Die Diagnose Demenz ist für Betroffene und Angehörige oft ein einschneidendes Ereignis. Es ist wichtig, die Erkrankung in ihrer Komplexität zu verstehen und verschiedene Aspekte der Betreuung und Begleitung zu berücksichtigen. Neben medizinischen und pflegerischen Aspekten rücken zunehmend auch spirituelle Bedürfnisse in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Geriatrie, die Rolle der Spiritualität und gibt Einblicke in therapeutische und seelsorgerische Angebote für Menschen mit Demenz.
Geriatrie: Der ältere Mensch im Fokus
Die Geriatrie, auch Altersheilkunde genannt, befasst sich speziell mit den Erkrankungen älterer Menschen. Sie berücksichtigt altersbedingte Leistungsminderungen, Einschränkungen und die individuelle Lebenssituation des Patienten. Ein geriatrischer Patient ist oft durch altersbedingte Funktionseinbußen und chronische Erkrankungen gekennzeichnet, die eine umfassende und spezifische Behandlung erfordern. Die Geriatrie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl die körperlichen als auch die geistigen und sozialen Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt.
Im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende wurde beispielsweise das Geriatrische Zentrum 2024 erneut nach dem Qualitätsmanagementsystem QMS-REHA® zertifiziert, welches von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation anerkannt ist. Die Besonderheiten der Krankheitsverläufe älterer Menschen erfordern ein spezifisches Behandlungskonzept, das auf einer differenzierten und umfassenden Diagnostik basiert. Diese geriatrische Einschätzung dient dazu, die gesundheitliche Situation einer Patientin bzw. eines Patienten im Gesamten zu erfassen und zu bewerten.
Das therapeutische Team gewährleistet ein umfassendes geriatrisches Therapieangebot. Die jeweilige Ärztin bzw. der Arzt übernimmt die Leitung und Koordination und ist für die medizinische Betreuung zuständig. Ziel der therapeutischen Pflege ist es, den älteren Menschen behutsam zu aktivieren und ihm zu helfen, seine Alltagskompetenzen wiederzuerlangen. Dabei orientiert sich die Behandlung an spezifischen Ansätzen wie dem Bobath-Konzept.
Therapieangebote in der Geriatrie
Die Geriatrie bietet ein breites Spektrum an Therapieangeboten, um die Lebensqualität und Selbstständigkeit älterer Menschen zu verbessern. Dazu gehören:
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- Physiotherapie (Krankengymnastik): Fördert Kraft und Ausdauer, verbessert die Beweglichkeit, schult das Gleichgewicht, den festen Stand und das sichere Gehen. Bei Schlaganfallpatienten orientiert man sich ebenfalls am Bobath-Konzept. Bei Bedarf trainiert die Physiotherapie auch, mit Gehhilfen und Prothesen umzugehen. Ein modernes Bewegungsbad ermöglicht eine gelenkschonende Bewegungstherapie im Wasser. Medizinische Bademeister und Masseure behandeln zur allgemeinen Kräftigung, fördern der Beweglichkeit, lindern Schmerzen und regen den Stoffwechsel an.
- Ergotherapie: Kümmert sich um die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL). Sie trainiert Bewegungsabläufe, fördert die Fähigkeit zur Selbsthilfe und stärkt das Selbstvertrauen. Bei Störungen von Wahrnehmung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit betreut sie auch das Hirnleistungstraining.
- Logopädie: Behandelt Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen, die u.a. als Folge von Schlaganfällen auftreten können. Im intensivmedizinischen Bereich behandelt das logopädische Team Patientinnen und Patienten, die aufgrund von Langzeitbeatmung oder schwersten Schluckstörungen mit einer Trachealkanüle versorgt wurden. Ziel ist es, diese Kanüle abzutrainieren, sodass die Patientin bzw. der Patient wieder selbstständig atmen und schlucken kann.
- Neuropsychologie: Unterstützt die Diagnostik und Therapie bei Patientinnen und Patienten mit Hirnleistungsstörungen, Depressionen und demenziellen Syndromen. Sie diagnostiziert und rehabilitiert Erkrankungen, die die geistige Leistungsfähigkeit, das Befinden und das Erleben beeinträchtigt haben.
- Seelsorgerliche Begleitung: Sucht gemeinsam mit der Patientin bzw. dem Patienten nach Wegen, mit der Erkrankung umzugehen und neue Perspektiven zu finden.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen ist ein wesentlicher Bestandteil der geriatrischen Behandlung. Pflegekräfte arbeiten in einem therapeutischen Team eng zusammen mit Ärztinnen und Ärzten, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Ergotherapeutinnen und -therapeutinnen, der Neuropsychologie, Logopädie, Ernährungsberatung und dem Sozial- und Entlassmanagement.
Spiritualität bei Demenz: Mehr als nur Religion
Spiritualität ist ein vielschichtiger Begriff, der weit über religiöse Zugehörigkeit hinausgeht. Sie umfasst die Suche nach Sinn, Werten und Lebensqualität, die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und die Frage nach dem Woher und Wohin. Gerade im Alter und bei einer Erkrankung wie Demenz kann Spiritualität eine wichtige Ressource sein.
Für Menschen mit Demenz können sich spirituelle Bedürfnisse verändern oder neu in den Vordergrund treten. Fragen wie: "Wer bin ich?", "Wozu und für wen lebe ich?" und "Wohin gehe ich?" können eine größere Bedeutung gewinnen. Es geht darum, die eigene Identität und Würde zu wahren, auch wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen.
Aspekte spiritueller Begleitung bei Demenz
Spirituelle Begleitung von Menschen mit Demenz kann verschiedene Formen annehmen:
- Achtsame Kommunikation: Zuhören, Wertschätzung und Respekt sind grundlegende Elemente. Es geht darum, die Person hinter der Erkrankung zu sehen und ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.
- Rituale und Traditionen: Vertraute Rituale und Traditionen können Halt und Orientierung geben. Das können religiöse Praktiken wie Gebete oder Gottesdienstbesuche sein, aber auch weltliche Rituale wie das gemeinsame Singen von Liedern oder das Betrachten von Fotoalben.
- Naturerlebnisse: Der Aufenthalt in der Natur kann beruhigend und stärkend wirken. Spaziergänge im Garten, das Beobachten von Tieren oder das Betrachten von Pflanzen können positive Emotionen auslösen.
- Kreative Ausdrucksmöglichkeiten: Musik, Malen, Tanzen oder andere kreative Aktivitäten können helfen, Gefühle auszudrücken und die eigene Kreativität zu entfalten.
- Sinnesanregungen: Aromapflege, Basale Stimulation oder andere Formen der Sinnesanregung können helfen, die Wahrnehmung zu fördern und das Wohlbefinden zu steigern.
- Dignity Therapy: Eine psychologische Kurzintervention, die darauf abzielt, die Würde am Lebensende zu stärken.
Es ist wichtig, die spirituellen Bedürfnisse des Einzelnen zu erkennen und individuell darauf einzugehen. Dabei sollte man sich nicht auf religiöse Vorstellungen beschränken, sondern auch andere Aspekte wie Naturverbundenheit, soziale Beziehungen oder kreative Interessen berücksichtigen.
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Spirituelle Pflege als Teil der ganzheitlichen Betreuung
Spirituelle Pflege ist ein ganzheitliches Konzept, das darauf abzielt, die spirituellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu erkennen und zu unterstützen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der palliativen Betreuung, die darauf abzielt, die Lebensqualität von Menschen mit einer unheilbaren Krankheit zu verbessern. Die World Health Organisation (WHO) definiert Palliative Care als einen Ansatz, der die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien verbessert, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, und zwar durch Vorbeugung und Linderung von Leiden, durch frühzeitige Erkennung, untadelige Beurteilung und Behandlung von Schmerzen und anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.
In der Pflege von Menschen mit Demenz bedeutet dies, nicht nur die körperlichen Bedürfnisse zu erfüllen, sondern auch auf die seelischen und spirituellen Bedürfnisse einzugehen. Dies erfordert eine achtsame und respektvolle Haltung, die Bereitschaft zuzuhören und die Fähigkeit, sich in die Welt des Menschen mit Demenz einzufühlen.
Herausforderungen und Chancen
Die Betreuung von Menschen mit Demenz stellt hohe Anforderungen an alle Beteiligten. Es ist wichtig, sich der Herausforderungen bewusst zu sein, aber auch die Chancen zu erkennen, die in der Begegnung mit Menschen mit Demenz liegen.
Herausforderungen
- Kommunikationsschwierigkeiten: Die nachlassenden kognitiven Fähigkeiten können die Kommunikation erschweren. Es ist wichtig, alternative Kommunikationsformen zu finden und die nonverbalen Signale des Menschen mit Demenz zu verstehen.
- Verhaltensauffälligkeiten: Menschen mit Demenz können Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe, Aggression oder Angst zeigen. Es ist wichtig, die Ursachen dieser Verhaltensweisen zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.
- Belastung der Angehörigen: Die Betreuung eines Menschen mit Demenz kann sehr belastend sein. Es ist wichtig, Angehörige zu unterstützen und ihnen Entlastungsangebote anzubieten.
- Ethische Fragen: Im Umgang mit Menschen mit Demenz stellen sich immer wieder ethische Fragen, z.B. in Bezug auf die Autonomie des Patienten, die medizinische Behandlung oder die Sterbebegleitung.
Chancen
- Beziehungsaufbau: Die Begegnung mit Menschen mit Demenz kann eine tiefe menschliche Erfahrung sein. Es ist möglich, eine Beziehung aufzubauen, die von Wertschätzung, Respekt und Empathie geprägt ist.
- Persönliche Entwicklung: Die Auseinandersetzung mit Demenz kann zur persönlichen Entwicklung beitragen. Man lernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die eigenen Werte zu hinterfragen und die Bedeutung von Beziehungen zu erkennen.
- Spirituelles Wachstum: Die Erfahrung von Demenz kann spirituelles Wachstum fördern. Man kann sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzen und neue Sinnperspektiven entwickeln.
- Gesellschaftlicher Wandel: Die zunehmende Zahl von Menschen mit Demenz erfordert einen gesellschaftlichen Wandel. Es ist wichtig, Demenz zu entstigmatisieren, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern und eine demenzfreundliche Gesellschaft zu schaffen.
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