Die Fähigkeit des Gehirns, abzuschweifen und sich auf "Wanderschaft" zu begeben, ist ein faszinierendes und vielschichtiges Phänomen. Oft negativ als Zerstreutheit oder Unkonzentriertheit abgetan, offenbart ein genauerer Blick auf die zugrundeliegenden Mechanismen und Funktionen jedoch ein komplexes Zusammenspiel von Intelligenz, Kreativität und emotionaler Verarbeitung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der "Gehirne auf Wanderschaft", von der Definition und den neurologischen Grundlagen bis hin zu den potenziellen Vorteilen und Risiken.
Was bedeutet "Gehirne auf Wanderschaft"?
Der Begriff "Gehirne auf Wanderschaft" (im Englischen "Mind Wandering") beschreibt den Zustand, in dem die Aufmerksamkeit einer Person von der aktuellen Aufgabe oder der unmittelbaren Umgebung abweicht und sich stattdessen auf interne Gedanken, Erinnerungen, Fantasien oder Pläne richtet. Es handelt sich also um ein Abschweifen der Gedanken, ein Tagträumen oder ein "Mit den Gedanken woanders sein".
Neurologische Grundlagen des "Mind Wandering"
In der Neurowissenschaft wird das Tagträumen auch als "reizunabhängiges Denken" bezeichnet. Studien haben gezeigt, dass beim "Mind Wandering" ein sogenanntes Ruhemodusnetzwerk (Default Mode Network, DMN) im Gehirn aktiviert wird. Dieses Netzwerk ist ein System miteinander verbundener Hirnregionen, das besonders aktiv ist, wenn wir nicht auf äußere Reize fokussiert sind. Es wird vermutet, dass das DMN eine wichtige Rolle bei verschiedenen kognitiven Prozessen spielt, darunter:
- Selbstbezogenes Denken: Das DMN ist aktiv, wenn wir über uns selbst, unsere Vergangenheit, unsere Zukunft und unsere Beziehungen nachdenken.
- Erinnerung: Das DMN ist an der Abrufung von Erinnerungen beteiligt.
- Fantasie und Kreativität: Das DMN ermöglicht es uns, uns alternative Szenarien vorzustellen, neue Ideen zu entwickeln und kreativ zu sein.
- Emotionale Verarbeitung: Das DMN ist an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt.
Die Aktivierung des DMN während des "Mind Wandering" deutet darauf hin, dass unser Gehirn auch dann aktiv und beschäftigt ist, wenn wir nicht bewusst auf eine bestimmte Aufgabe konzentriert sind. Stattdessen nutzt es diese Zeit, um interne Informationen zu verarbeiten, zu reflektieren und kreative Lösungen zu finden.
"Mind Wandering" und ADHS
Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass "Mind Wandering" der Grundzustand unseres Gehirns sein könnte und nicht die Konzentration. Dies würde bedeuten, dass Menschen mit ADHS, bei denen Zerstreutheit ein häufiges Symptom ist, in dieser Hinsicht nicht "unnormal" sind. Allerdings fällt es ihnen oft schwerer, ihre Gedanken zu steuern, da sie sich leichter von Reizen aus der Umgebung, plötzlichen Ideen und Gedankenblitzen ablenken lassen.
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Vorteile des "Mind Wandering"
Obwohl "Mind Wandering" oft als negativ angesehen wird, kann es auch eine Reihe von Vorteilen haben:
- Kreativität: Das Abschweifen der Gedanken kann uns helfen, neue Ideen zu entwickeln und kreative Lösungen für Probleme zu finden. Indem wir uns von der aktuellen Aufgabe lösen und unseren Geist frei wandern lassen, können wir auf neue Perspektiven und unkonventionelle Ansätze stoßen. Divergentes Denken, also offen zu sein für scheinbar abwegige, ungewöhnliche Lösungsansätze, ist eine Begabung!
- Problemlösung: Studien haben gezeigt, dass die Gehirnareale, die beim Tagträumen aktiv sind, auch für die Lösung konkreter Problemstellungen zuständig sind. "Mind Wandering" kann uns helfen, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und neue Lösungsansätze zu entwickeln.
- Planung und Zielsetzung: Das Tagträumen ermöglicht es uns, über unsere Ziele und Pläne nachzudenken und Strategien zu entwickeln, um diese zu erreichen. Indem wir uns die Zukunft vorstellen und verschiedene Szenarien durchspielen, können wir uns besser auf kommende Herausforderungen vorbereiten.
- Emotionale Verarbeitung: Tagträume handeln oft von emotionalen Szenarien, durch die Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Angst oder Scham verarbeitet werden. "Mind Wandering" kann uns helfen, unsere Emotionen zu regulieren und mit schwierigen Situationen umzugehen.
- Erhöhte Intelligenz und Empathie: Das Flanieren in gedanklichen Traumwelten zeugt von erhöhter Intelligenz, Kreativität und Empathie.
Risiken des "Mind Wandering"
Ein unkontrollierter Gedankenfluss kann jedoch auch negative Auswirkungen haben:
- Negative Gedanken und Gefühle: Da man sich beim Tagträumen von der Außenwelt ablöst und sich dem Inneren zuwendet, kann eine gedrückte Stimmung die Folge sein. Ein unkontrollierter Gedankenfluss kann in einem Karussell negativer Gedanken und Gefühle enden.
- Maladaptive Tagträume: Wenn Tagträume so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass Betroffene ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, wird in der Medizin von maladaptiven Tagträumen gesprochen, das auf eine psychische Krankheit hindeuten kann.
- Schnellschüsse: Bei Schnelldenkern besteht immer auch das Risiko von Schnellschüssen, die sich bei genauerer Betrachtung als wenig zielführend oder gar nicht umsetzbar erweisen. Vorschläge sollten deshalb noch einmal gründlich überprüft werden (siehe: divergentes Denken und konvergentes Denken).
Umgang mit "Mind Wandering"
Ein gewisser Grad an Zerstreuung und Ablenkbarkeit ist ganz normal. Es gibt jedoch Strategien, um den Umgang mit "Mind Wandering" zu verbessern und seine positiven Aspekte zu nutzen, während die negativen Auswirkungen minimiert werden:
- Akzeptanz: Seinen zerstreuten Geist akzeptieren. Die Gedanken schweifen zu lassen, ist der Grundzustand des Gehirns und daher völlig normal. Dies im Hinterkopf zu haben, ist schon mal entlastend.
- Achtsamkeit: Achtsamkeitstechniken, wie Meditation, können helfen, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und den Fokus auf die aktuelle Aufgabe zu richten. Durch regelmäßige Meditation verändert sich das Gehirn nachweislich. Auch für Kinder gibt es Meditationskurse, Bücher, MP3s und APPs mit geführten Mediationen und Fantasiereisen.
- Struktur: Dem Gehirn muss klar sein, dass eine Aufgabe extrem wichtig ist. Sozusagen überlebenswichtig! Dann lässt es sich nicht ablenken. Wenn das Ziel klar ist, schafft klare Strukturen. Erarbeitet Schritt- für Schrittpläne, wie das Ziel für dein Kind - oder dich selbst - zu erreichen ist.
- Pausen: Je länger dein Kind konzentriert arbeitet, desto stärker wird sein innerer Drang, mit den Gedanken abzuschweifen. Unsere Gehirne sind so programmiert - wir können nichts dagegen tun. Deshalb ist es klug, von Zeit zu Zeit dem Abschweifen nachzugeben. Legt regelmäßige Pausen ein und erlaube deinem Kind, in diesen Phasen gedanklich abzuschweifen.
- Ablenkungsarme Umgebung: Gerade Menschen mit ADHS lassen alle Reize ungefiltert an sich ran. Diese Reizoffenheit gehört ja zu den Grundsymptomen von ADHS. Deshalb achtet darauf, eine ablenkungsarme Umgebung zu schaffen, wo immer es möglich ist. Bei Aufgaben, die Fokus erfordern, sollen auf konzentrierte Phasen immer kleine Pausen folgen.
- Erinnerungshilfen: Erinnere dein Kind alle zwanzig bis dreißig Minuten daran, ob es noch bei der Sache ist. Ältere Kinder können automatische Erinnerungen auf dem Smartphone erstellen.
- Kaugummi kauen: Kein Scherz: Kaugummikauen macht schlau. Zu dem Schluss kamen Forscher der britischen Universität Northumbria. Grund: Kaugummikauen baut ebenfalls Stress ab. Unter psychischem Druck verspannen sich schnell Kiefer-, Gesichts- und Nackenmuskeln - Folge: Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen.
- Spaziergänge: Wer sich draußen bewegt, lernt nicht nur besser. Auch der Geist geht dabei auf Wanderschaft und findet schneller und bessere Lösungen.
Schnelles Denken
Schnelleres Denken kann viele Vorteile mit sich bringen. Manchmal ist es jedoch angebracht, zunächst ausführlich nachzudenken, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Ob Sie sich für oder gegen einen Jobwechsel entscheiden, sollten Sie nicht innerhalb von einer Sekunde wählen.
Geschichten und "Gehirne auf Wanderschaft"
Geschichten befeuern unser Vorstellungsvermögen. Die Neurowissenschaftlerin Ulrike Altmann hat mit ihrem Team beobachtet, dass im Gehirn das default network aktiv wurde, sobald ihre Testpersonen Geschichten lasen (nicht aber wenn sie Sachtexte studierten). Das default network übernimmt im Alltag immer dann das Zepter, wenn draußen gerade nichts unsere Aufmerksamkeit erfordert und wir uns Erinnerungen und Tagträumen hingeben können. Beim Schwelgen in Geschichten ist diese Wanderschaft des Geistes allerdings kein zielloses Schlendern, sondern wir werden in den Kosmos der Erzählung förmlich hineingesogen, die Außenwelt verblasst.
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