Die Diagnose Hirntumor ist ein Schock für Betroffene und Angehörige. Die Angst ist groß, zumal die Folgen ohne Behandlung zu Nervenausfällen, Wesensveränderungen und schließlich bis hin zum Tod führen können. Dieser Artikel beleuchtet den Verlauf der Genesung nach einem Hirntumor, die verschiedenen Behandlungsansätze und die langfristigen Perspektiven für Betroffene.
Die Diagnose Hirntumor
Ein Hirntumor ist eine Geschwulst innerhalb des Schädels. Im Jahr 2016 erkrankten laut Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts ungefähr 3.460 Frauen und 3.970 Männer in Deutschland an einem Hirntumor.
Arten von Hirntumoren
Zunächst unterscheidet man primäre von sekundären Hirntumoren. Primäre Hirntumoren entwickeln sich direkt aus Zellen der Gehirnsubstanz oder der Hirnhaut. Sekundäre Hirntumoren entstehen, wenn Zellen aus anderen Organtumoren ins Gehirn gelangen und hier eine Tochtergeschwulst bilden (Hirnmetastasen).
Primäre Hirntumoren werden nach verschiedenen Kriterien unterteilt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) untergliedert die einzelnen Geschwülste danach, von welchem Gewebe sie abstammen und inwieweit der Gehirntumor bösartig oder gutartig ist. Zu den wichtigsten primären Hirntumoren zählen:
- Gliome: Sie stammen von den Stützzellen des ZNS ab (z.B. Astrozytom, Oligodendrogliom und Glioblastom).
- Ependymome: Sie bilden sich aus Zellen, die die inneren Hirnkammern auskleiden.
- Medulloblastome: Sie bilden sich im Kleinhirn und sind der wichtigste Hirntumor bei Kindern.
- Neurinome: Sie gehen von Hirnnerven aus (Schwannome).
- Meningeome: Sie entwickeln sich aus der Hirnhaut.
- ZNS-Lymphome: Sie bilden sich aus einer Zellgruppe der weißen Blutzellen.
- Keimzelltumoren: Zu ihnen zählen das Germinom und das Chorionkarzinom.
- Gehirntumoren der Sellaregion: Diese Geschwülste sind an der Sella turcica zu finden, wo sich normalerweise die Hypophyse befindet (Hypophysenadenom und Kraniopharyngeom).
Ursachen und Risikofaktoren
Bei primären Hirntumoren ist die Ursache meist unklar. In manchen Fällen ist der Auslöser eine Erbkrankheit wie Neurofibromatose oder tuberöse Sklerose. ZNS-Lymphome entwickeln sich häufiger bei Patienten mit einem stark geschwächten Immunsystem. Der einzige bisher bekannte Risikofaktor für einen Hirntumor ist die Bestrahlung des Nervensystems.
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Symptome
Viele Hirntumore sind heute gut behandelbar. Durch Kompression oder Zerstörung von Nachbarstrukturen können sie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Sprachstörungen und andere Symptome verursachen.
Diagnose
Der richtige Ansprechpartner bei einem Hirntumor ist ein Neurologe. Im Zuge der Diagnose erhebt er präzise die Krankengeschichte (Anamnese) und führt eine neurologische Untersuchung durch. Weitere Untersuchungen sind:
- Computertomografie (CT)
- Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT)
- Elektroenzephalografie (EEG)
- Nervenwasseruntersuchung (Liquorpunktion)
- Gewebeentnahme (Biopsie)
Behandlungsstrategien bei Hirntumoren
Die Behandlung eines Hirntumors ist individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter der Art des Tumors, seiner Größe, seiner Lage und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten. Grundsätzlich gibt es drei Hauptsäulen der Behandlung: Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie.
Operation
Häufig ist eine Hirntumor Operation die beste Chance auf Heilung oder Verbesserung der Lebensqualität. Ziel der Operation ist die vollständige Entfernung des Tumors. Wann ein Hirntumor durch eine Operation behandelt wird oder werden muss, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zu den häufigsten Ursachen, die eine Hirntumor-Operation nötig machen, zählen die bösartigen Tumoren. Auch bei gutartigen Hirntumoren wie Meningeomen kann eine Operation oder Bestrahlung notwendig werden, wenn durch die Ausbreitung des Tumors wichtige Hirnfunktionen gestört werden.
Moderne Operationstechniken
Da die Hirntumor-Operation in einem eng begrenzten Raum, dem menschlichen Schädel stattfindet, muss bei der Navigation in diesem Raum äußerste Sorgfalt und Präzision herrschen. Zur Hilfe des Operationsteams wurden daher verschiedene Verfahren entwickelt:
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- Neuronavigation: Aus den Bilddaten (CT, MRT, Ultraschall, Angiographie) wird ein dreidimensionales Abbild des Gehirns zusammengesetzt. Innerhalb dieses Abbilds kann der Operateur schon vor der Operation gefährliche Bereiche markieren und den besten Zugangsweg erörtern.
- Fluoreszenzgestützte Resektion: Einige Stunden vor der Operation wird ein bestimmtes Mittel eingenommen, welches sich in bestimmten Tumoren absetzt. Während der Operation fluoresziert das Medikament dann mittels Blaulicht (die Tumorzellen beginnen zu leuchten). Eine Methode, die in Erlangen eingeführt wurde, ist die 5-ALA-Fluoreszenz-Mikroskopie. Ein vor dem Eingriff getrunkenes Medikament reichert sich dabei in Krebszellen an und lässt sie unter dem OP-Mikroskop rot-violett leuchten. So sind sie besser sichtbar und von gesundem Gewebe gut zu unterscheiden.
- Neuromonitoring: Hierbei wird durchgehend die Funktionsfähigkeit verschiedener Hirnnerven überprüft sowie die sensiblen und motorischen Bahnen die vom Gehirn ausgehen. Im Falle einer drohenden Schädigung kann innerhalb kürzester Zeit der Ort der Schädigung gefunden und weiterer Schaden verhindert werden.
Ziele und Erfolgsaussichten der Operation
Tumoren, die von Hirnzellen selbst ausgehen, können sich tief im Hirngewebe verteilen, hier kann entsprechend der Abgrenzbarkeit der Geschwülste nicht immer eine vollständige Entfernung gelingen. Die Strategie muss immer sein, unter optimaler Erhaltung der Hirnfunktionen die Geschwulst vollständig oder weitestgehend zu entfernen und damit die Voraussetzung für eine unterstützende Nachbehandlung mit Strahlen- oder Chemotherapie zu verbessern. Außerdem ist die Gewinnung einer möglichst großen Tumorprobe für die feingewebliche Untersuchung sehr wertvoll, da es mittlerweile möglich ist, Hirntumoren nach ihren biologisch-immunologischen Eigenschaften gezielt zu behandeln.
Bei gutartigen Geschwülsten, z.B. Meningeomen, gelingt meist eine vollständige und dauerhafte Entfernung. Bösartige, aus dem Hirngewebe selbst entstehende Tumoren, z.B. das Glioblastom, neigen trotz genauer Beachtung der operativen Tumorgrenzen zum Nachwachsen im umgebenden, bis dahin gesunden Hirngewebe. Deshalb benötigen sie eine gezielte Nachbehandlung mit Strahlentherapie, Chemotherapie und gelegentlich Alternativmethoden.
Strahlentherapie
Die Strahlentherapie wird meistens entweder zusätzlich angewandt oder wenn der Tumor chirurgisch nicht zu erreichen ist, lebenswichtige Hirnbereiche betroffen sind oder der Patient zu alt und krank ist, um eine Gehirnoperation zu überstehen. Durch die Möglichkeit der stereotaktischen Bestrahlung können heute auch viele Hirntumore erfolgreich bestrahlt werden, ohne das eine Operation notwendig ist.
Chemotherapie
Die Chemotherapie kann in Kombination mit einer Operation und/oder Strahlentherapie eingesetzt werden, um verbleibende Tumorzellen abzutöten oder das Wachstum des Tumors zu verlangsamen.
Rehabilitation und Nachsorge
Bereits während des Krankenhausaufenthaltes im Rahmen der Hirntumor Operation sollte mit den behandelnden Ärzten über Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer stationären neuroonkologischen Rehabilitation gesprochen werden. Speziell ausgebildetes Fachpersonal kann in der neurologischen Rehaklinik am besten auf die Folgen der Erkrankung und Operation eingehen. Die Therapie richtet sich nach den Beeinträchtigungen wie Lähmungen, Gleichgewichtsstörungen, Feinmotorikstörungen, Sprachbeeinträchtigungen oder geistige Leistungsbeeinträchtigungen.
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Nachdem die Akutbehandlung abgeschlossen ist, ist eine regelmäßige Nachsorge wichtig, da sich der Tumor bis zu zehn Jahre danach wieder zeigen kann. Die Nachsorge besteht aus Lumbalpunktionen in regelmäßigen Abständen und MRTs von Kopf und Wirbelsäule.
Langzeitfolgen und Bewältigungsstrategien
Viele Patienten sind auch nach erfolgreicher Behandlung mit Langzeitfolgen konfrontiert. Tumorbedingte Spätfolgen können entstehen, wenn der Tumor Raum innerhalb des Schädels einnimmt, auf benachbarte Gehirn- oder Rückenmarksstrukturen drückt und sie dadurch schädigt. Diese Spätfolgen können dazu führen, dass die Entwicklung sowie die Alltagsteilhabe und Alltagsaktivität der Betroffenen eingeschränkt sind.
Mögliche Langzeitfolgen sind:
- Neurologische Ausfälle: Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisstörungen, Konzentrationsprobleme
- Endokrine Störungen: Hormonelle Störungen durch Schädigung der Hypophyse
- Psychische Belastungen: Angst, Depression, Fatigue
Bewältigungsstrategien
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und des Gleichgewichts
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Alltagskompetenzen
- Logopädie: Zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen
- Neuropsychologische Therapie: Zum Training kognitiver Funktionen
- Psychotherapie: Zur Bewältigung psychischer Belastungen
Unterstützung durch Selbsthilfegruppen
Krebs-Selbsthilfegruppen sind nach der Akutbehandlung häufig erste und wichtige Anlaufstellen für Patienten. Aus dem Erfahrungs- und Gedankenaustausch mit Gleichbetroffenen können Patienten Mut und Zuversicht schöpfen.
Fallbeispiele und persönliche Geschichten
Valentin's Geschichte: Valentin erhielt mit 16 Jahren die Diagnose Hirntumor. Entgegen aller Erwartungen besiegte er den Krebs und ist heute Medizinstudent. Seine Geschichte beginnt 2012, als er Sehstörungen bemerkte. Es folgten Übelkeit und Schwindel. Nach einer Operation und anschließender Bestrahlung und Chemotherapie gilt er nun nach 10 Jahren offiziell als geheilt. Er betont, wie wichtig es ist, niemals aufzugeben, auch wenn die Chance gering erscheint.
Markus B.'s Geschichte: Markus B. erfuhr zufällig von seinem Hirntumor, als er wegen eines Schlüsselbeinbruchs untersucht wurde. Ein Oligodendrogliom wurde entdeckt und operativ entfernt. Nun folgen Bestrahlung und Chemotherapie. Er ist dankbar für die frühe Entdeckung und die erfolgreiche Operation.
Leben nach der Diagnose
Die Diagnose Hirntumor ist schwerwiegend. Aber… Ich weiß, dass meine Zeit begrenzter ist als zuvor, das gibt mir die Möglichkeit mein Leben bewusster zu gestalten und zu genießen. Zumal wir im Prinzip tagtäglich in Ungewissheit und der Unausweichlichkeit der Endlichkeit leben, ob krank oder gesund.
Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen. Kleine Schritte, viel Geduld und so. Hört sich total nervig an, aber jetzt nach 2 Jahren denke ich, es ist wirklich so. Und es tut sich heute immer noch was.
Wie Dani in der Italien-/Hollandreise-Geschichte sagt: Manchmal plant man eine Reise nach Italien, landet aber in Holland. Es ist nur anders als Italien. Sprache lernen, und du triffst andere Menschen, welche du in Italien nie getroffen hättest. Es ist aber nur ein anderer Ort, langsamer als Italien, nicht so auffallend wie Italien. schaust du dich um und siehst, dass Holland Windmühlen hat… Holland hat auch Tulpen… Holland hat sogar Rembrandts. Italien zu gehen.
Spezialisten und Kliniken
Wer eine Hirn Operation benötigt, möchte für sich die beste medizinische Versorgung. Darum fragt sich der Patient, wo finde ich die beste Klinik für eine Hirntumor OP oder beste Neurochirurgie? Da diese Frage objektiv nicht zu beantworten ist, kann man sich nur auf die Erfahrung eines Arztes verlassen. Je mehr Gehirn-Operationen ein Arzt durchführt, desto erfahrener wird er in seinem Spezialgebiet. Somit sind Spezialisten für Gehirnoperationen, Neurochirurgen mit langjähriger Erfahrung in einer neurochirurgischen Klinik.
An einem Neuroonkologischen Zentrum gibt es ein interdisziplinäres Team mit viel Erfahrung, das im Tumorboard die beste Entscheidung im Sinne einer Patientin bzw. eines Patienten trifft.
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