Geist und Gehirn: Die Rolle der Selbstkontrolle in der Forschung

Das Zusammenspiel von Geist und Gehirn ist ein komplexes Thema, das seit Jahrhunderten Wissenschaftler und Forscher beschäftigt. Wie genau sind diese beiden Faktoren verbunden und wie wirken sie aufeinander? Fragen wie diese müssen weiterhin gestellt werden, um ein umfassendes Verständnis für diese Thematik zu erlangen. Die Forschung zur Selbstkontrolle im Kontext von Geist und Gehirn bietet faszinierende Einblicke in die neuronalen Grundlagen menschlichen Verhaltens.

Selbstkontrolle und neuronale Prozesse: Eine neue Perspektive

Warum scheinen manche Menschen weniger Schwierigkeiten mit der Selbstbeherrschung zu haben als andere? Eine neue Studie führt dies auf Unterschiede bei den neuronalen Prozessen im Gehirn zurück. Personen mit einem „ruhigeren Geist“, bei denen sich bestimmte Zustände im Gehirn weniger schnell abwechseln als bei anderen, haben demnach weniger mit ablenkenden Gedanken zu kämpfen und können sich besser selbst kontrollieren. Selbstkontrolle beschreibt die Fähigkeit, unangemessene Impulse zu unterdrücken. Mehrere Studien legen nahe, dass Menschen mit hoher Selbstkontrolle durchschnittlich erfolgreicher, glücklicher und gesünder sind. Ihnen fällt es leichter, sich auf langfristige Ziele zu konzentrieren und kurzfristigen Versuchungen zu widerstehen - beispielsweise, sich nicht von einer Aufgabe ablenken zu lassen und auf den verlockenden Snack zwischendurch zu verzichten.

Eine aktuelle Forschungsarbeit von Dr. Tobias Kleinert, Prof. Dr. Markus Heinrichs und Dr. Bastian Schiller vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg, gemeinsam mit Prof. Dr. Kyle Nash und Dr. Josh Leota von der University of Alberta/Kanada und Prof. Dr. Thomas König vom Universitätsspital Bern/Schweiz, hat gezeigt, dass Menschen mit einem „ruhigeren Geist“ - deren neuronale Prozesse im Schnitt länger dauern und weniger hin und her wechseln - eine höhere Selbstkontrolle besitzen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden im Fachjournal Psychological Science veröffentlicht.

Die Verbindung zwischen Gehirnaktivität und Selbstkontrolle

Die Freiburger Forscher registrierten im Labor bei über 50 Versuchspersonen deren elektrische Gehirnaktivität während sich die Personen im entspannten Wachzustand befanden. Zudem erfassten die Wissenschaftler auf unterschiedlichen Wegen die Selbstkontrollfähigkeiten der Teilnehmenden: im Selbstbericht, in Verhaltensaufgaben und anhand der Gehirnaktivität während sie diese Aufgaben ausführten. Die Ergebnisse aus der an der Universität Freiburg durchgeführten Studie konnten in einer zweiten, an der Universität Alberta/Kanada durchgeführten Kooperationsstudie mit mehr als 100 Proband*innen bestätigt werden.

Die Studie untersuchte, welchen Einfluss sogenannte Mikrozustände, die in Hirnstrommessungen sichtbar werden, auf die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung haben. „Mikrozustände entstehen durch die gleichzeitige Aktivierung spezifischer neuronaler Verbände“, erklären die Forscher. Wenn wir unsere Gedanken frei schweifen lassen, bleiben die Mikrozustände in unserem Gehirn etwa 40 bis 120 Millisekunden stabil, bevor sie einem neuen Aktivierungsmuster weichen. Schon früher hat sich gezeigt, dass es deutliche individuelle Unterschiede darin gibt, wie schnell die Mikrozustände wechseln. Kleinert und seine Kollegen haben nun analysiert, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen diesen individuellen Unterschieden im Gehirn und der selbstberichteten Fähigkeit zu Selbstkontrolle gibt.

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Das Ergebnis: Bei Personen, die dem Fragebogen zufolge eine hohe Selbstbeherrschung aufwiesen, wechselten die Mikrozustände des Gehirns seltener als Personen mit selbst angegebener niedrigerer Selbstbeherrschung. „Wir haben gezeigt, dass selbstkontrollierte Personen weniger, aber länger andauernde mentale Verarbeitungsschritte zeigen“, so die Forscher. Um die Befunde zu validieren, führte ein kooperierendes Forschungsteam von der University of Alberta in Kanada die gleichen Versuche mit 101 kanadischen Probanden durch - mit dem gleichen Resultat. Neben dem Fragebogen zur Selbsteinschätzung führte das kanadische Team mit den Probanden zusätzlich einen Test zu risikofreudigem Verhalten durch. Risikofreude gilt als ein Hinweis von Impulsivität, dem Gegenteil von Selbstkontrolle.

Implikationen für das Verständnis von Selbstkontrolle

„Es ist erstaunlich, dass wir dies- und jenseits des Atlantiks einen robusten Zusammenhang zwischen aufgabenunabhängiger neuronaler Verarbeitung und Selbstkontrollfähigkeiten nachweisen können“, sagt Kleinert. Schiller betont: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Menschen mit höherer Selbstkontrolle über einen ruhigeren Geist verfügen, der per se weniger ablenkende Impulse erzeugt.“

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass individuelle Unterschiede in der Selbstkontrolle auf unterschiedliche Organisationsformen des Gehirns zurückzuführen sein könnten. Die Stabilität der neuronalen Prozesse scheint eine wichtige Rolle zu spielen: Je stabiler und weniger wechselhaft diese Prozesse sind, desto besser können Menschen ihre Impulse kontrollieren und langfristige Ziele verfolgen.

Die Rolle der Hirnforschung in der Aufklärung des Geistes

Der Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer erforscht unter anderem, wie das Gehirn die sogenannten Entscheidungen aus dem Bauch steuert. Er betont die Bedeutung der Hirnforschung für die Selbsterkenntnis und die Lösung gesellschaftlicher Probleme.

Spitzer sieht die Hirnforschung als einen Weg, um zu verstehen, wie Menschen zusammenleben, wie Bildung betrieben wird und wie man gesund wird und bleibt. Er glaubt, dass die Erkenntnisse der Hirnforschung uns helfen können, uns selbst besser zu verstehen und bessere Entscheidungen zu treffen.

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Anwendungen der Hirnforschung in Bildung und Pädagogik

Spitzer sieht ein großes Potenzial für die Anwendung der Hirnforschung in der Bildung. Er glaubt, dass ein besseres Verständnis davon, wie das Gehirn lernt, zu besseren Bildungsinstitutionen und einer effektiveren Pädagogik führen kann.

Er schlägt vor, den Lernenden dort abzuholen, wo er ist, nämlich bei dem, was er erst mal wissen will. Untersuchungen zur Neugier haben ganz klar gezeigt, je neugieriger ich bin, desto besser bleibt der Inhalt hängen, den ich zur Kenntnis nehme, deutlich besser, das sind Rieseneffekte. Zweitens wissen wir, dass das Gehirn dann besser lernt, wenn auch Bewegung stattfindet. Lateinvokabeln werden, wenn sie sich dabei heftig bewegen, um ein Vielfaches besser gelernt, bleiben besser hängen - solche Studien haben wir selber gemacht -, als wenn Sie einfach nur sitzen. Wir wissen, dass Nervenzellen nachwachsen, wenn Sie sich entsprechend zwei, drei Mal die Woche gut bewegen, eine halbe Stunde joggen oder Radfahren oder irgendwas tun. Wir wissen, dass Lernen ganz eng mit positiven Emotionen verknüpft ist. Was wir früher als Glückssystem, Suchtsystem oder Belohnungssystem bezeichnet haben, ist eigentlich - und das wissen wir erst seit fünf Jahren - unser Lernturbo. Wir wissen auch, wir haben einen zweiten Lernturbo, nämlich unser Angstsystem, der funktioniert auch. Wir wissen aber dummerweise, dass wenn wir mit Angst Dinge lernen, dass sie dann hinterher nicht mehr für kreatives Problemlösen sinnvoll anzuwenden sind. Und Angst geht nicht nur mit Prügel, sondern geht auch mit Ironie, Sarkasmus und Zynismus - und das wiederum haben wir in unseren Klassen rauf und runter. Ich glaube also, es gibt eine ganze Menge Dinge, die man hier wirklich aus Sicht der Gehirnforschung anpacken kann.

Weitere Forschungsbereiche im Kontext von Geist und Gehirn

Neben der Selbstkontrolle gibt es noch viele andere Forschungsbereiche, die sich mit dem Zusammenspiel von Geist und Gehirn beschäftigen. Dazu gehören unter anderem:

  • Altruismus: Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Altruismus mit einer bestimmten Hirnregion, dem temporoparietalen Übergang, verbunden ist. Diese Region beeinflusst das selbstlose Verhalten und spielt eine Rolle bei Entscheidungsprozessen.
  • Empathie: Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen, ist eng mit bestimmten Hirnregionen verbunden.
  • Stress und Entspannung: Forscher betonen die Bedeutung von Entspannung, Bewegung und gesunder Ernährung als Mittel gegen Stress und Überlastung, insbesondere bei Studenten.
  • Heilung emotionaler Wunden: Achtsames Umgehen mit emotionalen Wunden und Mitgefühl für sich selbst können helfen, diese bewusst loszulassen.

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