Die Anwendungsmöglichkeiten der Neurofeedback-Therapie sind vielfältig, und auch im Bereich der Epilepsie gibt es vielversprechende Studien und Erkenntnisse. Neurofeedback ist eine Form des Biofeedbacks, das es ermöglicht, Kontrolle über physiologische Körperfunktionen zu erlangen, einschließlich der Hirnaktivitäten.
Grundlagen des Neurofeedbacks
Beim Neurofeedback-Training werden Gehirnwellen, die je nach Aktivität in unterschiedlichen Frequenzen schwingen, mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen. Obwohl das EEG meist ein Gemisch verschiedener Frequenzen erfasst, herrscht eine Frequenz vor. Bei bestimmten Erkrankungen verändern sich die Muster der Gehirnfrequenzen charakteristisch.
Zu Beginn des Neurofeedback-Trainings werden Elektroden auf der Kopfhaut und manchmal den Ohrläppchen des Patienten angebracht. Der Patient sieht auf einem Bildschirm eine Animation, die er ausschließlich mit seiner Hirnfunktion steuern soll, ohne Joystick oder Maus. Die Animation kann beispielsweise darin bestehen, eine Figur über ein Spielfeld zu navigieren oder eine Rakete in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Das EEG wird mithilfe einer Software analysiert, und die für das Training benötigten Frequenzen werden in ein optisches oder akustisches Signal umgesetzt. Wenn der Patient es schafft, die gewünschten Frequenzen zu verstärken oder zu reduzieren, bewegt sich die Figur oder die Rakete in die geforderte Richtung.
Neurofeedback bei Epilepsie: Reduktion der Anfallshäufigkeit
Die gezielte Aktivierung von Gehirnfrequenzen wurde vom Schlafforscher Professor Barry Sterman Ende der 1960er-Jahre entdeckt. Sterman und sein Team fanden eine bis dahin unbekannte Frequenz im EEG von wachen, aber völlig entspannten Katzen. Zur selben Zeit wurde im Labor die Substanz Monomethylhydrazin untersucht, die in Verdacht stand, epileptische Anfälle auszulösen.
Lesen Sie auch: Methoden des Gehirntrainings nach Schlaganfall im Vergleich
Angespornt durch seine Erfolge mit Katzen begann Sterman das Neurofeedback-Training bei Menschen mit Epilepsie einzusetzen. Inzwischen haben viele Studien gezeigt, dass das Training die Anfallshäufigkeit reduzieren kann. Der Epileptiker lernt, einen beginnenden Anfall zu erkennen, besser zu kontrollieren und eventuell ganz zu unterdrücken. Hilfreich ist dieses Verfahren vor allem für Patienten, bei denen Medikamente keine Wirkung zeigen.
Transkranielle Hirnstimulation als Alternative
Vielen Menschen mit Epilepsie kann eine Operation helfen. Aber wenn die Anfälle größere Bereiche des Gehirns betreffen, ist sie keine Option.
Durch die Hirnstimulation mit Strom werden Schlaganfallpatienten, die an Bewegungs- oder Sprachstörungen leiden, behandelt. Das menschliche Gehirn besteht aus vielen Milliarden Nervenzellen, die miteinander vernetzt sind. Die Übertragung von Informationen innerhalb dieses Netzes erfolgt über elektrische Impulse. Dieses Prinzip macht sich die transkranielle Hirnstimulation zunutze. Durch die Stimulation verändert sich die elektrische Ladung in der Hülle (Membran) der Nervenzellen. Forschungen haben gezeigt, dass das Gehirn bis ins hohe Alter in der Lage ist, sich zu verändern, anzupassen und Funktionen geschädigter Areale in anderen Bereichen zu übernehmen. Zwar lassen sich fehlende oder zerstörte Nerven und Nervenverbindungen nicht ersetzten, dafür sollen bestehende Verbindungen gestärkt werden. Gerade im Bereich der Therapie von Muskellähmungen - infolge von Schlaganfällen - versprechen sich die Wissenschaftler in der Kombination mit der herkömmlichen Physiotherapie gute Erfolge. Viele der Schlaganfallpatienten leiden an bleibenden Bewegungsstörungen oder Lähmungen. Im Vordergrund stehen hier oft Störungen der Handfunktion, die den Alltag nicht selten erheblich beeinflussen. Die motorischen Fähigkeiten müssen erst wieder erlernt werden. Ist das Sprachzentrum durch einen Schlaganfall oder einen Unfall so geschädigt, dass die klassische Logopädie keinen Vorteil mehr bringt, könnte eine transkranielle Hirnstimulation ein intensives Sprechtraining unterstützen. Dafür wird Gleichstrom durch Sprachareale geleitet, um eine Voraktivierung der Sprachnetze zu erreichen. So soll das Training besser funktionieren, Worte sollen besser und nachhaltiger gelernt werden können. Drei Wochen lang müssen die Patienten dafür mehrere Stunden vor dem Computer Worte finden, die sie anschließend in Alltagssituationen anwenden. Der Gleichstrom, der zwischen Anode und Kathode fließt, führt dazu, dass in den Sprachnetzwerken mehr aktivierende Botenstoffe ausgeschüttet werden. Die Behandlung ist schmerzfrei. Außer einem leichten Kribbeln auf der Kopfhaut spürt der Patient nichts von der Gleichstromstimulation. Auch gesundheitliche Risiken und Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten. Bei der Magnetstimulation wirken keine elektrischen Impulse auf die Gehirne der Patienten ein, sondern Magnetfelder. Dieses Verfahren kann zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit Depressionen eingesetzt werden. Bei der transkraniellen Magnetstimulation wird ein starkes Magnetfeld punktgenau auf einen bestimmten Nervenknoten ausgerichtet. Das Gehirn ist in Netzwerke aufgeteilt. Bestimmte Bereiche werden für bewusste Entscheidungen genutzt, andere sind für Gefühle zuständig oder fürs Nachdenken. Das Netzwerk, das unsere Aufmerksamkeit leitet, ist bei Menschen mit Depression häufig überaktiv, andere Bereiche dagegen scheinen blockiert. Ziel der Stimulation ist, die Netzwerke wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die transkranielle Magnetstimulation funktioniert bei Depression so gut, dass die Krankenkassen die Behandlung im stationären Bereich mittlerweile bezahlen.
Vorhersage von Anfällen durch EEG-Messung
Bei 15 Personen mit Temporallappenepilepsie, der häufigsten Epilepsieform im Kindes- und Erwachsenenalter, konnten Forschende Krampfanfälle mindestens 30 Minuten vor Beginn vorhersagen. Diese neuen Erkenntnisse könnten die Lebensqualität von Betroffenen zukünftig erheblich verbessern und neue Therapieansätze ermöglichen.
Durch eine kontinuierliche Messung der Hirnströme über Elektroden an bestimmten Punkten innerhalb des Gehirns (intrakranielle Elektroenzephalographie, EEG) ließen sich bei 15 Patienten mit Temporallappenepilepsie veränderte Gehirnaktivitäten feststellen, die einem epileptischen Anfall vorausgingen. Diese Vorboten zu erkennen ist eine wesentliche Voraussetzung, um rechtzeitig eingreifen zu können und die Gehirnaktivitäten wieder in die richtige Spur zu bringen. Bei 13 der 15 Teilnehmenden konnten die Anfälle mindestens 45 Minuten vorher festgestellt werden, bei den anderen beiden bis zu 35 Minuten vorher.
Lesen Sie auch: Aktuelle Studien zu Demenz
Prof. Dr. Sandipan Pati von der Abteilung für Neurologie der McGovern Medical School am Uniklinikum Houston sagte: „Die Möglichkeit, Anfälle vorherzusagen, ist ein großer Fortschritt auf dem Gebiet der Epilepsieforschung. Dies ist bedeutsam, da wir dadurch möglicherweise wirksamere Therapien für Epilepsie entwickeln können, die die Lebensqualität von Patienten, die an dieser Krankheit leiden, erheblich verbessern könnte.“
Weitere Anwendungsbereiche von Neurofeedback
Seit Ende der 1970er-Jahre wird Neurofeedback ebenfalls bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung erprobt. Viele Kinder empfinden das Training als attraktiv und machen gerne mit. Inzwischen konnten die positiven Effekte in vielen Studien gezeigt werden. Die Kinder können lernen, sich weniger impulsiv und hyperaktiv zu verhalten. So erleben die Kinder und damit auch ihre Eltern häufig, dass sich die schulischen Leistungen verbessern.
Auch bei zahlreichen anderen Erkrankungen kann das Neurofeedback-Training helfen, Symptome zu verbessern, etwa in der Rehabilitation von Patienten mit leichten Kopfverletzungen oder Schlaganfällen. Tinnitus-Patienten können lernen, ihre Aufmerksamkeit vom Tinnitus wegzulenken. Während und nach einer Alkohol- oder Drogenentzugstherapie kann das Neurofeedback-Training helfen, nicht rückfällig zu werden.
Auch Ängste und Depressionen lassen sich durch Neurofeedback-Trainings verbessern. Worauf dieser Effekt beruht, ist bisher nicht bekannt. Schlafstörungen sind ein weiterer Einsatzbereich. Beispielsweise konnten Wissenschaftler in einer österreichischen Studie zeigen, dass die Probanden lernten, die Zeit vom Löschen des Lichts bis zum Einschlafen zu verkürzen.
Infraslow-Frequenz Neurofeedback (ILF-Neurofeedback)
Eine spezielle Form des Neurofeedbacks ist das Infraslow-Frequenz Neurofeedback (ILF-Neurofeedback). Hierbei werden sehr langsame Hirnwellen trainiert.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
ILF-Neurofeedback: Aktuelle Studien und Anwendungsgebiete
ILF-Neurofeedback findet in der neuesten klinischen Anwendung bei verschiedenen Störungen Anwendung:
- Sucht: Eine Pilotstudie von Corominas-Roso et al. (2020) deutet auf Vorteile von EEG-Neurofeedback bei der Modulation von Impulsivität bei langfristig abstinenten Insassen mit Kokain- und Heroinabhängigkeit hin.
- ADHS: Studien von Ölçüoğlu et al. (2024) untersuchen die Auswirkungen von Neurofeedback-Training auf kognitive Fähigkeiten bei Kindern mit ADHS. Wührer & Kolbe (2024) geben eine Übersicht über klinisches ILF-Neurofeedback bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungsbildern.
- Altern und Demenz: Dobrushina et al. (2022) untersuchen, wie ILF-Neurofeedback die Konnektivität des Gehirns im Alter verbessern kann. Legarda et al. (2022) berichten über den Einsatz von Infralow-Frequenz-Neuromodulation zur Behandlung hartnäckiger Symptome der Parkinson-Krankheit.
- Angststörung: Wührer et al. (2025) untersuchen klinisches ILF-Neurofeedback bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungsbildern, einschließlich Angststörungen.
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Studien von Saleem & Habib (2024) untersuchen die Wirkung von ILF-Neurofeedback auf das EEG bei Kindern mit Autismus. Esmaeilzadeh Kanafgourabi et al. (2023) untersuchen die Auswirkungen von ILF-Neurofeedback auf die Hemmungskontrolle bei Jugendlichen mit Autismus. Rauter et al. (2022) präsentieren eine Fallstudie zur Wirksamkeit von ILF-Neurofeedback bei Autismus.
- Hirnverletzung und traumatische Hirnverletzung (TBI): Carlson et al. (2025) untersuchen die Auswirkungen von ILF-Neurofeedback auf postkonkussive Symptome. Annaheim et al. (2022) untersuchen Neurofeedback bei Patienten mit frontalen Hirnläsionen in einer randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudie.
- Chronische Erkrankungen: Borchert et al. (2023) beschreiben einen integrativen, transdisziplinären, ökotherapeutischen Behandlungsansatz zur Förderung der Ressourcenkapazität bei Menschen, die sich von chronischer Krankheit erholen.
- Depression: Grin-Yatsenko & Kropotov (2020) untersuchen die Wirkung von ILF-Neurofeedback auf den Funktionszustand des Gehirns bei gesunden und depressiven Personen. Tschiesner (2023) präsentiert eine Fallstudie zur ILF-Neurofeedback-Behandlung bei Dysthymie.
- Essstörung: Winkeler et al. (2022) untersuchen ILF-Neurofeedback bei Patienten mit chronischer Essstörung und komorbider posttraumatischer Belastungsstörung.
- Fibromyalgie, Multiple Sklerose, Gehirnerschütterung: Legarda et al. (2022) berichten über den Einsatz eines neuen Gehirnerschütterungsprotokolls mit Infralow-Frequenz-Neuromodulation zur Behandlung von Patienten mit persistierenden postkonkussiven Symptomen.
- Insomnia: Orakpo et al. (2022) präsentieren einen Fallbericht über die Verbesserung von zentralisierten Schmerzen mit komorbider Schlaflosigkeit durch virtuelle Realität Feedback bei Infralow-Frequenz. Moore (2022) untersucht ILF-Neurofeedback und Schlaflosigkeit als Modell der ZNS-Dysregulation.
- Migräne und Spannungskopfschmerzen: Arina et al. (2022) untersuchen ILF-Neurofeedback bei Spannungskopfschmerzen in einer Crossover-Sham-kontrollierten Studie. Legarda et al. (2022) berichten über die Behebung von hartnäckigen Kopfschmerzen durch Infralow-Frequenz-Neuromodulation.
- Peak Performance: Bakhtafrooz et al. (2025) untersuchen die Wirkung von ILF-Neurofeedback auf die Leistung beim Pistolenschießen und die Aufmerksamkeit bei semiprofessionellen Spielern.
- Anhaltender postural-perzeptiver Schwindel: Sasu (2022) präsentiert einen Fallbericht über ILF-Neurofeedback bei persistierendem postural-perzeptivem Schwindel.
- PTBS: Kirk & Dahl (2022) berichten über ILF-Neurofeedback-Training zur Trauma-Erholung. Spreyermann (2022) präsentiert einen Fallbericht über ILF-Neurofeedback bei PTBS aus der Perspektive eines Therapeuten.
- Refraktäre neurologische Störungen (Epilepsie, Zerebralparese): Schmidt & Laugesen (2023) präsentieren eine Fallstudie zum ILF-Neurofeedback-Training beim Dravet-Syndrom.
- Schizophrenie: Nestoros & Vallianatou (2022) berichten über die schnelle Besserung der Schizophrenie-Symptome durch ILF-Neurofeedback.
- Tinnitus: Güntensperger (2018) untersucht die Behandlung von chronischem Tinnitus.
Wichtige Hinweise zum Neurofeedback-Training
Auch wenn sich die Erfolge des Neurofeedback-Trainings vielversprechend anhören, so hat das Verfahren auch Nebenwirkungen. Diese wurden bisher in Studien nur selten miterfasst. Wenn, dann berichteten die Studienteilnehmer über Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Ermüdung, Verwirrtheit, Ängste sowie Tics und Anfälle.
Es ist wichtig, das Training individuell auf das EEG des Patienten abzustimmen. Deshalb sollten nur gut ausgebildete Therapeuten ein Neurofeedback-Training durchführen. Aus diesem Grund raten Experten auch von Geräten ab, die für den Einsatz zu Hause angeboten werden. Hier ist die Gefahr groß, dass das Training nicht den gewünschten Erfolg bringt oder sogar eine Verschlechterung bewirkt.
Obwohl die Anfänge des Neurofeedback-Trainings inzwischen mehr als 50 Jahre zurückliegen, sind die grundlegenden Mechanismen bis heute nicht wirklich verstanden. Wie Stermans Katzen aktiviert der Patient beim Neurofeedback die gewünschte Frequenz, weil er weiß, dass er dafür eine Belohnung erhält.
NeuroNation MED: Personalisiertes Gehirntraining auf Rezept
NeuroNation MED ist eine App, die Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei unterstützt, ihre Gehirnleistung zu verbessern. Die App ist kostenlos per Rezept erhältlich und vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft und zugelassen.
NeuroNation MED bietet personalisiertes Training, basierend auf kognitiven Trainingssitzungen aus einem Set personalisierter Übungen, Gesundheitsinformationen und Entspannungsanleitungen. Zudem bietet das Produkt eine Einzelauswahl aus 23 Übungen, unterteilt in vier übergeordnete kognitive Trainingsdomänen.
Die App bietet eine Übersicht der insgesamt 23 Übungen, kategorisiert in die Bereiche Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Schlussfolgerndes Denken und Geschwindigkeit. Hier bekommt man einen Überblick über die aktuelle Leistung im Vergleich zur Altersgruppe in jeder Übung.
tags: #gehirntraining #bei #epilepsie