Genesung nach Polytrauma mit Schädel-Hirn-Trauma: Ein umfassender Leitfaden

Ein schwerer Unfall kann das Leben von Betroffenen und ihren Familien schlagartig verändern. Besonders einschneidend sind Polytraumata, bei denen mehrere Verletzungen gleichzeitig auftreten, wie Knochenbrüche, Organverletzungen oder Schäden an Kopf und Wirbelsäule. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Wege zur Genesung nach einem Polytrauma mit Schädel-Hirn-Trauma (SHT).

Was ist ein Polytrauma?

Von einem Polytrauma spricht man, wenn mehrere Körperregionen oder Organsysteme gleichzeitig schwer verletzt sind und mindestens eine dieser Verletzungen oder die Kombination mehrerer Verletzungen lebensbedrohlich ist. Laut dem Jahresbericht 2023 des TraumaRegisters der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) erlitten 2022 insgesamt 30.806 Menschen in Deutschland schwere Verletzungen.

Ursachen eines Polytraumas

Unfälle, die zu einem Polytrauma führen, passieren häufig im Straßenverkehr, wobei auch Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern eingeschlossen sind. Besonders gefährlich sind Unfälle mit hoher Geschwindigkeit sowie Kollisionen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Weitere Ursachen sind Stürze aus großer Höhe, Arbeitsunfälle, Freizeitaktivitäten und Gewaltverbrechen.

Schweregrad eines Polytraumas

Zur Abschätzung des Schweregrades der Verletzung gibt es ein Punktesystem, den Injury Severity Score (ISS). Ab einem Punktwert von 16 spricht man von einer schwerverletzten Person. Zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung wird die Glasgow Coma Scale (GCS) verwendet.

Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Verletzung des Kopfes mit Beteiligung des Gehirns infolge einer Gewalteinwirkung. Es ist eine relativ häufige Verletzung, wobei Schätzungen von einer Inzidenz von 200 bis 350 Fällen pro 100.000 Einwohnern pro Jahr ausgehen. Ärzte teilen ein SHT in drei Schweregrade ein und unterscheiden zwischen einem geschlossenen und einem offenen SHT.

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Ursachen und Risikofaktoren für ein SHT

In den meisten Fällen ist ein SHT die Folge eines Unfalls. Häufige Ursachen sind Stürze beim Sport ohne Schutzhelm, etwa beim Fahrrad- oder Skifahren oder bei der Arbeit. Schätzungsweise ein Drittel der Schädel-Hirn-Verletzungen gehen auf das Konto von Verkehrsunfällen. Dabei weist jeder dritte Betroffene weitere Verletzungen auf - Mediziner sprechen dann von einem Polytrauma.

Diagnose eines SHT

Oft weist bereits der Unfallhergang auf ein mögliches SHT hin. Im Rahmen einer neurologischen Untersuchung prüft der Arzt unter anderem, ob die betreffende Person ansprechbar und orientiert ist. Mithilfe bildgebender Verfahren wie einer Röntgenuntersuchung oder der Computertomografie (CT) lassen sich Frakturen von Schädelknochen und Schädelbasis gut erkennen.

Schweregradeinteilung nach der Glasgow Coma Scale (GCS)

Die Einteilung der initialen Beeinträchtigung, die sich im klinischen Gebrauch durchsetzen konnte, ist die Schweregradeinteilung nach der Glasgow Coma Scale (GCS). Im Rahmen der Glasgow Coma Scale werden folgende 3 Aspekte berücksichtigt: Augenöffnung, verbale Kommunikation und motorische Reaktion werden separat untersucht. Die maximale Punktzahl beträgt 15, die minimale 3.

Erstversorgung und Akutbehandlung

Die Behandlung der Schwerverletzten erfolgt in verschiedenen Stufen. Die erste Phase beginnt an der Unfallstelle durch den Rettungsdienst.

Notfalltherapie am Unfallort

Das Ziel dieser ersten Behandlung ist es, den Verletzten lebend in eine geeignete Klinik zu bringen. Im Vordergrund steht immer die Behandlung von unmittelbar lebensbedrohlichen Unfallfolgen. Durch den Rettungsdienst/Notärzte erfolgt die erste Versorgung an der Unfallstelle. Hierzu zählen die Sicherung der Atmung, die Aufrechterhaltung eines Kreislaufs, das Stillen von Blutungen, die Versorgung offener Wunden und die Schmerzmittelgabe.

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Versorgung im Schockraum

Jeder polytraumatisierte Patient kommt zunächst in den sogenannten Schockraum. Hier entscheidet sich, wie die Schwerverletzten weiter behandelt werden. Bei Ankunft des Patienten wartet bereits ein Team von Ärzten, die vor der Ankunft alarmiert wurden. Der Patient wird von Ärzten unterschiedlicher Fachbereiche gleichzeitig untersucht und behandelt. Ziel dieser Behandlungsstufe ist es, alle Verletzungen des Patienten zu erkennen und die lebenswichtigen Funktionen des Patienten weiter zu stabilisieren.

Die erste Operations-Phase

Ziel der ersten Operations-Phase ist die Behandlung lebensbedrohlicher Verletzungen. Akut lebensbedrohliche Verletzungen müssen zuerst versorgt werden. Hierzu zählen unter anderem starke Blutungen, Einblutungen in das Gehirn oder bestimmte Verletzungen des Brustraums und damit der Lunge. Liegt eine Schädel-Hirn-Verletzung vor, muss ebenfalls in den meisten Fällen sofort operiert werden.

Intensivtherapie und Rehabilitation

Nach dieser ersten Akutphase folgt die Intensivtherapie und langfristige Rehabilitation.

Intensivmedizinische Behandlung

Zunächst wird der Patient intensivmedizinisch behandelt, dazu wird er bei langer Beatmungsdauer durch ein künstliches Koma tracheotomiert. Nach dem Aufenthalt auf einer Intensivstation, findet die Behandlung auf einer Station für Frührehabilitation statt.

Rehabilitation

Für die Genesung der Hirnpatienten und das Wiedererlangen von Hirnleistungen ist eine multiprofessionale Zusammenarbeit erforderlich. Zudem ist bei der oft langen Heilungsdauer die Ausdauer der Patienten und ihrer Angehörigen wichtig. Bei allen Stadien der Rehabilitation spielt das soziale Umfeld des Patienten und die damit verbundene Unterstützung und Motivation eine große Rolle.

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Mögliche Folgen eines Polytraumas mit SHT

Wer ein Polytrauma überlebt, sieht sich mit enormen Herausforderungen konfrontiert, denn die Folgen sind oft komplex und betreffen die körperliche, psychische und soziale Ebene.

Typische körperliche Folgen

Bewegungseinschränkungen, chronische Schmerzen, Nervenläsionen, Organfunktionsstörungen.

Psychische Belastungen

Viele Betroffene entwickeln eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und leiden unter Angstzuständen, Schlaflosigkeit oder Depressionen. Hinzu kommt die zusätzliche Belastung durch die körperliche Genesung.

Berufliche und soziale Auswirkungen

Längere Arbeitsunfähigkeit, Umschulungen, Isolation oder Konflikte in der Partnerschaft sind häufig. Viele verlieren das Vertrauen in ein normales Leben.

Spätfolgen eines SHT

Herausfordernd ist die anschließende weitere ambulante Anbindung, denn meist bleiben einzelne Symptome wie Kopfschmerzen, Tinnitus, Schwindel, Nackenschmerzen oder auch Konzentrationsstörungen nach einem Schädelhirntrauma bestehen. Meist sind nach einem schweren Schädelhirntrauma jedoch auch noch gravierendere Folgeschäden vorhanden. Eine posttraumatische Epilepsie muss neurologisch behandelt werden. Zudem konnte gezeigt werden, dass auch endokrine Störungen durch Verletzungen der Hypophyse häufiger auftreten als bei der Vergleichsgruppe. Diese können sich in Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Libidoverlust manifestieren.

Rechtliche Ansprüche nach einem Polytrauma

Viele kennen ihre Ansprüche nicht oder scheuen sich, sie durchzusetzen. Dabei schützt Sie das Gesetz. Nach einem fremdverschuldeten Unfall stehen Ihnen unter anderem folgende Leistungen zu:

  • Schmerzensgeld: Ein Polytrauma verursacht nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen Schmerz. Die Höhe des Schmerzensgelds hängt vom Einzelfall ab.
  • Behandlungskosten und künftige Therapien: Operationskosten, Reha-Maßnahmen und psychologische Unterstützung: Alle medizinisch notwendigen Ausgaben müssen ersetzt werden.
  • Verdienstausfall und Rentenersatz: Wenn Sie wegen der Verletzungen nicht mehr arbeiten können, haben Sie Anspruch auf Ersatz für den Verdienstausfall - auch für zukünftige Rentenlücken oder verpasste Karriereschritte.
  • Haushaltsführung und Pflegeaufwand: Wenn Sie Haushalt, Kinder oder persönliche Versorgung nicht mehr eigenständig bewältigen, können Sie Unterstützung beanspruchen - etwa durch Haushaltshilfen, Pflegekräfte oder betreuende Angehörige.
  • Umbaukosten für Wohnung und Fahrzeug: Ein barrierefreies Zuhause kostet schnell Zehntausende Euro. Dazu zählen der Umbau von Bad, Eingang und Fahrzeug.

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