Gehirnverjüngung durch Tabletten: Wirksamkeit und Möglichkeiten

Die Suche nach Wegen, das Gehirn zu verjüngen und altersbedingte Abbauprozesse aufzuhalten, ist ein hochaktuelles und spannendes Forschungsfeld. Während es bereits eine Vielzahl von Substanzen gibt, die in Studien mit Nematoden, Fruchtfliegen oder Mäusen vielversprechende Ergebnisse gezeigt haben, ist die Übertragbarkeit dieser Erkenntnisse auf den Menschen noch weitgehend unklar. Dennoch treibt das enorme Potenzial des Anti-Aging-Marktes die Forschung voran und zieht finanzkräftige Investoren an.

Der Megatrend Langlebigkeit: Substanzen und Forschungsansätze

In alternden Gesellschaften ist die potenzielle Nachfrage nach wirksamen Anti-Aging-Mitteln enorm. Finanzkräftige Investoren, viele aus dem Silicon Valley, pumpen Millionen in den Megatrend Langlebigkeit und entsprechende Start-ups.

Einige Forscher gehen bereits dazu über, ihre bisherigen Erkenntnisse im Alltag umzusetzen. So verabreicht sich beispielsweise der Genetiker David Sinclair unter anderem Metformin, Resveratrol und Spermidin.

Metformin: Ein Diabetes-Medikament mit Anti-Aging-Potenzial?

Metformin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das hauptsächlich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt wird. Der Wirkstoff, der ursprünglich aus Französischem Flieder isoliert wurde, ist seit Jahrzehnten bekannt. Forschende vermuten, dass Metformin eine Kalorienbeschränkung im Körper vortäuscht. Dieser biologische Stress kann dazu führen, dass der Körper in ein Schutzprogramm schaltet, Zellen sich langsamer teilen und stattdessen in ihre Fitness investieren. Darüber hinaus könnte Metformin die Verkürzung der Telomere reduzieren, die als Schutzkappen der Chromosomen fungieren und diese vor dem Abbau schützen. Studien haben auch gezeigt, dass Metformin die Herzfunktion bei Diabetikern schützen, die Immunfunktion verbessern und Entzündungsmarker senken kann.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat eine Studie namens TAME (Targeting Aging with Metformin) bewilligt, um zu untersuchen, ob Metformin als Anti-Aging-Medikament bei Nichtdiabetikern geeignet ist. Eine weitere Studie, die TRIM-Studie (Thymus Regeneration, Immunorestoration and Insulin Mitigation) unter der Leitung des Altersforschers Gregory Fahy, untersuchte die Regeneration des Thymus, eines Immunorgans, das hinter dem Brustbein liegt und nach der Jugendzeit schrumpft. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Körper der Probanden durchschnittlich eineinhalb Jahre jünger waren als zu Beginn der Studie.

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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Ergänzung von Metformin mit HGH und DHEA riskant sein kann, da es sich um verschreibungspflichtige Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen handelt, die zudem auf der Dopingliste stehen.

NMN: Ein Vitamin-B3-Abkömmling für mehr Energie und Zellschutz

NMN (Nicotinamidmononukleotid) ist ein Vitamin-B3-Abkömmling, das im Körper in NAD+ umgewandelt wird, ein wichtiges Molekül für die Mitochondrien, die Kraftwerke der Körperzellen. NAD+ gewährleistet eine gesunde Zellfunktion, schützt den Körper vor Alterung und Krankheit und stärkt die Muskelkraft. Tierstudien haben gezeigt, dass die Gabe von NMN Alterungsprozesse verlangsamen kann. Bei Mäusen traten beispielsweise seltener Anzeichen von Herzschwäche auf, die körperliche Aktivität und der Energiestoffwechsel wurden angekurbelt, und das Sehvermögen verbesserte sich.

Obwohl Studien am Menschen noch ausstehen, berichten Anwender von NMN von mehr Energie, gesteigerter Leistungsfähigkeit, besseren Blutwerten und sogar dem Wiedereinsetzen der Periode nach den Wechseljahren.

Rapamycin: Ein Immunsuppressivum mit Anti-Aging-Potenzial

Rapamycin wurde in den 1970er Jahren aus einer Bodenprobe von der Osterinsel isoliert und wird seit 2001 als Immunsuppressivum nach Organtransplantationen eingesetzt. Altersforscher wurden aufgrund der Vielseitigkeit von Rapamycin aufmerksam. Rapamycin legt die Aktivität des Enzyms mTOR lahm, das Körperzellen wuchern lässt und den Zellen dadurch einen Nahrungsmangel vortäuscht. Fastenzeiten nutzen Körperzellen jedoch, um sich von Abfallstoffen zu befreien, die auf Dauer den Zelltod herbeiführen können. Laut der Max-Planck-Gesellschaft ist Rapamycin das derzeit vielversprechendste Anti-Aging-Medikament. In den üblichen Dosierungen hat es allerdings nicht unerhebliche Nebenwirkungen. Tatsächlich wirkte sich auch eine kurze Verabreichung über zwei Wochen bis drei Monate positiv aus. Es zeigte sich aber, dass eine Behandlung nur in jungen Jahren Wirkung zeigte, nicht aber im mittleren Lebensalter der Tiere.

Resveratrol: Ein sekundärer Pflanzenstoff mit antioxidativer Wirkung

Resveratrol ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der in hoher Konzentration in roten Weintrauben, Himbeeren, Heidelbeeren, Erdnüssen und Soja vorkommt. In der Medizin hat Resveratrol aufgrund seiner antioxidativen, entzündungshemmenden sowie antimikrobiellen Wirkung Aufmerksamkeit auf sich gezogen - insbesondere in der Dermatologie. Erforscht wird das Potenzial von Resveratrol in der Wundheilung, der Behandlung von Narben sowie als potenzielle Anti-Aging-Substanz gegen vorzeitige Hautalterung. Möglicherweise kann Resveratrol Wundheilungsprozesse sogar beschleunigen.

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Senolytika: Medikamente gegen "Zombie-Zellen"

Senolytika sind eine neue Klasse von Medikamenten, die darauf abzielen, seneszente Zellen zu beseitigen, die Entzündungen und andere Schäden im Körper verursachen. Bei vielen im Alter auftretenden Erkrankungen spielen seneszente Zellen eine Rolle. Mehrere Senolytika werden derzeit wissenschaftlich untersucht. Bisher bekannte natürliche Stoffe mit senolytischer Wirkung sind Quercetin und Fisetin, die in Gemüse und Obst vorkommen. Vielversprechend ist womöglich das Wirkstoff-Duo Dasatinib und Quercetin, wobei ersteres ein Medikament gegen chronische myeloische Leukämie ist.

Spermidin: Eine natürliche Substanz für die Zellverjüngung

Spermidin ist eine natürliche Substanz, die in jeder Zelle des menschlichen Körpers vorkommt. Es erhöht die Lebensdauer von Mäusen und regt den Prozess der Autophagie an, des körpereigenen Zellverjüngungs- und Aufräumprozesses. Spermidin kann vermutlich die Telomere schützen. Eine Studie aus dem Jahr 2022 präsentierte Daten, wonach "eine höhere Spermidinaufnahme ein vielversprechender Ernährungsansatz zur Erhaltung der Gehirngesundheit bei älteren Erwachsenen sein könnte". Der natürliche Spermidinverlust kann durch eine Ernährung mit Lebensmitteln wie Keimgemüse, Erbsen, Vollkornprodukten, Äpfeln, Salat, Pilzen, Nüssen, Kartoffeln oder gereiftem Käse entgegengewirkt werden.

Kreatin: Mehr als nur ein Supplement für Muskelaufbau

Kreatin ist eine Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindung, die in Form von Supplements eingenommen werden kann, um die Leistung im Krafttraining zu steigern. Kreatin spielt eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel der Muskelzellen und kann dem altersbedingten Muskelverlust entgegenwirken. Darüber hinaus wurde die Wirkung von Kreatin auf die Knochengesundheit betrachtet. Kreatin verbesserte die Ergebnisse im „Sit-to-Stand“-Test, der als Indikator für das Sturzrisiko gilt. Die Forscher der Meta-Analyse kamen daher zu dem Schluss, dass Kreatin-Supplementation, insbesondere in Verbindung mit Krafttraining, ein effektives Mittel sein kann, um den altersbedingten Muskelabbau zu verlangsamen und die Sturzgefahr zu verringern.

Mit zunehmendem Alter nimmt die körpereigene Kreatinproduktion ab. Dies kann insbesondere im Gehirn problematisch sein, da dort Kreatin eine Rolle bei der Energiepufferung, der Regulierung von Kalziumspiegeln und der Bekämpfung oxidativen Stresses spielt. Laut der Meta-Analyse hatten zwei Studien Hinweise dafür liefern können, dass Kreatin das Kurzzeitgedächtnis verbessern könnte, insbesondere bei Vegetariern. Die Untersuchung deutete tatsächlich darauf hin, dass Kreatin nicht nur die Lebensdauer, sondern auch die Lebensqualität im Alter verbessern könnte.

Cannabis: Umkehrung von Alterungsprozessen im Gehirn?

Eine niedrigdosierte Langzeitgabe von Cannabis kann nicht nur Alterungsprozesse im Gehirn umkehren, sondern hat auch eine Anti-Aging-Wirkung. Dies konnten Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn mit einem Team der Hebrew University (Israel) jetzt bei Mäusen zeigen. Den Schlüssel dafür fanden sie in dem Proteinschalter mTOR, dessen Signalstärke Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Stoffwechselprozesse im gesamten Organismus hat.

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Die THC-Behandlung im Gehirn führte zu einem vorübergehenden Anstieg der mTOR-Aktivität und des Gehalts an Zwischenprodukten, die an der Energieproduktion und an Aminosäuren beteiligt sind. Unerwarteterweise fanden die Bonner Forschenden andererseits eine ähnlich starke Verringerung der mTOR-Aktivität von Mäusen im Fettgewebe und des Gehalts an Aminosäuren und Kohlenhydratmetaboliten im Blutplasma wie nach einer kalorienarmen Diät oder nach intensiven körperlichen Aktivitäten.

Andere Strategien für ein längeres und gesünderes Leben

Neben Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln gibt es eine Reihe weiterer Strategien, die dazu beitragen können, den Alterungsprozess zu verlangsamen und die Lebensqualität im Alter zu verbessern:

  • Gesunder Lebensstil: Nikotin und übermäßiger Alkoholkonsum sollten vermieden werden. Regelmäßiger Sport, eine ausgewogene, niedrigkalorische Ernährung und ausreichend Schlaf sind ebenfalls wichtig.
  • Soziale Kontakte: Studien zeigen, dass Menschen mit einem starken sozialen Netzwerk tendenziell länger leben.
  • Positive Lebenseinstellung: Optimismus und die Vermeidung von Stress, Depressionen und Ängsten können sich positiv auf das Altern auswirken.
  • Bildung und finanzielle Sicherheit: Ein höherer Bildungsabschluss und finanzielle Sicherheit sind mit einer längeren Lebenserwartung verbunden.

Die Zukunft der Anti-Aging-Forschung

Die Anti-Aging-Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck daran, die Ursachen des Alterns besser zu verstehen und Wege zu finden, den Alterungsprozess zu verlangsamen oder sogar umzukehren. Dabei verfolgen sie verschiedene Forschungsansätze, darunter Medikamente, der Austausch von Blutplasma und der Einsatz von Stammzellen.

Es gibt zwei unterschiedliche Ideologien unter den Alternsforschern: Die Unsterblichkeitsvisionäre, auch "Immortalists" genannt, sind davon überzeugt, dass die menschliche Lebenszeit kein Ende haben muss. Sie arbeiten an einer Existenzverlängerung, bis hin zum ewigen Leben. Die "Immortalists" sind allerdings in der Minderheit, die überwiegende Anzahl der Wissenschaftler verfolgt ein ganz anderes Ziel: Die sogenannten "Healthspanner", wollen weg von einer rein längeren Lebenszeit, hin zu einer verlängerten und gesunden Lebenszeit ohne Krankheiten.

Obwohl es noch keine Wundermittel gibt, die ewige Jugend versprechen, gibt es bereits vielversprechende Ansätze, die dazu beitragen könnten, das Gehirn zu verjüngen und die Lebensqualität im Alter zu verbessern. Die Forschung in diesem Bereich ist weiterhin sehr aktiv, und es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren weitere spannende Entdeckungen gemacht werden.

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