Eine Demenzerkrankung stellt Betroffene und Angehörige vor große Herausforderungen im Alltag. Praktische Anregungen und Tipps können helfen, die Lebensqualität zu verbessern und den Alltag so normal wie möglich zu gestalten.
Alltagsnormalität bewahren
Im Verlauf einer Demenzerkrankung treten Schwierigkeiten auf, die sich auf den Alltag, das körperliche und psychische Wohlbefinden sowie die Kontaktgestaltung auswirken. Es ist wichtig, das Lebens- und Wohnumfeld der betroffenen Person an die aktuellen und zukünftigen Einschränkungen anzupassen und das Prinzip der „Alltagsnormalität“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Der benötigte Hilfe- und Unterstützungsbedarf richtet sich nach dem Grad der Selbstständigkeit. Ein soziales Netzwerk sollte die Bedürfnisse und Wünsche auffangen und begleiten.
Impulse für die Alltagsstrukturierung
- Gewohnte Strukturen: Beibehalten von Alltagsnormalität, auch wenn Hilfe- und Unterstützungsmaßnahmen integriert werden müssen.
- Gleichbleibender Tagesablauf: Gibt Sicherheit und minimiert das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
- Ausreichende Pausen: Demenz ist eine erschöpfende Erkrankung, daher sind Pausen zwischen den Aktivitäten wichtig. Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Unruhe oder Angst können Anzeichen von Überforderung sein.
- Behutsame Veränderungen: Notwendige Veränderungen im Alltag und bei der Versorgung sollten mit Bedacht vorgenommen werden, um Verunsicherungen zu vermeiden.
- Information und Beratung: Nutzen Sie Beratungsangebote, um einen individuellen Handlungsleitfaden zu erstellen und vorbereitet zu sein.
- Soziales Netzwerk: Bauen Sie ein Unterstützungsnetzwerk auf, um die Begleitung und Betreuung nicht allein bewältigen zu müssen.
- Eigene Gesundheit: Achten Sie als betreuende Angehörige auch auf Ihre eigene Gesundheit und psychische Balance.
Konstruktive Förderung und Wertschätzung
Es ist wichtig, Menschen mit Demenz konstruktiv zu fordern, ohne sie zu überfordern. Fragen Sie sich: Was kann die Person noch gut? Was bereitet Freude? Wann ist Hilfe nötig, wann sollte man die Tätigkeit übernehmen?
Grundhaltungen und Kommunikation
- Erwachsenenstatus wahren: Behandeln Sie Menschen mit Demenz respektvoll als Erwachsene und vermeiden Sie es, sie zu verkindlichen oder zu bevormunden.
- Sinnhafte Welt: Erkennen Sie an, dass die Handlungen und Gedanken der Betroffenen in ihrer eigenen Welt einen Sinn ergeben. Versuchen Sie, sich in ihre Perspektive hineinzuversetzen.
- Einfache Kommunikation: Verwenden Sie unkomplizierte Sätze mit einer einzigen Botschaft. Vermeiden Sie komplexe Sätze, Metaphern, Ironie und Sarkasmus. Wiederholen Sie wichtige Informationen oft und in der gleichen Formulierung.
- Weniger Fragen: Fragen können Menschen mit Demenz überfordern. Meiden Sie offene Fragen und geben Sie ihnen Zeit zum Antworten.
- Positive Verstärkung: Kritik, Korrekturen und Vorwürfe sind kontraproduktiv. Loben Sie stattdessen und begegnen Sie Vorwürfen positiv. Nehmen Sie Ängste und Frustrationen ernst.
- Körpersprache: Ergänzen Sie die sprachliche Kommunikation durch deutliche Körpersprache. Halten Sie Blickkontakt und unterstützen Sie Bewegungen.
Aktivierung der Sinne und soziale Kontakte
Wer aktiv ist, kann sich besser an Erlerntes erinnern und seine Selbstständigkeit beibehalten. Ergotherapie und Physiotherapie können die Mobilität erhalten.
- Sinnesanregung: Das Anregen der fünf Sinne kann Erinnerungen hervorrufen und die Lebensqualität fördern. Musikgeragogik ist ein Beispiel für eine professionelle Herangehensweise, die über Musik eine Brücke in die Vergangenheit schlägt.
- Wiederholung bekannter Tätigkeiten: Regelmäßige Wiederholung bekannter Tätigkeiten kann diese länger erhalten. Auch das Erlernen von Neuem ist in begrenztem Umfang möglich.
- Soziale Kontakte: Treffen mit Freunden und regelmäßige soziale Kontakte fördern ein soziales Umfeld, das die Menschen länger aktiv hält.
- Strukturierter Alltag: Unvorhergesehene Ereignisse und Änderungen von Gewohnheiten können Menschen mit Demenz überfordern. Schaffen Sie einen strukturierten Alltag mit klaren Routinen.
Wohnraumgestaltung und Orientierung
Eine mobilitätsgerechte Barrierefreiheit und eine übersichtliche Gestaltung der Räumlichkeiten erleichtern das Leben von Menschen mit Demenz.
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- Übersichtlichkeit: Vermeiden Sie zu viele Eindrücke, die verwirren und überfordern können.
- Offene Türen: Lassen Sie Türen möglichst offen oder hängen Sie sie aus, um die Orientierung zu erleichtern.
- Kennzeichnung: Kennzeichnen Sie einzelne Räume durch kleine Bilder.
- Zeitliche Orientierung: Fördern Sie die zeitliche Orientierung.
Selbstfürsorge der Angehörigen
Es ist wichtig, dass sich pflegende Angehörige nicht selbst zu sehr übernehmen und Auszeiten von der Pflege nehmen.
Unterstützung und Entlastung
- Professionelle Hilfe: Lassen Sie sich von einem Pflegedienst unterstützen.
- Familienhilfe: Bitten Sie andere Angehörige oder Partner um Unterstützung bei der Pflege.
- Eigene Interessen: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Hobbys und zur Entspannung.
Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen
Zu den Symptomen der Demenz gehören verschiedene Verhaltensweisen, die für Angehörige belastend sein können.
Wiederholungen und fixe Ideen
- Geduld: Viele Menschen mit Demenz stellen immer wieder dieselbe Frage oder wiederholen die gleichen Sätze. Dies ist meist kein böser Wille, sondern eine Folge der Erkrankung.
- Ursachenforschung: Wiederholtes Fragen kann ein Zeichen von Angst oder Unsicherheit sein.
- Handlungsdrang: Im mittleren Stadium der Demenz zeigen viele Betroffene einen ausgeprägten Bewegungsdrang und Unruhe. Gehen stärkt ihr Selbstwertgefühl und gibt ihnen Entscheidungsfreiheit.
Fehlinterpretationen und Beschuldigungen
- Erinnerungslücken: Die eingeschränkte Fähigkeit, Situationen richtig zu deuten, führt oft zu Erklärungsversuchen, die nicht mit der Realität übereinstimmen.
- Akzeptanz: Erkennen Sie an, dass die Beschuldigungen kein böswilliger Angriff sind, sondern ein Versuch, Lücken in der Erinnerung zu füllen.
- Vergangenheit: Mit dem Fortschreiten der Demenz wird die Lebenswelt der Betroffenen von den noch vorhandenen Erinnerungen geprägt. Begegnen Sie ihnen auf der Gefühlsebene, anstatt ihre Aussagen anzuzweifeln.
Aggressives Verhalten
- Angst und Überforderung: Auslöser für Wutausbrüche und aggressives Verhalten sind oft die erschwerten Lebensbedingungen und die daraus resultierende Angst.
- Vorbeugung: Finden Sie die Anlässe für das aggressive Verhalten heraus und beseitigen Sie sie, wenn möglich. Ablenkung kann eine sinnvolle Strategie sein.
- Deeskalation: Bleiben Sie gelassen und versuchen Sie, die betroffene Person zu beruhigen. Achten Sie auf Ihre Sicherheit.
Alltag erleichtern und Miteinander gestalten
Die Diagnose Demenz verändert das Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Es gibt jedoch Wege, den Alltag zu erleichtern und ein stabiles Miteinander zu schaffen.
Kommunikation und Routinen
- Klare Sprache: Sprechen Sie langsam und deutlich, verwenden Sie einfache Sätze und vermeiden Sie komplizierte Begriffe.
- Vertraute Abläufe: Halten Sie sich an vertraute Abläufe wie Aufstehen, Frühstücken, Anziehen oder Duschen.
- Angenehme Aktivitäten: Bauen Sie täglich Aktivitäten ein, die guttun, wie Spaziergänge, soziale Kontakte oder Hobbys.
- Behutsame Vorbereitung: Bereiten Sie Aktivitäten, die Angst auslösen könnten, behutsam und in kleinen Schritten vor.
Orientierung und Schlaf
- Tagesstruktur: Eine klare Tagesstruktur mit Tageslicht, frischer Luft und festen Abläufen am Tag sowie Ruhe und gedimmtem Licht am Abend kann helfen, Orientierung zu geben.
- Schlafqualität: Achten Sie auf eine gute Schlafqualität.
Ernährung
- Essverhalten: Eine Demenzerkrankung kann das Ess- und Trinkverhalten verändern. Achten Sie auf eine ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr.
- Ruhige Umgebung: Eine ruhige Umgebung, feste Essenszeiten und vertrautes Geschirr geben Orientierung.
Körperpflege
- Sinnesüberlastung: Vermeiden Sie Sinnesüberlastung durch laute Geräusche, helles Licht oder intensive Düfte.
- Zeit nehmen: Menschen mit Demenz brauchen oft mehr Zeit zum Anziehen. Ermutigen Sie sie dennoch, sich selbst anzuziehen.
- Kleidungsauswahl: Halten Sie das Angebot klein und wählen Sie leicht kombinierbare Kleidung.
Technische Hilfsmittel und Anpassungen
Technische Geräte gehören heute selbstverständlich zu unserem Alltag. Richtig eingesetzt können sie auch Menschen mit Demenz dabei helfen, länger selbstbestimmt zu leben und gleichzeitig die dafür notwendige Sicherheit erhöhen.
Sicherheit im Haushalt
- Automatische Abschaltung: Achten Sie bei neuen Haushaltsgeräten auf eine Abschaltautomatik (z.B. Bügeleisen, Herd).
- Herdsicherungen: Installieren Sie Herdsicherungen, die den Herd automatisch abschalten.
- Rauchmelder: Installieren Sie Rauchmelder in der Wohnung und koppeln Sie diese ggf. mit einem Hausnotrufsystem.
Kommunikation
- Telefone mit großen Tasten: Verwenden Sie Telefone mit großen Tasten und Kurzwahlnummern.
- Seniorenhandys: Nutzen Sie Seniorenhandys mit wenigen Funktionen und festen Notrufnummern.
Orientierung
- Personenortungssysteme: Nutzen Sie Systeme zur Personenortung, um Menschen mit Demenz, die sich verirrt haben, schnell wiederzufinden.
Weitere Hilfsmittel
- Sprechende Uhren: Verwenden Sie sprechende Uhren, die die Uhrzeit, das Datum und den Wochentag ansagen.
- Große Kalender: Nutzen Sie große Kalender, auf denen der jeweilige Tag deutlich markiert werden kann.
- Digitale Kalender und Uhren: Verwenden Sie digitale Kalender mit großen Ziffern.
Sprachassistenzsysteme
Sprachassistenzsysteme wie Alexa, Google Assistant oder Siri können Menschen mit Demenz im Alltag unterstützen.
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- Anwendungsmöglichkeiten: Zugriff auf digitale Kalender und Aufgabenlisten, Abrufen von Wissen, Abspielen von Musik oder Radioprogrammen, Versenden von Nachrichten, Vereinfachung der Videotelefonie, Steuerung von Smart-Home-Geräten.
- Vorteile: Unterstützung der Selbstständigkeit, Erhöhung der Teilhabemöglichkeiten, Unterhaltung, größeres Sicherheitsgefühl.
- Bedenken: Datenschutz, ethische Überlegungen zur Überwachung, Gefährdung von Selbstständigkeit und Teilhabe.
Beschäftigung und Aktivierung
Zur Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz gehört auch die gezielte Beschäftigung mit Spielen oder anderen Tätigkeiten.
Grundsätze
- Stadium der Demenz beachten: Überforderung bewirkt negative Reaktionen.
- Persönliche Vorlieben berücksichtigen: Die Beschäftigung sollte Spaß machen.
- Entscheidung respektieren: Lassen Sie es zu, wenn der Erkrankte nicht selbst aktiv werden möchte.
- Fehler tolerieren: Schimpfen Sie auf keinen Fall, wenn etwas nicht funktioniert.
Beispiele für Beschäftigungen
- Kunstbetrachtung: Der Umgang mit Kunst schafft Raum für Kommunikation und stärkt das Selbstbewusstsein.
- Haus- und Gartenarbeit: Kleinere Arbeiten in Haus oder Garten sind leicht umsetzbar und naheliegend.
- Kreative Tätigkeiten: Der Umgang mit unterschiedlichen Materialien aus der Natur oder dem Bastelladen kann Freude bereiten.
- Musik hören und singen: Bekannte Schlager aus der Jugendzeit stimulieren fröhliche Erinnerungen und hellen die Stimmung auf.
- Erinnerungsalben: Das Wecken von Erinnerungen mit Erinnerungsalben trägt zum Wohlbefinden bei und stärkt die Identität.
- Vorlesen: Vorlesen kann für Menschen mit Demenz genauso aktivierend sein wie Kopfrechnen für einen gesunden Menschen.
- Bewegung: Spaziergänge und Ausflüge regen den Kreislauf an, fördern Sinneserfahrungen und bringen Freude.
- Berührung: Menschen mit Demenz, die Sie über Worte und Gesten nur noch schwer erreichen können, lassen sich manchmal leichter durch Berührung aktivieren.
- Spiele: Es gibt Spiele, die speziell für Demenzerkrankte entwickelt wurden, sowie herkömmliche Spiele, die von Kindheit an vertraut sind.
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