Genie und Wahnsinn: Eine synaptische Perspektive

Die Verbindung zwischen außergewöhnlicher Kreativität und psychischen Störungen fasziniert seit Jahrhunderten. Zahlreiche geniale Menschen litten im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung. Doch lässt sich ein überzufälliges Zusammentreffen von "Genie" und "Wahnsinn" auch mit den Methoden der modernen Neurowissenschaften bestätigen? Dieser Artikel beleuchtet die Forschungsergebnisse, die diese komplexe Beziehung aus neurowissenschaftlicher Sicht untersuchen.

Die Suche nach den neuronalen Grundlagen von Genie und Wahnsinn

Die Neurowissenschaften haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie das Gehirn unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflusst. Eine verbreitete Sicht auf den Menschen schreibt unser Denken, Fühlen und Verhalten dem Gehirn zu. Es ist dieses Organ, das uns befähigt, reflektierte Entscheidungen zu treffen, aber auch etwas gänzlich Unerwartetes zu tun oder sogar sehr irrational zu handeln. Was (und wo) ist der mentale "Raum", in dem all dies stattfindet? Wie ist er entstanden? Können wir von der Struktur unseres Gehirns auf die Eigenschaften geistiger oder seelischer Prozesse schließen? Und schließlich: Wie kann aus diesen Prozessen etwas gänzlich Neues entstehen, das wir nie zuvor erlebt oder gelernt haben?

Die Hirnforschung hat Antworten: überraschend, irritierend, hilfreich - und lustig? Durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) und die Magnetoenzephalographie (MEG) können Forscher die Aktivität verschiedener Hirnregionen während unterschiedlicher kognitiver Prozesse messen. Ein wichtiges bildgebendes Verfahren ist die sogenannte funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), eine Sonderform der gewöhnlichen MRT. Der Proband liegt dabei in einer langen Röhre, in der ein Magnetfeld erzeugt wird. Bei der fMRT messen die Forscher zusätzlich den Sauerstoffgehalt des Bluts im Gehirn. Dadurch machen sie sichtbar, wie und wo das Gehirn gerade arbeitet. Bei der Magnetoenzephalographie (MEG) messen Forscher über Sensoren die feinen elektrischen Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn. Auf den dadurch entstehenden Bildern können sie erkennen, wie stark bestimmte Teile des Gehirns beansprucht werden. So lässt sich schnell feststellen, ob ein Proband bei einem Experiment starke Gefühle entwickelt, ob er sich Bilder vorstellt oder viel nachdenken muss.

Diese Methoden ermöglichen es, Korrelationen zwischen bestimmten Hirnstrukturen, neuronalen Netzwerken und kreativen oder psychisch beeinträchtigten Zuständen zu identifizieren. Trotz solcher Experimente ist die Wissenschaft aber weit entfernt davon, den Inhalt unseres Bewusstseins auslesen zu können. Wie das Gehirn als Organ funktioniert, unterscheidet sich vollkommen davon, wie wir uns selbst wahrnehmen, wie wir denken und fühlen. Im Gehirn selbst gibt es keine Bilder oder Farben, sondern wie in einem Computer nur bestimmte Schaltzustände. Zwar gehen die meisten Hirnforscher davon aus, dass sich im Prinzip auch die Inhalte zum Beispiel eines gedachten Bildes von außen erkennen lassen können.

Epidemiologische und genetische Verbindungen

In epidemiologischen und genetischen Studien finden sich tatsächlich Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und Kreativität, mit den besten Belegen für Patienten mit bipolarer Störung. Diese Studien legen nahe, dass bestimmte genetische Variationen, die das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, auch mit erhöhter Kreativität in Verbindung stehen könnten. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um Korrelationen handelt und nicht um einen direkten Kausalzusammenhang.

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Synaptische Dysfunktion bei Autismus-Spektrum-Störungen

Autistische Merkmale treten bei Gesunden und Kranken auf, wobei krankheitsrelevante Ausprägungen, sogenannte Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) sich am äußersten Ende eines Kontinuums befinden. Wie Mutationen synaptischer oder Synapsen regulierender Gene zeigen, konvergieren ASD Ätiologien an der Synapse. Resultat ist eine Synaptopathie als gemeinsame Endstrecke. Monogenetische Konstellationen sind aber nur für ca. 15% der ASD-Fälle verantwortlich. Den meisten autistischen Phänotypen beim Menschen liegt eher eine Koinzidenz unglücklicher, "proautistischer", genetischer Normvarianten zugrunde. Hinzu kommt der modulierende Beitrag von Umweltfaktoren. Die Ähnlichkeit des Verhaltens- und Ausdrucksrepertoires z.B. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Störungen in der synaptischen Funktion eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Autismus-Spektrum-Störungen spielen könnten.

Die Rolle von Neurotransmittern

Die Forschung hat gezeigt, dass Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin eine wichtige Rolle bei Kreativität und psychischen Störungen spielen. Beispielsweise wird ein erhöhter Dopaminspiegel im Zusammenhang mit gesteigerter Kreativität und Innovationsfähigkeit gebracht. Andererseits können Ungleichgewichte im Dopamin- und Serotonin-System zu psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie und Depressionen führen.

Die Herausforderung der Definition von "Normalität"

Die vielzitierte Nähe von Genie und Wahnsinn stellt die klassische Konzeption von Krankheiten vor einige Herausforderungen. Während wir Genies als besonders kreative Menschen beschreiben können, scheint zu viel Kreativität irgendwann in eine Krankheit umzuschlagen. Nach einer gängigen Vorstellung sind Krankheiten Abweichungen von einer Norm. Versteht man diese Norm als rein statistische Norm (also als Durchschnittswert), müssten Genies und Wahnsinnige gleichermaßen krank sein. Versteht man die Norm aber im Sinne eines optimalen Funktionierens, muss man die Funktionen von Gedanken angeben, was aus vielerlei Gründen alles andere als trivial ist. Darüber hinaus wäre kaum zu erklären, warum Menschen mit etwas zu viel Kreativität krank sind, Menschen mit etwas zu wenig aber nicht. Der Grat zwischen "noch normal" und "schon krank" ist eben nicht schmal, sondern im Gegenteil, breit und dazu auch noch kontextabhängig. Denn in bestimmten Kontexten kann es von Vorteil sein, krank zu sein und anders als Gesunde zu handeln.

Fallbeispiele und künstlerische Kreativität

Große Genies und ihre Krankheiten: Robert Schumann litt unter Depressionen und - möglicherweise - unter Wahnvorstellungen. Steht sein in diesen Jahren komponiertes Violinkonzert erkennbar unter dem Schatten dieser Krankheiten? Sind die überragenden Bilder Vincent van Goghs, die Gedichte Friedrich Hölderlins oder die schauspielerische Genialität Klaus Kinskis ohne deren Krankheiten denkbar.

Die Rolle des Placebo-Effekts

Warum wirksame Pillen rot und bitter, Lebensmittel laktosefrei und Weine möglichst teuer sein müssen. Und warum Trump & Co. Warum wirken große Tabletten besser als mittlere, aber noch lange nicht so gut wie Spritzen? Was ist der Morbus Mohl und warum konnte er erst nach 40 Jahren ausgerottet werden? Warum vertragen immer weniger Menschen Laktose, Gluten und Handystrahlung? Es geht um den bekannten Placeboeffekt: wenn ein Medikament wirkt, obwohl es keinen Wirkstoff hat. Placebo ist, wenn eine Operation Beschwerden heilt, obwohl nur ein Hautschnitt gemacht wurde. Der Placeboeffekt beschreibt die Erfüllung einer positiven Erwartung. Aber es geht eben auch umgekehrt: Medizinische Erwartungen erfüllen sich auch, wenn sie negativ sind! Das hat Konsequenzen - für den Arzt in der Praxis. Unser Gehirn lässt sich täuschen, überall. In der Partnerwahl - bei der wir uns unterbewusst aus Gründen entscheiden, die wir bewusst niemals akzeptieren würden. Das Hirn lässt sich in der Medizin täuschen - beim bekannten Placeboeffekt: wenn ein Medikament wirkt, obwohl es keinen Wirkstoff hat. Placebo ist, wenn eine Operation Beschwerden heilt, obwohl nur ein Hautschnitt gemacht wurde. Der Placeboeffekt beschreibt die Erfüllung einer positiven Erwartung. Aber es geht eben auch umgekehrt: Medizinische Erwartungen erfüllen sich auch, wenn sie negativ sind! Und der Effekt hat längst auch einen Namen: Nocebo - „ich werde schaden“ (darüber habe ich ein Buch geschrieben).

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Innovation in der Hirnforschung

Je genauer die Forscher die Zentren der Hirnaktivität kennen, desto vielfältiger können sie auf diese einwirken. Das gilt in erster Linie für neuronale Erkrankungen, bei denen bestimmte Hirnareale geschädigt sind. So gelang es beispielsweise den Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum, allein durch den Einsatz einer speziellen Magnetspule den Tastsinn zu verfeinern: Sie regten den für dieses motorische Segment verantwortlichen Teil des Gehirns durch ein Magnetfeld von außen an. Hirnforscher koppeln die bildgebenden Verfahren außerdem mit künstlicher Intelligenz. Mithilfe der beiden Technologien wollen sie in Zukunft voraussagen, wie Krankheiten wie Parkinson bei Patienten verlaufen. Aber auch für gesunde Menschen gibt es in Zukunft womöglich eine Reihe von Anwendungen aus der Hirnforschung, die das tägliche Leben vereinfachen oder verbessern könnten. Ob aber je komplexeres Wissen oder Fähigkeiten per Knopfdruck implementiert werden können, ist fraglich. Theoretisch spricht nichts dagegen, wenn wir den Code des Gehirns genauer verstehen. Forscher stehen vor dem entscheidenden Durchbruch beim Öffnen der Blut-Hirn-Schranke - und könnten endlich Medikamente gezielt ins Hirn transportieren. Andere Forscher machen aus Gedanken Filme - bunt und in Echtzeit.

Gedächtnis und Lernen

Wie merkt man sich besser Namen? Adressen? Telefonnummern? Es ist eigentlich ganz einfach! Und es ist keine Frage des Alters! Es ist nur eine Frage der Technik. Und die kann man lernen. Dabei geht es um Fragen, die seit Jahrhunderten gestellt werden: Ist das Gehirn irgendwann voll? Oder lernt es sich gar leichter, wenn man schon viel weiß? Wo genau im Gehirn liegt das Gedächtnis? Vor allem aber: Wie schaffen es die so genannten Inselbegabten, eine Sprache in wenigen Tagen zu lernen oder ein Telefonbuch auswendig? Können wir das auch und wenn ja: wie? Welche Strategien gibt es, um die Leistung des Gehirns zu steigern? Das Erstaunliche: Das Gedächtnis lässt sich erheblich verbessern. Vor allem Ausdauertraining vergrößert messbar die Zahl der Nervenzellen im Gehirn und knüpft mehr Verbindungen. Sport steigert das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und das abstrakte Denken - und ist damit wirkungsvoller als das populäre Gehirnjogging! Aber es geht auch umgekehrt: Mentales Training im Kopf kann den Wettkampf von Leistungssportlern optimieren. Wer im Traum an seiner Schusstechnik feilt, gewinnt das Fußballmatch. Beim Schlafen und Träumen knüpft das Gehirn keine neuen Verbindungen (wie man bisher dachte) - es baut überflüssige ab und entsorgt die unnötigen Erinnerungen. Eine notwendige nächtliche Generalreinigung der Synapsen. Notwendig nicht nur für ein Supergedächtnis - für das es neue Techniken gibt!

Synästhesie: Eine besondere Form der Wahrnehmung

Ich sehe Geräusche, fühle Farben, schmecke Wörter: In meinem Gehirn sind Bereiche verknüpft, die eigentlich nicht zusammenarbeiten sollten. Ich bin Synästhetikerin. 16. Ich wurde oft gefragt: "Du siehst Farben, wenn du Musik hörst? Was ist bei mir anders, warum nehme ich akustische Eindrücke auf diese Art wahr? Synästhesie nennt man das neurologische Phänomen, das sich hinter der Hypersensibilität meiner Sinnesorgane verbirgt. Während der Großteil der Menschen auf Reize mit nur einem Sinn reagiert - Töne hören, Farben sehen, Gerüche riechen - feuern bei mir oftmals alle Synapsen durcheinander. Areale, die im Gehirn weit auseinander liegen, reagieren bei Synästheten gemeinsam: Wir sehen Geräusche, schmecken Farben, fühlen Buchstaben. Oft sind zwei, manchmal auch drei oder vier Sinne miteinander in Kontakt. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Kölner Universitätsklinik für Neurologie fanden vor einigen Jahren heraus, dass Synästheten mehr graue Gehirnsubstanz aufweisen als Nicht-Synästheten; unter anderem in dem Bereich, der für die Farbwahrnehmung zuständig ist. Nur eine Person unter tausend, hieß es lange, besitze diese Form der Wahrnehmung. Mittlerweile wird die Dunkelziffer aber weitaus höher eingeschätzt, rund vier Prozent aller Menschen könnten von Synästhesie betroffen sein, ohne es zu wissen.

Eric Kandel und die Erforschung des Gedächtnisses

Eric Kandel ist zweifelsohne ein fröhlicher Zeitgenosse - und ein bedeutender dazu: Der 83-jährige Amerikaner gehört zu den Pionieren der Gehirnforschung. Vielleicht wird Kandel deswegen häufig als „Rockstar der Neurowissenschaften“ bezeichnet. Kandel spricht gerne über seine Arbeit. Amerikaner kennen den Forscher mit dem Markenzeichen rote Fliege vor allem als Co-Moderator der populären Fernsehserie „The Brain“ mit TV-Legende Charles Rose. Solch ein „Feuern“ leitete Kandel künstlich ein, indem er den Zellen in unterschiedlichen Zeitabständen Elektroschocks verpasste und die Reaktion der Zellen - sprich: die Intensität und Dauer des weitergeleiteten Signals - mit Mini-Elektroden aufzeichnete. Doch was genau passiert in der Zelle im Moment des Lernens? Wie speichert sie diese neue Information? Sein Ergebnis: Wenn wir bestimmte Dinge einfach nicht vergessen können, zum Beispiel unsere erste Liebe, dann hat sich zwar nicht unser Kopf verdreht, aber es ist eine andere anatomische Veränderung eingetreten - das Gehirn hat eine neue Struktur bekommen. Unsere Nervenzellen haben neue Synapsen gebildet: Kontaktstellen zwischen den Zellen, über die Signale weitergeleitet werden. Dieser Vorgang findet im menschlichen Gehirn zunächst im Hippocampus statt, einer Region, deren Form an ein Seepferdchen erinnert. Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert etwas anders. Müssen oder wollen wir uns Dinge merken, die nur momentan wichtig sind - etwa, wo das Auto geparkt ist -, dann hinterlässt dieser Prozess keine dauerhafte biologische Veränderung im Gehirn.

Die Bedeutung der Hirnforschung für das Bildungssystem

Der Hirnforscher Gerhard Roth fordert mehr Offenheit im Bildungssystem. Der "Pisa-Schock", der vor zehn Jahren mit den ersten internationalen Schülervergleichstests über die Nation hereinbrach, hat viel bewirkt. Unter anderem führte er dazu, dass Bildung und die Bedingungen, unter denen in Deutschlands Schulen gelernt wird, seitdem wieder weit oben auf der Agenda des öffentlichen Diskurses stehen. Der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth, in Deutschland bekanntester Vertreter seines Faches, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem er einen großen Bogen über alle Bereiche schlägt, die für eine neurowissenschaftlich fundierte Unterrichtsdidaktik eine Rolle spielen müssten.

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