Geisteskraft: Die Tricks Intelligenter Gehirne – Wissenschaftliche Studien Enthüllen Geheimnisse

Einführung

Die menschliche Intelligenz ist ein faszinierendes und vielschichtiges Phänomen. Lange Zeit wurde der Intelligenzquotient (IQ) als alleiniger Maßstab für geistige Fähigkeiten betrachtet. Doch die moderne Wissenschaft hat erkannt, dass Intelligenz weit mehr ist als nur eine Zahl. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Funktionsweise intelligenter Gehirne, die verschiedenen Facetten der Intelligenz und die Möglichkeiten, die eigene Geisteskraft zu optimieren. Es werden auch die Denkfehler beleuchtet, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und im Alltag verhindern.

Mehr als nur der IQ: Ein vielschichtiges Bild der Intelligenz

Wissenschaftler sind sich einig, dass der IQ allein nicht ausreicht, um die geistigen Fähigkeiten des Menschen vollständig zu erfassen. Psychologen setzen bei der Ermittlung des geistigen Leistungsvermögens nicht mehr nur auf den Intelligenzquotienten (IQ). Längst sind sie sich einig, dass erst eine ganze Reihe von Talenten die Denkmaschine Gehirn umfassend beschreiben kann.

Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen

In den 60er Jahren wollte die US-Psychologin Joy Guilford 150 „Vektoren des Geistes“ ausgemacht haben. Heute genießt das Modell des Kognitionspsychologen Howard Gardner von der Harvard-Universität in Boston weite Anerkennung. Gardner spricht von acht Intelligenzen:

  • Sprachliche Intelligenz: Die Fähigkeit, Sprache effektiv zu nutzen, sowohl mündlich als auch schriftlich (Ingeborg Bachmann).
  • Logisch-mathematische Intelligenz: Die Fähigkeit, logisch zu denken und Probleme mathematisch zu lösen (Albert Einstein).
  • Räumliche Intelligenz: Die Fähigkeit, räumliche Beziehungen zu erkennen und sich in der Welt zu orientieren (Garri Kasparow).
  • Musikalische Intelligenz: Die Fähigkeit, Musik zu verstehen, zu komponieren und auszuführen (Ludwig van Beethoven).
  • Körperlich-kinästhetische Intelligenz: Die Fähigkeit, den eigenen Körper geschickt zu bewegen und Objekte zu manipulieren (Joaquín Cortés).
  • Interpersonelle Intelligenz: Die Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu verstehen und mit ihnen zu interagieren (Mutter Teresa).
  • Intrapersonelle Intelligenz: Die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen und die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen.
  • Naturalistische Intelligenz: Die Fähigkeit, natürliche Muster und Zusammenhänge zu erkennen und zu klassifizieren (Charles Darwin).
  • Existenzielle Intelligenz: Die Fähigkeit, über die großen Fragen des Lebens nachzudenken (Der Dalai Lama).

Gardners Modell der „Multiplen Intelligenzen“ ist aktueller denn je.

Das Berliner Intelligenzstrukturmodell (BIS)

Auch die Psychometriker, Wissenschaftler, die menschliche Fähigkeiten messen, sind überzeugt, dass nur mehrere Faktoren den Geist beschreiben. Nach langer Entwicklungszeit bringen deutsche Psychologen jetzt einen neuen Test auf den Markt. Dieser Check schickt die Prüflinge nicht länger mit einer ominösen Zahl nach Hause. Der Test nach dem Berliner Intelligenzstrukturmodell (BIS) erstellt ein komplettes Profil der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen. Zur Optimierung des BIS wurden bis heute 3000 Versuchspersonen getestet.

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Das BIS unterscheidet acht Talente, die die Hardware im Kopf beschreiben:

  • Einfallsreichtum: die Kreativität, möglichst viele Ideen zu produzieren.
  • Geschwindigkeit: Wie schnell arbeiten wir, wie leicht fassen wir auf?
  • Merkfähigkeit: wie gut wir uns etwas einprägen und es reproduzieren.
  • Kapazität: komplexe Informationen verarbeiten und in Beziehung setzen.
  • Verbales Denken: wie kompetent wir mit Sprache umgehen.
  • Numerisches Denken: wie gut wir mit Zahlen zurechtkommen.
  • Figurales Denken: die Fähigkeit, Bilder und Objekte zu verarbeiten.
  • Die Allgemeine Intelligenz: die in etwa dem herkömmlichen IQ entspricht.

Der Test umfaßt mehr als 300 Einzelaufgaben und dauert etwa zweieinhalb Stunden. Der Schachweltmeister Garri Kasparow erzielte in allen Disziplinen herausragende Ergebnisse. Nur im Fach „Einfallsreichtum“ blieb er blaß.

Erfolgsintelligenz: Mehr als nur ein hoher IQ

Der US-Psychologe Robert Sternberg von der Yale-Universität in New Haven, erklärt in seinem neuen Buch, „Erfolgsintelligenz“, warum wir mehr brauchen als emotionale Intelligenz und einen hohen IQ. Zwar zeigten Studien, dass Menschen mit hohem IQ generell erfolgreicher sind, sie üben einen angesehenen und gutdotieren Beruf aus und leben angenehmer. Doch schränkt Sternberg ein: „Die großen Stars sind sie nicht.“

Für eine rundum erfolgreiche Karriere müßten drei Aspekte aufeinandertreffen, so Sternberg. Klassische IQ-Fähigkeiten, aber auch kreative und praktische. Menschen, die Erfolgsintelligenz besitzen, verstehen es zum Beispiel, die verschiedenen Komponenten auszubalancieren, sie überlegen sich, ob sie die richtigen Probleme angehen, egal ob es sich um eine Autopanne, eine Beziehungskiste oder ein Jobproblem handelt. Sie kontrollieren ihre Impulse und bringen trotzdem kreative Ideen hervor. Als ein wichtiges Kriterium sieht Sternberg das Gefühl für die Situation.

Wie intelligente Gehirne funktionieren: Effizienz und Vernetzung

Der Biologie unseres Geistes ist der Grazer Psychologe Aljoscha Neubauer auf der Spur. Er fand heraus, dass sich intelligente Gehirne durch eine hohe Effizienz auszeichnen - und nicht durch die hundertprozentige Auslastung, wie es als Stammtischweisheit immer wieder kolportiert wird. „Weniger Begabte müssen größere Teile der Hirnrinde aktivieren“, erklärt Neubauer die bunten Darstellungen seiner EEG-Messungen an Probanden. „Je intelligenter ein Mensch ist, umso weniger Energie verbraucht sein Gehirn.“

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Die wahrscheinlichste Erklärung für den Energiesparbetrieb des Denkorgans liefert die Erforschung einzelner Nervenzellen. Sind die Leitungen zwischen den Neuronen gut isoliert, können die Informationen mit weniger Energie und geringeren Störungen transportiert werden. Für die Isolation der Nervenleitungen sind Myelin-Moleküle verantwortlich, die sich - ähnlich wie der Kunststoff am Stromkabel - um die Leitung (Axon) der Nervenzellen legen. „Die Myelinisierung des Gehirns vollzieht sich parallel mit der Entwicklung der Intelligenz“, weiß Neubauer, „bis zum 15. Lebensjahr steigt beides an, bleibt konstant bis etwa 65 und nimmt dann kontinuierlich ab.“

Ein leistungsfähiges Denkorgan kann nach Neubauers Erkenntnissen besonders schnell zwischen der Aufnahme neuer Informationen, dem Abspeichern ins Kurzzeitgedächtnis und dem Abruf von Informationen hin- und herschalten. „Die Intelligenz wird also maßgeblich von der Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Größe des Arbeitsspeichers bestimmt“, fasst Neubauer zusammen, „wie beim Computer.“

Das Gedächtnis: Mehr als nur eine Festplatte

Ganz anders verhält sich unser Zentralorgan bei der Abspeicherung der Sinneseindrücke. Diese Grundlagen des Gedächtnisses erforscht Daniel Schacter, Psychologe an der Harvard-Universität. „Das menschliche Gehirn brennt Erlebnisse nicht wie ein Computer auf die Festplatte. Vielmehr interpretieren wir die Ereignisse.“ Dabei spielen bestimmte Hirnregionen wie der Mandelkern und Hippocampus eine entscheidende Rolle. Sie filtern und sortieren die Sinneseindrücke, die dann in der rechten Gehirnhälfte (biografisches Gedächtnis) oder linken Gehirnhälfte (Faktenwissen) langfristig abgespeichert werden können.

Gedächtnisexperten fanden heraus, dass Gefühle eine überragende Rolle bei der Erinnerung spielen. Je stärker die emotionale Bewertung einer Information, umso tiefer gräbt sie sich ins Gedächtnis. Starke Gefühle -der phantastische Eindruck des ersten Kusses ebenso wie der Schmerz einer Trennung - fungieren im Gehirn als mentaler Klebstoff.

Alle Memotechniken der Gedächtniskünstler basieren auf eben jenem Phänomen: Sie verknüpfen eine zunächst neutrale Information (etwa die Ziffernfolge 119007) mit besonders eindringlichen Bildern (etwa 119 für das New-York-Attentat mit 007 für James Bond) und weiten so ihre Gedächtniskapazität auf unvorstellbare Größe.

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Gehirnjogging: Mythos und Realität

Das Geschäft mit dem sogenannten Gehirnjogging boomt. Unternehmen ersinnen immer neue Übungen, Online-Kurse oder Computerspiele. Millionen Menschen versuchen, mit Denksportaufgaben geistig fit zu werden. Aber kann das funktionieren?

Sicher ist: Anders als lange gedacht bleibt die Fähigkeit des Gehirns, sich zu entwickeln, auch im Alter erhalten. Zwar lässt die Denkleistung bei jedem Menschen mit den Jahren nach. Die Hirnsubstanz schrumpft ganz allgemein, wenn man älter wird, die Weitergabe von Signalen zwischen den Nervenzellen erfolgt zusehends langsamer, und das Denkorgan insgesamt wird schlechter durchblutet. Doch auch wenn die Leistung des Gehirns insgesamt nachlässt, bleibt es, so haben Hirnforscher herausgefunden, ein Leben lang wandlungsfähig und formbar (plastisch).

Studien haben überdies gezeigt: Wer in Ausbildung, Beruf und Freizeit über Jahrzehnte geistig aktiv ist, wer zudem ein intensives soziales Leben pflegt und körperlich in Bewegung bleibt, der scheint einen gewissen Schutz vor dem geistigen Verfall zu genießen. Die Wissenschaftler vermuten, dass man sich durch lebenslange geistige Herausforderungen gewissermaßen eine „kognitive Reserve“ im Gehirn aufbauen kann, eine Art neuronales Polster.

Niemand bestreitet, dass man seine Leistung in Spielen wie „Pfadfinder“ bereits nach kurzem Training merklich erhöhen kann. Dieser Fortschritt beruht auf einem relativ einfachen Lernprozess - man durchschaut nach einiger Zeit den Aufbau der Übung, man weiß, worauf man seine Aufmerksamkeit richten muss, entwickelt besondere Strategien, um sich die Linien auf dem Bildschirm einzuprägen. Wer sehr gute Leistungen bei einem Merkspiel erreicht, womöglich bei ähnlich strukturierten Übungen ebenfalls gut abschneidet, erinnert sich nicht automatisch auch im Alltag besser an Gesichter, Einkaufslisten oder Geheimnummern.

Immerhin sind sich viele Forscher darin einig, dass für das Training derartiger Fähigkeiten vor allem solche Aufgaben geeignet sind, die den Geist permanent und möglichst vielfältig herausfordern. Computerübungen, die das Entwickeln immer neuer Strategien verlangen, bieten demnach größere Chancen, die Leistungsfähigkeit des Denkorgans zu fördern, als etwa Rätselformate wie Sudoku, die sich nach einer Weile weitgehend automatisiert lösen lassen.

Im Oktober 2014 gab eine Gruppe von mehr als 70 renommierten Kognitions- und Neurowissenschaftlern aus aller Welt eine Erklärung heraus, in der sie sich von den überbordenden Versprechungen der Gehirnjogging-Anbieter klar distanzieren. Die Aussagen, mit denen diese für ihre Produkte werben, seien oft übertrieben, bisweilen sogar irreführend und höchst bedenklich, so die Experten.

Doch anders als manche unnütze Vitaminpräparate können Denksportübungen zumindest kaum Schaden anrichten. Im Gegenteil: Vielen Menschen machen sie schlicht Spaß, und ganz unabhängig davon, wie groß die Effekte auf die geistige Fitness wirklich sind, ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen. Denn beim Gehirnjogging sind es womöglich nicht die Aufgaben allein, die sich auf die mentale Verfassung der Spieler auswirken. Wer erlebt, dass er sich bei einer bestimmten Übung verbessern kann, fühlt sich vielleicht motiviert und schöpft neues Selbstvertrauen.

Wer allerdings einseitig auf Gehirnjogging vertraut, vergibt womöglich weitaus bessere andere Chancen, auch im Alter noch sein Denkorgan zu stimulieren und die lebenslange Plastizität der neuronalen Netze zu nutzen. Denn jede Stunde, die ein Mensch allein zu Hause mit Übungen am Computer zubringt, könnte er auch für soziale Kontakte verwenden, für das Erlernen einer Sprache oder einfach zum Spazierengehen - und so nach Meinung der Forscher viel mehr tun, um seine kognitiven Fähigkeiten zu erhalten.

Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen verhindern

Der Neurowissenschaftler Henning Beck enthüllt die Mechanismen, die uns ausbremsen, und zeigt, wie wir sie überwinden und nachhaltige Lösungen finden. Er veranschaulicht seine Erkenntnisse anhand von zwölf kognitiven Denkphänomenen, die unser Verhalten beeinflussen und uns davon abhalten, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Beck schafft es, komplexe wissenschaftliche Konzepte auf verständliche und unterhaltsame Weise zu vermitteln. Er verwendet Alltagsbeispiele, um die Denkfehler, die wir alle begehen, greifbar zu machen. Dabei werden nicht nur individuelle Denkmuster beleuchtet, sondern auch gesellschaftliche und politische Entscheidungen analysiert.

Beck gelingt es, die Mechanismen hinter unseren Denkfehlern klar und anschaulich darzulegen. Die vielen Beispiele aus dem Alltag und der Geschichte verdeutlichen, wie diese Denkfehler immer wieder auftreten und zu suboptimalen Ergebnissen führen.

Die Rolle der Gene und der Umwelt

Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin vom Kings College in London kann mit Studien belegen, dass die Intelligenz etwa zur Hälfte ererbt wird. Wie weit das Potenzial ausgeschöpft wird, verantworten die persönlichen Lebensumstände. Die genetische IQ-Ausprägung setzt sich im Alter stärker durch, „denn wir suchen uns ein Umfeld, das zu unseren Genen passt“, sagt Plomin.

Schon bei Vorschulkindern sind Aussagen über den späteren IQ, die Schulleistungen und etwaige akademische Karrieren möglich. Wolfgang Schneider, Psychologieprofessor an der Universität Würzburg, wertet in der LOGIK-Studie die Lebensläufe von Jugendlichen aus, die seit fast 20 Jahren wissenschaftlich begleitet werden. „Wir sehen, dass die Stabilität der IQ-Werte ab dem vierten Lebensjahr schon sehr hoch ist. Außerdem erkennen wir den IQ als guten Prädiktor für die späteren Schulleistungen.“

Neben dem IQ entscheiden Persönlichkeitsfaktoren über die Erfolgschancen in Privat- und Berufswelt: Schüchternheit kann offenbar ein Malus sein, hat Jens Asendorpf aus dem LOGIK-Team herausgefunden. Bei schüchternen Kindern bestehe ein höheres Risiko, dass sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen, so dass sie zu Underachievern (Minderleistern) werden. Eine Prise Selbstüberschätzung sei dagegen ein Erfolgsgeheimnis und verhelfe manchmal auch mittelmäßig intelligenten Kindern zu überdurchschnittlichen Leistungen.

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