Epilepsie und Onkologie: Eine komplexe Beziehung

Gehirntumoren und Epilepsie scheinen auf den ersten Blick unterschiedliche Erkrankungen zu sein. Dennoch können sie gemeinsam auftreten und stellen Betroffene und Ärzte vor Herausforderungen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Epilepsie und onkologischen Erkrankungen, insbesondere im Hinblick auf Gehirntumoren.

Epileptische Anfälle als Symptom von Gehirntumoren

Das Auftreten vereinzelter epileptischer Anfälle ist bei Gehirntumoren keine Seltenheit. Sie können sogar das erste Symptom sein, mit dem sich ein Tumor im Gehirn zeigt. In diesen Fällen sprechen Fachleute von einer "symptomatischen Epilepsie". Wiederholte epileptische Anfälle über einen längeren Zeitraum sind jedoch eher ungewöhnlich und weisen auf eine besondere Gruppe von Tumoren hin, die sogenannten Langzeitepilepsie-assoziierten Tumoren (LEA-Tumoren).

Fokale Epilepsie im Zusammenhang mit ZNS-Tumoren

Im Zusammenhang mit einer ZNS-Tumorerkrankung kann es sich um eine sogenannte fokale Epilepsie handeln, also um epileptische Anfälle, die auf eine bestimmte Hirnregion und immer auf eine Großhirnhälfte beschränkt sind. Bei rein fokalen Anfällen treten, je nach betroffenem Hirnbereich, verschiedene körperliche oder psychische Störungen auf. Aus fokalen können sich aber auch sogenannte große bzw. generalisierte Anfälle entwickeln, die sich über weite Hirnbereiche ausbreiten, immer beide Hirnhälften betreffen und mit einem Bewusstseinsverlust einhergehen.

Langzeitepilepsie-assoziierte Tumoren (LEA-Tumoren)

LEA-Tumoren stellen eine besondere Herausforderung dar, die in den Therapieplanungs- und Behandlungsphasen die gebündelten Kenntnisse eines interdisziplinären Epilepsie-Zentrums erfordert. Die Patienten benötigen eine besonders intensive klinische Betreuung.

Interdisziplinäre Strategie als Schlüssel zum Behandlungserfolg

Bei der Behandlung betroffener Patienten stehen Ärzte gleich vor mehreren Aufgaben. Neben der medikamentösen Kontrolle der Anfälle gilt es zu entscheiden, wann und in welchem Ausmaß die operative Entfernung des Tumors erfolgen soll. Die Operation hat die Entfernung der Tumormasse und gleichzeitig die Freiheit von Anfällen zum Ziel. Die nachfolgende Gewebeuntersuchung des Tumors ist dann ein wesentlicher Baustein für die Planung der postoperativen Therapiephase.

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Bei den herausgeschnittenen Tumoren handelt es sich oft um komplexe Gewächse, die sowohl aus Nerven- als auch glialen Stützzellen aufgebaut sind. Sie werden meist als Gangliogliome bezeichnet. Die LEA-Tumorbank des Instituts für Neuropathologie am Uniklinikum Bonn ist eine der größten Sammlungen dieser Tumoren weltweit und bietet eine einzigartige Voraussetzung, die Biologie dieser Erkrankungen zu untersuchen.

Herausforderungen bei Diagnose und Beurteilung des biologischen Verhaltens

Nicht nur die Diagnose ist oft schwierig, da das Erscheinungsbild stark variieren kann. Sehr wichtig ist die Beurteilung des biologischen Verhaltens. Zumeist verhalten diese Tumoren sich sehr gutartig, ungünstige Varianten müssen aber für die postoperative Therapie sicher herausgefiltert werden.

Molekulare Signatur des Tumors als Mittel der Prognose

Ziel aktueller Forschung ist es, Veränderungen auf Molekülebene zu entdecken, die verbesserte Auskunft über das Risiko einer möglichen Wiederkehr des Tumors und eine maßgeschneiderte Vorbeugung gegen das erneute Auftreten von Anfällen geben können.

Weitere Aspekte der Beziehung zwischen Epilepsie und Krebs

Neben Gehirntumoren gibt es weitere Verbindungen zwischen Epilepsie und Krebs, die in der Forschung untersucht werden.

MTOR-Signalweg und seine Rolle bei Epilepsie und Krebs

Das Signalprotein MTOR (Mechanistic Target of Rapamycin) ist ein Sensor für Nährstoffe wie Aminosäuren und Zucker. Wenn genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen, kurbelt MTOR den Stoffwechsel an und sorgt dafür, dass ausreichend Energie und Zellbausteine zur Verfügung stehen. Da MTOR ein zentraler Schalter für den Stoffwechsel ist, führen Fehler in seiner Aktivierung zu ernsten Krankheiten. Krebserkrankungen und Fehlentwicklungen des Nervensystems, die zu Verhaltensstörungen und Epilepsie führen, können die Folge sein, wenn MTOR fehlgeschaltet ist.

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Daher kontrolliert die Zelle die MTOR-Aktivität sehr genau, unter anderem mithilfe sogenannter Suppressoren. Der TSC-Komplex ist so ein Suppressor für MTOR. Wenn der TSC Komplex - beispielsweise durch Veränderungen in einer seiner Komponenten - nicht mehr am Lysosom bleibt, kann dies zu übermäßiger MTOR-Aktivität mit schweren gesundheitlichen Folgen führen.

G3BP-Proteine als Anker für den TSC-Komplex

Forschungen haben gezeigt, dass die G3BP-Proteine (engl. Ras GTPase-activating protein-binding protein) zusammen mit dem TSC-Komplex an Lysosomen sitzen. Dort bilden die G3BP-Proteine einen Anker, der dafür sorgt, dass der TSC-Komplex an die Lysosomen binden kann. Diese Ankerfunktion spielt in Brustkrebszellen eine entscheidende Rolle. Ist die Menge von G3BP-Proteinen in Zellkulturen vermindert, so führt dies nicht nur zu einer erhöhten MTOR-Aktivität, sondern steigert auch die Migration der Zellen. Wirkstoffe, die MTOR hemmen, verhindern diese Ausbreitung. In Brustkrebspatientinnen korreliert eine niedrige G3BP-Menge mit einer schlechteren Prognose.

Auch im Gehirn hemmen die G3BP-Proteine MTOR. Im Zebrafisch beobachteten die Forscher Störungen der Gehirnentwicklung, wenn G3BP fehlt. Dies führt zu neuronaler Hyperaktivität ähnlich wie bei Epilepsie im Menschen. Diese neuronalen Entladungen konnten durch Wirkstoffe, die MTOR hemmen, unterdrückt werden. Es besteht die Hoffnung, dass Patienten mit seltenen erblichen neurologischen Erkrankungen, bei denen Funktionsstörungen der G3BP-Proteine eine Rolle spielen, von Wirkstoffen gegen MTOR profitieren könnten.

Krebs als Todesursache bei Epilepsiepatienten

Studien haben gezeigt, dass Patienten mit Epilepsie eine geringere Lebenserwartung haben. Eine Langzeitstudie ergab, dass die Sterberate vor allem in den zwei Jahren nach dem ersten Anfall erhöht war. Dies lässt sich zum Teil damit begründen, dass eine tödliche Krebserkrankung (primärer Hirntumor, Hirnmetastasen) die epileptischen Anfälle auslöste. Insgesamt starben Patienten mit einer Krebsdiagnose dreifach häufiger im Beobachtungszeitraum als solche ohne Tumoren.

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen nach ZNS-Tumorerkrankung

In den Therapieprotokollen sind bis zu zehn Jahre nach Therapieende regelmäßige körperliche und neurologische Untersuchungen vorgesehen, besonders engmaschig in den ersten fünf Jahren, anschließend im Halbjahres- bis Jahresabstand, je nach Art des Hirntumors und der individuellen Situation des Patienten. Es ist wichtig, diese Kontrolluntersuchungen unbedingt wahrzunehmen, da sie dem Arzt ermöglichen, den Verlauf der Epilepsie und damit den Bedarf einer medikamentösen Behandlung zu überwachen. Die Einnahme bestimmter Medikamente, sogenannter Antiepileptika, vermindert das Risiko, dass die Krampfanfälle sich wiederholen.

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Fahreignung bei Epilepsie

Besitzt ein Betroffener bereits den Führerschein, wenn der erste epileptische Anfall auftritt, sollte ein Neurologe aufgesucht werden. Es muss zunächst geklärt werden, um was für eine Art Anfall es sich gehandelt hat, damit die Dauer der Fahrpause festgelegt werden kann. Wenn innerhalb der festgelegten Fahrpause Anfallsfreiheit bestanden hat, kann der Neurologe die Fahreignung bescheinigen.

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