Der "Welt-Enzephalitis-Tag" am 22. Februar rückt das Krankheitsbild der Gehirnentzündung (Enzephalitis) in den Fokus. Diese Erkrankung ist gefährlich, weil ihre Symptome oft diffus sind und eine unbehandelte oder zu spät behandelte Enzephalitis lebensbedrohlich sein oder bleibende Gehirnschäden verursachen kann. Patienten werden oft zuerst als psychiatrisch auffällig erlebt und eingeschätzt - dadurch kann wertvolle Behandlungszeit verloren gehen.
Was ist eine Enzephalitis?
Als Enzephalitis bezeichnen Mediziner eine Entzündung des gesamten Gehirn-Gewebes oder Teilen davon. Tritt die Gehirnentzündung zusammen mit einer Entzündung der Hirnhaut auf (Meningitis), spricht man von einer Meningoenzephalitis.
Meist ist eine Infektion durch Viren die Ursache für die Enzephalitis. Häufig lösen Herpes-simplex-Viren die Erkrankung aus. Daneben können Autoimmunreaktionen eine Rolle in der Krankheitsentstehung spielen. Dabei handelt es sich um eine Fehlreaktion des Immunsystems, wodurch körpereigenes Gewebe angegriffen und geschädigt wird. Es handelt sich dann um eine Autoimmun-Enzephalitis.
Eine Enzephalitis kann zu Bewusstseinsstörungen, Verhaltens- und Wesensveränderungen führen. Zudem ist es möglich, dass einzelne Gehirnfunktionen ausfallen und epileptische Anfälle auftreten. Die Erkrankung kann mild verlaufen, aber auch lebensbedrohlich sein und mit schweren, langfristigen Folgeschäden einhergehen.
Ursachen einer Gehirnentzündung
Eine Enzephalitis kann durch Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten ausgelöst werden. Man spricht dann von einer infektiösen Enzephalitis. Daneben gibt es die autoimmune Enzephalitis, bei der das Immunsystem Antikörper bildet, die die Gehirnzellen angreifen und schädigen. Etwa 70 Prozent der Gehirnentzündungen werden durch Viren verursacht.
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Häufige Auslöser einer infektiösen Enzephalitis sind:
- Viren: Herpes-simplex-Viren, Enteroviren, Epstein-Barr-Viren, Cytomegalieviren, Varizella-Zoster-Viren, Parechoviren, Influenzaviren, Arboviren (z.B. FSME, West-Nil-Virus), Masern-, Mumps- und Rötelnviren, SARS-CoV-2-Virus (selten)
- Bakterien: Borrelien (bei Borreliose), Tuberkulose- und Syphilis-Bakterien
- Pilze und Parasiten: Bei Aids-Patienten oder frisch Organtransplantierten
Eine autoimmune Enzephalitis kann auch durch eine Krebserkrankung entstehen.
Autoimmune Enzephalitis im Detail
Eine autoimmune Enzephalitis wird durch eine fehlerhafte Antwort des Immunsystems ausgelöst. Das bedeutet, dass die körpereigene Abwehr beginnt, Antikörper gegen Anteile der eigenen Nervenzellen zu bilden - diese werden dann Autoantikörper genannt. Diese Art der Enzephalitis kann sich ganz unterschiedlich präsentieren, am häufigsten aber mit Wesensänderungen und epileptischen Anfällen. Es handelt sich um eine Gruppe von Enzephalitiserkrankungen, die durch eine fehlgeleitete Immunreaktion ausgelöst werden.
Die Ursache ist eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems. Es bilden sich Autoantikörper, die bestimmte Rezeptoren oder Ionenkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellen angreifen. In einigen Fällen entsteht die Autoimmunreaktion im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen. Auch Infektionen wie eine Herpesenzephalitis können die Autoantikörperbildung triggern.
Nicht jeder Mensch hat das gleiche Risiko, an Autoimmunenzephalitis zu erkranken. Es wird außerdem diskutiert, ob genetische Veranlagung und saisonale Faktoren (z. B. Infektwellen im Winter) eine Rolle spielen.
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Bleibt die Autoimmunenzephalitis unbehandelt, kann sie dauerhafte Schäden hinterlassen. In schweren Fällen - vor allem bei Beteiligung des vegetativen Nervensystems - kann es zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen.
Symptome einer Gehirnentzündung
Die Beschwerden bei einer Enzephalitis hängen von den Ursachen und dem Schweregrad der Erkrankung, von der betroffenen Gehirnregion sowie von der allgemeinen gesundheitlichen Verfassung ab.
Typische Symptome einer Enzephalitis sind:
- Verwirrtheit
- Kopfschmerzen
- Krampfanfälle
- Bewusstseinsstörungen
- Fieber
- Verhaltensänderungen
- Halluzinationen
- Denkstörungen (z.B. Konzentrationsprobleme, Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses)
- Neurologische Ausfälle (z.B. Lähmungen, Sprachstörungen)
- Grippeähnliche Symptome und Abgeschlagenheit
Je nachdem, welches Virus die Entzündung verursacht, können bestimmte Beschwerden auftreten:
- Herpes-simplex-Viren: Sprachstörungen wie Aphasie
- Arboviren: Bewegungsstörungen
- Enteroviren (Serotyp EV 71): Zittern, Muskelzuckungen, Bewegungsstörungen und Lähmungen
Bei Neugeborenen und Säuglingen sind die Symptome oft allgemeiner Natur: Sie trinken nicht gut, sind teilnahmslos und träge.
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Psychische Auswirkungen
Die Erkrankung kann traumatisch sein. Was die Patientinnen und Patienten bei dieser Erkrankung erleben, kann für sie und ihre Angehörigen traumatisch sein, insbesondere, wenn sie nicht gleich eine Diagnose und Therapie erhalten, sondern als primär psychiatrisch erkrankt eingestuft werden. Für Angehörige kann es schwierig sein, die Tragweite der Erkrankung in den ersten Ausprägungen einzuschätzen, weil die Symptome auch missgedeutet werden können - beispielsweise als starke Erkältung, die vielleicht nach dem Ausschlafen besser ist. Das kann aber mitunter zu spät sein, wenn es eine Enzephalitis ist.
Die Autoimmunerkrankung kann sich durch unterschiedlichste neurologische und psychiatrische Symptome äußern. Die Kommunikation zwischen den Nervenzellen ist gestört, die Hirnfunktion beeinträchtigt. Darum werden die Patientinnen und Patienten zunächst manchmal mit Epilepsie, Burnout oder Alzheimer fehldiagnostiziert.
Die Erkrankung verändert nicht nur das Gehirn, sondern auch das Verhalten. Für Angehörige sind die Wesensänderungen oft schwer zu verarbeiten. Offenheit gegenüber der Erkrankung und das Verständnis für ihre Folgen helfen allen Beteiligten.
Diagnose einer Gehirnentzündung
Einige Gehirnentzündungen werden durch Erreger verursacht, die man mit Medikamenten direkt bekämpfen kann. Deshalb ist es wichtig, den genauen Auslöser festzustellen.
Die Diagnose basiert auf verschiedenen Untersuchungen:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, Gesundheitszustand, Medikamente, Impfungen, kürzliche Reisen
- Körperliche Untersuchung: Suche nach Symptomen wie Hautausschläge, Lymphknotenschwellungen, Gedächtnis- und Sprachstörungen, Bewegungsstörungen
- Bildgebung: Computer- (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Entzündungen im Gehirn
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser (Liquor) zur Untersuchung auf Erreger, Antikörper oder Autoantikörper
- Blutprobe: Nachweis von Antikörpern gegen bestimmte Erreger oder Entzündungsmarker
- EEG (Elektroenzephalografie): Bei häufigen epileptischen Anfällen
Behandlung einer Gehirnentzündung
Die Behandlung einer Enzephalitis richtet sich nach der Ursache:
- Virusbedingte Enzephalitis: Oft keine spezielle Therapie, sondern symptomlindernde Maßnahmen. Ausnahme: Herpes-simplex-Enzephalitis, die mit Aciclovir behandelt wird. Auch bei Gehirnentzündungen durch Varizella-Zoster-Virus oder Cytomegalievirus kommen Aciclovir und ähnliche Wirkstoffe zum Einsatz.
- Bakterielle Enzephalitis: Antibiotika
- Autoimmune Enzephalitis: Hochdosierte Kortikosteroide, Blutwäsche (Plasmapherese), Immunsuppressiva
Krampfanfälle werden mit Medikamenten behandelt. Bei Verhaltensstörungen können ebenfalls vorübergehend Medikamente zum Einsatz kommen.
Ein früher Beginn der Immuntherapie ist entscheidend für eine gute Prognose. Innerhalb von 10 bis 14 Tagen sollte bei ausbleibender Besserung die Therapie angepasst werden.
Krankheitsverlauf und Prognose
Die Heilungsaussichten bei einer Gehirnentzündung hängen davon ab, wie schwer die Erkrankung ist, welcher Erreger sie verursacht hat und wie schnell die Therapie eingeleitet wird. Wichtig ist, Warnsignale wie plötzliches hohes Fieber mit Übelkeit, Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen ernst zu nehmen und umgehend im Krankenhaus abklären zu lassen.
Rechtzeitig erkannt und sofort behandelt, ist die Prognose einer infektiösen Enzephalitis in der Regel gut. Unbehandelt jedoch endet die Gehirnentzündung oft tödlich. Beispielsweise führt jene, die durch die aggressiven Herpes-Simplex-Viren ausgelöst wird, in bis zu 70 von 100 Fällen zum Tod. Mit den modernen Medikamenten und einer schnellen Therapie werden jedoch bis zu 80 von 100 Patienten wieder gesund.
Das Nervensystem kann generell nach jeder Hirnentzündung dauerhaft geschädigt bleiben. Wenn das Sprechen des Patienten gestört ist, hilft eventuell ein Logopäde. Kann der Patient seine Arme oder Beine nicht mehr bewegen, ist Krankengymnastik und Ergotherapie sinnvoll.
Bei einer zugrundeliegenden Autoimmunerkrankung ist die Prognose der Gehirnentzündung überwiegend gut.
Langzeitfolgen und Rehabilitation
Auch wenn die Therapie häufig gut anschlägt, kann sich die Genesung über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinziehen. Gedächtnisprobleme, Stimmungsschwankungen oder Krampfanfälle sind typische Anzeichen einer Autoimmunenzephalitis.
Viele Patienten leiden oft dauerhaft an den Folgen. Das sind meist schwer behandelbare Krampfanfälle, Störungen der Konzentration, des Verhaltens, des Gedächtnisses oder der Sprache.
Insbesondere wenn Sie zur Behandlung bei chronischen Beschwerden durch Enzephalitis und Meningitis bei uns sind, richtet sich Ihre Therapie nach einem ganzheitlichen medizinischen und psychosozialen Konzept. Das bedeutet: Wir behandeln nicht nur Ihre körperlichen Beschwerden. Unsere Ärzte, Therapeuten und Pflegemitarbeiter betrachten Sie als ganzen Menschen. Ihre Therapie berücksichtigt alles, was notwendig ist, damit Sie sich trotz Ihrer Erkrankung wieder möglichst selbstständig in Ihrem familiären und beruflichen Alltag zurechtfinden können. Wichtigstes Ziel der Reha ist es, Ihre Lebensqualität zu verbessern.
Ihre Rehabilitation bei entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems umfasst:
- Einstellung von geeigneten Medikamenten
- Schulungen zur Einnahme und Handhabung Ihrer Medikamente
- Therapien, die Beschwerden mildern und Sie dabei unterstützen, mit den Folgen der Erkrankung zurechtzukommen: v.a. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie
- Schulungen zur Gesundheitsvorsorge
- Psychologische Unterstützung, etwa bei der Krankheitsbewältigung (auch für Angehörige)
Prävention
Es stehen zahlreiche Impfstoffe zur Verfügung, die sich gegen mögliche Erreger von Gehirnentzündungen richten. Impfungen gegen bakterielle und virale Infektionen (z.B. gegen Haemophilus, Pneumokokken, Meningokokken, FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis), Windpocken, Masern und Tollwut) senken das Risiko für Enzephalitis und Meningitis.
Fallbeispiel aus dem Klinikum Saarbrücken Winterberg
Eine aktuelle (anonyme) Patientengeschichte aus der Klinik für Neurologie auf dem Winterberg zeigt sehr deutlich, wie diffus die Symptome sein können, wie sehr die Betroffenen belastet sind und dass die Symptomatik Laien manchmal auf eine falsche Fährte locken kann - ein Rückblick:
Für Simone Pfeifer (Name geändert) startete die Adventszeit 2022 mit einem hartnäckigen grippalen Infekt. Die Mittfünzigerin entwickelte Schwindelattacken, stürzte Anfang Dezember und zog sich dabei eine Kopfplatzwunde zu. Trotz ärztlich verordneter Bettruhe und Befreiung von der Arbeit verbesserte sich der Zustand auch in der Folgewoche nicht - der Hausarzt verlängerte den „Krankenschein“, was sie widerwillig akzeptierte - sie wollte unbedingt vor Weihnachten wieder an den Arbeitsplatz.
Es ging auf und ab - mal ging es besser, mal schlechter, mal waren die Gliederschmerzen und Kopfschmerzen kaum auszuhalten, mal fast weg. Auch die Blutuntersuchung, die der Hausarzt veranlasste: Keine Auffälligkeit, lediglich der Natriumwert war etwas gering. Die Patientin kann sich noch gut an das Telefonat mit ihrem Hausarzt am 22. Dezember, also kurz vor Weihnachten, erinnern. Sie hat gespürt, dass sie weiterforschen muss, um die Ursache der Symptome abzuklären, denn sie fühlte sich überhaupt nicht wohl. Es wurde immer schlechter, nie besser, und ihrer Tochter fiel plötzlich auf, dass ihre Mama wesensverändert war, sich komisch benahm.
„Da stimmt etwas nicht im Kopf, fahr sie ins Krankenhaus“, überzeugt sie den Vater der Familie, der sie sofort auf den Winterberg brachte. Den Weg vom Parkplatz zur Zentralen Notaufnahme des Klinikums Saarbrücken konnte die Betroffene zu diesem Zeitpunkt nur noch im Rollstuhl zurücklegen. Nach der neurologischen Erstuntersuchung wurde eine sogenannte Lumbalpunktion, eine Entnahme von Nervenwasser, durchgeführt. Diese ergab: „Virale Enzephalitis“. Eine Therapie wurde sofort eingeleitet, die mehrere Wochen dauerte und sie ans Krankenhaus band.
An die Zeit nach dem 22. Dezember kann sich die Erkrankte nur in Teilen erinnern, große Erinnerungslücken und Wortfindungsstörungen begleiten sie bis heute. Nach der Reha-Maßnahme wird sich zeigen, ob und wann sie wieder in ihren Beruf einsteigen kann.
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