Vera F. Birkenbihl war eine Autorin, Coach und Rednerin, die zu Lebzeiten zu den Größen der Seminar- und Coaching-Szene zählte. Bekannt für ihre direkten Art, fortschrittlichen Techniken und provokanten Vorträge, entwickelte sie das Konzept des gehirn-gerechten Lernens. Dieser Ansatz zielt darauf ab, Lern- und Lehrmethoden an der natürlichen Funktionsweise unseres Gehirns auszurichten, um effektives und freudvolles Lernen zu ermöglichen.
Die Kerngedanken von Vera F. Birkenbihl
Birkenbihl ging davon aus, dass das Gehirn ein Lernorgan par excellence ist, das ständig lernt, jedoch nicht immer das, was gelehrt werden soll. Sie suchte nach allgemeingültigen Regeln, nach denen jedes Gehirn Informationen aufnimmt und verarbeitet, um Lernprozesse gezielt zu unterstützen.
Neuromechanismen des Gehirns
Birkenbihl identifizierte verschiedene Neuromechanismen, die das Gehirn nutzen, um neues Wissen zu verarbeiten und sich mit einer Sache eingehender zu beschäftigen:
- Assoziatives Denken: Das Gehirn denkt assoziativ und gleicht neue Informationen mit vorhandenen Inhalten ab, die in vernetzten Strukturen organisiert sind.
- Bedeutungen und Sinn suchen: Das Gehirn interpretiert Informationen, stellt Zusammenhänge her, füllt Lücken und vergleicht. Fehlt ein Sinn, wird der Lernprozess gestoppt.
- Abstrahieren: Das Gehirn leitet unbewusst Regeln ab. Es ist effektiver, Menschen die Möglichkeit zu geben, Regeln selbst zu entdecken, anstatt sie ihnen vorzugeben.
- Muster suchen und finden: Das Gehirn sucht nach Mustern, um Unsicherheit zu reduzieren und nächste Schritte vorherzusehen.
- Sofortiges Feedback: Das Gehirn benötigt sofortiges Feedback, um zu wissen, ob eine Aufgabe richtig gelöst wurde. Je länger das Feedback auf sich warten lässt, desto geringer ist das Interesse an der richtigen Lösung.
Angewandtes Wissen
Birkenbihl betonte die Bedeutung der Anwendung von Wissen für langfristige Lernerfolge. Das neuronale Netz unseres Gehirns besteht aus "Wissensfäden", die sich kreuzen und verflechten. Je mehr Wissen angewandt wird, desto stärker und schneller zugänglich werden diese Verbindungen.
Wachstum von Intelligenz und Kreativität
Birkenbihl glaubte, dass Intelligenz und Kreativität wachsen können. Unter dieser Prämisse entwickelte sie Lernsysteme und Gedächtnistrainings, die lebenslang wirken und allgemein anwendbar sind.
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Schule ohne Noten
Birkenbihl plädierte für eine Schule ohne Noten, da sie eine demokratische Schule ohne Benotung für lernförderlich hielt. Sie argumentierte, dass Noten eine punktuelle Lernleistung beziffern, die schnell vergessen wird, während es wichtig ist, stabile neuronale Wissensverknüpfungen von langer Dauer zu schaffen.
Wissen nach Talenten und Neigungen
Birkenbihl glaubte an die Fähigkeit, mit den richtigen Methoden "alles" lernen zu können. Sie betonte jedoch die Bedeutung der Selbsterkenntnis über den eigenen Wissensstand und die eigenen Stärken.
Die Lernmethoden Birkenbihls
Birkenbihl entwickelte verschiedene Lernmethoden, die auf ihren Kerngedanken basieren.
Die Birkenbihl Methode zum Sprachenlernen
Diese Methode basiert darauf, die gewünschte Sprache im Alltag anzuwenden. Birkenbihl empfahl, Bücher in der Originalsprache zu lesen und akustische Sprachaufnahmen wie fremdsprachige Hör-CDs, Radio- oder Fernsehsendungen nebenher laufen zu lassen. Sie betonte, dass eine häufige Anwendung der Sprache in Schrift und Sprache unerlässlich sei. Das Auswendiglernen von Vokabeln und das Pauken von Verben und Redewendungen steht konträr zu dieser Methode.
Gehirntraining mit der Theorie vom Wissensnetz
Birkenbihl legte großen Wert auf einen Innenblick auf unser bereits bestehendes Wissensnetz. Das Wissensnetz verbildlicht die neuronalen Verbindungen, die sich im Gehirn aufgrund unserer Lernerfahrung, unseres derzeitigen Wissens und unserer Anwendung ausgebildet haben. Die Anzahl der Assoziationen, die uns zu etwas einfallen, gibt einen Hinweis darauf, wie gut unser Wissensnetz aufgebaut ist. Je mehr Assoziationen uns einfallen, desto besser ist das Netz aufgebaut und desto mehr wissen wir über dieses Thema Bescheid.
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Die Analograffiti-Technik
Diese Technik ist eine Brainstorming-Methode, mit dem Ziel, beide Gehirnhälften für ein Thema zu vernetzen. Zu dieser Technik gehören die KaGas-Methode, bei der Assoziationen gezeichnet werden, und die KaWas-Methode, bei der Wort-Assoziationen zu jedem Buchstaben eines Begriffes notiert werden.
Die ABC-Technik
Die ABC-Technik kann für eine Wissens-Inventur verwendet werden, um den Wissensstand zu einem bestimmten Thema aufzuzeigen oder Themenwissen zu erweitern. Dabei wird eine Tabelle mit allen Buchstaben des Alphabets mit Assoziationen zu einem Thema ausgefüllt.
Weitere Techniken
Birkenbihl entwickelte viele weitere Techniken, wie die Kügeli, den Lernberg, das Inselmodell und den Mückenschwarm.
Parallelen zu Maria Montessori
Obwohl Vera F. Birkenbihl und Maria Montessori unterschiedlichen pädagogischen Strömungen angehören, gibt es Parallelen in ihren Ansätzen. Beide lehnen reines Auswendiglernen ohne Verstehen ab und betonen die Bedeutung von selbstentdeckendem, sinnlich erfahrbarem Lernen. Beide betonen, dass Lernen effektiver ist, wenn der Mensch das Tempo und die Methode mitbestimmen darf. Sie sehen Fehler als Lernchance und betonen die Bedeutung von sprachlicher Immersion im Alltag.
Praktische Anwendung des gehirn-gerechten Lernens
Wie können wir die Prinzipien des gehirn-gerechten Lernens in unserem Alltag anwenden? Hier sind einige Tipps:
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- Finden Sie Ihre beste Lernzeit: Manche Menschen sind morgens am produktivsten, andere abends. Experimentieren Sie, um herauszufinden, wann Sie sich am besten konzentrieren können.
- Schaffen Sie eine angenehme Lernumgebung: Sorgen Sie für ausreichend Licht, eine bequeme Sitzgelegenheit und eine ruhige Atmosphäre.
- Nutzen Sie Musik: Finden Sie Musik, die Sie motiviert und entspannt.
- Lernen Sie in kurzen Abschnitten: Das Gehirn arbeitet nach einer 10-minütigen Lernphase im Hintergrund weiter. Nutzen Sie diese Zeit für Pausen oder andere Lerntechniken.
- Belohnen Sie sich: Verstärken Sie den Dopamin-Schub, den das Gehirn bei Erreichen von Lernzielen ausschüttet, mit einer persönlichen Belohnung.
- Wiederholen Sie den Stoff: Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg. Passen Sie die Häufigkeit der Wiederholungen an Ihren Lerntyp an.
- Passen Sie den Lernprozess an: Bringen Sie Abwechslung ins Spiel, indem Sie verschiedene Lernmethoden ausprobieren.
- Finden Sie persönliche Verbindungen zum Lernmaterial: Machen Sie den Stoff für Ihr Gehirn relevanter und interessanter.
Kritik und Kontroversen
Vera F. Birkenbihl war eine polarisierende Persönlichkeit. Ihre direkten Art und ihre provokanten Thesen stießen nicht immer auf Zustimmung. Einige kritisierten ihre Methoden als zu vereinfachend oder esoterisch. Dennoch bleibt ihr Beitrag zur Entwicklung gehirn-gerechter Lernmethoden unbestritten.
Fazit
Vera F. Birkenbihl hat mit ihrem Konzept des gehirn-gerechten Lernens einen wichtigen Beitrag zur Bildungslandschaft geleistet. Ihre Methoden zielen darauf ab, das Lernen an der natürlichen Funktionsweise unseres Gehirns auszurichten, um effektives und freudvolles Lernen zu ermöglichen. Indem wir die Prinzipien des gehirn-gerechten Lernens in unserem Alltag anwenden, können wir unser Lernpotenzial voll ausschöpfen und unsere persönlichen und beruflichen Ziele erreichen.
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