Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen kann. Eines der potenziellen Symptome, das oft mit MS in Verbindung gebracht wird, ist die Beeinträchtigung des Sehvermögens bis hin zur Erblindung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen für Erblindung im Zusammenhang mit MS, wobei besonderes Augenmerk auf die Rolle der Optikusneuritis und anderer neuro-ophthalmologischer Störungen gelegt wird.
Neuro-ophthalmologische Störungen bei MS
Neuro-ophthalmologische Störungen betreffen das Auge, die Pupille, den Sehnerv, die äußeren Augenmuskeln und die dazugehörigen Nerven. Auch die zentralen Bahnen zur Steuerung und Integration von Augenbewegungen und des Sehens können betroffen sein. Ein umfassendes Verständnis dieser Störungen ist entscheidend, um die Ursachen für Sehverlust bei MS-Patienten zu erkennen und geeignete Behandlungsstrategien zu entwickeln.
Anisokorie
Eine Anisokorie beschreibt eine Differenz der Pupillendurchmesser zwischen beiden Augen. In den meisten Fällen ist dies harmlos, kann aber gelegentlich ein Zeichen einer neurologischen Erkrankung sein.
Anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION)
Die AION ist eine häufige Ursache für plötzliche Sehverschlechterung bei Patienten über 50 Jahren. Sie entsteht durch eine Mangeldurchblutung des Sehnervs, was zu einer Schädigung der Nervenfasern führt. Leitsymptome sind eine schmerzlose, sich verschlechternde Sehfähigkeit mit Gesichtsfeldausfällen.
Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)
LHON ist eine neurodegenerative Erbkrankheit, die zu plötzlicher einseitiger Erblindung führen kann, oft gefolgt vom anderen Auge innerhalb weniger Monate. Ursache ist ein Schwund von Fasern des Sehnervs, v.a. im Randbereich. Patienten bemerken zunächst eine Störung der Farbwahrnehmung, insbesondere bei Rot und Grün. Unbehandelt ist die Aussicht auf eine Wiederherstellung der Sehkraft gering, aber seit kurzem kann die Erkrankung erstmals therapiert werden.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Benigner essentieller Blepharospasmus (BEB)
Beim BEB kommt es zu unkontrollierbarem Blinzeln, Zusammenkneifen der Lider und krampfartigem Lidschluss. Die Ursache kann eine Fehlfunktion im Bereich der Basalganglien sein.
Durchblutungsbedingte Augenbewegungsstörung
Eine solche Lähmung tritt am häufigsten bei älteren Menschen in Form von plötzlich auftretenden Doppelbildern auf. Die für die Augenbewegung zuständigen Hirnnerven sind aufgrund einer Durchblutungsstörung nicht ausreichend versorgt. Weitere Faktoren, die dazu führen, sind ein erhöhter Blutdruck und Zuckerkrankheit.
Hypophysentumor
Hypophysenadenome sind meist gutartige Tumore, die von Hormonzellen des Vorderlappens der Hirnanhangsdrüse ausgehen. Da die Hypophyse genau an der Sehnervenkreuzung liegt, können größere Tumore zu Sehstörungen und Gesichtsfeldausfällen führen.
Meningeome
Meningeome sind sehr langsam wachsende gutartige Tumore, die den Sehnerven oder die Sehnervenkreuzung komprimieren können.
Raumforderungen im Gehirn
Hirntumore können zu verschiedensten Augensymptomen führen. Je nach Lage des Tumors entstehen oft Gesichtsfeldausfälle und Augenbewegungsstörungen. Häufig kommt es zu einer Stauung der Hirnflüssigkeit mit nachfolgender Hirndrucksteigerung.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Schlaganfall (Apoplex)
Ein Schlaganfall kann sich isoliert an der Sehrinde manifestieren, sodass nur ein Gesichtsfeldausfall auf das Geschehen hinweist und keine weiteren neurologischen Symptome auftreten.
Pseudotumor cerebri
Bei dieser Krankheit ist der Hirndruck erhöht, ohne dass es dafür eine klar erkennbare Ursache gibt. Der Sehnerv kann stark anschwellen und mit der Zeit Schaden nehmen. Betroffen sind meistens jüngere Frauen mit Übergewicht, die an Kopfschmerzen leiden.
Endokrine Orbitopathie
Die Endokrine Orbitopathie ist eine Autoimmunerkrankung, die oft Zellen der Schilddrüse betrifft. Es werden dabei Substanzen produziert, die zu einem Wachstum der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes führen. Typische Symptome sind Doppelbilder, Hervortreten der Augen und hochgezogene Augenlider mit Augenreizung.
Optikusneuritis: Eine häufige Ursache für Sehverlust bei MS
Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs und eine der häufigsten Ursachen für plötzliche Sehminderung bei jungen Patienten. Charakteristische Symptome sind Schmerzen neben oder hinter dem Auge, besonders beim Bewegen der Augen, sowie Dunkelsehen und Störungen des Farbsehens.
Zusammenhang zwischen Optikusneuritis und MS
Die Optikusneuritis steht in engem Zusammenhang mit MS. Etwa die Hälfte aller MS-Betroffenen hatte zuvor eine Optikusneuritis, und bei etwa 15 bis 20 Prozent der MS-Patienten markiert eine Sehnerventzündung den ersten MS-Schub. Die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, liegt bei etwa 40 Prozent und 40 Jahre nach der Entzündung bei etwa 60 Prozent.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Symptome der Optikusneuritis
Meist ist eine Sehnerventzündung einseitig und betrifft nur ein Auge. Das erste Anzeichen der Erkrankung sind normalerweise Schmerzen, vor allem wenn das Auge beim Wechsel der Blickrichtung bewegt wird. Innerhalb von Stunden bis Tagen kommt es zu einer deutlichen Sehverschlechterung des betroffenen Auges. Betroffene beschreiben ihren Seheindruck dann als unscharf, nebelartig, kontrastarm und dunkler. Farben werden als schmutzig und blass wahrgenommen.
Diagnose der Optikusneuritis
Die Diagnose einer Optikusneuritis wird in der Regel von einem Augenarzt gestellt, basierend auf den typischen Symptomen und einer augenärztlichen Untersuchung. Eine wichtige Rolle spielt auch die Magnetresonanztomographie (MRT), um die Entzündung des Sehnervs sichtbar zu machen und andere Ursachen für die Sehstörung auszuschließen. Da ein enger Zusammenhang mit MS besteht, wird der Augenarzt den Patienten in der Regel an einen Neurologen überweisen, um abzuklären, ob eine MS zugrunde liegt oder ein erhöhtes MS-Risiko besteht.
Behandlung der Optikusneuritis
Die Schmerzen im Auge und die Sehverschlechterung bessern sich in der Regel auch ohne Behandlung. Es gibt Medikamente, die die Erholung des Sehvermögens beschleunigen oder das Rückfallrisiko verringern können. Häufig wird eine kurzzeitige hochdosierte Kortisontherapie angewendet.
Atypische Optikusneuritis
Neben der typischen Optikusneuritis gibt es auch atypische Formen, die durch andere Ursachen bedingt sind. Dazu gehören:
- Autoimmunerkrankungen: Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD), Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD), Sarkoidose, Systemischer Lupus erythematodes (SLE).
- Infektionen: Lyme-Borreliose, Syphilis, Neuroretinitis, Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM), Meningitis, Tuberkulose, Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV).
- Andere Ursachen: Diabetes, perniziöse Anämie, Arteriitis temporalis, Traumata, Tumormetastasen im Sehnerv, Strahlentherapie im Schädelbasisbereich, Noxen wie Blei, Thallium, Methanol, Nikotin und Arsen, Arzneimittel, insbesondere Ethambutol und Tamoxifen.
Atypische Optikusneuritiden verschwinden oft nicht spontan und können nach Absetzen von Glukokortikoiden erneut auftreten, insbesondere bei der NMOSD und der chronisch rezidivierenden Immunoptikusneuropathie (CRION).
Uveitis als Ursache für Sehverlust
Die Uveitis ist eine Entzündung der mittleren Augenhaut (Uvea), die zu Lichtscheu, Verschwommensehen oder Erblindung führen kann. In den westlichen Industrieländern lässt sich rund jeder fünfte Fall von Erblindung auf eine Uveitis zurückführen. Zu den häufigsten Gründen für eine irreversible Visusminderung durch Uveitis zählt das Makulaödem.
Formen der Uveitis
- Anteriore Uveitis: Die häufigste Form, bei der der Schwerpunkt der Entzündung im Bereich der Regenbogenhaut liegt.
- Intermediäre Uveitis: Der Schwerpunkt der Entzündung liegt im Glaskörperraum.
- Posteriore Uveitis: Die Entzündung erstreckt sich über die Aderhaut und/oder Netzhaut.
Diagnose der Uveitis
Die Basisdiagnostik umfasst ein Blutbild, die Bestimmung von CRP und/oder BSG, Kreatinin, Elektrolyten, GOT, GPT, Angiotensin-Converting-Enzym und/oder löslichem Interleukin-2-Rezeptor sowie eine Serologie auf Syphilis.
Weitere Ursachen für Sehverlust bei MS
Neben Optikusneuritis und Uveitis können auch andere Faktoren zu Sehverlust bei MS-Patienten beitragen:
- Direkte Schädigung der Sehbahn: MS-bedingte Läsionen in der Sehbahn können die Nervenimpulse, die vom Auge zum Gehirn geleitet werden, unterbrechen und zu Gesichtsfeldausfällen oder anderen Sehstörungen führen.
- Augenbewegungsstörungen: MS kann die Augenmuskeln und die Nerven, die sie steuern, beeinträchtigen, was zu Doppelbildern (Diplopie) oder anderen Augenbewegungsstörungen führen kann.
- Kognitive Beeinträchtigungen: MS kann auch kognitive Funktionen beeinträchtigen, die für die Verarbeitung visueller Informationen wichtig sind, was zu Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung und Interpretation von Bildern führen kann.
Innovative Therapieansätze
Israelischen Wissenschaftlern ist es gelungen, den voranschreitenden Verlust des Augenlichts bei Tieren mit Glaukom-ähnlicher Krankheit anzuhalten, indem sie das zur Behandlung von Multipler Sklerose entwickelte Medikament Copaxone verabreichten. Die schützende Wirkung beruht darauf, dass Immunisierung mit Copaxone den Nerv vor der toxischen Wirkung des Neurotransmitters Glutamat abschirmt.
Forschung zur Erforschung des Sehverlustes bei MS
Die Augenklinik des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum hat eine Anschub-Förderung erhalten, um die Ursachen des Sehverlustes bei Patienten mit Multipler Sklerose genauer zu untersuchen. Da die Auslöser der Sehnerventzündung noch unklar sind, sollen diese im Rahmen des Projektes genauer untersucht werden.
tags: #multiple #sklerose #erblindung