnis, dass sich Materie unter genauerer Betrachtung als leerer Raum erweist, sorgt für zusätzliche Verwirrung. Umso fragwürdiger ist da doch die These, dass Materie in Form des Organs Gehirn Bewusstsein erzeugt.
Die Wissenschaft kann bis dato nur beobachten, dass eine Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein besteht, Korrelation genannt. Ein Prinzip der Wissenschaft besagt, dass Korrelation nicht gleichbedeutend mit Kausalität ist. Will heißen: Zwei Phänomene, in diesem Fall Gehirn und Bewusstsein, beeinflussen offensichtlich einander. Dies bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass eines davon die Ursache des anderen ist.
Max Planck, Begründer der Quantenphysik, deutete bereits darauf hin: "Ich betrachte Bewusstsein als fundamental. Ich betrachte Materie als abgeleitet vom Bewusstsein. Wir können nicht über das Bewusstsein hinausgelangen. Alles, worüber wir sprechen, alles, was wir als existent betrachten, postuliert Bewusstsein." Die Alternative: Materie erscheint im Bewusstsein, welches tatsächlich unabhängig vom Körper und Gehirn und das Substrat aller Dinge ist. Und nicht umgekehrt.
Gedanken erschaffen Realität?
Die Idee, dass Gedanken Realität erschaffen können, ist uralt und dennoch hochaktuell. In spirituellen Traditionen, psychologischen Modellen und neuerdings auch in der Wissenschaft wird intensiv erforscht, wie Bewusstsein auf die materielle Welt wirkt. Manifestation beschreibt den bewussten Prozess, durch Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Handlungen eine bestimmte Realität zu erschaffen. Es geht dabei nicht um magisches Denken, sondern um eine gezielte Ausrichtung deiner inneren Welt auf ein äußeres Ziel.
Die Perspektive der Gutenberg Edition
Die Gutenberg Edition bietet eine interessante Perspektive auf die Verbindung zwischen Gehirn und Materie. Sie fordert uns auf, uns von Theorien über Materie und Geist zu distanzieren und uns von Bildern umgeben zu sehen, die wir wahrnehmen, wenn wir unsere Sinne öffnen, und nicht wahrnehmen, wenn wir sie schließen. Eines dieser Bilder, unser Leib, kennen wir nicht nur von außen durch Wahrnehmungen, sondern auch von innen durch Affektionen.
Die Gutenberg Edition argumentiert, dass die Vorstellung von der materiellen Welt nicht im Gehirn enthalten sein kann, da das Gehirn ein Teil der materiellen Welt ist. Das Gehirn ist in der Gesamtheit der materiellen Welt ein Bild, das sich wie die anderen Bilder betätigt: Bewegung aufnimmt und abgibt, mit dem einzigen Unterschiede vielleicht, daß mein Leib bis zu einem gewissen Grade die Wahl zu haben scheint, in welcher Form er das Empfangene zurückgeben will.
Die Sichtweise von Prof. Dr. Henrik Walter
Prof. Dr. med. Dr. phil. Henrik Walter, Leiter des Forschungsbereichs Mind & Brain an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité - Universitätsmedizin Berlin, betont, dass das Gehirn ein physisches Organ und die Psyche die Summe aller bewussten und unbewussten geistigen Aktivitäten ist. Er beschreibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen: Die dualistische Sichtweise versteht Gehirn und Geist als etwas grundlegend Verschiedenes, während die wissenschaftliche Sichtweise Gehirn und Geist als untrennbare Einheit betrachtet.
Walter argumentiert, dass Bedeutung erlangen Hirn- und damit psychische Zustände nur dadurch, dass die Prozesse, durch die wir Bedeutung generieren, nur dann funktionieren, wenn das Gehirn in einem Organismus beheimatet ist, dessen Körper mit der Umwelt interagiert. Er betont, dass Bewusstsein ein einzigartiges wissenschaftliches Rätsel ist und dass es prinzipiell fraglich ist, ob wir je eine Lösung dafür haben werden.
Ivan Steiger über das harte Problem des Bewusstseins und der Materie
Ivan Steiger beleuchtet das harte Problem des Bewusstseins und das harte Problem der Materie. Er argumentiert, dass die Lösung des harten Problems des Bewusstseins allein durch Experiment und Beobachtung nicht gefunden werden kann. Er betont, dass die Physik uns sagt, was fundamentale Teilchen tun oder wie sie sich zu anderen Dingen verhalten, aber sie sagt nichts darüber, wie sie in sich selber sind, unabhängig von anderen Dingen.
Steiger schlägt vor, dass Bewusstsein - in einer primitiven und rudimentären Form - die Hardware ist, auf der die Software, die von der Physik beschrieben wird, läuft. Er stellt sich die physikalische Welt als eine Struktur bewusster Erfahrungen vor.