Einführung
Der Glaube an Geister und Spukphänomene ist weit verbreitet. Nahezu jeder zweite Brite glaubt an die Existenz von Geistern. Doch was steckt wirklich hinter diesen unheimlichen Erscheinungen? Sind es tatsächlich körperlose Mitbewohner, oder gibt es rationale Erklärungen für das, was Menschen als Spuk erleben? Die moderne Wissenschaft betrachtet solche Phänomene mit Argwohn und versucht, sie aufzuklären. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen von Geistererscheinungen und Spuk im Gehirn, von psychologischen Faktoren bis hin zu physikalischen Einflüssen.
Die Faszination des Unerklärlichen
Kaum etwas regt die menschliche Fantasie mehr an als Grusel und Grauen in finsteren Gemäuern. Viele Menschen sind „wundersüchtig“, wie der Freiburger Geisterforscher Walter von Lucadou feststellt. Die Lust am Unbehagen macht sich beispielsweise der Glasgower Informatikexperte Jonathan Sykes zunutze, indem er die „South Bridge Vaults“ im Computer simuliert und untersucht, ob Licht und Luft auch in einer virtuellen Welt ihre gespenstische Wirkung entfalten. Videospiele mit Gruseleffekt sind sein Ziel. Erste Tests beim virtuellen Rundgang mit der 3D-Brille stimmen den Universitätsdozenten zuversichtlich: Allein schon Form und Größe der binären Gewölbegänge beeinflussen die Wahrnehmung - hohe und breite Räume beflügeln die Fantasie. Ähnlich wie Wisemans Touristen fühlten sich die Besucher der Computerkammern von Geistern umringt. Einige glaubten, gespenstische Stimmen zu hören. Das Verblüffende: Der Gang durch die virtuellen Gemäuer ist noch haarsträubender als der Besuch der realen Geistergruft: In der Glasgower Gegenwelt bekamen etwa 60 Prozent der Probanden eine Gänsehaut, in den echten Brückengewölben waren es nur etwas mehr als 40 Prozent.
Wissenschaftliche Geisterjagd: Auf der Suche nach realen Ursachen
Der britische Psychologie-Professor Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire hat den Geistern den Kampf angesagt - bewaffnet mit Lichtsensoren, Temperaturscannern und Magnetfeldmessern. Einer seiner Kampfplätze war der „Hampton Court Palace“ südwestlich von London - seit Jahrhunderten als Spukschloss gerühmt. Ursache der royalen Unruhestiftung: Catherine Howard, die fünfte Gemahlin Heinrichs VIII. Des Ehebruchs bezichtigt, landete die 20-Jährige 1542 auf dem Schafott. Auch in den „South Bridge Vaults“ im schottischen Edinburgh, gewissermaßen eine Neugründung unter den Spukstätten der Insel, setzte Wiseman seine Geister-Detektoren ein. Die in den Brückenbögen eingebauten Kammern und Gänge sind seit 1996 für Touristen zugänglich. Die treffen darin hin und wieder auf „Mr.
Wiseman ist überzeugt: „Alles Humbug“. Er vermutet hinter verwunschenen Prinzessinnen und frechen Kobolden höchst reale Ursachen. Für seine Spurensuche setzte der Psychologe Touristen als Geisterjäger ein. Sie sollten bei ihrem Rundgang durch die Spukgalerie und die Brückengewölbe „ungeheure Stellen“ auf einem Lageplan markieren. Tatsächlich hatte fast jeder Zweite Unheimliches zu berichten. Und, noch beunruhigender: Unabhängig von ihrem gespenstischen Vorwissen deklarierten die Geister-Fahnder vorwiegend dieselben Stellen als spukverdächtig. In bestimmten Ecken der „Haunted Gallery“ fühlten einige Besucher eine kalte Hand, die sie im Genick packte. Andere spürten „ seltsame Kräfte“. Manch einer wurde vor lauter Anspannung fast ohnmächtig. In den „South Bridge Vaults“ entpuppten sich fünf Gewölbegänge als besonders gruselig: Einige Touristen fühlten sich auf Schritt und Tritt beobachtet.
Physikalische Faktoren
Wisemans physikalische Messungen brachten kühle Fakten zutage:
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- Die kalte Hand: Ein kalter Lufthauch, verursacht durch versteckte Türen und undichte Fenster.
- Die flüchtigen Visionen: Ein Streich schummrigen Lichts: Wenn es draußen dunkel wird, steigt drinnen das Unbehagen.
- Zittrige Knie und „gefühlte Geisterpräsenz“: Minimale Schwankungen elektromagnetischer Felder.
Diese elektromagnetischen Felder sind kaum stärker als die Strahlung eines Fernsehers, doch Wiseman verweist auf den kanadischen Hirnforscher Michael Persinger, der seit einigen Jahren die Auswirkung elektromagnetischer Strahlung auf den menschlichen Organismus untersucht.
Elektromagnetische Felder und Halluzinationen
Als Geistermacher dient Persinger dabei ein mit Magnetspulen bestückter Motorradhelm, der schwache elektromagnetische Signale ans Gehirn sendet. Dadurch werden, so Persinger, die Temporallappen - die von der Schläfenregion bis zum Ohr reichen - stimuliert. Die Folgen waren bei manchen Probanden Halluzinationen. Je nach Art der erzeugten Magnetfelder will Persinger bestimmte Emotionen hervorrufen können: „Wenn die Signale auf die linke Gehirnhälfte wirken, hören die Versuchspersonen Stimmen. Der genaue Reaktionsablauf ist nach wie vor unklar. Und dass elektromagnetische Felder in einem Raum ebenso folgenreich sind wie die Stimulation der Temporallappen, muss noch bewiesen werden.
Infraschall als Geistermacher
Ein Gespenst im Forschungslabor führte Vic Tandy von der Coventry University auf eine andere Geisterspur: Infraschall. Diese tiefen - unter anderem durch Wind und Meeresbrandung erzeugten - Töne sind für das menschliche Gehör nicht wahrnehmbar. Dennoch kann man sie spüren, wenn sie recht intensiv sind. Sie führen zu Angstattacken, Zittern und Atemnot. NASA-Wissenschaftler errechneten für das menschliche Auge eine Eigenresonanzfrequenz von 18 Hertz. Bei der entsprechenden Wellenlänge beginnt der Augapfel zu vibrieren und löst verschwommene Visionen aus. Unscheinbare Objekte im Augenwinkel breiten sich über die Netzhaut aus und entwickeln sich zu monströsen Erscheinungen. Vic Tandy entlarvte einen scheinbar auf dem Schreibtisch sitzenden grauen Geist als Laborprodukt: Ein Ventilator hatte eine stehende Infraschallwelle erzeugt.
Erwartungshaltung und Sensibilität
Neben dem physikalischen Gruselmix spielen bei der Geisterschau auch Erwartungshaltung und Sensibilität eine große Rolle. Selten verirrt sich ein Gespenst in einen nüchternen Konferenzraum oder sterilen Operationssaal - oder in ein Labor wie das von Vic Tandy. In einem einsamen Verließ hingegen macht allein schon die Vorstellung vergangener Gräueltaten schaudern.
Psychologische und neurologische Perspektiven
Heautoskopie: Der Doppelgänger im Gehirn
Halluzinationen der eigenen Gestalt, so genannte Heautoskopien, scheinen der Phantasie eines Edgar Allan Poe entsprungen zu sein. Dennoch berichten wissenschaftliche Zeitschriften in Einzelfallbeschreibungen immer mal wieder über das merkwürdige Phänomen. Die Opfer des Verdoppelungsspuks sehen ihr eigenes Körperbild in den Raum projiziert. Rund 70 Fälle solcher Doppelgänger-Wahrnehmungen sind in der psychiatrischen Literatur bis heute dokumentiert. Allerdings vermuten Experten wie der Schweriner Neurologe Bernd Frank eine »hohe Dunkelziffer«, weil die Opfer heautoskopische Erlebnisse - aus Angst, von ihren Mitmenschen für verrückt gehalten zu werden - nicht gern an die große Glocke hängen.
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Merkmale halluzinierter Doppelgänger
Vor allem einige britische Hirnforscher haben sich gründlich mit dem Phänomen beschäftigt und im renommierten Fachblatt »British Journal of Medical Psychology« eine Art Steckbrief der halluzinierten Doppelgänger veröffentlicht:
- Doubles tauchen danach fast immer wie aus heiterem Himmel auf.
- Die Doppelgänger erscheinen ihren Opfern entweder grau oder schemenhaft verschwommen, in der Mehrzahl der Fälle allerdings leibhaftig, vielfarbig und klar umrissen. Keines der Opfer vermochte sich je daran zu erinnern, ob die Spukgestalt einen Schatten geworfen habe.
- Meist sind die Geisterfiguren stumm und starren ihre Opfer an. In einigen Fällen bewegen sie sich spiegelbildlich, imitieren die Mimik der Betrachter oder agieren ähnlich, wie diese es zuvor in stark affektgeladenen Situationen getan haben.
- Am häufigsten erscheinen die Truggebilde in der Abenddämmerung oder im Morgengrauen. Bei einigen treten sie nur ein- oder zweimal im Leben auf. Andere erschrecken ihre vom Schlag gerührten Betrachter über längere Zeit hinweg immer wieder.
Ursachen von Heautoskopien
Hinter den Halluzinationen der eigenen Gestalt verbergen sich nach Meinung der Experten oftmals psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder Hysterie. Doch anders als bislang angenommen, verhelfen den Doppelgängern wohl auch organische Leiden und Hirnschädigungen zu ihrer spukhaften Existenz. Zur Basisdiagnostik in den Kliniken gehören jedenfalls stets Computertomografien, Hirnstrommessungen sowie Untersuchungen der Rückenmarksflüssigkeit und Labortests. Verbürgt sind als Ursachen von Trugwahrnehmungen Schlaganfälle und Tumoren an der erbsengroßen Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Von einem Patienten mit einer solchen Geschwulst wird berichtet, er habe sieben Jahre lang ununterbrochen unter einer klar wahrgenommenen Doppelgänger-Halluzination gelitten. Auch im Fleckfieber-Delirium nehmen Kranke mitunter wahnhaft einen anderen Körper neben sich im Bett wahr. Von Querschnittsgelähmten wird dieses Phänomen ebenfalls gelegentlich erwähnt. Der US-Psychiater George Krizek vom St. Elizabeth''s Hospital in Washington glaubt kürzlich herausgefunden zu haben, dass nach Unfällen mit traumatischen Hirnschädigungen hauptsächlich Läsionen in der rechten Hirnrindenhälfte für den Verdoppelungsspuk sorgen können. So war einer von Krizeks Patienten im Alter von 15 Jahren nach einem Verkehrsunfall mit Blutungen in ebendiesem Hirnareal in die Klinik eingewiesen worden. Am häufigsten treten Heautoskopien bei Migräneopfern auf. Auch unter Epileptikern tauchen die Trugwahrnehmungen öfter auf, als es die Krankenakten verzeichnen.
Der Schläfenlappen und Doppelgänger-Erlebnisse
Dafür, dass dieses Zentrum an der Entstehung der Doppelgänger beteiligt ist, spricht auch das umgekehrte Schicksal von Alzheimer-Patienten, bei denen es im Laufe der Krankheit für immer zerstört wird: Die Opfer des degenerativen Leidens erblicken sich eines Tages im Spiegel und begegnen einem Fremden. Noch sind die meisten hirnorganischen Erklärungen für den Verdoppelungsspuk kaum mehr als Vermutungen. Dann würde es vielleicht sogar möglich werden, den Doppelgänger-Kranken mit Medikamenten gezielt zu helfen.
Schlafparalyse: Gefangen zwischen Traum und Realität
Seit Jahrhunderten berichten Menschen von finsteren Gestalten, die sie nachts lähmen. Die Szene scheint einem Gruselfilm zu entstammen: Jemand erwacht in aller Früh und stellt fest, dass er sich nicht bewegen kann. Die Glieder sind wie festgenagelt, keine Bewegung möglich. Dann nähert sich eine dunkle Gestalt und beugt sich herab. Was wie ausgedachter Horror klingt, widerfährt manchen Menschen tatsächlich. Zumindest in ihrer Wahrnehmung. Einige berichten von Schattenwesen, andere von dämonischen Gestalten, die sie würgen oder ihnen das Bewusstsein rauben. Schlafparalyse nennen Fachleute diesen Zustand - ein Zwischenreich zwischen Traum und Erwachen, in dem der Körper noch schläft, während der Geist bereits wach ist. Ein Moment der völligen Hilflosigkeit, oft begleitet von lebensechten Halluzinationen.
Der Mechanismus der Schlafparalyse
Im Normalfall durchlaufen wir während der Nacht verschiedene Schlafphasen. Besonders tief träumen wir in der REM-Phase ("Rapid Eye Movement"). In dieser Zeit ist der Körper weitgehend gelähmt - ein natürlicher Schutzmechanismus, damit wir unsere Träume nicht ausagieren. Bei der Schlafparalyse jedoch geschieht etwas Ungewöhnliches: Das Gehirn "erwacht" bereits, während die Muskellähmung des REM-Schlafs noch anhält. Hinzu kommen hypnagoge oder hypnopompe Halluzinationen: Trugbilder, die beim Einschlafen oder Aufwachen auftreten. In der Schlafparalyse wirken diese besonders real. Geräusche, Berührungen, ja sogar Stimmen oder Figuren können auftauchen - obwohl sie nur im Kopf existieren. Der Verstand registriert sie als Bedrohung, doch der Körper bleibt wehrlos.
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Kulturelle Interpretationen und moderne Erkenntnisse
Kein Wunder also, dass das Phänomen über Jahrhunderte hinweg mystifiziert wurde. In vielen Kulturen gibt es Gestalten, die auffallend genau die Symptome der Schlafparalyse beschreiben. Im deutschen Sprachraum etwa war es der "Alp", ein Nachtgeist, der sich auf die Brust der Schlafenden setzte. In England sprach man vom "Old Hag", in Japan nennt man das Phänomen "Kanashibari", in Südostasien glauben manche, von Geistern besessen zu sein. Noch bis ins 20. Jahrhundert wurden Betroffene nicht selten für psychisch krank gehalten - oder, schlimmer noch, als vom Teufel besessen stigmatisiert. Schätzungen zufolge erleben rund acht Prozent der Menschen irgendwann im Leben eine Form von Schlafparalyse.
Risikofaktoren und Bewältigungsstrategien
Besonders häufig betroffen sind junge Erwachsene, Menschen mit unregelmäßigem Schlafrhythmus, Jetlag oder Schichtarbeit. Auch Schlafmangel, Stress oder psychische Belastungen können eine Rolle spielen. Medizinisch gilt die isolierte Schlafparalyse - also ohne Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie Narkolepsie - als harmlos. Dennoch kann sie das Wohlbefinden stark beeinträchtigen und extrem verstörend wirken. Der wichtigste Schritt ist, das Phänomen zu verstehen. Wer weiß, was im Körper vor sich geht, verliert oft einen Teil der Angst. Auch eine gute Schlafhygiene hilft: regelmäßige Bettzeiten, ein ruhiger Abend, kein Koffein oder grelles Bildschirmlicht vor dem Einschlafen.
Kohlenmonoxidvergiftung: Eine unterschätzte Gefahr
Eine andere Ursache für die Sichtung von Geistern könnte weitaus gefährlicher sein: Kohlenmonoxid. Das farb- und geruchlose Gas kann von schlecht installierten, fehlerhaften oder unsachgemäß verwendeten Geräten wie Heizkesseln, Gasherden und Grills abgegeben werden. Es ist giftig und kann eine Reihe von Symptomen verursachen, darunter Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Schwindel und Übelkeit. Kohlenmonoxid kann aber auch Halluzinationen auslösen, was Ärztinnen und Ärzte bereits in den 1920er-Jahren mit Berichten über Spukunfälle in Verbindung brachten.
Präventionsmaßnahmen
Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung sollte man daher auf folgende Dinge achten:
- Holzkohle- und Gasgrills, Heizpilze oder Notstromaggregate nicht in Innenräumen benutzen, auch nicht in der Garage.
- Jährliche Inspektion und sachgemäße Installation beziehungsweise Inbetriebnahme von Kaminen, Heiz- oder Kachelöfen sowie Gasthermen, Durchlauferhitzern oder anderen mit Gas betriebenen Geräten.
- In Garagen keine Automotoren laufen lassen.
- Holzpellets so lagern, dass die Gase nicht in Räume entweichen können, in denen sich Menschen aufhalten. Holzpellet-Lagerräume regelmäßig belüften.
- Wer Risikogeräte besitzt, sollte einen batteriebetriebenen Kohlenmonoxid-Melder in der Nähe zum Gerät und im Schlafzimmer, am besten an der Wand, installieren. Und dessen Funktion regelmäßig überprüfen.
- Bei Alarm sofort alle Personen im Haus in Sicherheit bringen und die Feuerwehr rufen.
Das Gehirn als Geschichtenerzähler: Aberglaube und visuelle Substitution
Es gibt Forscherinnen und Forscher, die fest davon überzeugt sind, dass Gespenster im Kopf entstehen. Sie forschen daher nach den neurobiologischen Ursachen für Spukgeschichten und andere unheimliche Phänomene. Denn auch bei bestimmten neurologischen Störungen wie Epilepsie, Hirntumoren oder psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie berichten Menschen von solchen Empfindungen. Oft spüren sie etwa die Anwesenheit von einem Dämon, einer Geistergestalt oder einem Engel, der oder die aber unsichtbar sind. Aber manchmal kann das Gehirn uns auch einen Streich spielen.
Das Experiment mit dem Roboterarm
Im Jahr 2014 gingen Olaf Blanke von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne und seine Kolleginnen und Kollegen dieser Frage mit einem Experiment nach. Für ihre Studie sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Roboterarm steuern, während sie die Augen verbunden hatten. Die Bewegungen des Roboterarms wurden digital auf einen zweiten Roboter übertragen, der hinter der Person positioniert war und ihren Rücken berührte. Diese Berührung vermittelte den Teilnehmenden eine Rückkopplung ihrer Bewegung. Sie spürten am Rücken, wie sie den Roboterarm vor sich steuerten. Dann wurde die Kopplung der beiden Roboterarme so verändert, dass der hintere mit Verzögerung auf die Steuerung reagierte. Und prompt „erschienen die Geister“, wie die Forschenden berichten. 30 Prozent der Teilnehmer berichteten spontan, dass sie das Gefühl hatten, jemand Fremdes stünde hinter ihnen. Andere hatten so etwas wie eine außerkörperliche Wahrnehmung und meinten, sich selbst hinter dem eigenen Körper zu befinden. Für einige waren diese Eindrücke offenbar so unangenehm, dass sie das Experiment abbrachen.
Schädigungen der räumlichen Verarbeitung
Ein anderer Erklärungsansatz für Geistererscheinungen ist, dass die Areale des Gehirns bei bestimmten neurologischen Schäden und Krankheitsbildern beschädigt sein könnten, die für die räumliche Verarbeitung von Informationen und Sinnesreizen zuständig sind. Das könnte dann womöglich zu Störungen führen, die wiederum darin münden, dass man meint, geisterhafte Gestalten wahrzunehmen.
Visuelle Substitution und Dopamin
"Wenn wir denken, dass wir aus dem Augenwinkel eine Bewegung gesehen haben, dann besteht diese normalerweise aus einer undefinierbaren Form in schwarz oder weiß. Unsere Stäbchenzellen können nämlich keine Farben wahrnehmen", erklärt O'Keeffe. "Kommt es zu einer Interpretation der Erscheinung, so versucht unser Gehirn die 'Lücken zu füllen'. Das nennt sich visuelle Substitution. Im Endeffekt versucht das Gehirn eine rationale Erklärung für etwas zu finden, das wir gesehen oder auch nicht gesehen haben. Was auch immer der Grund sein mag: Dieser kurze Moment, in dem du dachtest, dass eine andere Person im Raum ist, hat gereicht um deinen Körper in Alarmbereitschaft zu versetzten. Du atmest schwer, dein Herz rast und der Wein in deinem Glas vibriert im Takt mit deiner zitternden Hand. Das liegt an verschiedenen Neurotransmittern in unserem Gehirn, die für unsere fundamentale Flucht- oder Kampfreaktion zuständig sind. Zu diesen Neurotransmittern gehört auch Dopamin. Es spielt in verschiedenen Emotionen, wie zum Beispiel Aufregung und Freude, eine große Rolle. "Die Dopaminausschüttung im Gehirn ist bei jedem Menschen unterschiedlich und das ist auch der Grund weshalb manche Menschen gruselige Abenteuer lieben und andere sich vollkommen terrorisiert vorkommen", sagt O'Keeffe.
Die Macht der Suggestion und Erwartungshaltung
Christopher French von der Goldsmiths University of London baute im Jahr 2009 mit seinen Mitarbeitern ein “Spukzimmer”, einen Raum, in dem die Forscher ihre Probanden auf Knopfdruck neben Infraschall auch elektromagnetischen Feldern aussetzen konnten. Einige Spukorte weisen nämlich ungewöhnlich starke elektro- oder geomagnetische Felder auf. Darum tauchen immer wieder Theorien auf, dass Geistererscheinungen mit eben jenen Feldern in Verbindung stehen könnten. Dies allerdings ist durchaus umstritten. Denn elektromagnetische Felder variieren auf dem gesamten Erdball enorm. Zudem ist es noch ungeklärt, ob sie stark genug sind, um das menschliche Gehirn überhaupt zu beeinflussen. Nichtsdestotrotz wollte French ihre mögliche Wirkung untersuchen: Die Versuchsteilnehmer - vorab gewarnt, dass sie sich gruseln könnten - wurden gebeten, ihre Eindrücke im Zimmer genau zu protokollieren. Tatsächlich berichteten die meisten anschließend von einem seltsamen Gefühl, manche sogar von echtem Grauen. Das Überraschende: Nur bei der Hälfte der Probanden waren Infraschall oder elektromagnetische Felder überhaupt aktiviert worden. Dennoch gruselten sich auch die anderen Teilnehmer, und zwar ähnlich stark. Der ganze Spuk war demnach vor allem ein Produkt ihrer Erwartungshaltung. “Wir wollen nicht ausschließen, dass beispielsweise elektromagnetische Felder einen Einfluss auf das Gehirn haben und sogar Halluzinationen auslösen können”, sagt Studienleiter French. “Aber je beeinflussbarer Menschen sind, desto wahrscheinlicher erleben sie etwas Seltsames, wenn man sie darauf vorbereitet.” Beteiligt an der Eigen-Suggestion sei möglicherweise der Schläfenlappen, glaubt French.
Geisterstunde: Hypnopompe Halluzinationen und die Traum-Hypothese
Bleibt die Frage warum sich so viele Menschen gerade nachts - eben zur Geisterstunde - von Gespenstern heimgesucht wähnen. Darauf meint die US-Psychologin Susan Clancy von der INCAE Business School eine Antwort gefunden zu haben. 2005 berichtet sie in einem Buch von Menschen, die davon überzeugt seien, nachts von Außerirdischen entführt worden zu sein. Ihre Interviewpartner, sagt sie, seien normale Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft gewesen. Von durchgeknallten Spinnern konnte also nicht die Rede sein. Clancys Vermutung: Hinter den unheimlichen nächtlichen Begegnungen stecken so genannte hypnopombe Halluzinationen, lebhafte und meist beängstigende Traumbilder, die in der Aufwachphase auftreten. Erscheinen sie bereits beim Einschlafen, spricht man von hypnagogen Halluzinationen. Immer aber befindet sich der Betroffene in einem Zustand zwischen Wachen und Schlaf und kann nicht zwischen Trugbild und Realität unterscheiden.
Parapsychologie: Eine umstrittene Disziplin
Weil sich Geistererscheinungen der exakten Nachforschung entziehen und sich die seriöse Naturwissenschaft mit ihnen nicht abgeben mag, entwickelte sich das Fachgebiet der Parapsychologie, die paranormale Phänomene erforscht.
Die Arbeit der Parapsychologischen Beratungsstelle Freiburg
In Deutschland kümmert sich die Parapsychologische Beratungsstelle (PB) der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie in Freiburg um außersinnliche Erscheinungen - und ihre Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. In den vergangenen Jahren gab es jährlich mehrere tausend Anfragen, berichtet ihr Leiter Walter von Lucadou, ein studierter Physiker.
Natürliche Phänomene oder Lug und Trug?
„Etwa 90 Prozent der Fälle erweisen sich als technische Störungen oder Fehlinterpretationen“, erklärt der Freiburger Experte von Lucadou. „Ein Problem dabei ist: Man kann vom eigentlichen Vorgang kaum etwas sehen, deshalb gelingt nie ein Nachweis des Paranormalen.“ Dennoch gebe es für Psi-Erlebnisse gute theoretische Gründe. Lucadou betont: „Ich spreche deshalb von ,außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen´. Sie stehen nicht außerhalb der Natur. Als Wissenschaftler interessiere ich mich für diese Effekte, weil wir nicht wissen, wie sie zustande kommen. Dennoch: Es sind in der Regel natürliche Phänomene.“
Psychische Faktoren und ungelöste Fälle
So könnten bei Spukereignissen psychische Faktoren eine große Rolle spielen. Meist gebe es auslösende Personen, etwa pubertierende Jugendliche. Mit dem Spuk wiesen sie auf schwerwiegende innere Probleme hin, die sie nach außen verlagern, wie einen Wirklichkeit werdenden Angsttraum. Werde dem Auslöser geholfen, ende der Spuk. In manchen Fällen aber scheidet dies, wie auch technische Manipulationen, als Erklärung aus. Bleibt also der Rückgriff auf eine unbegreifliche Geisterwelt, wie sie sich gerade in den vielen Beispielen Jahrhunderte alter Erscheinungen manifestiert. „Viele Fälle sind ungeklärt“, gesteht Lucadou. „In erster Linie wollen wir aber den Betroffenen helfen, die Forschung muss zurückstehen. Deshalb müssen wir mit vielen offenen Fragen leben.“