Die Frage nach den biologischen Grundlagen der sexuellen Orientierung, insbesondere die Unterschiede in den Gehirnstrukturen von schwulen und heterosexuellen Männern, ist ein komplexes und viel diskutiertes Thema. Die Suche nach einem "Homosexualitätsgen" ist umstritten. Auf der einen Seite würde ein solches Gen vermitteln: Homosexuelle Menschen haben keine Wahl, welcher sexuellen Identität sie sich zugehörig fühlen, und folgen nicht etwa einer Laune oder Modeerscheinung. Ihre sexuelle Identität gehört zu ihnen wie ihre Augen- oder Haarfarbe. Auf der anderen Seite birgt die Identifikation eines bestimmten Gens, das die Sexualität bestimmt, ein Risiko: Babys könnten vorab auf dieses Gen getestet werden und im schlimmsten Fall aufgrund homophober Denkweisen gar nicht geboren werden.
Die Genetik der sexuellen Orientierung: Ein komplexes Zusammenspiel
Ein Homosexualitätsgen würde bedeuten, dass Homosexualität erblich ist. So viel vorab: Ein einzelnes Gen für Homosexualität wurde bisher noch nicht entdeckt. Die Annahme, Homosexualität sei durch ein einzelnes Gen beziehungsweise einen Genabschnitt bedingt, bestand allerdings sechs Jahre lang. Aber auch, wenn es DAS eine Homosexualitätsgen nicht gibt, scheinen die Gene doch irgendwie hinter der Sexualität zu stecken. Das zeigten verschiedene Zwillingsstudien, die eineiige mit zweieiigen Zwillingen verglichen. Was diese Zwillingsstudien auch zeigen können: Welchen Einfluss haben Gene und welchen die Umwelt. Denn eineiige Zwillinge teilen nahezu 100 Prozent ihres genetischen Materials. Zweieiige Zwillinge etwa 50 Prozent, ähnlich wie normale Geschwister. Dazu werden für beide Zwillingsgruppen Daten über das zu untersuchende Merkmal (zum Beispiel Körpergröße, Intelligenz, Sexualität) gesammelt und die Ähnlichkeit der Zwillinge in Bezug auf das Merkmal verglichen. Wenn eineiige Zwillinge ähnlicher sind als zweieiige, deutet dies auf einen starken genetischen Einfluss hin. Und genau das konnte bei der Suche nach einem genetischen Einfluss von Homosexualität gezeigt werden. Zwillingsstudien haben gezeigt, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Eine Studie, die alle erwachsenen Zwillinge in Schweden berücksichtigte, kam zu dem Schluss, dass Homosexualität sowohl auf erbliche als auch auf Umweltfaktoren zurückzuführen ist. Vor allem individuelle Umweltfaktoren hatten einen großen Einfluss. Eine DNA-Studie fand einen genetischen Marker für Homosexualität auf dem X-Chromosom. Das ist das Chromosom, das Männer von ihren Müttern erben. Schwule Männer haben bezeichnenderweise mütterlicherseits mehr schwule Verwandte als väterlicherseits.
Die Forscher haben nun die erste genomweite Assoziationsstudie (GWAS) durchgeführt, um nach Genmarkern für männliche Homosexualität zu suchen. Auf Chromosom 13 und Chromosom 14 haben die Forscher jeweils eine potenziell relevante Genregion entdeckt. Und tatsächlich: In zwei Genregionen fanden die Wissenschaftler auffallende Unterschiede zwischen schwulen und heterosexuellen Männern. Einer dieser Genorte liegt auf dem Chromosom 13 zwischen den Genen SLITRK5 und SLITRK6. Studien haben gezeigt, dass das Gen SLITRK6 besonders im Zwischenhirn aktiv ist - in der Hirnregion, in der unter anderem der Hypothalamus und der Thalamus liegen. In beiden Arealen haben Wissenschaftler bestimmte Zentren entdeckt, die sich in ihrer Größe und Zelldichte bei homosexuellen und heterosexuellen Männern unterscheiden. Den zweiten möglichen Genunterschied zwischen hetero- und homosexuellen Männern haben die Forscher auf dem Chromosom 14 entdeckt. Dort liegen die verdächtigen SNPS mitten in einem Gen, das die Baupläne für einen Hormonrezeptor der Schilddrüse enthält. Das Interessante daran: Frühere Studien haben bereits erste Hinweise darauf erbracht, dass es eine Verbindung zwischen bestimmten Schildrüsenstörungen und Homosexualität geben könnte. So erkranken homosexuelle Männer möglicherweise etwas häufiger an Morbus Basedow als heterosexuelle, wie dänische Forscher herausfanden. Allerdings: Noch sind all diese Zusammenhänge sehr spekulativ, wie die Forscher einräumen. Denn wie die Wissenschaftler betonen, war die Zahl ihrer Probanden zu gering, um mehr als nur erste Hinweise und vorläufige Ergebnisse zu liefern. „Das Ziel unserer Studie war es, nach der genetischen Basis für die männliche sexuelle Orientierung zu suchen“, sagt Sanders. „Was wir jetzt mit unserer genomweiten Assoziationsstudie erreicht haben, ist immerhin ein erster Schritt.
Hirnstrukturelle Unterschiede: Was verraten uns die Scans?
Schon lange wollen Forscher klären, wann und aus welchen Gründen sich entscheidet, ob ein Mensch hetero- oder homosexuell wird. Schwedische Wissenschaftler warfen dafür nun einen Blick ins Hirn von Homos und Heteros - mit einem eindeutigen Ergebnis, das trotzdem viele Fragen offen lässt. Es gibt eine Reihe von Studien, in denen Forscher nach Unterschieden bei homo- und heterosexuellen Probanden suchen. So ermittelten etwa schwedische Forscher um Ivanka Savic, dass ein männliches Pheromon nicht heterosexuelle Frauen anregt, sondern auch homosexuelle Männer. Bei beiden wurden, so berichteten die Wissenschaftler, die gleichen Hirnregionen aktiv. In ihrer Studie konzentrieren sich die Forscher auf zwei Gehirn-Merkmale, welche sich bei Männern und Frauen unterscheiden: Die Asymmetrie der Hirnhemisphären sowie die Verknüpfungen im sogenannten Mandelkern, einer Region, die sich einschaltet, wenn Furcht angebracht ist, aber auch bei der emotionalen Verarbeitung allgemein eine Rolle spielt. Diese Hirnmerkmale bilden sich wahrscheinlich schon vor der Geburt aus. Unterschiede lassen sich, so schreiben die Forscher in den "Proceedings of the National Academy of Sciences", kaum durch Lernprozesse oder bestimmte Verhaltensweisen erklären. Insgesamt 90 Probanden nahmen an der Studie teil - je 25 heterosexuelle und 20 homosexuelle Frauen und Männer. Sie wurden mittels Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht, 50 von ihnen auch Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Bei den homosexuellen Frauen fanden die Forscher - ebenso wie bei den heterosexuellen Männern - eine Asymmetrie der Gehirnhälften: Die rechte Hemisphäre ist etwas größer als die linke. Bei den heterosexuellen Frauen dagegen waren die Hirne symmetrisch - genau wie bei den Schwulen, die an der Studie teilnahmen. Dies passt zu schon früher ermittelten Daten, welche Savic zitiert: So sollen homosexuelle Männer in Sprachtests tendenziell besser abschneiden als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Savics Hirn-Studie ist nicht die erste dieser Art, schon länger versuchen Wissenschaftler, Unterschiede in den Gehirnen von Hetero- und Homosexuellen zu verorten. Im vergangenen Jahr etwa berichteten deutsche und britische Forscher im Fachblatt "Plos One", dass die Verteilung und Menge der grauen Masse im Gehirn je nach sexueller Orientierung differiert.
Die Gehirne homosexueller Menschen unterscheiden sich von denen heterosexueller. Wie schwedische Neurowissenschaftler im US-Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) berichten, weisen die Gehirne schwuler Männer in bestimmten Arealen Ähnlichkeiten mit denen von heterosexuellen Frauen auf, genau wie sich umgekehrt manche Hirnareale von Lesben und heterosexuellen Männern gleichen. Die Forscher am Karolinska Institut in Stockholm haben die Gehirne von 90 Erwachsenen mit Kernspin-Tomographie gescannt und miteinander verglichen. 50 Probanden waren heterosexuell (je 25 Frauen und Männer) - und 40 homosexuell (je 20 Frauen und Männer). Das Ergebnis: Lesbische Frauen und heterosexuelle Männer haben eine auffällige Asymmetrie zwischen ihren beiden Hemisphären gemeinsam. So war ihre rechte Gehirnhälfte im Schnitt deutlich größer als die linke. Bei schwulen Männern und heterosexuellen Frauen konnten solche Größenunterschiede nicht festgestellt werden. Außerdem hatten Lesben und Hetero-Männer im Mandelkern (Amygdala), die Stelle für Angstgefühle, andere neuronale Verknüpfungen als Schwule und Hetero-Frauen. Welche Ursachen diese Unterschiede haben, darüber können die Wissenschaftler nur spekulieren. Sie halten es aber für unwahrscheinlich, dass sie allein durch "Lernen und Verhalten" entstanden sein können. "Ob sie auf Prozesse während der fötalen oder postnatalen Entwicklung zurückzuführen sind, ist eine offene Frage", schreiben sie. Viele Experten gehen davon aus, dass die sexuelle Orientierung durch hormonelle Faktoren während der Schwangerschaft mitgeprägt wird. Dazu untersuchten sie mit Hirnscannern eine Gruppe von insgesamt 90 Personen - darunter 25 heterosexuelle Männer, 25 heterosexuelle Frauen, 20 homosexuelle Männer und 20 homosexuelle Frauen. Die Wissenschaftler maßen bei den Versuchspersonen zunächst die Größe der beiden Hirnhälften. Dabei fanden sie heraus, dass die Gehirne von Lesben und heterosexuellen Männern eine leichte Asymmetrie aufwiesen - die rechte Hirnhälfte war etwas größer als die linke. Bei den Gehirnen von Schwulen und heterosexuellen Frauen hingegen zeigten sich keine Größenunterschiede. In einer weiteren Untersuchung prüften die Forscher, wie stark die Nervenzell-Verbindungen innerhalb der sogenannten Amygdala waren. Das ist ein Hirnbereich, der bei der Entstehung von Angst und der emotionalen Bewertung von Situationen eine große Rolle spielt. Jede Hirnhälfte hat eine Amygdala. Auch hier zeigten sich die gleichen Zusammenhänge: In den Gehirnen von Lesben und heterosexuellen Männern waren die Amygdala-Verbindungen in der rechten Hirnhälfte stärker ausgeprägt als in der linken.
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Nach früheren Studien nutzen Männer und Frauen die Hirnhälften beim Sprechen unterschiedlich, wobei Homosexuelle in ihrer Hirnaktivität dem jeweils anderen Geschlecht ähneln. Ähnliche Ergebnisse erhielten sie bei heterosexuellen Männern und lesbischen Frauen, sowie bei schwulen Männern und heterosexuellen Frauen. Unter den 90 Probanden zeigten homosexuelle Frauen wie heterosexuelle Männer asymmetrische Gehirne. Das Gehirn homosexueller Männer erwies sich dagegen als symmetrisch wie jenes heterosexueller Frauen. Weiterhin hatten Savic und Lindström die Verschaltung der Amygdala untersucht - einem Teil des limbischen Systems, welcher unter anderem mit der Verarbeitung von Angstgefühlen und Aggression in Verbindung gebracht wird. Auch hier zeigte sich, dass die Hirnstrukturen lesbischer Frauen denen heterosexueller Männer glichen. Gleiches galt für schwule Männer und heterosexuelle Frauen. Bereits zuvor konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Gehirn homosexueller Männer auf männliche Pheromone ähnlich reagiert wie das heterosexueller Frauen. Eine entsprechende Überlappung konnte damals bei dem Gehirn lesbischer Frauen jedoch nicht nachgewiesen werden.
Homosexuelle Männer haben Hirne, die denen von Frauen ähneln - und umgekehrt. Forscher schließen daraus, dass die sexuelle Orientierung biologisch angelegt und nicht erlernt ist. Viel ist geschrieben worden über Unterschiede von weiblichen und männlichen Hirnen - und ihrem Einfluss auf das Denken. Mithilfe von Hirnscans haben schwedische Wissenschaftler nun Gehirnstrukturen und -funktionen homo- und heterosexueller Männer und Frauen miteinander verglichen. Als Erstes maßen sie per MRI-Scan Hirnvolumen und -form von 90 Freiwilligen. Darunter befanden sich je 25 hetero- und 20 homosexuelle Männer und Frauen. Die Ergebnisse zeigen, dass heterosexuelle Männer asymmetrische Gehirne mit vergrößerter rechter Hemisphäre besitzen. Diese Asymmetrie fanden die Forscher auch bei den lesbischen Frauen. Schwule Männer hatten hingegen symmetrische Hirne - genau wie die heterosexuellen Frauen. Als Nächstes nutzten die Forscher PET-Scans, die den Blutfluss in den verschiedenen Hirnregionen zeigen. Dabei interessierte sie vor allem die Koppelung verschiedener Hirnregionen mit der Amygdala (Mandelkern), jenem Hirnbereich, der Furcht und Aggressionen steuert. Das Ergebnis: Die Amygdala von Heterofrauen und von schwulen Männern war besonders eng mit Arealen verknüpft, die für Furcht und Ängstlichkeit zuständig sind. Diese Bereiche sind erheblich an der Entstehung vonDepressionenund Angststörungen beteiligt. Tatsächlich leiden Frauen dreimal so häufig unter Depressionen wie Männer. Aber auch schwule Männer sind wesentlich anfälliger für Depressionen als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen. „Es ist aber noch unklar, ob das auf biologischen Faktoren beruht oder auf Diskriminierung oder auf dem Gefühl, anders zu sein“, erklärt Ivanka Savic. Die Amygdala heterosexueller Männern und lesbischer Frau hingegen war stärker mit Regionen verbandelt, die Flucht- oder Angriffsverhalten auslösen. „Ihre Hirnreaktion ist eher handlungsorientiert“, sagt Ivanka Savic. Vorangegangene Studien hatten zwar bereits Unterschiede in der Architektur und Aktivität von hetereo- und homosexuellen Hirnen gezeigt. Diese beziehen sich aber auf sexuell ausgerichtete Reaktionen, die sich erst im Laufe des Lebens entwickelt haben können. Die Studien konnten daher keinen Aufschluss darüber geben, ob Homosexualität angeboren ist. Im Gegensatz dazu konzentrierte sich das Stockholmer Team auf Hirnareale, deren Entwicklung schon im Mutterleib abgeschlossen ist. Für die Forscher ist die Untersuchung damit der bislang stärkste Hinweis dafür, dass die sexuelle Orientierung wahrscheinlich von Geburt an feststeht.
Hormone und sexuelle Orientierung: Ein möglicher Einfluss
Wissenschaftler nehmen an, dass die Konzentration der Sexualhormone Östrogen und Testosteron im Mutterleib sowie im späteren Leben eine Rolle spielt. Ebenso könnten die im Körper vorhandenen Rezeptoren für diese Hormone sowie die Verstoffwechselung des Testosterons beeinflussen, ob sich jemand in Männer oder in Frauen verliebt. Ob genetische Faktoren ebenfalls einfließen, lässt sich nicht beantworten. Hormone im Mutterleib zählen zu den für die sexuellen Vorlieben prägendsten Umweltfaktoren. Tierstudien zeigen, dass das männliche Sexualhormon Testosteron in der pränatalen Entwicklung zu einer „Vermännlichung“ des Gehirns und in der Folge zu männlichem Paarungsverhalten führt. Auf dieser Grundlage haben Forscher eine Hypothese entwickelt: Mädchen, die zu einem kritischen Zeitpunkt ihrer pränatalen Entwicklung eindeutig überdurchschnittliche Mengen des männlichen Sexualhormons abbekommen, könnten demnach eine homosexuelle Veranlagung mit auf den weiteren Lebensweg bekommen. Bei Jungen könnte umgekehrt eine „zu kleine“ Dosis ihr späteres Interesse für das eigene Geschlecht mitbedingen.
Der Hypothalamus: Ein Schlüsselbereich?
In einer viel zitierten Studie von 1993 untersuchte Simon LeVay den vorderen Hypothalamus Verstorbener: darunter heterosexuelle Frauen, heterosexuelle und homosexuelle Männer. Der Neurowissenschaftler vom Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien hatte gute Gründe, genau dieses Gebiet unter die Lupe zu nehmen: Der Hypothalamus steuert das sexuelle Verhalten. Bei nichtmenschlichen Primaten bringt er typisch männliches Sexualverhalten hervor. LeVay fand heraus, dass einer der Kerne im Hypothalamus bei schwulen Männern halb so groß ausfiel wie bei heterosexuellen. Ihr Kern glich von seiner Größe her dem heterosexueller Frauen. Möglicherweise hatte LeVay damit eine der biologischen Grundlagen sexueller Orientierung ausfindig gemacht. Tatsächlich hat sich dieser Fund mittlerweile in verschiedenen Studien bestätigt. Interessanterweise fanden aber auch andere Forscher im Gehirn von homosexuellen Probanden Reaktionen, die eher dem anderen Geschlecht ähneln. Und wieder spielte der Hypothalamus eine wichtige Rolle. 2005 schauten sich Forscher um die Psychologin Ivanka Savic vom schwedischen Karolinska Institute an, wie Menschen unterschiedlicher Neigung auf sexuelle Lockstoffe ansprechen. Im Gegensatz zu heterosexuellen Männern sprang der Hypothalamus schwuler Männer verstärkt auf einen Duftstoff an, der im männlichen Schweiß vorkommt und möglicherweise ein Sexualpheromon ist. Offensichtlich können homosexuelle Männer ihr eigenes Geschlecht gut riechen - sie reagierten damit ähnlich wie die heterosexuellen Probandinnen. 2006 fanden Savic und ihre Kollegen zudem heraus: Im Gehirn lesbischer Frauen stimulierte der männliche Duftstoff lediglich ein Areal, das Gerüche verarbeitet. Bei den heterosexuellen brachte er allerdings auch noch den vorderen Bereich des Hypothalamus auf Trab.
Soziale Kognition und Empathie: Verhaltensunterschiede
Evolutionäre Theorien zur Entstehung und Aufrechterhaltung homosexuellen Verhaltens beim Menschen verbinden Homosexualität mit reduzierter Aggressivität, vermehrter Kooperationsbereitschaft und vermehrter Empathie. Diese Verhaltensweisen sollten insbesondere gegenüber gleichgeschlechtlichen Interaktionspartnern gezeigt werden. Homosexuelle im Vergleich zu heterosexuellen Individuen zeigen weniger aggressives und stärker kooperatives Verhalten in frustrierenden sozialen Interaktionen, gleichermaßen gegenüber Männern wie Frauen. Reduzierte Aggressivität und vermehrte Kooperation seitens homosexueller Individuen stehen im Einklang mit den genannten evolutionären Theorien. Im Einklang mit den hier vorliegenden Befunden reduzierter Aggressivität und vermehrter Kooperation bei homosexuellen Individuen beeinflusst die sexuelle Orientierung bei Männern auch die Gesichtsmimikry: Schwule Männer zeigen beim Betrachten emotionaler Gesichter deutlich stärker ausgeprägte Mimikry als heterosexuelle Männer. Bei der Mu-Suppression als neurophysiologisches Korrelat von kognitiver Empathie zeigte sich, dass homosexuelle Individuen auf Darstellungen mit schmerzhaften Situationen mit weniger Mu-Suppression reagieren als heterosexuelle Individuen. Lesbischen Probandinnen und schwule Probanden berichteten auch vergleichsweise weniger Mitgefühl mit den dargestellten Personen. Da homosexuelle Individuen stark zwischen relevanten und irrelevanten Sozialkontakten unterscheiden (verstärkter Ingroup-Bias) ist wahrscheinlich, dass die homosexuellen Probandeninnen und Probanden die relativ anonymen Darstellungen, die im Wesentlichen auf Extremitäten fokussiert sind, als wenig relevant wahrgenommen haben. Die Studien zeigen insgesamt einen starken Einfluss der sexuellen Orientierung auf soziales Verhalten und physiologische Korrelate von Empathie. Homosexuelle Individuen zeigen reduzierte Aggressivität und vermehrte Kooperation in sozialen Konfliktsituationen, sowie verstärkte automatische Mimikry des Gesichtsausdrucks eines Gegenübers. Außerdem scheinen kognitiv-empathische Prozess bei Schwulen und Lesben besonders abhängig von der Relevanz der jeweiligen Situation. Evolutionäre Theorien betonen die Rolle von homosexuellem Verhalten als eine Überlebensstrategie im Gegensatz zu einer reproduktiven Strategie, wobei das Gefüge der sozialen Gruppe gestärkt wird. Die vorliegenden Ergebnisse stehen im Einklang damit, und betonen den positiven Einfluss von Homosexuellen in sozialen Gruppen.
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Methodische Aspekte und Interpretationsspielräume
Savic selbst gibt zu, dass ihre Studie "nicht erlaubt, die möglichen Ursachen (für die sexuelle Orientierung) einzugrenzen". Diese seien wahrscheinlich vielschichtig, meint die Stockholmer Forscherin. Was genau die sexuelle Orientierung bestimmt, kann Ivanka Savic, ebenso wie andere Hirnforscher, also nicht klären - und vielleicht ist das auch gut so. Viele Schwule kritisieren solche Studien aus Sorge, was irgendwann darauf folgen könnte. Ein Leser der britischen Webseite "PinkNews" fasst die Befürchtungen treffend zusammen: "Wieder ein Versuch - ob bewusst oder nicht - aus Homosexualität als Abweichung, als Abart zu definieren. Eines sollte man bei solchen Untersuchungen allerdings im Hinterkopf behalten: Wenn Forscher verschiedene Gruppen vergleichen, finden sie im Allgemeinen nur statistische Unterschiede zwischen ihnen. Das „durchschnittliche“ homosexuelle Gehirn mag sich von dem heterosexuellen „Durchschnittsgehirn“ unterscheiden. Über einen einzelnen Menschen sagt das oft wenig aus. Auch LeVay stieß auf Ausnahmen, etwa schwule Männer mit vergleichsweise großen Kernen im Hypothalamus. Später warnte der bekennende Homosexuelle selbst in Interviews vor falschen Interpretationen. Weder habe er gezeigt, dass schwule Männer so geboren werden.
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