Meningokokken-Standardimpfung in Deutschland: Aktuelle Empfehlungen und Schutzmaßnahmen

Invasive Meningokokken-Erkrankungen sind in Deutschland zwar selten, aber sie verlaufen oft schwer und können zu bleibenden Spätfolgen und Todesfällen führen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Standard-Impfempfehlungen zur Prävention invasiver Meningokokken-Erkrankungen aktualisiert. Diese Aktualisierung umfasst sowohl Änderungen in den Empfehlungen für Säuglinge und Kleinkinder als auch neue Empfehlungen für Jugendliche.

Was sind Meningokokken?

Meningokokken (Neisseria meningitidis) sind Bakterien, die ausschließlich beim Menschen vorkommen. Sie besiedeln häufig den Nasen-Rachen-Raum, ohne Beschwerden zu verursachen. Etwa 5-10 % der Bevölkerung tragen die Erreger vorübergehend, ohne es zu wissen. Es existieren verschiedene Untergruppen (Serogruppen). In Europa sind vor allem die Typen B, C, W, Y und zunehmend A relevant. Die meisten Erkrankungen werden durch Erreger der Serogruppe B (ca. 60 %) verursacht, seltener durch C. Sogenannte gramnegative Bakterien sind aufgrund ihrer Zellwandstruktur häufig resistenter gegen Antibiotika, da ihre äußere Membran den Wirkstoff schlechter durchlässt.

Wie erfolgt die Ansteckung mit Meningokokken?

Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion, also über Speicheltröpfchen beim Husten, Niesen, Küssen oder engem Kontakt. Da Meningokokken außerhalb des Körpers nur kurz überleben, ist enge und direkte Nähe nötig, um sich anzustecken.

Besonders gefährdet sind:

  • Kleinkinder (unter 5 Jahren)
  • Jugendliche und junge Erwachsene (z. B. in Schulen, Wohngemeinschaften)
  • Menschen mit geschwächtem Immunsystem
  • Reisende in bestimmte Länder (z. B. in den sogenannten „Meningitisgürtel“ in Afrika)

Krankheitsbild und Verlauf einer Meningokokken-Infektion

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind Erkrankungen durch Meningokokken zwar selten - die bundesweite jährliche Inzidenz liegt bei unter 0,4 Fällen pro 100.000 Einwohner -, doch können sie schwerwiegende Folgen haben. Dringen die Bakterien in den Blutkreislauf oder das zentrale Nervensystem ein, können sie gefährliche Erkrankungen auslösen:

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  • Meningitis (Hirnhautentzündung): Die Erreger befallen die schützenden Häute des Gehirns und Rückenmarks. Symptome: Fieber, Kopfschmerzen, Nackensteife, Lichtscheu, Übelkeit, Bewusstseinsstörungen.
  • Sepsis (Blutvergiftung): Die Bakterien vermehren sich im Blut und schädigen Gefäße und Organe. Symptome: hohes Fieber, Schüttelfrost, Blutdruckabfall, punktförmige Hautblutungen (Petechien), Schockzustand.

Beide Verlaufsformen können einzeln oder kombiniert auftreten und sind medizinische Notfälle, die sofortige Behandlung erfordern. Die Sterblichkeitsrate liegt in Deutschland bei 5-10 %, bei einer Sepsis mit Schock zwischen 13 % und 33 %. Ein Teil der Betroffenen leidet auch nach Abklingen der Erkrankung an Folgeschäden wie Hörverlust, Lähmungen oder Lernschwierigkeiten.

Warnsignale und Symptome

Typische frühe Anzeichen sind plötzlich auftretende Beschwerden wie hohes Fieber, Schüttelfrost und starke Kopfschmerzen. Diese Symptome können sich innerhalb weniger Stunden massiv verschlimmern. Bei einer Meningitis treten zusätzlich Nackensteifigkeit, Lichtscheu und Bewusstseinsstörungen auf. Bei Säuglingen und Kleinkindern können die Symptome unspezifisch sein: Reizbarkeit, Trinkschwäche, apathisches Verhalten oder schrilles Schreien.

Je schneller die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Im Krankenhaus erfolgt die sofortige Gabe von Antibiotika und bei Bedarf eine intensivmedizinische Behandlung.

Die aktualisierten STIKO-Empfehlungen im Detail

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat nun ihre Impfempfehlung zum Schutz vor dem Erreger angepasst. Demnach sollen sich künftig Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren gegen Meningokokken impfen lassen. Für Kleinkinder wurde hingegen die bisherige Teilimpfung gegen die Serogruppe C gestrichen.

Impfung für Jugendliche (12-14 Jahre)

Ab sofort empfiehlt die STIKO allen Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren eine Impfung gegen Meningokokken der Serogruppen A, C, W und Y (MenACWY) mit einer Dosis eines quadrivalenten Konjugatimpfstoffs. Nachholimpfungen sollen bis zum 25. Lebensjahr möglich sein. Epidemiologische Daten zeigen, dass Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren - neben Säuglingen - das höchste Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen dieser Serogruppen aufweisen. Durch eine Impfung vor dem Erreichen dieser Altersphase wird ein Immunschutz aufgebaut, bevor das Erkrankungsrisiko ansteigt.

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Mathematische Modellierungen verschiedener Impfstrategien zeigen, dass die Krankheitslast invasiver Erkrankungen der Serogruppen A, C, W und Y in Deutschland durch die Impfung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren am effizientesten reduziert werden kann. Durch die Impfung wird darüber hinaus die Meningokokken-Besiedlung verringert. Da Jugendliche am häufigsten asymptomatische Träger sind (d.h. Aus Sicht der STIKO bietet die Jugendgesundheitsuntersuchung (J1) im Alter von 12 bis 14 Jahren eine gute Gelegenheit, die MenACWY-Impfung durchzuführen.

Wegfall der MenC-Standardimpfung für Kleinkinder

Mit der Einführung der MenACWY-Impfung entfällt die bisherige Standardimpfung gegen Meningokokken C (MenC) im Kleinkindalter. Die Zahl invasiver Erkrankungen durch Serogruppe C ist in den letzten Jahren in Deutschland kontinuierlich gesunken. Aktuell werden invasive Meningokokken-Erkrankungen durch MenC nur noch in Einzelfällen beobachtet, sodass der Nutzen einer Impfung im Kleinkindalter nach dem vollendeten ersten Lebensjahr als sehr gering eingeschätzt wird. Mit dem Entfall der MenC-Impfung im zweiten Lebensjahr wird der Impfkalender entlastet.

Beibehaltung der MenB-Impfung für Säuglinge

Die Impfempfehlung der STIKO für die Meningokokken-B-Impfung bei Säuglingen bleibt bestehen. Die Meningokokken-Gruppe B ist in Deutschland für etwa 60 % aller invasiven Meningokokken-Erkrankungen verantwortlich. Besonders betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder im ersten Lebensjahr. Die Impfung gegen Meningokokken B wird allen Säuglingen ab dem Alter von zwei Monaten empfohlen. Die Impfserie soll möglichst frühzeitig begonnen werden und im Alter von 2, 4 und 12 Monaten verabreicht werden. Versäumte Impfungen sollen so bald wie möglich und spätestens bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden. Im Alter von 12 bis 23 Monaten besteht die Impfserie aus 2 Impfstoffdosen in einem Mindestabstand von 2 Monaten und einer 3. Impfstoffdosis 12 bis 23 Monate nach der 2. Impfung. Personen ab dem Alter von 2 Jahren erhalten nur 2 Impfstoffdosen in einem Mindestabstand von 1 Monat.

Kostenübernahme durch die Krankenkassen

Die aktuelle STIKO-Empfehlung ist - Stand 2025 - noch nicht in allen Fällen automatisch eine allgemeine Kassenleistung. Viele gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten auf Anfrage bereits ganz oder teilweise. Eine bundesweit einheitliche Regelung zur Kostenübernahme wird derzeit vorbereitet.

Verfügbare Impfstoffe gegen Meningokokken

Für die Serogruppe B und C sind in Deutschland jeweils monovalente Impfstoffe (Einzelimpfstoffe) zugelassen sowie quadrivalente Impfstoffe (Vierfachimpfstoffe) gegen die 4 Serogruppen A, C, W, und Y (MenACWY).

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Impfstoffe gegen Serogruppe B:

  • Bexsero: Zugelassen ab zwei Monaten. Standardimpfung gemäß STIKO für alle Säuglinge.
  • Trumenba: Zugelassen ab zehn Jahren. Empfohlen für Personen mit erhöhtem Risiko.

Impfstoffe gegen Serogruppe C (Monokomponenten-Impfstoffe):

  • MENJUGATE: Zugelassen ab zwei Monaten, in Deutschland ab zwölf Monaten standardmäßig empfohlen.
  • NeisVac-C: Zugelassen ab zwei Monaten, in Deutschland ab zwölf Monaten standardmäßig empfohlen.

Impfstoffe gegen Serogruppen A, C, W, Y (Konjugat-Impfstoffe):

  • Menveo: Zugelassen ab zwei Jahren (teilweise ab elf Jahren für bestimmte Altersanpassungen).
  • Nimenrix: Zugelassen ab sechs Wochen in der EU, in Deutschland ab sechs Monaten eingesetzt.
  • MenQuadfi: Zugelassen ab zwölf Monaten.

Alle in Deutschland zugelassenen Meningokokkenimpfstoffe sind für die intramuskuläre Anwendung vorgesehen.

Impfschemata und Immunogenität

MenB:

  • Grundimmunisierung: 2+1-Schema bei Säuglingen
  • Nachholimpfungen bis zum vollendeten 5. Lebensjahr empfohlen (zwei Dosen ≥ 2 Monate Abstand)
  • Studien zeigen robuste bakterizide Antikörperantworten mit hohen Seropositivitätsraten (> 90 % für mehrere Antigene)

MenC:

  • Einmalige Dosis ab zwölf Monaten gemäß STIKO-Standardimpfkalender
  • Nachholimpfungen bei älteren Kindern ohne dokumentierte MenC-Impfung möglich
  • Konjugatimpfstoffe induzieren eine T-Zell-abhängige Immunantwort

MenACWY:

  • Einzeldosis oder altersgerechte Schemata gemäß Fachinformation
  • Evidenzbasierte Schutzwirkung gegen invasive Erkrankungen der Serogruppen A, C, W und Y
  • Geeignet für Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene mit Risikoprofil

Mögliche Impfreaktionen und Nebenwirkungen

Die Impfung ist in der Regel gut verträglich. Wie bei jeder Impfung können jedoch Nebenwirkungen auftreten, die je nach verwendetem Impfstoff etwas verschieden und unterschiedlich häufig sind. Durch die Anregung der körpereigenen Abwehr können für kurze Zeit vorübergehende Impfreaktionen auftreten, die in der Regel nach wenigen Tagen ohne Folgen wieder abklingen.

Proteinbasierte Impfstoffe gegen Serogruppe B:

In klinischen Studien traten bei Säuglingen und Kleinkindern sehr häufig lokale Reaktionen wie Druckschmerzen, Erytheme, Schwellung und Verhärtung an der Injektionsstelle auf. Systemische Nebenwirkungen umfassten sehr häufig Fieber ab 38 °C, Reizbarkeit, Schläfrigkeit, ungewöhnliches Weinen sowie gastrointestinale Symptome wie Diarrhö und Erbrechen. Bei gleichzeitiger Verabreichung mit Routineimpfstoffen wurde eine höhere Fieberrate beobachtet, die sich jedoch durch prophylaktische Gabe von Paracetamol verringern ließ.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen wurden Schmerzen an der Injektionsstelle, Unwohlsein, Kopfschmerzen, Myalgie und Arthralgie als sehr häufige unerwünschte Wirkungen dokumentiert.

Monokomponentenimpfstoffe gegen Serogruppe C:

Auch diese zeigen in klinischen Studien ein gutes Verträglichkeitsprofil. Sehr häufig treten lokale Reaktionen an der Injektionsstelle wie Schmerzen, Rötung und Schwellung auf. Häufig werden Fieber, Reizbarkeit und Appetitlosigkeit beobachtet.

ACWY-Impfstoffe:

In klinischen Studien wurden bei Kindern zwischen zwei und zehn Jahren sehr häufig lokale Reaktionen wie Schmerzen, Erythem und Verhärtung an der Injektionsstelle sowie Reizbarkeit und allgemeines Unwohlsein beobachtet. Systemische Nebenwirkungen umfassten sehr häufig Kopfschmerzen und Schläfrigkeit sowie häufig gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Fieber ab 38 °C und Schüttelfrost traten häufig auf, hielten gewöhnlich ein bis zwei Tage an und waren nicht schwerwiegend.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen waren Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Myalgie, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein sehr häufig. Arthralgie, Hautausschlag, Fieber und Schüttelfrost wurden häufig dokumentiert.

Kontraindikationen

Für alle in Deutschland zugelassenen Meningokokkenimpfstoffe gelten einheitlich folgende Kontraindikationen:

  • Bekannte Überempfindlichkeit gegen einen Bestandteil des Impfstoffs
  • Vorliegen einer akuten schweren, fieberhaften Erkrankung, bei der die Impfung verschoben werden sollte

Fazit

Meningokokken sind selten, aber äußerst gefährlich. Eine Infektion kann innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden. Der beste Schutz bleibt die Impfung, vor allem für besonders gefährdete Altersgruppen. Da neuere Daten eine Verschiebung des Infektionsgeschehens zeigen, hat die STIKO ihre Impfempfehlungen nun entsprechend angepasst. Die aktualisierten Empfehlungen zielen darauf ab, den Schutz vor invasiven Meningokokken-Erkrankungen in Deutschland weiter zu verbessern. Es ist wichtig, die Impfempfehlungen der STIKO zu beachten und sich von einem Arzt beraten zu lassen, um den bestmöglichen Schutz zu gewährleisten.

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